Steven Herrick - Wir beide wussten, es war was passiert / The Simple Gift

  • Verlagstext

    ... und wie ich mich abmühte, selbstsicher zu erscheinen. Und er antwortete: Ja, toll. Und ich sagte auch: Toll. Und danach machte ich mich wieder ans Wischen und versuchte zu wirken, als wenn nichts passiert wär, obwohl wir beide wussten, es war was passiert. Eine poetische Geschichte vom und zum Verlieben


    Der Autor

    Steven Herrick wurde in Brisbane als jüngstes von sieben Kindern geboren. Er arbeitet schon seit vielen Jahren als Autor, auch wenn er noch lieber Profi-Fußballer geworden wäre. Steven Herrick lebt mit seiner Partnerin in den Blue Mountains bei Sydney in Australien und hat zwei erwachsene Söhne.


    Inhalt

    Billy Luckett hat die Nase voll vom Leben mit einem Alkoholiker als Vater und haut einfach ab aus einem Kaff im hintersten Winkel Australiens. Der Junge, einer der Icherzähler der Geschichte, will in Richtung Westen trampen, fort vom sichtbaren Verfall eines Viertels, in dem für immer liegen bleibt, was einmal kaputt gegangen ist. Billy ist im Herzen vermutlich Anarchist; denn er will nicht denen vertrauen, die die Regeln machen. Für dieses Ziel lässt der 16-Jährige sogar seinen Hund Bunkbrain zurück.


    Der Junge war schon immer wissbegierig, lieh, las und stahl Bücher in beeindruckender Zahl. Billy landet in einem Depot ausrangierter Züge und übernachtet fortan in einem Eisenbahnwagen. Bunkbrain war einmal ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt, der heute nicht mehr benötigt wird. Old Bill, ein älterer Obdachloser, hat sich dort in einem einfachen, aber peinlich genau organisierten Leben eingerichtet. Caitlin, die ebenfalls in der Ichform erzählt, arbeitet als Putzfrau bei MacDonalds und beobachtet Billy, wie er nicht gegessene Reste von den Tabletts der Kunden klaut. Caitlin müsste nicht arbeiten, sie stammt aus Verhältnissen, in denen Eltern Privatschulen finanzieren und ein anschließendes Studium zum Standard gehört. Sauber, reich und hochnäsig, Billy sieht sofort, woran er mit Caitlin ist. Beide Jugendliche sind sehr gute Beobachter, es macht Freude, ihren Beschreibungen zu folgen. Der dritte Icherzähler, Old Bill, lebt als Obdachloser, nachdem er durch den Tod von Frau und Tochter förmlich aus dieser Welt gefallen ist. Old Bill nimmt sich des Jungen an, will ihm einen Weg zurück in Schulbildung oder Arbeit zeigen. Doch beide Bills brauchen zu wenig für das von ihnen gewählte Leben, um einen Job zu benötigen. Erstaunlich, mit welch sicherem Urteil gerade Caitlin den Zusammenhang zwischen Wollen, Konsum und Überfluss erkennen kann. Im Vergleich mit Bill erkennt sie, dass sie bisher ein sorgenfreies Leben lebte, aber längst nicht erwachsen ist. Die Begegnung mit Caitlin ist für Billy Auslöser erstaunlicher Entwicklungen.


    Fazit

    In auf die Gedichtform reduzierter, klarer und schnörkelloser Sprache erzählt Steven Herrick die Geschichte zweier Ausreißer, die aus unterschiedlichen Motiven aus der bürgerlichen Ordnung fallen. In wenigen Worten wird deutlich, wie wenig ein Mensch zum Leben braucht und wie wir reagieren, wenn jemand von unseren Vorstellungen abweicht. Alternative Lebensentwürfe und deren Vorgeschichte in einem äußerst knappen Text verpackt, stellen hier in berührender Weise liebgewonnene Sichtweisen infrage. Weniger gefallen hat mir die aus dem Hut gezaubert wirkende Auflösung der Geschichte. Auch wenn Nischen für Unangepasste wünschenswert sind, gibt es sie im Leben noch nicht volljähriger Jugendlicher selten.


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