Rudi Westendorp - Alt werden, ohne alt zu sein. Was heute möglich ist / Oud worden zonder het te zijn: over vitaliteit en veroudering

  • Verlagstext

    Nie zuvor sind die Menschen so alt geworden wie heute. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Jede Woche fügen wir ein Wochenende zu unserer Lebenszeit hinzu, ohne dass die kranke Zeit im Alter zunimmt. 75 ist das neue 65. Aber haben wir auf das lange Leben schon die richtigen Antworten? Kann man mit 75 noch ein neues Leben anfangen? Der prominente niederländische Altersmediziner Rudi Westendorp erklärt, wie es dazu kam, dass "Älter werden" und "Alt sein" nicht mehr dasselbe sind, und wie wir mit der Explosion unserer Lebenserwartung umgehen können. Wie kaum jemand vor ihm beleuchtet er das Phänomen des verlangsamten Alterns in ganzheitlicher Sicht - aus den Perspektiven der Biologie, der Medizin, der Pflege und der Gesellschaft. Dabei macht er eine Reihe von Vorschlägen, etwa zur Reform des Arbeitsmarktes, zur Wohnungsbaupolitik und zur Organisation von Pflege. Und er fordert uns dazu auf, mehr Kreativität bei der Gestaltung unserer Lebensläufe an den Tag zu legen. Sein Buch ist ein Navigationssystem für das Extra an Lebenszeit, das vor uns liegt. Wer es liest, wird sich jünger fühlen.


    Der Autor

    Rudi Westendorp ist Arzt, Professor für Medizin an der Universität Leiden und Gründungsdirektor der "Leidener Akademie für Vitalität und Altern". Sein Buch erlebte in den Niederlanden binnen acht Monaten zehn Auflagen.


    Inhalt

    Nachdem der Mensch sich fortgepflanzt hat, wird sein Körper nicht mehr benötigt und könnte wie eine Verpackung entsorgt werden. Rudi Westendorp vertritt die nüchterne Ansicht, dass es sich beim Altern um das Versagen komplexer Systeme handelt, die wissenschaftlich kaum anders zu untersuchen sind als ein Flugzeugabsturz. Der niederländische Mediziner hat sich mit bevölkerungspolitischen Aspekten des Alterns befasst, mit der erblichen Disposition zur Langlebigkeit und mit der Zufriedenheit alter Menschen mit ihren Lebensumständen. Wer sich für die Bevölkerungsentwicklung interessiert, hat sicher von einigen angeführten Erkenntnissen bereits gelesen. Warum Frauen auch nach den Wechseljahren durch Unterstützung der jüngeren Generation das Überleben ihrer Art sichern, oder der Einfluss von Notzeiten auf die Lebenserwartung. Statistik und Epidemiologie liegen sicher nicht jedem Leser, doch Westendorp versteht seine Gedanken äußerst eingängig zu formulieren.


    Unsere Lebenserwartung setzt sich aus genetischer Disposition, Umgebungseinflüssen und einem Zufallsfaktor zusammen. Geheimnisse für ein langes Leben oder Wundermittel konnte der Autor bisher nicht entdecken. Westendorp vermittelt in originellen Bildern, welchen sozialen Problemen sich eine Gesellschaft aufgrund steigender Lebenserwartung zukünftig stellen muss. Die Bürde einer alternden Bevölkerung bezeichnet er als „grauen Druck“, während der „grüne Druck“ in den ersten Lebensjahren geburtenstarker Jahrgänge entsteht. Die letzen Lebensjahre vor dem Tod, bis als Summe minimaler Schäden das „System“ schließlich versagt, nennt Westendorp das „Ausfransen des Lebenssaums“. Von Medizinern fordert er einen Perspektivwechsel von rein medizinisch-technischen Erklärungen für Krankheiten hin zur Erhaltung der Handlungsfähigkeit im Alter und zu gemeinsamen Entscheidungsprozessen von Arzt und Patient. Westendorps Buch verdeutlicht u. a. das Disability Paradox, die Situation betagter oder kranker Menschen, die sich trotz gesundheitlicher Einschränkungen als zufrieden bezeichnen, wie auch „Ageism“, das Vernachlässigen älterer Menschen in der medizinischen Forschung. Zukünftig werden Anpassungsprozesse zum Lebensende größere Aufmerksamkeit von Gesundheitspolitikern und Medizinern erfordern als die reine Organmedizin Patienten bisher zu bieten hatte.


    Fazit

    Westendorps Blick ist charakteristisch für einen Niederländer. Mit der in unserem Nachbarland üblichen Selbstverständlichkeit ist er gewohnt, öffentlich über das Lebensende zu diskutieren. Das Abwälzen der Pflege betagter Menschen auf deren Kinder hält der Autor dagegen für typisch deutsch und für wenig zukunftsweisend. Sein teils deprimierendes, teils trockenes Thema vermag der Autor so lebendig und bildhaft zu vermitteln, wie er vermutlich auch seine Medizinstudenten für die Geriatrie begeistern konnte.


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