Katrin Müller-Walde - Warum Jungen nicht mehr lesen: und wie wir das ändern können

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  • Verlagstext

    Jungen sind die eigentlichen Sorgenkinder in der aktuellen Bildungsmisere. Das Problem: Leseunlust, Lerninkompetenz, Lebensangst. Schon jetzt prognostizieren die Wissenschaftler sozialen Sprengstoff. In ihrem Buch fordert die Journalistin und Fernsehmoderatorin Katrin Müller- Walde, die Bedürfnisse der Jungen zu berücksichtigen. Basierend auf aktuellen Studien der Leseforschung zeigt sie Wege aus der Krise und sammelt Lektüreempfehlungen von Jungen für Jungen, mit denen die Lust am Lesen wieder geweckt wird. Wenn es nicht gelingt, ihre Leselust wiederzubeleben, werden sie die Herausforderungen der digitalen Gesellschaft nur schwer bewältigen.


    Die Autorin

    Katrin Müller-Walde, Dipl.-Volkswirtin, arbeitete nach ihrem Studium als freie Journalistin für Zeitungen sowie öffentlich-rechtliche und private Fernsehanstalten.Seit 1991 ist sie im ZDF als Moderatorin und Filmautorin für diverse Politik- und Gesellschaftsmagazine tätig. Sechs Jahre lang moderierte sie die Hauptausgabe der Nachrichtensendung heute. 2005, nach einem mehrjährigen Arbeitsaufenthalt in den USA, entstand ihr Buch "Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können", das sie nun komplett überarbeitet und aktualisiert hat. Katrin Müller-Walde ist
    Vorsitzende des Bundesvorstands "Mentor - die Leselernhelfer e.V.".


    Inhalt

    Eltern und Lehrer beklagen seit langem die Lese-Unlust von Jungen. Wie diese männliche Abneigung gegen das Lesen (speziell das Lesen in der Schule) zum Scheitern im deutschen Schulsystem führt, haben uns die Ergebnisse der PISA-Studie eindringlich vor Augen geführt. Provokant, praxisnah und unkonventionell stellt Müller-Walde die Situation dar. In ihr sorgfältig recherchiertes, fesselnd zu lesendes Sachbuch, das 2005 in der ersten Auflage erschien, bringt die ZDF-Journalistin eigene Erfahrungen als Mutter eines zeitweiligen Nicht-Lesers ein. Sie listet Erste-Hilfe-Tipps von Experten auf und stellt eine Auswahl von 50 Büchern vor, die im Laufe einer Befragung von 2000 Schülern Jungen anderen Jungen empfohlen haben.


    Mädchen lesen gern, sie lesen viel und ihnen bedeutet das Lesen sehr viel. Jungen lernen spätestens im Kindergarten, dass Frauen, Kindererziehung und das Vorlesen wenig Ansehen genießen. Da zur Vorstellung von Männlichkeit die Abgrenzung gehört (ich bin nicht schwul, ich bin kein Looser...) verleugnen Jungen von nun an das Lesen, um nicht von anderen ausgelacht zu werden. Die Welt der Männer wird ab jetzt von Handy und Spielkonsole repräsentiert. Lese-Kompetenz-Defizite von Jungen in Deutschland gehen mit entsprechenden Defiziten an Einfühlungsvermögen einher und lassen daran zweifeln, ob diese Jugendlichen je in dem Umfang lesen, schreiben, denken und reflektieren können, den eine Demokratie von ihren Bürgern voraussetzt. Müller-Walde gelangt zu dem ermutigenden Ergebnis, dass Jungen lesen wollen. Wir müssen sie nur während ihrer persönlichen Leselust-Lernphase ansprechen und ihnen die richtigen Texte in die Hand geben. An beidem, an der persönlichen Beziehung zu lesenden Vorbildern und der Auswahl der richtigen Texte mangelt es in Deutschland. Vom so genannten "guten Buch" lässt die Autorin lieber gleich die Finger; denn zu oft hat sie erfahren, dass vorschnell empfohlene "gute" Bücher gerade die Gruppe der 13- bis 17-jährigen enttäuschten und sie zu Lesemuffeln machten. Junge Buchhändlerinnen, Erzieherinnen und Lehrerinnen empfehlen die Bücher, die ihnen selbst gefallen und übersehen leicht, dass männliche Leser eine völlig andere Vorstellung von einem empfehlenswerten Buch haben. Die Empfehlung an den Leser-Interessen vorbei können wir im Feuilleton und auf den Kinderbuchseiten der Tageszeitungen verfolgen. Dort werden hauptsächlich Bilderbücher, Bücher für Lese-Anfänger und Mädchenbücher empfohlen, weil man "bei Büchern für kleine Kinder nicht viel falsch machen kann", vermutet Müller-Walde. Fantasy, Science Fiction, Sachbücher oder Buchtitel, die männliche Leser interessieren, seien dort selten zu finden. (Inzwischen wird jedoch die Dominanz männlicher Rezensenten kritisert, die schwerpunktmäßig männliche Autoren rezensieren.) Müller-Walde konstatiert, dass das "gute Buch" beim jungen Leser durchfällt, während das "coole Buch", das tatsächlich gelesen wird und über das Mann sich mit seiner Clique unterhalten kann, Eltern und Lehrern häufig ein Buch mit sieben Siegeln bleibt.


    Wird ein Jugendlicher als Lesemuffel enttarnt, ist es für Hilfs-Maßnahmen oft zu spät. Da ein 12-jähriger Nicht-Leser vermutlich ein Dreijähriger war, dem keine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen wurde, lastet die Autorin die zunehmende Lese-Unlust dem mangelnden Vorbild der Erwachsenen an. Wer sein Kind zum Lesen motivieren will und von der damit verbundenen Werte-Erziehung profitieren möchte, dem steht ein ungewohnt anstrengendes Leben mit wenig Fernsehen, PC und Spielkonsolen-Gebrauch bevor. Beim guten Beispiel nimmt die Autorin Väter, Großväter und Lehrer in die Pflicht. Sie kann sich zum Beispiel gut vorstellen, Vertretungsstunden in der Schule statt mit Filmen mit Vorlesen oder Selbstlesen zu überbrücken. Die Begriffe Leseknick und Lesefenster sollten sich alle Eltern einrahmen. Nach dem ersten Einbruch der Lese-Lust bei allen Lese-Anfängern zwischen dem 8. und 10. Lebensjahr, folgt ein zweiter, geschlechtsspezifischer Leseknick nach dem 13. Lebensjahr. Er lässt bei Jungen die Lese-Aktivität drei Mal stärker einbrechen als bei Mädchen. Nach dem 15. Lebensjahr schließe sich das Fenster endgültig, in dem sich die Fähigkeit zur Verarbeitung von Sprache entwickeln kann.


    Fazit

    Im Anhang definiert die Autorin, was ein gutes Jungenbuch ist und klärt, was Jungen im Unterschied zu Mädchen witzig oder spannend finden. Dieses - sehr humorvoll formulierte - Kapitel hat mir die Augen geöffnet, warum ich bisher Bücher "für Wenig-Leser in großer Schrift und einfachen Sätzen" oft so sterbenslangweilig fand.


    Wie bei vielen negativen Trends sind die USA auch bei Fakten und Daten zum männlichen Nicht-Lesen Vorreiter. Dort gibt es aber auch eine gewachsene, sehr erfolgreiche Zusammenarbeit in der Lese-Förderung zwischen Eltern, Lehrern und Bibliothekaren. Amerikanische Literacy-Experten erwarten eine weiblichere, ältere, gebildetere und mobilere Zukunft. Sie haben für Lese-Muffel, die noch nicht darauf vorbereitet sind, dass routinierte Leser bessere Chancen bei Frauen haben, ein Erste-Hilfe-Programm bereit, das Müller-Walde deutschen Verhältnissen angepasst hat. Alle drei Leseerziehungs-Experten, die die Autorin in den USA und Australien befragte, sind übrigens Bibliothekare. Müller-Waldes gut sortierte Positiv-Liste bot bei Erscheinen ihres Buches für drei Altersgruppen und für unterschiedliche Lese-Levels Bücher, die auch Erwachsenen sehr empfohlen sind und ein spannendes Familien-Tisch-Gespräch garantieren. Die Informationen zur Lese-Sozialisierung sind nach wie vor aktuell.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    :study: -- Die 42 größten Rätsel der Physik

    :study: -- Bazyar - Drei Kameradinnen

    :musik: -- Löhnig - Dühnfort 9.


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

  • Im Anhang definiert die Autorin, was ein gutes Jungenbuch ist und klärt, was Jungen im Unterschied zu Mädchen witzig oder spannend finden. Dieses - sehr humorvoll formulierte - Kapitel hat mir die Augen geöffnet, warum ich bisher Bücher "für Wenig-Leser in großer Schrift und einfachen Sätzen" oft so sterbenslangweilig fand.

    Könntest du dazu noch ein paar Sätze schreiben? Das würde mich sehr interessieren. Danke! :winken:

  • :):):)

    Das Müller-Walde-Buch stammt ja schon von 2005. Sie argumentiert, dass Jungen eine höchst komplizierte Klientel sind, denen man als Appetithäppchen Illustrationen wie in Gregs Tagebuch hinhalten muss. D. h. ein erfolgreiches Jungenbuch muss zwingend kleine Illustrationen enthalten, um die armen Kerle nicht mit der Textwüste zu frustrieren und es darf gern mit krachledernem Humor kommen. Mein erster Eindruck von Gregs Tagebuch war: ich sterbe vor Langeweile!!! (Weil ich ein Mädchen bin und das nicht brauche, mir genügt der Text.) Und du weisst, dass ich oft und viele Kinderbücher lese. Das mit der Textwüste gilt jedoch ebenso für Erwachsene. :wink:


    Inzwischen hat sich die Trennung in w/m-Optik vermutlich geändert, ein Mädchenbuch muss heute Glitzer, Lackoptik und auch kleine Illustrationen enthalten.


    Was ich an dem Buch sehr schätze, ist der Hinweis auf die männlichen Vorbilder. Viele Mütter fallen aus allen Wolken, dass ihre Söhne andere Bücher lesen als sie selbst und viele Frauen in Literaturforen sind sich nicht klar, dass männliche User eher selten Romantasy empfohlen haben wollen. In amerikanischen Bibliotheken wurde (als das Buch entstand) offenbar ein erfolgreicher Hype "nur für Jungs" erzeugt, der die begehrten Themen krachender Humor und Ekelzeugs einschloss. Deutsche Bibliotheken haben ebenfalls eine Zeit lang spezielle Veranstaltungen für Väter und Söhne angeboten ...


    Wenn du das Buch liest, fängst du evtl. auch an, Halloween-Cupcakes für deine Zielgruppe zu backen. Es fördert definitiv das Lesen, falls das Lesefenster noch geöffnet ist. :twisted:

    :study: -- Die 42 größten Rätsel der Physik

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    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

  • An "Gregs Tagebuch" musste ich auch sofort denken, das läuft nach meiner Erfahrung sogar bei Lesemuffeln gut. Und Sachbücher... Also an den Bildern hängt es.

    Das mit der Textwüste gilt jedoch ebenso für Erwachsene. :wink:

    Auch Comics werden tendenziell eher von Männern gelesen als von Frauen, oder? :lol:



    Inzwischen hat sich die Trennung in w/m-Optik vermutlich geändert, ein Mädchenbuch muss heute Glitzer, Lackoptik und auch kleine Illustrationen enthalten.

    Da sagst du was. Mir geht dieser Glitzerkram so auf die Nerven! Wir haben ja seit einigen Jahren im Kleidungs- und Spielzeugbereich wieder verstärkt die Trennung in "Mädchen-Sachen" und "Jungs-Sachen", und mittlerweile greift das auch auf Bücher über. Zum Schreien. Und es folgt daraus, leider, wie immer: Mädchen können auch "Jungsbücher" lesen, aber Jungs keine "Mädchenbücher", wenn sie sich nicht direkt ins soziale Abseits schießen wollen. :roll:


    Was ich an dem Buch sehr schätze, ist der Hinweis auf die männlichen Vorbilder.

    Just heute kam eine Anfrage aus der Grundschule meiner Großen: Ob man nicht stundenweise ehrenamtlich die Schulbücherei betreuen möchte? Mich würde das ja, obwohl ich eigentlich überhaupt keine Zeit habe, sehr reizen. Einmal im Leben Bibliothekarin sein spielen. :love: :lol: Aber vielleicht schicke ich denen im Sinne der Vorbildwirkung lieber meinen Mann!? :lol:

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    Just heute kam eine Anfrage aus der Grundschule meiner Großen: Ob man nicht stundenweise ehrenamtlich die Schulbücherei betreuen möchte? Mich würde das ja, obwohl ich eigentlich überhaupt keine Zeit habe, sehr reizen. Einmal im Leben Bibliothekarin sein spielen. :love: :lol: Aber vielleicht schicke ich denen im Sinne der Vorbildwirkung lieber meinen Mann!? :lol:

    Vielleicht könnt ihr das eine tun und das andere nicht lassen. Oder wahlweise einen Vorlesetermin anbieten mit einem charismatischen Feuerwehrmann oder Fussballtrainer. :)

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    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

  • Vielleicht könnt ihr das eine tun und das andere nicht lassen. Oder wahlweise einen Vorlesetermin anbieten mit einem charismatischen Feuerwehrmann oder Fussballtrainer. :)

    Wir haben inzwischen sogar schon geschaut, ob wir uns bei einer "Schicht" abwechseln könnten; aber alle Zeiten, die bei mir arbeitstechnisch irgendwie Sinn ergeben, gehen bei meinem Mann gar nicht. :| Mal schauen. Vielleicht lassen die sich auch auf einen anderen Turnus als wöchentlich ein, denn das packe ich einfach nicht neben Job und kleinen Kindern und großem Garten und so.

    Ob das mit dem Vorlesen erwünscht ist, weiß ich auch nicht, werde aber mal nachfragen.

    Auf jeden Fall finde ich, dass man solche Bemühungen zur Leseförderung nach Möglichkeit unterstützen muss. :lol:

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