Ulrich Alexander Boschwitz: Menschen neben dem Leben

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Menschen neben dem Leben

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Verlag: Klett-Cotta

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 303

ISBN: 9783608964097

Termin: September 2019

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  • Wer verstehen will, wie es dazu kam, dass Millionen Deutsche Anfang der 1930er Jahre den Nationalsozialist_innen folgten und ihnen damit den Weg zur Macht ebneten kommt nicht umhin, sich auch mit der Situation der Arbeitslosen, Obdachlosen und Abgehängten in den letzten Jahren der Weimarer Republik zu beschäftigen. Hierzu gibt es schon viele Untersuchungen, Sachbücher und auch Romane, das Buch "Menschen neben dem Leben" hebt sich von anderen Berichten aber dadurch ab, dass es während dieser Jahre von einem Augenzeugen geschrieben wurde und dieser den einfachen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes aufs Maul schaut.

    Die Leser_innen lernen als Charaktere Obdachlose, Kleinkriminelle, Zuhälter, Prostituierte, Traumatisierte, Kriegsversehrte und Geschäftemacher kennen und dürfen durch den Augen an ihren Alltag teilnehmen, der allzu oft vom Kampf ums Überleben geprägt ist. Sie erleben deren Ängste, Freuden, Glücksmomente und auch tiefste Abgründe.

    Auch wenn die politische Entwicklung nur wenig angesprochen wird, kann es gerade durch das Miterleben des Alltags der "einfachen" Menschen zu einem Verständnis für deren Nöte kommen, die dann von den Nationalsozialist_innen treffend instrumentalisiert werden konnten.

    Ein sehr wichtiges Buch gerade in Zeiten, wo offen faschistische Parteien von Wahlerfolg zu Wahlerfolg zu eilen scheinen.

  • Danke für deine Rezension und dafür, einen derart vergessenen, aber wichtigen Roman hier vorzustellen. Da mir der Autor unbekannt ist und ich davon ausgehe, dass es vielen so geht, hier noch die Informationen zu ihm, die man bei Amazon findet:

    Zitat von Amazon

    Ulrich Alexander Boschwitz, Autor des Erfolgsromans »Der Reisende«, emigrierte 1935 gemeinsam mit seiner Mutter zunächst nach Skandinavien, wo sein erster Roman, »Menschen neben dem Leben«, erschien. Der Erfolg ermöglichte ihm ein Studium an der Pariser Sorbonne. Kurz vor Kriegsbeginn wurde Boschwitz in England trotz seines jüdischen Hintergrunds als »enemy alien« interniert und nach Australien gebracht, wo er bis 1942 in einem Camp lebte. Auf der Rückreise wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und ging unter. Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren, sein letztes Manuskript sank wohl mit ihm.

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Ha Jin - Nanking Requiem

    :study: James Hawes - The shortest history of Germany

  • Das Buch wurde zuerst in schwedischer Sprache geschrieben und unter dem Titel: Människor utanför - herausgegeben, leider konnte ich dazu kein Cover finden.

    Und worum geht es in dem Buch:

    Leicht haben es die Protagonisten in Ulrich Alexander Boschwitz’ Debütroman nicht. Sie sind die wahren Verlierer der Wirtschaftskrise: Kriegsheimkehrer, Bettler, Prostituierte, Verrückte. Doch abends zieht es sie alle in den Fröhlichen Waidmann. Die einen zum Trinken, die anderen zu Musik und Tanz. Sie treibt die Sehnsucht nach ein paar sorglosen Stunden, bevor sich der graue Alltag am nächsten Morgen wieder erhebt. Doch dann tanzt die Frau des blinden Sonnenbergs mit einem Mal mit Grissmann, der sich im Waidmann eine Frau angeln will und den Jähzorn des gehörnten Ehemanns unterschätzt. Und so nimmt das Verhängnis im Fröhlichen Waidmann seinen Lauf, bis sich neue Liebschaften gefunden haben, genügend Bier und Pfefferminzschnaps ausgeschenkt wurde und der nächste Morgen graut. Wie durch ein Brennglas seziert der zu diesem Zeitpunkt gerade mal zweiundzwanzigjährige Autor das Berliner Lumpenproletariat der Zwischenkriegsjahre.

    :study: Ich bin alt genug, um zu tun, was ich will und jung genug, um daran Spaß zu haben. :totlach:

  • Die Weltwirtschaftskrise und die Menschen

    Dieses Buch ist seit einiger Zeit mal etwas ganz anderes: Die vorgestellten Charaktere sind Menschen, die heute als Randgesellschaft gelten würden - zur dargestellten Zeit aber, dem Berlin der 1920/30-er Jahre, einen Gutteil der Bevölkerung ausmachten. Es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise, jeder muss um das tägliche Überleben kämpfen, so auch die Protagonisten:


    Da ist der Bettler Fundholz und sein geistig eingeschränkter Begleiter Tönnchen, die sich ihren Lebensunterhalt erbetteln müssen. Fundholz geht bei der Auswahl seiner "Geldgeber" äußerst psychologisch vor und kennt sein Klientel genau. Beide werden vom gerade frisch entlassenen und frustrierten Grissmann angesprochen, der ebenso wie sein Umfeld die fortschreitende Industrialisierung und Automatisierung der Gesellschaft verflucht.


    Dann ist da noch der im Krieg erblindete Sonnenberg, immer schon ein gewalttätiger Choleriker, den seine Erblindung aber noch grausamer gemacht hat und der seinen Zorn regelmäßig an seiner Frau auslässt - physisch und psychisch...


    Und schließlich noch ein "gefallenes" Mädchen und eine traumatisierte Witwe, die den festen Glauben hat, dass ihr Mann zurückkehren wird.


    Durch die Auswahl der vorgestellten Charaktere - Prostituierte, Arbeits- oder Obdachlose, Kriegsversehrte und geistig Eingeschränkte sowie die Schilderung ihrer individuellen Schicksale und ihres Umgangs mit ihrer Situation, vermittelt Ulrich Alexander Boschwitz sehr viel eindringlicher als jede Dokumentation ein realistisches und authentisches Bild dieser Zeit. Sie alle hat die Wirtschaftskrise hart getroffen und sie alle versuchen das beste aus ihrer Situation zu machen - manche kämpfen noch, manche stumpfen immer weiter ab.


    Man fühlt sich regelrecht zurückversetzt in jene Zeit und ist gleichzeitig froh, dass es nicht so ist - angesichts der eingeschränkten sozialen Mechanismen, der Armut und Verrohung sowie des täglichen Überlebenskampfes. Eine lohnenswerte Lektüre, die nachdenklich macht und mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

  • Menschen neben dem Leben

    von Ulrich Alexander Boschwitz

    ‚Wie konnte das passieren?‘ - eine Frage, die sich die Generationen nach 1945 gestellt haben. Im Buch von Ulrich Alexander Boschwitz finden sich Antworten. Es wird nachvollziehbar, wenn Menschen am Abgrund stehen, ohne Perspektive, ohne einen der Funken der Hoffnung, dass sich die Situation ändern könnte. Einzig der Gedanke zu überleben zählt und hier findet jeder seine ganz eigene Strategie.


    In ‚Menschen neben dem Leben‘ wird die Leserin von der ersten bis zur letzten Seite mitgenommen in das Berlin der Zwanzigerjahre. Das emotionale Teilhaben an Leid und Selbstaufgabe, an Überlebensstrategien und dem kleinen, kurzen Glück im Gasthof ‚Der fröhliche Waidmann‘ berührt. Jeder der Protagonisten sucht seinen Weg, als Krimineller, Prostituierte, Bettler, Zuhälter, Gastwirt, es bilden sich Zwangsgemeinschaften und der Gedanke einer, wenn auch noch so kleinen Situationsverbesserung, hält die Menschen am Leben. Kontinuierlich bewegt sich die Geschichte auf die unvermeidliche Eskalation zu. In den Strudel der Ereignisse geraten zudem Prostituierte und eine Kriegswitwe, die sich weigert zu glauben, dass ihr Mann gefallen ist. Sie ist von einer Verschwörungstheorie überzeugt und gibt die Hoffnung an ein Wiedersehen mit ihrem Mann nicht auf.


    Ich habe bereits ‚Der Reisende‘ vom Autor gelesen und war beeindruckt. Auch in Menschen neben dem Leben gelingt es ihm deutlich zu machen, was neben den grossen Schauplätzen geschah. Kleine Leute mit grossen Sorgen. Die politische Situation wird kaum angesprochen, dennoch wird nachvollziehbar, dass einem, der Abhilfe verspricht, Brot und Arbeit für alle, nur allzugern Glauben geschenkt wird. Armut, Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit,


    Mein Fazit: Es ist ein wichtiges Buch, gerade in einer Zeit, in der rechtes bis rechtsradikales Gedankengut wieder einen Platz in der Gesellschaft findet. Alle die zurückschauen und entsetzt sind, sich fragen ‚Wie war so etwas möglich?‘ sollten vielleicht in der Gegenwart schauen, wie wir es schaffen, dass so etwas nicht wieder möglich wird.

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