Delia Owens – Der Gesang der Flusskrebse / Where the Crawdads sing

Der Gesang der Flusskrebse

4.6 von 5 Sternen bei 35 Bewertungen

Verlag: hanserblau

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 464

ISBN: 9783446264199

Termin: Neuerscheinung Juli 2019

Klappentext / Inhaltsangabe: “Ein schmerzlich schönes Debüt, das eine Kriminalgeschichte mit der Erzählung eines Erwachsenwerdens verbindet und die Natur feiert.” The New York Times Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen. Delia Owens erzählt intensiv und atmosphärisch davon, dass wir für immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Und den Geheimnissen und der Gewalt der Natur nichts entgegensetzen können.
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  • Delia Owens - Der Gesang der Flusskrebse



    Vielleicht könntest du die Möwen füttern ...



    Ein kleines Mädchen verliert innerhalb kürzester/kürzerer Zeit ihre Familienmitglieder; die Mutter und die älteren Geschwister flüchten 1952 vor ihrem Mann und Vater als das Mädchen 6 Jahre alt ist. Der Vater ist durch seinen Charakter, Verlusterfahrungen und Kriegserlebnissen zu einem vom Leben enttäuschten Menschen geworden, der seine negativen Erfahrungen mit Alkohol zu verdrängen/betäuben versucht und darüber zu einem gewalttätigen Alkoholiker mutiert. Ihre Tochter/kleine Schwester nehmen die fliehenden Familienmitglieder nicht mit, weil sie entweder durch ein veränderndes Martyrium gegangen sind oder noch zu jung für solche Entscheidungen sind. Die Kleine wird zur Schule in die nahe gelegene fiktive Kleinstadt Barkley Cove gebracht und erlebt dort das herablassende und verachtende Verhalten der Städter gegenüber der Marschlandbewohnerin. Deswegen beschließt sie nicht mehr in die Schule zu gehen und versteckt sich im Marschland, wenn jemand kommt um sie zu holen. Schlussendlich verschwindet auch der Vater aus dem Leben der kleinen, mittlerweile 10 Jahre alten Catherine Danielle Clark, auch Kya genannt. Nun versucht sich das kleine, aber überaus starke Mädchen selbst durchzuschlagen. Die Clarks sind in das sumpfige Marschland an der Küste North Carolinas gezogen, leben da recht abgeschieden von anderen Menschen und die Kinder der Familie haben recht früh die Natur kennen und meistern gelernt. Dieser Punkt ist für das Überleben des kleinen und intelligenten Mädchens sicher relevant, sie lebt allein, kann sich vor Gefahren gut verstecken und durch ihr Wissen um die Natur über Wasser halten. Nur drei Bewohner von Barkley Cove helfen Kya, einmal der schwarze Jumpin. Betreiber einer kleinen Tankstelle und eines kleinen Ladens und seine Frau Mabel und ein Freund ihres Bruders, Tate Walker. Tate Walker und Kya verbindet ihre Liebe zur Natur/zum Marschland und er lehrt sie schließlich auch das Schreiben/Lesen/Rechnen. Die anderen Bewohner von Barkley Cove schauen auf die Marschlandbewohner herab und Kya bekommt von Ihnen den Spitznamen das Marschmädchen. Kya bemerkt die ablehnende Haltung der Anderen und grenzt sich noch mehr ab, allerdings verändert dieses Eremitendasein auch sie selbst. Um sich abzulenken und gleichzeitig auch um etwas zu haben wofür sie brennt, beginnt Kya schließlich umfangreiche Studien zu Flora und Fauna des Marschlandes. Dies ist der eine Erzählstrang des Buches. Der andere Erzählstrang berichtet über den Tod von Chase Andrews 1969 und daraus resultierende Ermittlungen. Beides wird parallel erzählt.


    Nun muss ich sagen, dass ich von der Sogwirkung dieses Buches wie verzaubert war. Einerseits haben wir hier eine Sprache, die tief berührt und Sätze aufweist, die zum Schmelzen schön sind/den Leser einfach umhauen. Andererseits wird hier eine Ode an die Natur verfasst, vor dem geistigen Auge entsteht das Marschland, man riecht das Meer und hört die Möwen schreien. In diesen so wunderschönen Beschreibungen der Natur spürt man die Liebe der Autorin zur Natur. Und man versteht auch warum in den USA Reese Witherspoon dieses Buch so gelobt hat und auch dadurch zum Erfolg dieses Buches in den USA beigetragen hat. Ich kann nur sagen, lest unbedingt dieses wunderschöne Buch und genießt es!


    Und hoffentlich schreibt die Autorin Delia Owens bald das nächste Buch!

  • Delia Owens Der Gesang der Flusskrebse

    Das Mädchen aus den Sümpfen


    Eine arme Familie lebt in den Küstensümpfen von Nord-Karolina im Süden der USA. Der Vater ist ein Alkoholiker der Frau und Kinder brutal schlägt. Einer nach dem anderen verlassen ihn die Kinder und die Ehefrau. Zurück mit dem gewalttätigen Vater bleibt nur das jüngste Kind, Kia. Mehr schlecht als recht schlägt sich Kia durch, lernt dem Vater auszuweichen, wenn er betrunken ist, putzt und kocht für ihn und geht mit ihm fischen. Doch irgendwann bleibt auch der Vater aus, und mit ihm fällt auch seine magere Invalidenrente weg. Kia ist zehn Jahre alt. Sie lebt allein im Sumpf, die weiße Bevölkerung des nahen gelegenen Städtchens verachtet sie, meidet sie, verbietet ihren Kindern jeglichen Kontakt zu ihr. Die einzigen, die ihr beistehen, sind Jumpin und seine Frau Mabel, Schwarze aus dem benachbarten „Coloured Town“. Manchmal sieht sie aus der Ferne andere Fischer, ab und zu auch Tate, der ein Freund ihres verschwundenen Bruders Jodie war. Auf sich allein gestellt lebt sie die nächsten vier Jahre. Sie gräbt Muscheln aus, angelt, räuchert Fische, verkauft sie an Jumpin für Treibstoff für ihr Boot und ein paar magere Lebensmitteln.


    Kia ist hoch intelligent. Sie kann zwar nicht lesen, schreiben, rechnen, hat keinerlei Schulbildung je genossen, aber ist interessiert an allem was sie umgibt. Sie ist fest verwurzelt mit der einzigartigen Sumpfgegend, in der sie lebt, kennt und versteht die Pflanzen- und Tierwelt, ob zu Lande, im Wasser oder in der Luft. Und zusammen mit Kia entdecken auch wir, die Leser, die Moore, die Vogelwelt, die Muscheln, Gräser, den Einfluss der Gezeiten und der Jahreszeiten. Wir entdecken die Schönheit der Sonnenauf- und -untergänge, wir entdecken temporäre Sandbänke, die mit der nächsten Flut wieder verschwinden werden. Und wir bewundern Kia, zollen Ihr Respekt für die Art wie sie ihr schweres Leben meistert, sich nicht unterkriegen lässt, offen für all das Schöne und Wunderbare ist, das sie umgibt. Sie wird Teil des Marschlandes, anderswo könnte sie nie leben.



    Dieses ist die eine Ebene und Seite des Romans. Kias Leben in der Einsamkeit der Sümpfe, ihre Freundschaft und Liebe mit Tate und ihre Affäre mit Chase, in den Jahren 1952 bis 1967.


    Die andere Ebene ist zeitlich versetzt. Sie spielt 1969 – 1970 ab. Chase wurde unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden und die Polizei von Barkley Cove führt die Ermittlungen. Der Verdacht erhärtet sich, dass Chase nicht als Folge eines Unfalls starb und Selbstmord wird auch ausgeschlossen. Nun beginnt die Suche nach dem Mörder. Das Städtchen ist schnell dabei, den Stab über Kia zu brechen. Zum einen ist sie „WhiteTrash“ aus dem Sumpf, zum anderen lebt sie allein, sie hat nie die Schule besucht, wenn sogar die eigene Familie sie verlassen hat, ist sie also schuldig. Außerdem, Chase Andrews war ein rechtschaffener Mann, verheiratet, eine Stütze der Gesellschaft. Bestimmt hat sie ihn verführt, auch wenn Zeugen gesehen haben wollen, wie Kia vor ihm weggelaufen ist, nachdem er versucht hat, sie zu vergewaltigen.



    Von einem Buch über eine schwierige Kindheit zu einem Buch über die Schönheiten der Natur zu einem Krimi und zu einem Roman über einen Prozess, wie sie in den Staaten sehr beliebt sind, ist Delia Owens‘ Buch vielschichtig und faszinierend.


    Ein großes Lob möchte ich auch dem Übersetzerteam Ulrike Wasel und Klaus Timmermann aussprechen. Ihnen ist der perfekte Grat zwischen der Hochform der amerikanischen Sprache und dem Südstaatenslang sowohl der weißen als auch der schwarzen Bevölkerung gelungen. Die Arbeit von Wasel und Timemrmann hat wesentlich zum Lesegenuss beigetragen.