Peter Stamm - Weit über das Land

Weit über das Land

4 von 5 Sternen bei 6 Bewertungen

Verlag: FISCHER Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 224

ISBN: 9783596031269

Termin: September 2017

Klappentext / Inhaltsangabe: Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. Jeder kennt ihn: den Wunsch zu fliehen, den Gedanken, das alte Leben abzulegen, ein anderer sein zu können, vielleicht man selbst. Peter Stamm ist ein Meister im Erzählen jener Träume, die zugleich locken und erschrecken, die zugleich die schönste Möglichkeit und den furchtbarsten Verlust bedeuten. »Weit über das Land« ist ein Roman, der die alltäglichste aller Fragen stellt: die nach dem eigenen Leben.
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  • Verlagstext

    Ist es ein neuer Anfang, wenn man alles hinter sich lässt? Der neue große Roman von Peter Stamm.

    Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. Jeder kennt ihn: den Wunsch zu fliehen, den Gedanken, das alte Leben abzulegen, ein anderer sein zu können, vielleicht man selbst. Peter Stamm ist ein Meister im Erzählen jener Träume, die zugleich locken und erschrecken, die zugleich die schönste Möglichkeit und den furchtbarsten Verlust bedeuten. "Weit über das Land" ist ein Roman, der die alltäglichste aller Fragen stellt: die nach dem eigenen Leben.


    Der Autor

    Peter Stamm, geboren 1963, studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, u.a. in Paris und New York. Er lebt in der Schweiz. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor. Er schrieb mehr als ein Dutzend Hörspiele. Seit seinem Romandebüt „Agnes“ 1998 erschienen vier weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken, zuletzt der Roman „Nacht ist der Tag“ und unter dem Titel „Die Vertreibung aus dem Paradies“ seine Bamberger Poetikvorlesungen.


    Inhalt

    Thomas und Astrid lassen ihren letzten Urlaubstag im Garten ausklingen. Die Hecke, die Garten und Bewohner schützen soll und im Sommer Schatten spendet, wirkt plötzlich bedrohlich, das Grundstück wie von einer Mauer umgeben. Offenbar hat besonders Thomas diese Beklemmung empfunden; denn er bricht aus seiner Arbeitnehmer-Routine aus und marschiert statt zur Arbeit direkt in den Wald. Er versteckt sich vor anderen Menschen, entwickelt Szenarien, wie sein Leben von nun an sein wird, durchkreuzt seine Gedanken jedoch selbst. Vorbereitet ist sein Ausbruch nicht, aber Thomas hat wenigstens seine Sparkassenkarte dabei. In der Position als neutraler Beobachter habe ich Thomas wegen seiner Farblosigkeit einen Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben zunächst nicht zugetraut.


    Thomas war beruflich und privat ein Durchschnittsmensch, ohne Ehrgeiz, gerade darum schockiert seine Verweigerung des alltäglichen Trotts. Sein Weglaufen wirkt wie ein Versuch, der Überschaubarkeit und Durchschnittlichkeit seines Lebens zu entkommen. Mit wachsender Entfernung von zuhause wird seine völlige Erschöpfung durch ein ereignisloses Leben deutlich, auch dass Thomas seine Ehe nur als Fassade erlebt hat. Für Astrid ist das Verschwinden ihres Mannes noch etwas Abstraktes, das man in der Zeitung lesen könnte, das einen selbst jedoch nicht betrifft. Sie muss zwischen dem realen Thomas und ihren Fantasien unterscheiden lernen und rechtfertigt zunächst noch Thomas Abwesenheit gegenüber den Kindern und Thomas Kollegen. Sie weicht der Peinlichkeit der Situation aus, doch wenn Thomas nicht zurückkommt, wird sie als nicht berufstätige Hausfrau irgendwann kein Einkommen mehr haben. Ein Mann wie Thomas ist so durchschnittlich, dass es schwerfällt, bei der Polizei eine Personenbeschreibung abzugeben. Zu dem Polizisten, der Astrids Vermisstenanzeige aufnimmt, entwickelt sie eine besondere Beziehung, sie und Patrick bilden privat eine irritierende neue Einheit. Wenn Thomas in den Wäldern und Bergen bleiben will, braucht er endlich einen Plan, denn der Winter steht bevor und die Tiere werden schon ins Tal zurückgeholt. Die Handlung wird nicht linear erzählt, Rückblenden erzählen von den Figuren, ein Handlungsstrang schreitet bis in eine fantasierte Zukunft voran.


    Fazit

    Mit einer ungewöhnlich zurückgezogenen Hauptfigur und Peter Stamms vertraut distanziertem Erzählton kann „Weit über das Land“ an frühere Romane wie „Agnes“ oder „An einem Tag wie diesem“ anknüpfen.


    Zitat

    Sonst waren keine Menschen auf den Bildern, nur immer wieder zottelige Schafe mit schwarzen Köpfen und bunten aufgesprühten Farbmarkierungen, ganze Herde oder einzelne Muttertiere mit ihren Lämmern. Weiße Häuschen, die verstreut in der überdimensionierten Landschaft standen, Ruinen von Ställen, zusammengezimmerte Zäune, hohe Klippen und darunter das Meer, eine endlose Fläche, die sich am Horizont in der Helligkeit des Himmels verlor. Die Landschaft übte eine starke Anziehung auf Thomas aus, es schien ein Ort des Abschieds und zugleich der Ankunft zu sein.“ (Seite 198)


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    :study: -- le Clézio - Alma

    :musik: -- Jensen - Oxen 4.


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow


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    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • Ungewöhnlich, unglaublich klingt das fast unvorbereitete Verschwinden von Thomas. Eine Momententscheidung ? Oder doch gedrängt von einer immer wieder weggeschobenen Unzufriedenheit. Der Wunsch auszubrechen erscheint als normaler und näher wie gedacht : jedem irgendwann mal als Möglichkeit durch den Kopf gegangen. Doch dann kehrt(e) man – ohne jedwede äußerlich sichtbare Änderung – in den Alltag zurück. Alltag, der seltsam eingefahren erscheint, ein Einerlei an Wiederholung und Gewöhnung. Manchmal Sicherheit und auch Geborgenheit gebend, dann aber eben auch frustrierend.


    Stamm spielt meines Erachtens immer wieder mit diesem inneren und äußeren Hin und Her, Wanken und Schwanken. Auch die bleibende Astrid hatte als junge Mutter des Nachts den Weg zum Bahnhof eingeschlagen, schaute abfahrenden Zügen nach ! Und auch der weggehende Thomas findet irgendwann seine (neue) Rhythmen und Wiederholungen. Unvermeidbare und notwendige Sicherheiten ? Gibt es nach der « Auseinander- und Wegbewegung » dann irgendwann eine Rückwärtsbewegung ? Ist dies nun wishful thinking, Zukunftsvision oder Möglichkeit ?


    Stamm bleibt der distanzierte und nüchterne Erzähler, wie wir ihn kennen. Dennoch kommt er mir hier etwas empathischer vor… ?! Er verfolgt die inneren Schwankungen seiner beiden Hauptpersonen abwechselnd, anfangs in kürzeren Perioden, später, Jahre zusammenfassend. Mich hat berührt, wie zB Wegmarkierungen (Kapellen, Kreuze, Kirche) symbolisch für eine entschwundene Gewißheit stehen könnten, der man leise nachtrauert. Unsere Zeit ?


    Für mich bislang sein bester Roman (die Erzählbände fand ich bis jetzt stets besser).