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Alice Munro - Das Bettlermädchen / Who do you think you are?

Das Bettlermädchen: Geschichten von Flo ...

4.2 von 5 Sternen bei 3 Bewertungen

Verlag: Berliner Taschenbuch

Bindung: Broschiert

Seitenzahl: 345

ISBN: 9783833302503

Termin: 2008

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  • ... Geschichten von Flo und Rose


    Verlagstext

    Es gibt keinen besseren Einstieg in die wunderbare Welt der Alice Munro als ›Das Bettlermädchen, so Jonathan Franzen. Eines der Hauptwerke der Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro endlich wieder lieferbar – in neu durchgesehener Übersetzung. Munro entfaltet, einzigartig in ihrem Werk, in diesem Band die Geschichte zweier Frauen, Flo und Rose, über mehrere Jahrzehnte: Rose wächst bei ihrer Stiefmutter Flo in einer kanadischen Kleinstadt auf. Als sie den Muff des Alltags nicht mehr erträgt, zieht sie in die Welt, fängt an zu studieren, heiratet, hat Affären und macht Karriere beim Fernsehen. Flo bleibt in der Provinz zurück und vertreibt sich die Zeit mit Bingo-Spielen. Mit ihrem unvergleichlichen Gespür für die Herzensbildung ihrer Figuren hat Alice Munro mit dem ›Bettlermädchen‹ ein frühes Meisterwerk geschaffen.


    Die Autorin

    Alice Munro, geboren 1931 in Wingham, Ontario, ist eine der bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart. Sie erhielt 2013 die höchste Auszeichnung für Literatur – den Nobelpreis. Ihr umfangreiches erzählerisches Werk wurde zuvor bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Giller Prize, dem Book Critics Circle Award sowie dem Man Booker International Prize. Alice Munro lebt in Ontario, Kanada.


    Inhalt

    Alice Munros miteinander verknüpfte Geschichten von Flo und Rose (1978 im Original veröffentlicht), von Hildegard Petry übersetzt, sind in Deutschland unverändert bei Klett Cotta (1981), Ullstein (1983), dtv (1989) und im Berliner Taschenbuchverlag (2003) erschienen. Als Hardcover gibt es nun eine Neuauflage in durchgesehener Übersetzung.


    Als Reaktion auf die Vergabe des Nobelpreises an Alice Munro waren einige enttäuschte Reaktionen zu vernehmen, warum eine Autorin ausgezeichnet würde, die „nur“ Kurzgeschichten und die auch noch über Alltägliches schreiben würde. Die Nachzeichnung des Lebens einer jungen Frau aus dem ländlichen Ontario in Einzelgeschichten ähnelt in ihrer Aneinanderreihung von Episoden Munros „Wozu wollen sie das wissen“. Die kanadische Autorin erzählt auch in diesem Buch alltägliche Ereignisse aus dem Alltag von Mädchen und Frauen so exakt und stilistisch abgezirkelt, dass ihre Leser vermeintlich Vertrautes aus einem neuen Blickwinkel wahrnehmen.


    Rose bekommt nach dem Tod ihrer Mutter eine Stiefmutter, Flo, und der kleine Halbbruder Brian wird geboren. Das Pflichtbewusstsein, mit dem Flo in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ihre Aufgabe anpackt, könnte an eine Vernunftehe denken lassen. Damals war das nichts Ungewöhnliches. Flo nimmt den Kampf mit der widerspenstigen Rose auf; sie zeigt sich aber auch als geduldige Geschichtenerzählerin. Erwachsene waren in der geschilderten Zeit noch davon überzeugt, mit der Prügelstrafe nur das Beste für die Zukunft ihre Kinder zu tun. Munro beschreibt fein beobachtet den Kontrast zwischen dem mit Inbrunst strafenden Vater und Flo, die nur widerwillig und zum Schein schlägt. Sowie der Vater den Rücken gekehrt hat, tröstet Flo ihre Stieftochter und verwöhnt sie mit besonderen Leckerbissen. Diese Szene, in der Flo sich mit harmlosem Blick in ihrem Handeln weit von der herrschenden Meinung entfernt, finde ich charakteristisch für Munros listige Art des Erzählens. Roses Kindheit ist inzwischen Vergangenheit und ihr ist im Rückblick klar, dass Flo sich stets dem Vater unterordnete und ihre Ansichten durch passiven Widerstand ausdrückte. Flo wirkte nach außen nicht zu klug und war damit die ideale Frau für Roses Vater.


    Auch Roses Lehrerin weicht Konflikten aus, indem sie ihre Schüler in der Pause sich selbst überlässt und vorgibt, nichts von Quälereien der Kinder untereinander mitzubekommen. Und doch bereitet diese so passiv wirkende ältere Frau in jedem Jahrgang einige Schüler für die Aufnahmeprüfung zur Oberschule vor. Auch Rose überquert in doppelter Bedeutung die Brücke vom Dorf in die Stadt und muss als Oberschülerin zum ersten Mal spüren, wie abgeschieden, ärmlich und ungebildet sie bisher gelebt hat. Einen Unterschied zwischen Stadt und Land hat sie bisher nicht gekannt. Rose ist ein Landei durch und durch, als sie als Stipendiatin mit viel Glück in den Haushalt ihrer Mentorin Dr. Henshawe einzieht. Ob Roses Begegnung mit dem Doktoranden Patrick ein Glücksfall für sie ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Durch seine Beziehung zu einem „Bettlermädchen“ rebelliert Patrick zugleich gegen die Normen seiner wohlhabenden Familie und gegen das Erwachsenwerden. Rose und Patrick verstricken sich in eine komplizierte gegenseitige Abhängigkeit, in der Überzeugung, der andere Partner könnte nicht allein existieren. Als beide längst ein gemeinsames Kind haben, ist das Beziehungsdrama noch längst nicht beendet.


    Fazit

    Wer sich auf Munros anspielungsreichen Erzählton einlassen kann, bekommt von ihr sehr viel mehr als den Lebenslauf einer Aufsteigerin aus einfachen Verhältnissen erzählt. Viele Frauen haben zu Roses Zeit den ersten Schritt aus der Enge der Provinz vollzogen und viele Mütter wollen mit ihren Mitteln das Beste für ihre Kinder erreichen. In ihrer Beschreibung von Alltäglichem versteckt Alice Munro auch hier sprachliche Schätze und verschlüsselten Spott. Wie es sich in der Kriegs- und Nachkriegszeit in Flos Haut und der „der Lehrerin“ lebte und ob der Gang über die Brücke sich als Roses erster Schritt ins Unglück entpuppen würde, diese Frage hat mich bis zur letzten Seite nicht losgelassen. Ein zeitloser Text, der mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben hat.


    Zitat

    Ein Teil von Roses Schande bestand also darin, dass sie weiblich war, aber versehentlich, und nicht der richtige Typ Frau werden würde. Aber das war nicht alles. Das eigentliche Problem lag darin, dass sie alles in sich vereinigte und weitertrug, was er [der Vater] selbst für seine schlechtesten Eigenschaften halten musste. All die Dinge, die er in sich selbst niedergerungen und erfolgreich unterdrückt hatte, waren in ihr wieder zum Vorschein gekommen, und sie zeigte keine Bereitschaft, sie zu bekämpfen. Sie trödelte herum und träumte mit offenen Augen, sie war eitel und darauf erpicht, sich aufzuspielen, ihr ganzes Leben lag in ihrem Kopf. Sie hatte das nicht geerbt, worauf er stolz war und worauf er sich verließ – seine Handfertigkeit, seine Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit bei jeder Arbeit; sie war wirklich ungewöhnlich ungeschickt, schlampig und oberflächlich. Ihr Anblick, wie sie mit den Händen in der Spülwanne herumplantschte, während ihre Gedanken tausend Meilen weit weg waren, ihr Hintern, der schon dicker war als der von Flo, ihr wildes buschiges Haar – der Anblick dieses großen und trägen und in sich selbst versunkenen Wesens, das sie war, schien ihn mit Verwirrung, mit Schwermut, fast mit Ekel zu erfüllen.“ (Seite 81)

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