Dana von Suffrin - Otto

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Otto

3.5|2)

Verlag: Kiepenheuer&Witsch

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 240

ISBN: 9783462052572

Termin: August 2019

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  • Karl Kraus ...

    ... sagt, dass das Wort Familienbande einen Beigeschmack von Wahrheit hat. Wie wahr, man kann ihm nur zustimmen, wenn man Dana von Suffrins Romandebüt gelesen hat: Sowohl eine tiefe Bindung als auch perfide Abwehrstrategien kennzeichnen die Beziehungen in diesem Familienkosmos. ‚Otto‘ gehört in die Gattung der jüdischen Familiengeschichte und bedient damit einige der gängigen Genremerkmale, vielleicht sogar Klischees und Stereotypen. Die ältere Tochter Timna äußert sich unumwunden über ihren anstrengenden, besitzergreifenden, krankhaft geizigen Vater. Die Deutlichkeit ihrer Sprache lässt nichts zu wünschen übrig. Doch die Skurrilität der Episoden und der trockene Humor der Erzählerin täuschen nicht darüber hinweg, dass sie ebenso wie die jüngere Schwester, ‚der Baba‘, traumatisiert, fürs Leben gezeichnet ist wie der Vater. Vor dem Leser entfaltet sich Ottos Lebenslauf voller burlesker Ereignisse, die den Vater zu einer lebensvollen, aber zutiefst gestörten Persönlichkeit werden lassen. Und diese Dominanz wiederum wird zur Lebenshypothek der Töchter. Auch der erratische Erzählstil ist untrennbares Merkmal Geschichte, die dem Ostjudentum entspringt.

    Mein Urteil: 4 Sterne

    1. (Ø)

      Verlag: Kiepenheuer&Witsch


  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Dana von Suffrin, Otto“ zu „Dana von Suffrin - Otto“ geändert.
  • Klappentext:

    In ihrem Romandebüt erzählt Dana von Suffrin, was es heißt, wenn ein starrköpfiger jüdischer Familienpatriarch zum Pflegefall wird. Und wie schwer es fällt, von einem Menschen Abschied zu nehmen, den man sein ganzes Leben eigentlich loswerden wollte.

    Für sein Umfeld war Otto, der pensionierte Ingenieur, schon immer eine Heimsuchung. Aber als er aus dem Krankenhaus zurückkehrt, ist alles noch viel schlimmer. Nach wie vor ist er aufbrausend, manipulativ, distanzlos und von wahnwitzigen Einfällen beseelt – aber jetzt ist er auch noch pflegebedürftig. Seinen erwachsenen Töchtern macht er unmissverständlich klar: Ich verlange, dass ihr für mich da seid. Und zwar immer! Für Timna und Babi beginnt ein Jahr voller unerwarteter Herausforderungen, aber auch der Begegnung mit der eigenen Vergangenheit und Familiengeschichte, die so schräg ist, dass Außenstehende nur den Kopf schütteln können. Klug, liebevoll und mit sehr viel schwarzem Humor erzählt Dana von Suffrin, wie Timna versucht, ihre dysfunktionale Familie zusammenzuhalten, ohne selbst vor die Hunde zu gehen. »Otto« ist Hommage und zugleich eine Abrechnung mit einem Mann, in dessen jüdischer Biografie sämtliche Abgründe des 20. Jahrhunderts aufscheinen. (von der KiWi-Verlagsseite kopiert)


    Zur Autorin:

    Dana von Suffrin wurde 1985 in München geboren. Sie studierte Politikwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte und Komparatistik in München, Neapel und Jerusalem. Seit 2009 ist sie Museums- und Stadtführerin in München. 2017 Promotion mit einer Arbeit zur Rolle von Wissenschaft und Ideologie im frühen Zionismus, seitdem Postdoc an der LMU. Sie lebt in München. (von der KiWi-Verlagsseite kopiert)


    Allgemeine Informationen:

    Ich-Erzählung aus Sicht der älteren Tochter Timna

    33 Kapitel

    229 Seiten


    Meine Meinung:

    Es gibt sie nicht nur in jüdischen Familien, und es gibt sie in der Realität mindestens so häufig wie in der Literatur: Eltern, die an ihren Kindern kleben. Die im Alter deren Verantwortlichkeit einfordern, um sich den Gegenwert der Versorgung und Erziehung ihrer Kinder von diesen Kindern erstatten zu lassen.

    Otto ist ein Musterexemplar dieser Gattung. Er sieht sich im Mittelpunkt nicht nur seiner eigenen Welt, sondern vor allem im Leben seiner Töchter. Die Töchter machen mit, pflegen ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihn nicht jeden Tag besuchen oder mehrmals täglich telefonieren. Vom Vater wird Timna die Aufgabe übertragen, dessen Biographie zu schreiben. Sie mag nicht, tut es aber trotzdem.


    In zeitlichen Sprüngen erzählt Timna aus dem Leben des Vaters und ihrem eigenen, reiht Anekdoten, Geschichten und Geschichtchen aneinander. Den Überblick verschafft der Leser sich nur langsam. Otto wurde in Siebenbürgen geboren, wanderte nach Israel aus, kam nach Deutschland, heiratete zwischenzeitlich zweimal und bekam die beiden Töchter.


    Eine jüdische Familiengeschichte – daran geht der Leser meiner Generation mit dem ganzen Ballast aus dem Wissen der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Doch auf den Holocaust verweisen lediglich einige kurze Nebensätze, die von Ottos Überleben und der Ermordung einiger Verwandter berichten. (Verfehlt klingt für mich die Frage in der Rezension der Süddeutschen „Kann man lustig über den Holocaust erzählen?“)

    Generell spielt der jüdische Glaube als Hintergrund nur eine geringe Rolle. Ähnlich wie bei den christlichen Religionen werden bestimmte Feste der alten Bräuche wegen und den Eltern zuliebe zwar gefeiert, doch der jüngeren Generation verschließen sich Sinn und Tradition.


    In weiten Teilen des Romans schwingen autobiographische Anklänge zwischen den Zeilen, ohne dass man Details zuordnen könnte. Timna gehört einer älteren Generation an als die Autorin, dennoch sind vermutlich familiäre Erfahrungen eingeflossen, das kann man getrost unterstellen.


    Ob von Suffrins Buch exemplarisch für eine neue Art steht, in Deutschland literarisch mit dem Judentum umzugehen? Dass sich eine Handlung lediglich dort verortet, ohne dass es inhaltlich bestimmend wäre?


    Den anekdotenhaften Charakter des Romans empfinde ich als Manko. Mir würde eine fortlaufende Handlung hier eher das Gefühl geben, in ein langes Leben einzutauchen, bzw. mich mit den Töchtern in den Fallstricken des Vaters zu verfangen.

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)



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