Die Ergebnisse der Leserlieblinge-Wahl im BücherTreff

Christoph Hein - Horns Ende

Affiliate-/Werbelink

Horns Ende

4.5|2)

Verlag: Suhrkamp Verlag

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 272

ISBN: 9783518399798

Termin: Dezember 2002

Anzeige

  • Zum Inhalt:


    Fünf sehr verschiedene Erzähler erinnern sich Anfang der 1980er Jahre an ein Ereignis, das ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Am 1. September 1957 brachte sich der Leipziger Historiker Dr. Horn im Wald nahe bei der Kleinstadt Guldenberg im Kreis Wildenberg um.

    Über acht Kapitel hinweg kommen Einwohner aus Guldenberg in 39 Beiträgen zu Wort. (...) Die Erzähler sind

    - Dr. Spodeck, behandelnder Praktischer Arzt Horns,

    - Thomas, 12-jähriger Sohn des Apothekers Puls, Paul Fischlingers Freund,

    - Gertrude Fischlinger, Pauls Mutter, Horns Zimmervermieterin,

    - Kruschkatz, Bürgermeister, ehemals Historiker in seiner Heimatstadt Leipzig und

    - Marlene Gohl, (...) Tochter des Kunstmalers Gohl.

    (...)

    (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Horns_Ende, gekürzt; die Inhaltsangabe bei amazon finde ich vom thematischen Schwerpunkt her irreführend und z.T. verrät sie schon zuviel)



    Meine Meinung:


    Ich habe diesen Roman gern gelesen und bin sehr froh, auf dieses Stück DDR-Literatur gestoßen zu sein.


    "Horns Ende" ist kein Buch, das man mal eben geschmeidig wegschmökern kann. Dafür sorgen zum einen die unterschiedlichen und ständig wechselnden Erzählperspektiven, in die man sich erst einmal hineinversetzen und aus deren Berichten man sich scheibchenweise das Geschehen und seine ProtagonistInnen zusammensetzen muss. Zum anderen bleibt auch vieles in diesem Roman ungesagt, nur angedeutet oder gänzlich offen - für meinen persönlichen Geschmack zu viele lose Fäden.


    Fasziniert hat mich die Darstellung des Gefangenseins der Figuren in Zwängen verschiedener Art; allen voran natürlich durch die politisch-gesellschaftliche Situation in der DDR, wo der Druck, sich anzupassen, und das Denunziantentum der Nazizeit - nur unter anderen Vorzeichen - munter weiter "gepflegt" wurden. Unter diesem Aspekt bietet der Roman scharfsichtige Einblicke in ein beklemmendes Stück Zeitgeschichte. Insbesondere das Geschehen um den abgesägten Historiker Horn, wenn auch nicht alles offengelegt wird, zeigt den Irrsinn des Überwachungs- und angestrebten Gleichschaltungssystems der DDR auf.


    Eine kritischere Sicht der erzählenden Figuren auf das Geschehen 30 Jahre zuvor hat mir gefehlt, v.a. bei Thomas, dessen Wahrnehmung die eines Kindes war und von dem man im Nachhinein nun wirklich ein wenig Reflexion hätte erwarten können. Die Kapitel um Kruschkatz und Dr. Spodeck hätten auch gern zugunsten von Marlene und Gertrude Fischlinger gekürzt werden können, deren Lebensumstände und -perspektiven mich viel mehr interessiert hätten, als der Roman hier Einblick gewährt.


    Insgesamt kann ich die Lektüre des Romans allen LeserInnen, die an den Lebenswelten in einem totalitären Regime interessiert sind, nur empfehlen, auch wenn insbesondere das weitgehend offene Ende des Romans mich persönlich ein wenig unzufrieden hinterlassen hat. Ich kann nachvollziehen, wie es dazu kommt, denn das Buch ist auf jeden Fall auch ein Lehrstück über das Schreiben von DDR-AutorInnen, die, wenn sie regimekritisch schreiben wollten, ständig den Spagat meistern mussten, dass ihre Texte deutlich genug sein sollten, um ihren Anliegen zu entsprechen, aber verschlüsselt / verschleiert genug, um dennoch die Zensur zu passieren. Das führt zu einer Dichte von Andeutungen, Zweideutigkeiten und Leerstellen, bei denen ostdeutsche LeserInnen sich schon gewohnheitsgemäß ihren Teil denken konnten, die sich aber westlich sozialisierten LeserInnen sicher nur schwer erschließen. Bei mir als DDR-Kind wurden sofort altbekannte Beklemmungen ausgelöst, verbunden mit der großen Erleichterung darüber, dass dieser Staat vor knapp 30 Jahren sein Ende gefunden hat.


    Interessant ist bei diesem Buch auch die Veröffentlichungsgeschichte - war es doch offenbar der einzige systemkritische Roman, der trotz ausdrücklichen Verbotes noch zu DDR-Zeiten (1985) bei Volk und Wissen aufgelegt wurde bzw. seine kleine DDR-Auflage einem widerspenstigen Mitarbeiter (Drucker?) verdankte. Mir war bisher nicht bekannt, dass so etwas überhaupt möglich war. Auch dies wirft ein eindrückliches Licht auf die beinahe alles erfassenden Kontrollmechanismen in der DDR.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    Lg Sarange :cat:



    :study: Maryse Condé: Segu

    :study: Wolfgang Seidel: Die Weltgeschichte der Pflanzen


    :musik: Erik Fosnes Hansen: Das Löwenmädchen

Anzeige