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Emily Fridlund - Eine Geschichte der Wölfe / History of Wolves

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Eine Geschichte der Wölfe

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Verlag: Piper Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 384

ISBN: 9783492238557

Termin: Juli 2019

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  • Übersetzer: Stephan Johann Kleiner


    Verlagstext

    In den dunklen Wäldern von Minnesota wächst Linda in den kläglichen Überresten einer Kommune auf. Ihre Eltern sind über das Scheitern ihrer Hippie-Ideale zu Eigenbrötlern geworden, in der High-School kommt sie sich vor wie eine Außerirdische. In ihrer Isolation fühlt sich Linda wie magisch hingezogen zu ihrer Klassenkameradin Lily und zu ihrem Geschichtslehrer, Mr Grierson. Es ist ein Schock, als der wegen des Besitzes von Kinderpornographie verhaftet wird und dann auch noch Lily von der Schule verschwindet. Linda hat niemand, mit dem sie über all das reden könnte. Da zieht eine Familie neu an den See. Alles bei ihnen scheint Linda gut und schön. Sie wird die Babysitterin des kleinen Paul und sehnt sich danach zu dieser heilen Familie zu gehören. Doch als Paul schwer krank wird, bleiben seine Eltern seltsam inaktiv. Soll Linda trotzdem einen Arzt rufen und damit das gute Verhältnis zu ihren "neuen Freunden" riskieren? Eine vielleicht unmögliche Entscheidung für eine Vierzehnjährige, die ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen wird.


    Die Autorin

    Emily Fridlund wuchs in Minnesota auf und lebt derzeit in der Finger Lakes Region des Staates New York. Ihre Prosa erschien in zahlreichen Zeitschriften; eine Sammlung ihrer Kurzgeschichten wird im Jahr 2017 in den USA erscheinen. Ihr erster Roman "Eine Geschichte der Wölfe" war in den USA nicht nur bei den Independent Booksellers ein Liebling und großer Erfolge, sondern auch bei Barnes & Noble. Seit Erscheinen wurden allein dort über 60.000 Hardcover verkauft.


    Inhalt

    Linda und Lily sind an ihrer Schule in Loose River/Minnesota die Freaks, über die ihre Mitschüler die Nase rümpfen. Lily hat nie bestritten, dass sie Ojibwe-Vorfahren hat, aber betont, dass die Hütte ihrer Eltern nicht innerhalb des Reservats liegt. Lindas/Madelines Eltern kamen in den 80ern des vorigen Jahrhunderts als Hippies in eine Kommune am See und sind irgendwie hängengeblieben. Von der Icherzählerin Linda liest man, dass die Hütte ihrer Familie 16x20 feet (30m²) groß ist. Wenn es im Winter zu kalt ist, um auf dem Dachboden zu schlafen, zieht Linda mit ihrer Matratze in die Küche. Im Winter ist die Piste zwischen der Hauptstraße und der Hütte natürlich nicht geräumt und Linda muss durch den Schnee zum Schulbus an der Straße stapfen. Wasser wird dann im Topf aus Schnee geschmolzen. Gearbeitet hat Linda seit ihrer Kindheit; hat Holz gehackt, Feuer gemacht, die Schlittenhunde versorgt und Fische ausgenommen. Als Mr Grierson als neuer Geschichtslehrer an Lindas Schule kommt, scheint der sich genau den beiden Außenseiterinnen in einer Weise zu nähern, die einem als Leser die Haare einzeln zu Berge stehen lässt. Obwohl Linda immer einen Beschützerinstinkt gegenüber Lily hatte, schafft sie es nicht, Lily vor Grierson zu warnen.


    Linda ist inzwischen erwachsen, hat einen Job in der Stadt und berichtet die Ereignisse ihrer Kindheit so wie sie sie damals erlebte, sachlich, ohne sich zu rechtfertigen. Dennoch könnte man ihre Aufzeichnungen als eine Art Verteidigungsschrift ansehen. Kurz nachdem Linda an einem Geschichtswettbewerb teilnahm mit ihrer „Geschichte der Wölfe“, wird auf der anderen Seite des Sees ein Haus mit auffälligen dreieckigen Fenstern gebaut. Die Gardners ziehen dort ein mit dem vierjährigen Paul. Im Winter ist das doch nichts für Städter, denkt Linda spontan. Ihre erste Begegnung mit den Gardners und ihr Babysitter-Job bei Paul bestätigen ihr, dass diese Familie ganz und gar nicht hierher passt. Wer jüngere Geschwister hat oder wessen Eltern etwas weniger exzentrisch sind als Lindas Eltern, würde sofort merken, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt und die noch sehr junge Patra Gardner in einem höchst eigenartigen Hörigkeitsverhältnis zu ihrem Mann steht. Doch Linda ist Einzelkind und hat bisher gelernt, den Mund zu halten und nur ja nicht aufzufallen. Lindas in der Gegenwart verfasste Andeutungen über ihre Zeugenaussage in einem Gerichtsverfahren lassen Schlimmes befürchten. Der Eindruck scheint sich zu bestätigen, dass sich mit dem Erscheinen von Mr Grierson in Loose River Übles zusammenbraute. Linda hat ihr Leben inzwischen wieder im Griff; dass es sich nur um die Fassade eines Lebens handelt, wird bald klar.


    Ohne zu viel von der Handlung zu verraten; es geht in Fridlunds bemerkenswertem (fiktiven) Erstling um religiösen Extremismus und die Frage, wer die Verantwortung für die Ereignisse bei den Gardners trägt. Hätte Linda etwas bemerken können, die sich angesichts der Gleichgültigkeit ihrer Eltern selbst oft fragte, ob sie evtl. ein Findelkind sein könnte. Verbietet es sich nicht von selbst, dass eine Jugendliche Hilfe sucht, die so lebt wie Linda? Neben Lindas Tonlage, von der der Roman lebt, haben mich besonders die Parallelen in den Ereignissen fasziniert. Das prägende Verhalten von Lindas Mutter, das Sprechen über Dinge, für die einem die Worte fehlen, die Abgrenzung zwischen exzentrischem Verhalten und Straftatbestand oder auch die Übergänge zwischen Denken, Glauben und Handeln. Gerade die im vorliegenden Fall gezeigte Toleranz gegenüber religiösem Extremismus wirft für mich die Frage auf, was wir in Deutschland unter dem Mantel von Toleranz zu dulden bereit sind – und wer für eine deutsche Linda eine Vertrauensperson hätte sein können.


    Fazit

    Eine sprachlich beeindruckende Coming-of-Age-Geschichte, auf der Short List für den Man Booker Prize.


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