Simone Lappert - Der Sprung

Der Sprung

3.9 von 5 Sternen bei 8 Bewertungen

Verlag: Diogenes

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 336

ISBN: 9783257070743

Termin: August 2019

  • Kurzmeinung

    claudi-1963
    Interessante Idee dieses moderne Kammerspiel, doch leider blieben mir zu viele Fragen am Ende.
  • Kurzmeinung

    hennie
    Erzählstruktur finde ich hervorragend,
  • Eigentlich liebt Manu das Leben. Sie versteht sich als "Störgärtnerin" und rettet Pflanzen aus Umgebungen, in denen diese - ihrer Meinung nach - nicht atmen und sich nicht mit anderen Pflanzen vernetzen können. Auch auf Finn, ihren Freund, macht sie einen starken, wenn auch manchmal etwas seltsamen Eindruck. Und dennoch steht Manu eines Tages auf dem Dach eines Wohnhauses, ganz nah an der Kante, schreit und tobt und am Ende, da schreitet sie einfach über den Dachrand hinaus ins Leere. Durch dieses Ereignis gerät das Leben der unterschiedlichsten Menschen in dem kleinen Städtchen Thalbach aus den Fugen.


    Da sind zum Beispiel Theres und Werner, deren kleiner Kiosk schon seit geraumer Zeit kaum noch Kundschaft hat. Während Theres umso härter arbeitet, bleibt Werner völlig depressiv zurück, so dass er manchen Tagen gar nicht mehr aus dem Bett aufsteht. Als sich jedoch die Menschenmenge versammelt, um nicht zu verpassen, was mit der "Verrückten auf dem Dach" geschieht, erfährt der Laden einen ungeahnten Aufschwung. Denn Hunger und Sensationsgier, das verträgt sich nicht. Doch wo Theres und Werner von dem Spektakel profitieren, haben andere darunter zu leiden: die launische Edna beispielsweise wird durch Manu auf dem Dach an ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit erinnert, das sie völlig aus der Bahn geworfen hat. Erschüttert verbarrikadiert sie sich in ihrer Wohnung und wartet darauf, dass wieder Normalität einkehrt.


    Neben diesen drei Personen gibt es noch zahlreiche mehr, die im Buch zu Wort kommen. Polizist Felix spricht mit Manu auf dem Dach, Schülerin Winnie sitzt unten in der Menge. Der Obdachlose Henry lebt in der Nähe des Gebäudes in einem Park, Maren jedoch im Haus selbst. Arbeiter Egon beobachtet das Geschehen vom Café gegenüber und der geheimnisvolle Ernesto verfolgt das Ganze im Fernsehen. Aber auch Vertraute von Manu kommen zu Wort, ihr Freund Finn und ihre Halbschwester Astrid liefern jeweils Puzzleteile, um das Rätsel um Manu zu lösen. Finn liefert die Gegenwart, erzählt, was er an Manu liebt und glaubt, sie zu kennen, obwohl er nicht einmal ihren Nachnamen weiß. Astrid hingegen präsentiert uns Manus Kindheit; eines Mädchens, das ihre Schwester immer beschützt hat; eine, die nie vor etwas Angst hatte.


    Mit "Der Sprung" ist Simone Lappert ein grandioser Roman gelungen. In kraftvollen Worten beschreibt sie, wie sich das Leben in der Kleinstadt durch Manu und den Sprung vom Dach verändert. Es wird durcheinandergewirbelt und neu zusammengesetzt, ob die Betroffenen es wollen oder nicht. Dabei entstehen sowohl positive als auch negative Konsequenzen, doch das Wichtigste ist: es verändert sich etwas; in den Köpfen der Menschen, aber auch in ihren Herzen. "Der Sprung" befasst sich nicht nur mit Manu und dem Grund, warum sie sich auf diesem Dach befindet. Nein, der Roman geht viel weiter darüber hinaus. Er spricht von Liebe und Hoffnung, von Verzweiflung und Schuld, von Einsamkeit und Gemeinschaft. Ein wunderbarer Roman, dessen Figuren noch lange nach dem Ende in einem nachklingen. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Literarisches Kabinettstück erster Klasse aus der Schweiz


    Dies ist kein Buch der großen Dramen. Nun ja. Nicht in erster Linie. Es ist ein Buch der alltäglichen Menschen, der Dinge, an denen ihr Herz hängt. Und der Faktoren, durch die oft ein Schicksal kippen kann. Die Handlung spielt in einer Schweizer Kleinstadt, Thalbach – wobei ich nicht weiß, ob es diesen Ort wirklich gibt. Auf jeden Fall herrscht eine gewisse Enge und Alltäglichkeit in den Köpfen vor. Genau das wird durch ein ungeheuerliches Ereignis gründlich auf den Kopf gestellt.


    Manu, eine junge Gärtnerin, die schon immer etwas seltsam war, steht eines Tages auf einem Hausdach. Niemand weiß, warum. Sie tobt, schreit, wirft Gegenstände herunter. Ob und wie sie wieder herunter kommt, will ich an dieser Stelle mal offen lassen. Wichtiger ist das Verhalten ihres Umfeldes. Es bilden sich Menschenmengen, es herrschen nach einer Weile volksfestartige Zustände. Feuerwehr, Polizei, Fernsehen, alle sind sie da. Für 1 ½ Tage steht Thalbach Kopf. Und genau dadurch werden Ereignisse angestoßen, die sich sonst nicht so ereignet hätten.


    Das Buch ist schon allein aus rein literarischer Hinsicht sehr innovativ geschrieben. Jeder Erzählabschnitt handelt – im Wechsel – von einer der sieben Personen, deren Leben durch Manus „Aufstand“ sich ändert. Da ist ihr Freund Finn, ein Fahrradkurier, der ihr schon halb hörig ist, und der nicht den Mut hat, sein eigenes Leben zu leben. Da ist Maren, die vernachlässigte Ehefrau und Schneiderin. Da sind Werner und Theres, deren Lädchen durch die Ereignisse unerwartet Umsatz macht. Da ist auch Henry, ein Obdachloser, der „Lebensfragen“ auf Zetteln verkauft. Und der in einem entscheidenden Handlungsstrang noch eine unerwartete Rolle spielen wird. Ferner haben wir: ein gemobbtes Schulkind, einen ehemaligen Ladenbesitzer, einen traumatisierten Polizisten, und die politisch ambitionierte Schwester von Manu. Für sie alle wird nachher nichts mehr so sein wie vorher.


    Am Anfang sind die einzelnen Erzählabschnitte noch sehr kurz, und wechseln relativ rasch. Mit der Zeit werden sie länger und reflektierter. Und es bilden sich geheime Querverbindungen, die nur der Leser sieht, und die eine wahre Freude zu entdecken sind! Es hat mir einen Heidenspaß gemacht, wieder einmal bei einem dieser Cameo-Auftritte in mich hineinzukichern und zu denken, „ach so ist das! Wenn die wüssten!“ Manchmal war das sehr lustig, und sicherlich auch von der Autorin absichtlich märchenhaft-übertrieben. Manche Querverbindung war aber auch eher traurig oder tragisch. Es kommt eben die ganze Gefühlspalette vor!


    Ein wahres Highlight und Meisterstück aber war in diesem Buch die Sprache. Sehr klar, eindeutig, zupackend. Und doch bildeten sich manchmal Sätze oder Passagen, die ich mir am liebsten abgeschrieben hätte! Die waren von einer poetischen Weisheit, die mich im Innersten berührt hat. Besonders die pragmatische, aber sehr weise Kellnerin Roswitha würde ich im „echten Leben“ gerne kennenlernen! Sie hat im Buch die Rolle einer Vermittlerin unter den Leuten. Sie ist Kummerkasten, Retterin in der Not, Ersatzmutter, und Dorfmittelpunkt. Eine sehr patente Frau!


    Insgesamt kann man die einzelnen Erzählabschnitte, besonders diejenigen eher zu Anfang des Buches, auch einzeln als Vignetten oder Kurzgeschichten erneut lesen. Einfach toll strukturiert, und trotz der relativen Kürze sagen sie doch alles über die jeweilige Person aus. Vom Stil her einer Alice Munro gar nicht unähnlich!


    Dies ist ein Buch, das auch abgesehen vom Plot noch funktioniert. Man kann es bedenkenlos, und mit wachsendem Vergnügen, mehrmals lesen – was ich sicher auch tun werde. Denn es enthält so viel Humor, Witz und Weisheit. Und es stellt wichtige Fragen. Was ist uns wichtig? Was bringt uns warum aus dem Tritt? Hätten wir auch ohne Schicksalsschläge den Mut, wirklich unser Leben zu leben? Und wie behandeln wir diejenigen, die anders sind? Ich kann und mag gar nicht mehr sagen über dieses Buch. Es ist ein wahres Meisterstück.

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)

  • SPRÜNGE INS LEBEN


    FÜR MICH EIN LESEHIGHLIGHT 2019


    Simone Lappert, eine junge Schweizerin, schrieb mit „Der Sprung“ ihren zweiten Roman. Das Debüt gab sie 2014 mit „Wurfschatten" (Metrolit, Berlin, 2014).


    Das Geschehen spielt in einem fiktiven Städtchen namens Thalbach. Mit wunderbarer, realistischer Beobachtungsgabe schaute die Autorin mitten ins alltägliche Leben.

    Die Hauptperson ist eine eigenwillige, junge Frau durch deren Tun der Ort in Aufruhr gerät. Ihre Liebe gilt den Pflanzen. Dafür beschreitet sie auch mal ungewöhnliche, nicht ganz legale Wege. Sie ist der direkte und indirekte Auslöser für die Handlungen einer Menge Menschen. Die Lebenslinien kreuzen sich für einen Tag und eine Nacht.

    Das Besondere an diesem Roman ist für mich, dass er an einer einzigen Situation eine Kette von Ereignissen anschließen läßt, die die Schicksale von zahlreichen Personen betreffen. Die gewählte Erzählstruktur finde ich hervorragend, sie ist so außergewöhnlich wie detailreich.

    Die Abschnitte sind in drei Teile gegliedert: Der Tag davor/ Erster Tag/Zweiter Tag. Das Buch hat nur 331 Textseiten. Der Leser wird in kurzen Kapiteln mit dem Polizisten Felix, der Schneiderin Maren, dem ehemaligen Hutmacher Egon, dem jungen Fahrradkurier Finn, dem obdachlosen Henry, mit der privaten Einzelhändlerin Theres, der dicklichen Schülerin Winnie, der ketterauchenden Edna, dem italienischen Edeldesigner Ernesto und mit der hoffnungsvollen Kommunalpolitikerin Astrid bekannt gemacht. Diese zehn Menschen stehen wiederum mit anderen in Verbindung, wobei ein ganz wichtiger Mittelpunkt die warmherzige, lebenserfahrene, schlagfertige Wirtin Roswitha in ihrem Café ist. Die Autorin hat das ganz geschickt aufgebaut. Es ist alles miteinander verflochten, irgendwie sind die Personen in sichtbarer/unsichtbarer Weise gemeinschaftlich verankert. Es entstehen Verkettungen, die nicht konstruiert erscheinen, sondern ganz natürlich im Verlaufe der Handlung passieren. Ich finde es einfach nur schön, wie die einzelnen Personen miteinander in Verbindung gebracht werden. Die Charakterisierung erfolgt so differenziert, dass man die Personen gut auseinanderhalten kann. Ich bin fasziniert wie die Autorin die Fäden in der Hand behält. Die pessimistische Grundstimmung zu Anfang des Romans wandelt sich zum Ende hin und zeigt Lösungsansätze auf.

    Ich liebe solche Literatur, die aus vielen verschiedenen Perspektiven ein komplexes Ganzes zu ergeben scheint und doch vieles in der Schwebe läßt. Facettenreich werden Existenzen miteinander verwoben. Vergangenheit und Gegenwart verquicken sich.

    Das Buch endet, wie kann es auch anders sein nach der kurzen Zeit, mit vielen ungeklärten Verhältnissen der handelnden Personen. Fast alles ist offen. Das Leben geht weiter, aber wie das bleibt der Fantasie überlassen.

    Der Titel ist für mich nach der Beendigung der Lektüre doppeldeutig. „Der Sprung“ – SPRÜNGE INS LEBEN!?


    S. 331 „Nie wollte sie in den Tod springen. Immer nur ins Leben.“


    Das Cover zeigt eine Arbeit der Künstlerin Tina Berning – ein Porträt der „Störgärtnerin"?


    Fazit:

    Die Autorin erzählt Alltägliches und doch war ich recht bald gefangen in der Geschichte...

    Es ist ein sehr umfassender Roman, prall mit Schicksalen gefüllt, die auch uns umgeben und die wir oft nicht wahrnehmen. Authentisch erzählt er von negativen wie positiven Themen, von Lebensträumen, Neubeginn, Mobbing, Existenzkampf, traumatischen Erlebnissen in der Kindheit/Beruf, Obdachlosigkeit, Verlustängsten, Affären, Krankheit (Demenz), Tod u.v.m.

    Mit viel Scharfsinn, Witz und Optimismus zeigt die Autorin unsere Gegenwart, den Querschnitt der Lebenssituationen.


    Ganz klar: von mir gibt es die Höchstbewertung und die unbedingte Lese-/Kaufempfehlung! :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • "Der Sprung ins Glück beginnt mit dem ersten Schritt, aber wer nicht wagt, gewinnt auch nicht. Wer vorwärts kommen will, muss anfangen, auch wenn man Angst vor dem Abgrund hat." (Pinterest.de)
    Thalbach am Dienstagmorgen steht eine junge Gärtnerin auf dem Dach vor Roswithas Café. Da man annimmt, dass die Frau in den Tod springen möchte, informiert man Polizei und Feuerwehr. Doch stattdessen wirft sie vor Wut mit ihren Gartenutensilien und danach mit Dachziegeln. Schnell strömt die Presse und die ersten Schaulustigen um dieses Spektakel zu bewundern. Einen ganzen Tag und Nacht hält die Frau die Stadt in Atem, ehe sie springt. Für Finn ist es ein Schock Manu dort zu sehen, schließlich ist er seit kurzem verliebt in sie. Ebenso ihre Schwester Astrid, als sie die Nachricht erhält. Ein ganz schlechter Zeitpunkt was sich Manu da ausgesucht hat, schließlich kandidiert Astrid für das Bürgermeisteramt. Schneiderin Maren hingegen kann nicht mehr in ihre abgeriegelte Wohnung. Für Theres und Werner die einen kleinen Laden besitzen ist dieses Spektakel eine gute Einnahmequelle. Schließlich müssen die Schaulustigen mit Lebensmittel und Getränken versorgt werden. Und noch weitere Personen kreuzen den Lebensweg von Manu, bei denen danach nichts mehr so ist wie zuvor.


    Meine Meinung:
    Nicht das unscheinbare Cover mit einem Frauenbild hat mich auf dieses Buch neugierig gemacht, sondern der Klappentext, den ich interessant fand. Bisher hatte ich noch nichts von der Autorin gelesen und war von daher gespannt was mich erwartet. Der Schreibstil ist locker, flüssig, unterhaltsam und in mehrere Kapitel unterteilt. Diese wechseln zwischen den Personen so das man einen Einblick in folgende Charaktere bekommt: Gärtnerin Manu, Kurierfahrer Finn, Ladenbesitzer Theres und Werner, Schneiderin Maren, Hutmacher Egon, Polizist Felix, Schülerin Winnie, Edna eine ältere Frau, Designer Ernesto, Obdachlose Henry, Manus Schwester und Bürgermeisteranwärterin Astrid. So erfahre ich im Laufe immer mehr, welchen Bezug sie zu Manu hatten oder evtl. bekommen. Natürlich entdeckt man so die Probleme, Sorgen und Nöte dieser Personen, sei es in der Vergangenheit oder Gegenwart. Außerdem kommt es bei einigen Personen zu einem positiven Ausgang. Sei es das sie ihr Leben durch dieses Ereignis verändern, ein neues Selbstbewusstsein bekommen oder sie schlicht weg auffallen bzw. entdeckt werden. Die Autorin selbst fährt einiges an Klischees auf, die alltäglich sind oder speziell durch dieses Spektakel hervorgerufen werden. Dadurch entwickeln sich einige Personen negativ oder positiv. Der Sprung selbst wird immer mehr in den Hintergrund gestellt, den das eigentlich wichtige sind die Personen rund um die Handlung. Leider habe ich am Ende nicht ganz verstanden, was mir die Autorin mit diesem Buch bewirken wollte, da wäre sicher eine Zusammenfassung am Ende hilfreich gewesen. Ebenfalls blieben bei mir gerade in Bezug auf Manu, aber auch bei den anderen Personen viele Fragen offen. Ich hatte das Gefühl mitten aus den Gegebenheiten herausgerissen zu werden. Sätze die mir positiv Erinnerung bleiben:
    "Blühende Pflanzen soll man nicht umtopfen, da sie sonst verwelken."
    "Die eigene Geschichte liegt auf dem Dachboden, den niemand etwas angeht."
    "Die Leute sollten mehr rausgehen in die Natur, dann wären sie ausgeglichener, weil sie regelmäßig etwas erleben würden, dann müssten sie sich nicht zu solchen Mobs zusammenrotten."
    Manche Charaktere hingegen fand ich überflüssig, da sie kaum oder gar nicht zur Handlung beitrugen. Am Ende bin ich als Leser etwas enttäuscht zurückgelassen worden, was ich schade fand. Trotzdem gebe ich dem Buch für die literarisch gute Ausarbeitung 3 1/2 von 5 Sterne. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

  • Ein Dienstagmorgen in der mittelgroßen Stadt Thalbach bei Freiburg: Oben auf dem Dach eines Mietshauses steht eine junge Frau. Sie tobt, reißt die Ziegel aus ihrer Verankerung und wirft Gegenstände vor die Füße der zahlreichen Schaulustigen. Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr und Presse haben sich postiert. 20 Stunden lang hält die Stadt den Atem an: Wird die junge Frau noch springen? Für Finn Holzer, einen Fahrradkurier, ist der Vorfall ein großer Schock. Erst vor Kurzem hat er sich in die junge Frau verliebt. Auch die Schicksale einiger anderer Menschen werden von diesem Vorfall beeinflusst.


    „Der Sprung“ ist ein Roman von Simone Lappert.


    Meine Meinung:

    Der Roman ist trefflich konstruiert. Er besteht aus drei Teilen, die mit „Der Tag davor“, „Erster Tag“ und „Zweiter Tag“ bezeichnet werden. Darüber hinaus ist er in viele eher kurze Kapitel untergliedert, die jeweils mit dem Namen des Protagonisten überschrieben sind, dessen Sichtweise der Leser im Folgenden kennenlernt. Erzählt wird aus der Perspektive von insgesamt zehn Personen. Dadurch entsteht eine ungewöhnlich große Anzahl an Erzählsträngen, die jedoch miteinander verbunden sind. Der Aufbau ist sehr gut durchdacht.


    Gut gefallen hat mir auch der unaufgeregte Schreibstil. Die Sprache ist poetisch und geprägt von vielen, teils ungewöhnlichen Bildern, die eine dichte Atmosphäre erzeugen. Ein aufmerksames Lesen ist gefragt, denn die Autorin versteht es, immer wieder kleine, aber wichtige Hinweise einzustreuen. Obwohl die Geschichte nur langsam an Fahrt aufnimmt, hat mich der Roman bereits nach wenigen Seiten gefesselt.


    In der Geschichte taucht eine Vielzahl an Personen auf. Zunächst einmal wäre da die junge Frau auf dem Dach, die der Leser aber nur aus der Perspektive der anderen kennenlernt. Sie ist ein reizvoller Charakter, für mich allerdings weder Identifikationsfigur noch Sympathieträgerin. Auch die zehn Protagonisten, aus deren Sicht erzählt wird, sind interessante Figuren. Die meisten von ihnen sind vielschichtig angelegt und wirken authentisch. Einige wenige dagegen werden klischeehaft und überspitzt dargestellt. Die Vielfalt an Personen ermöglicht es, ein breites gesellschaftliches Spektrum abzudecken. So werden interessante Verbindungen aufgezeigt und veranschaulicht, wie die Leben ganz unterschiedlicher, zum Teil sich fremder Menschen miteinander zusammenhängen können. Insgesamt wirkt der Roman dadurch allerdings etwas zu überfrachtet, weshalb ich mir eine Fokussierung auf weniger Protagonisten gewünscht hätte.


    Auch inhaltlich ist die Geschichte vielseitig gestaltet. Die junge Frau auf dem Dach bildet lediglich die Rahmenhandlung. Den meisten Raum nehmen die unterschiedlichen Schicksale und Lebensgeschichten der anderen Protagonisten sowie deren menschliche Abgründe ein. Einige konnten mich mal mehr, andere aufgrund der recht schnellen Perspektivwechsel mal weniger berühren. Mit den verschiedenen Personen geht ein Kaleidoskop an Themen einher, was die Lektüre abwechslungsreich macht. In etlichen Details wird deutlich, dass die Autorin viel Energie in die Recherche gesteckt hat.


    Der Roman basiert auf einem wahren Ereignis und dessen Umständen, die Simone Lappert nachhaltig beschäftigt haben. Schonungslos zeigt sie in der Geschichte den Voyeurismus und seine Motive auf. Bei anderen Fehlentwicklungen legt sie ebenfalls den Finger in die Wunde. Aber auch über diesen Punkt hinaus schafft es der Roman immer wieder, zum Nachdenken anzuregen. Insofern steckt in ihrem Buch eine Menge Gesellschaftskritik. An einigen Stellen wirkt die Handlung jedoch etwas zu plakativ und übertrieben.


    Das verlagstypische, künstlerische Cover hat wenig Aussagekraft, ist aber nicht unpassend. Der Titel, dessen Mehrdeutigkeit sich während der Lektüre offenbart, ist sehr treffend.


    Mein Fazit:

    Mit „Der Sprung“ ist Simone Lappert trotz kleinerer Schwächen ein in mehrfacher Hinsicht besonderer und lesenswerter Roman gelungen, der mehr als nur unterhält.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Ich hatte mich so auf dieses Buch gefreut, konnte das Lesen gar nicht erwarten. Leider fand ich es furchtbar langweilig und zäh.


    Das erste Drittel war ein harter Kampf gegen den Abbruch.

    Vielleicht versuche ich es irgendwann nochmal, aber das Buch war so langweilig, dass es mich ermüdet hat.


    Sehr schade. Die Idee fand ich sehr gut. Ich habe aber zu keiner Zeit Zugang zur Geschichte oder den Personen bekommen.


    :bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Simone Lappert - Der Sprung


    Verflechtungen


    Eine Frau steht auf einem Dach. Wir erfahren gleich vom Schutzumschlag, dass es sich dabei um Manu handelt. Etwas voreilig wie ich finde, schöner wäre es gewesen, wenn dies der Leser nach und nach beim Lesen erfahren hätte. Mein erster Kritikpunkt.



    Dann erfahren wir vom Schutzumschlag, dass für zehn Menschen durch diesen Tatbestand danach nichts mehr ist wie zuvor. Nachvollziehbar! Das Buch ist in vier Teile gegliedert, ein nicht näher gekennzeichnetes Vorwort und drei folgende Teile mit den Überschriften "Der Tag davor", "Erster Tag" und "Zweiter Tag". Das nicht gekennzeichnete sehr kurze Vorwort beinhaltet das Fallen von einer weiblichen Person und in den restlichen drei Teilen kommen die schon genannten zehn Personen in mit ihren jeweiligen Namen gekennzeichneten Abschnitten zu Wort. Dabei ist es am Anfang ein Berichten der jeweiligen Personen und nach und nach verflechten sich die Geschichten der verschiedenen Personen untereinander. Eine recht interessante Idee, wie ich finde. Dabei ist die Schreibe von Simone Lappert durch manchmal fast philosophische Gedanken gekennzeichnet, beinhaltet ein recht genaues Beobachten menschlicher Eigenschaften durch die Autorin, die sich in ihrer Zeichnung der beschriebenen Personen manifestiert. Alle diese Personen haben eines gemeinsam, sie haben bisher in ihrem Leben unschöne Dinge erfahren müssen und sind durch dieses Erleben gekennzeichnet. Ein gewisser dunkler Unterton schwingt mit. Teilweise sind diese Personen aber auch etwas überzeichnet und durch das Erzählte schwingt ein etwas eigener Humor. Eine insgesamt interessante Mischung. Alles positive Dinge, ich weiß.



    Nun mein in meinen Augen schwerwiegendster Kritikpunkt! Am Ende empfinde ich die Geschichte als recht unfertig! Ich denke der Geschichte hätten noch ein paar Seiten mehr gut getan, einige Charaktere wirken etwas unfertig gezeichnet und in meinen Augen fehlen einige wichtige Zusammenhänge, besonders vermisse ich einige genauere Angaben zur Geschichte der Familie Kühne, Vater und Mutter Kühne hätten in meinen Augen als weitere Charaktere gefehlt, zum besseren Verständnis von Manu und Astrid, den Töchtern und auch über Henry hätte ich gern mehr erfahren. Ebenso gestört hat mich, dass ich kaum Nähe zu den Charakteren aufbauen konnte und dass ein gewisser Sog bei mir nicht eingetreten ist. Schade!



    Die Art der Zeichnung der Geschichte finde ich nämlich recht gut und dies hätte wirklich ein großer Wurf werden können.


    "Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." Franz Kafka