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Stina Jackson - Dunkelsommer / Silvervägen

Dunkelsommer

4.8 von 5 Sternen bei 4 Bewertungen

Verlag: Goldmann Verlag

Bindung: Broschiert

Seitenzahl: 352

ISBN: 9783442205783

Termin: Juli 2019

  • Kurzmeinung

    Ambermoon
    Melancholischer Spannungsroman, welcher Schwedens Wälder noch nie so düster und bedrohlich erscheinen ließ

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  • Wie bei allem was als Nr.1 Bestseller angekündigt wird, ist man erst einmal skeptisch und will sich eine eigene Meinung bilden, aber.... diesmal liegen die Kritiker wohl richtig. Eine spannende und richtig gute Geschichte bei der man nicht aufhören kann zu lesen.

    Geschichte: Vor 3 Jahren verschwindet die blonde 17 Jährige Lina von heute auf morgen. An der Bushaltestelle abgesetzt um für den Ferienjob im Wald zu arbeiten, bestätigen alle, dass sie nie im Bus war. Tagein und Tagaus fährt Lelle, ihr Vater, in seinem Urlaub, alle Nebenstraßen ab und schaut in jede verfallene Waldhütte um seine Tochter doch noch irgendwann zu finden...Jede Nacht zieht er los …

    Währenddessen zieht die 17 Jährige Meja mit Ihrer Mutter Silje, aus Südschweden, zu einem älteren Mann auf einen abgelegenen Hof. Ihre Mutter hat ihn im Internet kennengelernt. Plötzlich verschwindet wieder ein Mädchen spurlos und die Wege von Lelle und Meja kreuzen sich....

    Was relativ unspektakulär beginnt, ist ein Roman der von seiner Schreibweise her jemand unbewusst so mitnimmt, das ein Gefühl von Zeit sofort verschwindet. Ich war total gefangen im Buch, habe mitgelitten mit den Figuren und konnte Lelle´s Schmerz so richtig nachempfinden. Die beiden Geschichten von Meja und Lelle laufen parallel und jede für sich ist ein Kompliment an eine wahnsinnige düstere Atmosphäre, die meiner Meinung nach fast nur Skandinavier schaffen können.Personen, die ich wirklich Leibhaftig vor mir sehe, eine Sucht ,die mich zwingt das Buch sofort zu lesen und auch einen wirklich durchdachten und guten Schluss bereit hält. Es beginnt langsam und steigert sich, wie es bei einem richtigen Thriller sein muss. Als die beiden Geschichten von Meja und Lelle sich miteinander verbinden, besteht natürlich eine Ahnung was passieren wird, aber dass es trotzdem ein Genuss wird, es zu lesen, ist dann doch etwas sehr sehr gutes.

    Dieses Buch ist für alle Thriller und auch Krimi Fans eigentlich ein Muß, da es wirklich ein extrem hohes Niveau hat und mit seiner Stimmung und Spannung rundum überzeugen kann. Für mich eine klare Empfehlung und ein Highlight 2019 :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Tefelz

    Hat den Titel des Themas von „Starke Gefühle und atemberaubende Atmosphäre“ zu „Stina Jackson - Dunkelsommer“ geändert.
  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Stina Jackson - Dunkelsommer“ zu „Stina Jackson - Dunkelsommer / Silvervägen“ geändert.
  • Drei Jahre ist es her, dass Lelles Tochter in einem abgelegenen Teil Nordschwedens spurlos verschwand. Seither fährt er jeden Sommer im düsteren Licht der Mitternachtssonne die Straße ab, an der Lina zuletzt gesehen wurde. Nacht für Nacht sucht er verzweifelt nach seiner Tochter, nach sich selbst und nach Erlösung. Dann kommt eines Tages die siebzehnjährige Meja in der Hoffnung auf einen Neuanfang in Norrland an. Doch als sich die Dunkelheit des aufkommenden Herbstes über das Land legt, verschwindet ein weiteres Mädchen. Und Lelles und Mejas Leben werden durch dramatische Ereignisse miteinander verbunden, die sie nie wieder loslassen werden ... (Klappentext)


    ✺✺✺✺✺


    Zitat
    "Die Mitternachtssonne würde die Menschen aus ihren Höhlen jagen und sie mit Sehnsucht erfüllen. Sie würden lachen und sich lieben und verrückt werden und sich Gewalt antun. Manche würden vielleicht sogar verschwinden."
    (S. 9)


    Im Sommer, wenn die Sonne niemals untergeht, fährt ein Vater in der Mitternachtssonne eine einsame vom Wald umgebene Straße entlang. Jede Nacht, bis es Herbst wird und die Nächte wieder dunkel werden. Jede Nacht, und das seit drei Jahren. Er heißt Lelle und seine Tochter verschwand vor drei Jahren spurlos, nachdem er sie an der Bushaltestelle auf dieser Straße mitten im Wald absetzte. Immer wenn er diese Straße entlang fährt ist Lina, seine Tochter, bei ihm auf dem Beifahrersitz und er unterhält sich mit ihr, als wäre sie noch hier und nicht verschwunden. Ihn plagen Schuldgefühle und Trauer, doch er fühlt noch etwas ... Hoffnung. Hoffnung seine Tochter Lina irgendwann wiederzufinden. Solange er diesen Funken Hoffnung spürt, wird er weiterhin nach ihr suchen. Immer, wenn die Mitternachtssonne scheint.

    Meja, ein 17-jähriges Mädchen zieht mit ihrer Mutter zu deren neuen Freund. Wieder ein Umzug und wieder ein Neuer für ihre Mutter. Diesmal verschlägt es sie nach Glimmersträsk und somit in die Pampa, wo man außer dichten Wald nichts vor Augen hat. Meja hasst es dort und sie hasst ihre Mutter, die immer nur an sich und ihre Lover denkt. Eine normale Kindheit kennt sie nicht, ein Zuhause hat sie nie gehabt. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als eine Familie und ein geborgenes Zuhause und als sie Carl-Johan trifft scheint ihr Wunsch endlich in Erfüllung zu gehen.

    Und dann verschwindet plötzlich ein Mädchen.

    Zitat
    "Ihr Herz machte ein furchtbares Theater, obwohl sie gar nicht wusste, wovor sie am meisten Angst hatte, vor den Schatten zwischen den Bäumen oder vor den wilden Tieren im Wald oder vielleicht einfach vor der Einsamkeit."
    (S. 44)

    Hier begleitet man zwei Handlungsstränge aus der Perspektive der jeweiligen Figur.

    Lelle sucht seine Tochter und wir fahren mit ihm die Straße entlang, erkunden den dichten Wald, verfallene Höfe und gehen vermeintlichen Spuren nach. Lelle ist schwer gezeichnet, doch niemals gibt er auf. Im Grunde lebt er nur für die Suche nach Lina.

    Meja hat ebenso zu kämpfen, jedoch auf eine andere Art und Weise. Eine psychisch labile Mutter, welche gerne mal ihre Psychopharmaka absetzt, immer nur an sich denkt und sich an ihre Tochter klammert und alle Verantwortung auf Meja überträgt, als wäre nicht sie die Mutter, sondern das junge Mädchen. Als LeserInnen sind wir dabei als Meja schon fast aufgegeben hat und schließlich Hoffnung schöpft als sie den charismatischen Jungen Carl-Johan trifft.

    Zwei Suchende, zwei Hoffende und zwei mit einem großen Ziel vor Augen, doch die Hoffnung zerspringt und das große Ziel zerbricht als wieder ein Mädchen verschwindet.

    Zitat
    "Lelle startete den Motor, fuhr los und ließ die verlassene Bushaltestelle hinter sich. Drei Jahre war es her, dass sie ihm hinterhergesehen und gelächelt hatte. Drei Jahre war es her, und er war auch heute noch der Letzte, der sie lebend gesehen hatte."
    (S. 21)

    Der Schreibstil ist flüssig und enthält eine unglaubliche Sprachgewalt. Hier trifft nordische Melancholie auf Beklemmung und bedrohliche Spannung und so tritt man ein in Schwedens dichte Wälder, erlebt die Mitternachtssonne und dies auf sehr düstere Art und Weise.

    Beide Perspektiven sind von Trauer aber auch von Hoffnung geprägt. Auf eindringliche Weise schafft es die Autorin die Gefühle der Protagonisten auf den Leser zu übertragen - man fühlt was sie fühlen und man wird ebenso zu einem/einer Suchenden und Getriebenen.


    Dieser Spannungsroman besticht aber auch durch die unglaublich atmosphärischen Naturbeschreibungen, welche Schwedens idyllische Dörfer und die Dichte und Weite der grünen Wälder noch nie so bedrohlich erscheinen ließen. Man spürt die Beklemmung auf jeder einzelnen Seite und trotzdem, bzw. gerade deswegen, reißt einem die Geschichte regelrecht mit. Man spürt, es ist etwas nicht in Ordnung, die Bedrohung ist ganz nah und trotzdem ist sie lange nicht greifbar ... bis man beim letzten Drittel des Romans angekommen ist und die Story durch einen dritten Handlungsstrang erweitert wird. Die Spannung steigt, die Bedrohung steht nun vor einem und die Neugierde ist entfacht.

    Gegen Ende hatte ich bezüglich des Täters zwar eine Vermutung, doch die Auflösung hielt trotzdem eine überraschende Wendung bereit.

    Zitat
    "Das Gefühl, gleichzeitig vor Angst zu zittern und sich nach ihm zu sehnen, verwirrte sie. Und sie erkannte, dass die Angst, alleine hier unten zu verrotten, größer war als die Angst vor ihm."
    (S. 248)

    Fazit:

    Dieser Spannungsroman hat mich von der ersten Seite an mitgerissen. Trotz dieser Düsternis und Beklemmung, welche mich während des Lesens umgab, wollte ich daraus nicht mehr auftauchen. Ich wollte bei den Protagonisten bleiben, um ihnen beizustehen, mit ihnen die Bedrohung finden und aus der Welt schaffen.

    So richtig spannend wird es jedoch erst im letzten Drittel des Buches und da war es für mich sowieso schon ein Ding der Unmöglichkeit dieses Buch zur Seite zu legen. Da schlägt die Melancholie nämlich in das Gefühl von Gefahr um, welches einem bis zur Auflösung nicht mehr loslässt.

    Kaum zu glauben, dass dieser sprachgewaltige und atmosphärischer Spannungsroman ein Debüt ist. Diese Autorin bleibt somit definitv auf meinem Radar.:bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:


    © Pink Anemone (inkl. Leseprobe. Autoren-Info und Lese-Soundtrack)

  • „Es war das Licht, die Art, wie es stach und brannte und an ihm zerrte. Es legte sich über die Wälder und Seen wie eine Aufforderung weiterzuatmen, wie ein Versprechen auf ein neues Leben. Das Licht füllte seine Adern mit Unruhe und raubte ihm den Schlaf.“ (Seite 9)


    In einem abgelegenen Teil Nordschwedens verschwand vor drei Jahren Lina, die Tochter des Lehrers Lelle. Mit diesem Verlust kann sich Lelle im Gegensatz zu seiner Frau Anette nicht abfinden. Inzwischen ist seine Ehe zerbrochen. Lelle hadert mit Schuldgefühle, zieht sich von den Menschen zurück und fährt, statt soziale Kontakte zu pflegen, einsam jeden Sommer im Licht der nicht untergehenden Mitternachtssonne jene Straße - Silvervägen - entlang, wo er Lina an einer Haltestelle der einzigen Buslinie absetzte und sie zuletzt sah.


    Meja, siebzehn und damit so alt wie Lina damals, ist ebenfalls allein. Nach langen Jahren des Umherziehens kommt sie mit ihrer Mutter Silje, die sich bei ihrer Internetbekanntschaft Torbjörn ein sorgenfreies Heim erhofft, nach Glimmersträsk in Norrland. Das junge Mädchen wünscht sich einen Neuanfang, endlich ein eigenes Zimmer und einen Ort, an dem sie Zuhause sein kann, ohne sich um ihre Mutter kümmern und vor anderen verstecken zu müssen.


    Doch die Träume erfüllen sich nicht vollständig, die Sicherheit erweist sich als trügerisch. Silje kann nicht aus ihrer Haut. Erst die Begegnung mit Carl-Johan und seiner autark lebenden Familie auf einem Hof mitten im Wald gibt Meja Mut, mit Optimismus vorauszuschauen, all die Sorgen hinter sich zu lassen.


    Als ein weiteres Mädchen verschwindet, reißen alte Wunden auf, und diese bringen neue Unruhe in das Leben von Lelle und Meja, die sich im Herbst bei Schulbeginn als Lehrer und Schülerin begegnen.



    Mit ihrem Debüt „Dunkelsommer“ ist Stina Jackson ein psychologischer Spannungsroman gelungen, der zwar Verbrechen beinhaltet, allerdings keine traditionelle Aufklärung, und der durch seine düstere bedrückende Atmosphäre besticht. Er zieht seine Kraft aus den friedvollen einprägsamen Naturbeschreibungen und lebt von einer ruhigen poetischen Bildsprache. Diese erzeugt eine schwermütige Stimmung, die glaubwürdig zur Thematik passt und zu keinem Zeitpunkt enttäuscht.


    „Dunkelsommer“ präsentiert ein in seiner Dramatik unangenehmes und berührendes Geschehen, schaut in die Abgründe des Bösen, offenbart das Gute und ist ein Wechselbad der Gefühle, angefüllt mit Ängsten, Trauer, Hoffnung und gleichzeitig hypnotischer Dunkelheit im Lichte des Mittsommers, die besonders im letzten Teil an Bedrohlichkeit zunimmt und durchaus Gänsehautmomente verursacht.


    Nicht nur äußerlich sind die Einwohner der wenigen Orte hier im nördlichen Lappland isoliert. Die Silvervägen erstreckt sich über viele Kilometer durch meist menschenleere Gebiete, vorbei an beeindruckenden Landschaften, Flüssen und Seen. Stina Jackson lässt verschiedene Lebensmodelle aufeinandertreffen, bei ihr existieren Menschen am Rand der Gesellschaft, auch jene, die nicht dazugehören (wollen). Die einen haben die Familie verloren, die anderen stellen die Familie bis zur Besessenheit in den Vordergrund, und dann gibt es noch diejenigen mit Familie, aber ohne haltende Bindung.


    Daneben wird die innere Vereinsamung greifbar. So bewältigt die Autorin mühelos die Aufgabe, die Empfindungen ihrer Protagonisten mit Tiefe darzustellen und den Leser emotional durch kleine subtile Mittel und Gesten zu erreichen. Denn „Dunkelsommer“ profitiert hauptsächlich von seinen komplexen Charakteren, vor allem Lelle und Meja, aus deren wechselnder Perspektive die Geschichte erzählt wird. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein und haben doch einiges gemeinsam.


    Allein die Suche nach Lina ist das, was Lelle noch interessiert, getrieben von einer verzweifelten Hoffnung, wenigsten eine Spur von ihr zu finden, um abschließen zu können. Das Einzige, was er dabei entdeckt, ist seine Einsamkeit und die Erkenntnis, wie viel es davon überall gibt. Und Lelle ist wütend. Wütend über die Unbeholfenheit der Menschen, über ihre verängstigten und unsicheren Blicke. Wütend darüber, dass sie nichts wissen, dass sie ihm nicht helfen können und alle ihre Leben fortsetzen.


    Auch Meja ist einsam und führt einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen ihre psychisch instabile Mutter, die Tabletten und Alkohol braucht, um den Tag zu überstehen, nur die eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt ihres Daseins stellt und wenig Gedanken an die Tochter verschwendet, zugleich jedoch alles an Verantwortung auf Meja überträgt.


    Als Meja Carl-Johan kennenlernt, sich verliebt und zu ihm zieht, nimmt seine Familie sie auf, so dass das junge Mädchen zum ersten Mal etwas wie Zugehörigkeit empfindet. Sie akzeptiert, dass sich die Familie von den Gesellschaft fernhält, ja diese und moderne Technik ablehnt, sich selbst versorgt und damit beschäftigt ist, sich auf eine mögliche Katastrophe vorzubereiten. Meja verzichtet auf ihr Mobiltelefon und verspürt endlich die Kraft, anders zu werden als ihre Mutter. Sie will sie selbst werden. Aber es ist fraglich, ob sie den richtigen Weg eingeschlagen hat, dies wirklich zu erreichen.


    Zwei Menschen, die auf der Suche sind, die hoffen und bangen, die jeder ein Ziel haben. „Dunkelsommer“ sieht unter die Oberfläche und beeindruckt mit einem Blick in das Innere…


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

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