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Christiane Rösinger - Zukunft machen wir später

Zukunft machen wir später: Meine Deutsch...

4.3 von 5 Sternen bei 2 Bewertungen

Verlag: FISCHER Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 224

ISBN: 9783596298044

Termin: März 2017

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  • ... Meine Deutschstunden mit Geflüchteten


    Verlagstext

    Seit September 2015 gibt die Berliner Musikerin und Autorin Christiane Rösinger Deutschunterricht für Geflüchtete. Ihr Kreuzberger Anfänger-Kurs ist Teil einer freien Deutschkurs-Initiative für Menschen, die oft keine anderen Angebote zum Spracherwerb bekommen und die, wie es im Behördenjargon heißt, »keine gute Bleibeperspektive« haben. Aber nicht nur die Kursteilnehmer kämpfen mit trennbaren Verben und »den verdammten drei ›sie‹« der deutschen Sprache, auch Christiane Rösinger hat alle Mühe, das »Lernziel« zu erreichen und sich selbst zu integrieren. Bis das gelingt, schlägt sie sich mit den beiden größten Hindernissen für eine gelingende Integration herum - der deutschen Gesellschaft und der deutschen Grammatik.


    Die Autorin

    Christiane Rösinger war Mitgründerin, Sängerin und Texterin der Berliner Bands „Lassie Singers“ und „Britta“. In den 90er Jahren war sie eine der Betreiberinnen der legendären Flittchenbar am Berliner Ostbahnhof, die sie 2010 zu neuem Leben erweckte. Seitdem führt sie einmal im Monat durch eine musikalische Gala-Show im Kreuzberger Club Südblock. Neben ihrer Arbeit als Musikerin schreibt sie für verschiedene Zeitungen und Magazine. Christiane Rösinger veröffentlichte 2008 ihr erstes Buch „Das schöne Leben“, es folgten „Liebe wird oft überbewertet“, ein humorvolles Plädoyer für das Alleinleben, und „Berlin-Baku“, der Bericht ihrer Reise zum Eurovision Song Contest nach Baku.


    Inhalt

    Christiane Rösinger ist in Berlin-Kreuzberg sozialisiert worden. Als Autorin, Musikerin und Wirtin hat sie bisher selbstbestimmt gearbeitet, sich evtl. auch selbst ausgebeutet. Im Sommer 2015 beschließt sie, Geflüchteten Deutschunterricht zu geben, zunächst ehrenamtlich. Davon erhofft sich die Autorin neben der Befriedigung etwas Sinnvolles beizutragen festere Strukturen und den Kontakt zu Kollegen. Mit einem abgeschlossenen Germanistikstudium z. B. wie Rösinger konnten 2015 freiwillige Helfer auch ohne pädagogische und methodische Kenntnisse als Lehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache eingesetzt werden. Um Deutsch zu unterrichten, genügt es in der Praxis allerdings nicht, es allein zu sprechen; noch zeigen sich pensionierte Grundschullehrer als Naturtalente in der Erwachsenenbildung. Rösingers Projekt bietet offene, niederschwellige Deutschkurse an, die nicht auf Geflüchtete begrenzt sind. Teilnehmer müssen hier keine Konsequenzen befürchten, falls sie scheitern, dafür ist ein Fortschritt schwer zu erkennen, weil ständig neue Teilnehmer dazukommen. Wenn sich ehemals kriegführende Nationen im Klassenzimmer gegenübersitzen oder Akademiker neben Analphabeten die Schulbank drücken, müssen sich ehrenamtliche Helfer an irgendeinem Punkt fragen, wie effektiv ihr Einsatz ist. Die Schwerfälligkeit der Behörden – in Berlin inzwischen legendär – drückt zusätzlich auf die Motivation. Dass geflüchtete Menschen nicht so sind, wie Politiker sie gern hätten, lernen die zusammengewürfelten ehrenamtlichen Deutschlehrer zuerst.


    Als projekterfahrene Helferin muss Rösinger sich u. a. damit abfinden, dass Teilnehmer Frontalunterricht einfordern, weil es das ist, was sie aus ihrer Heimat kennen. Wer vorn steht, der sagt, wie es gemacht wird, vermittelt in all dem Chaos ein Minimum an Orientierung. Die Autorität der Lehrenden hat in beinahe reinen Männer-Klassen jedoch keine Chance, patriarchalische Vorstellungen infrage zu stellen. Brauchen nicht gerade Lernende klarere Strukturen, die ihre Werte in rigider Intoleranz als einzig vorstellbare betrachten? Ist es Aufgabe einer Lehrerin, gegenüber Zuwanderern mit erzreaktionären Menschenbildern ihre persönliche Lebensweise zu diskutieren? Warum soll sich ein Dozent Gedanken über die unausgesprochenen Werte des Lehrmaterials machen, wenn die Lernenden sowieso keine Chancen haben, in Deutschland zu bleiben? Genügt es nicht einfach, Menschen eine feste Struktur und kleine Erfolgserlebnisse zu vermitteln, die seit Monaten auf einer Liege in einer Sporthalle leben? Was wird aus motivierten Schülern, die den Stoff einfach nicht packen? Wie wird man in einem offenen Projekt einen pubertierenden Klassenclown los, der nicht lernen will?


    Flexibilität siegt hier über formale Qualifikation. Ein Highlight war für mich das Naturtalent der Kollegin Judith, die ohne Rücksicht auf Vorschriften einfach einen Alphabetisierungskurs auf die Beine stellt - und damit auch noch erfolgreich ist. Warum werden DaF-Lehrer nicht von den Judiths dieser Welt geschult?


    Fazit

    Die Kurve von erster Beflügelung, Realitätsschock bis zur Frustration über das Beharrungsvermögen des deutschen Behördenchaos lässt sich von Kapitel zu Kapitel verfolgen. Für Insider haben die einzelnen „Lektionen“ des als Lehrplan aufgemachten Berichts einen hohen Wiedererkennungswert. Hätte man Rösingers Erfahrungen doch 2015 schon gehabt … Christiane Rösinger schreibt mit Empathie und Sinn für Situationskomik, dabei stets optimistisch, dass für ihre „TN“ alles gut werden wird. Im Gegensatz zu manchem Politiker, der das Wort Integration vollmundig verwendet, weiß sie, wovon sie spricht.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

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