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Robert Coover - Die öffentliche Verbrennung / The Public Burning

Die öffentliche Verbrennung

4 von 5 Sternen bei 1 Bewertung

Verlag: Rowohlt

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 638

ISBN: 9783499121975

Termin: 1988

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  • Die Originalausgabe des Romans erschien unter dem Titel „The Public Burning“ im Jahr 1977 in New York im Verlag Viking Press. In London wurde der Roman im gleichen Jahr als Penguin-Imprint bei Allen Lane verlegt.


    1980 wurde die französische Übersetzung von Daniel Mauroc unter dem Titel „Le bûcher de Times Square“ im Verlag Le Seuil in Paris veröffentlicht.


    1983 wurde im Verlag Hermann Luchterhand in Darmstadt und Neuwied eine deutsche Übersetzung aus dem Amerikanischen unter dem Titel „Die öffentliche Verbrennung“ veröffentlicht, übersetzt von einer Arbeitsgruppe. 1988 brachte der Rowohlt-Verlag eine Taschenbuchausgabe dieser Übersetzung auf den Markt. Sie umfasst 636 Seiten. Umschlaggestaltung: Ian Pollock.


    Der Roman ist ein klares Kind der Postmoderne und versammelt verschiedene Textarten von Prosa, Drama und Gedichten bis zu Zeitungsschlagzeilen und Werbesprüchen, die wild zusammengemischt werden. Er befasst sich mit Ereignissen rund um die Exekution des wegen „Atomspionage“ zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilten jüdischen Ehepaares Julius und Ethel Rosenberg im Juni 1953 während der Hochphase der sogenannte McCarthy-Ära und schildert die letzten drei Tage vor ihrer Hinrichtung, erzählt überwiegend aus der Sicht von Richard M. Nixon, der seinerzeit US-Vizepräsident unter Dwight D. Eisenhower war. Das Buch war bei Erscheinen in den USA ein Skandalerfolg.


    Leser, die gerne historische Romane schmökern, bitte ich gleich, Euch ein anderes Buch vorzunehmen als gerade dieses.:-, Wer in blinder Ergebenheit an die Macht der Fakten glaubt, man könne sich einer historischen Epoche nur mit den quellenkundlichen Mitteln der Geschichtswissenschaft nähern, um besondere Eigenheiten einer Zeit begreifbar zu machen, wer also gleichzeitig glaubt, die Fähigkeiten eines Literaten wären doch sehr begrenzt, durch Fokussierung, Auswahl, Satire und Übertreibung bestimmte Eigenheiten einer historischen Epoche, eines Augenblicks oder eines Zeitgeistes klar herauszukehren und in der Zuspitzung sichtbar zu machen, wer somit jeden entsprechenden literarischen Ansatz für erbärmlich subjektiv und gegenüber historischer Objektivierung für zu vernachlässigen hält, der wird dieses Buch nicht verstehen oder es sogar hassen. Dabei sind gerade Literaten, wenn sie mit den Mitteln der Satire arbeiten, in der Lage, durch Überspitzung Abkürzungen durch die Zeiten zu wählen und dem Leser Unmengen an Buchseiten zu ersparen: Günter Grass hätte auch etliche authentische Situationen nachbilden können, um in der „Blechtrommel“ den Umgang mit der Nazivergangenheit im sich wieder berappelnden Nachkriegsdeutschland einfangen zu können, aber lieber lässt er sich die Schickeria als Abendvergnügen in Nachtklubs und Jazzkellern zum gemeinsamen Zwiebelschneiden treffen, um schön gemeinsam weinen zu können und sich dabei toll zu finden. Ein treffendes Bild ersetzt die Quellenlektüre - nur für den Leser, nicht für den Autor, der natürlich mit der Materie hinreichend vertraut sein muss, um ein aussagekräftiges Bild, eine treffende Übertreibung zu wählen. Nur muss er seinen Weg bis zur „Erkenntnis“ nicht alle paar Meter belegen. Und schon wird der historisch interessierte Leser misstrauisch, weil er nur den Quellen, aber nicht den Autoren vertraut. Und Vertrauen muss man Robert Coover als Leser schon entgegenbringen, sonst trägt es einen bei den vielen Kröten, die man schlucken muss, und den vielen Volten, die die Handlung schlägt, leicht aus der Kurve.:wink:


    Man könnte sagen, in diesem Roman, der an reale Vorgänge der McCarthy-Ära angelehnt ist, tauchen etliche Figuren auf, die zufälligerweise die Namen realer Figuren der Zeitgeschichte tragen, angesiedelt in einem mythischen 1950er-Amerika. Zwischendurch wimmelt es von Fleisch gewordenen Mythen der Zeitgeschichte wie Uncle Sam, einer Symbolfigur der USA, und seinem Gegenspieler dem „Phantom“, was das „Gespenst“ des Kommunismus meint, das in der Welt umgeht. In Szene gesetzt wie das Aufeinandertreffen zweier Superhelden, wobei das „Phantom“ als gesichtsloses Schreckgespenst formlos bleibt, Uncle Sam jedoch auch etliche unangenehm fiese Seiten aufzieht, die auch einem Teufel gut zu Gesicht ständen. Wie ist es wirklich um die USA in ihrem Wesenskern gestellt? :PAußerdem taucht als mit der nationalen Dichterkrone geehrter Poeta laureatus die Zeitschrift TIME auf, später auch sein kleiner Bruder LIFE, außerdem etliche bekannte Namen wie Marilyn Monroe, Winston Churchill, die Marx Brothers und William Faulkner sowie die bekannte Hausfrauen-Werbefigur Betty Crocker.


    Und dann wählt sich Coover als Hauptfigur ausgerechnet den damaligen (ab 1953) US-Vizepräsidenten Richard Milhous Nixon und zeigt ihn entgegen dem Zeitgeschmack nach dem Watergate-Skandal Mitte der 1970er überraschenderweise sogar als die im Grunde sympathischste und rundeste Figur des Romans, obendrein wohl als die einzige Figur, der Zweifel an der Schuld der Atomspione Julius und Ethel Rosenberg kommen. Und solche Zweifel sind ja auch sehr berechtigt. Bis heute ist nicht endgültig geklärt, was damals geschehen ist, und der Prozess gegen das Ehepaar, in dessen Verlauf etliche Verfahrensfehler unter den Teppich geschoben wurden, sich auf eine Weise verselbstständigte, der eine freie Rechtssprechung fern jeden gefühlten politischen Drucks fast unmöglich zu machen schien. Soll man das Todesurteil gegen die Frau vielleicht in lebenslange Haft umändern? Aber schicken dann nicht die Russen in jedem Fall – und das ganz unabhängig davon, ob Ethel Rosenberg schuldig ist oder nicht – demnächst nur noch weibliche Spione? Ja, dann lassen wir es besser bei der Todesstrafe: Jedes Gnadengesuch wird abgelehnt. Die Todesstrafe im Roman wird auf großer Bühne auf dem Times Square in New York City durchgezogen, als großes Showprogramm mit Walt-Disney-Unterstützung und in der Regie von Cecil B. DeMille, vor tausenden von Zuschauern und im Fernsehen rund um die Welt übertragen. Die nationale Suche nach einem Sündenbock, der geopfert werden kann, um die alte Stärke wiederzuerlangen, wird so denkbar furchtbar auf die Spitze getrieben. Die „öffentliche Verbrennung“ des Titels verbindet die Geschehnisse obendrein mit der unmenschlichen, willkürlichen Rechtspflege aus vormodernen Zeiten.


    Ja, der Roman ist vielleicht etwas zu lang, manches scheint sich zu wiederholen. Aber das scheint mir der Preis zu sein, wenn eine Geschichte so sehr im Exzess badet, wie dieser Roman, der die Ansichten über die Wirklichkeit so verzerrt, dehnt und umstellt, um einen Blick auf die „wahre Wirklichkeit“ zu erhaschen, wie sie sich in Mythen, Stereotypen und Vorurteilen in dem Bewusstsein der Bevölkerung niederschlägt. Den aufgetürmten Irrsinn so durchschütteln, um den verschütteten Irrsinn zu erkennen. An der Hand genommen von dem Mitte der 1970er vielleicht größten denkbaren Polit-Halunken Nixon, hinter dessen verblüffend sympathischer Darstellung all die typischen Nixon-Züge durchschimmern, die man so kennt: sehr ambitioniert, wenn auch unsicher, nach Absicherung strebend, Kommunistenfresser und auf Außenwirkung bedacht, verschlagen, mit etwas schmierigem Charisma, jämmerlich, neidisch und paranoid. Was Coover dem Leser dadurch aber auch zeigt, ist, dass Figuren wie Nixon höchstens als Handlanger des Bösen taugen, das wahre Böse aber woanders schlummert: in den Ideen und dem politischen Wahn, vielleicht im Ausschließlichkeitsstreben von Uncle Sam, das den gesunden Menschenverstand am langen Arm verhungern lässt, wenn die eigene Macht behauptet und mit allen Mitteln verteidigt wird. Die Pfründe sind längst verteilt. Die quasi religiöse Verteidigung des eigenen Lebensstils ist nicht selbstlos. Und so ist der Höhepunkt des Romans, so bemüht plakativ er daherkommt, doch auch wieder konsequent: Die Inkarnation der Idee der USA in der Gestalt des zukünftigen Präsidenten erscheint nicht anders als eine Vergewaltigung des Menschen.:puker:


    Ein außergewöhnlicher Roman, stärker mit Gedanken als mit Handlung angefüllt, meist erzählt aus der Sicht von Richard Nixon, manchmal aber auch völlig frei drehende Kapitel, wie als ein namenloser Mann nach dem Besuch einer 3-D-Kinoverstellung vergisst, die Spezialbrille abzusetzen, und bei dem Gang durch die Stadt ziemlich durchdreht.:loool: Ein Roman, der über die Stränge schlägt, völlig überraschende Volten schlägt, dabei den 1950er-Zeitgeist des Kalten Krieges sehr gut einfängt, politische Themen durchackert und Charaktere hin und her boxt, oft auch in sehr drastischer Sprache, der selten langweilig – und wenn man ermüdet, dann eher durch Exzess – aber zwischendurch auch mal nervt. Allerdings eckt man auch nicht an, wenn man allen immer gefällt. Wie hier durch politische Satire und grelle Übertreibung eine Epoche und ihr Zeitgeist aufgeschlossen wird, ist ein böses, groteskes, erhellendes Vergnügen von seltenem Sprachkraftirrsinn!:thumleft:

    Emilio Salgari "Das Geheimnis des schwarzen Dschungels" (283/342)

    Hans Sahl "Die Wenigen und die Vielen" (114/366)


    Jahresbeste: Herbert Lieberman (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
    Gelesen: 75 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Olga Tokarczuk "Der Schrank" (23.11.)

  • Der Autor (Wikipedia): Der am 4. Februar 1932 in Charles City, Iowa, geborene Robert Coover ist ein amerikanischer Schriftsteller. Als Vertreter des Postmodernismus verwendet er in seinen experimentellen Werken häufig das Prinzip der Montage und durchzieht seine Romane mit Werbeslogans, Leuchtschriften und Schlagzeilen und erweiterte so die narrativen Möglichkeiten des Romans. Er gilt neben Thomas Pynchon, William Gass, Donald Barthelme und John Barth als bedeutendster Vertreter der amerikanischen literarischen Avantgarde.


    Kurzbeschreibung (Rowohlt-Klappentext): „Die öffentliche Verbrennung“ ist die Hinrichtung von Ethel und Julius Rosenberg, die am 19. Juni 1953 als „Atomspione“ in Sing-Sing auf dem elektrischen Stuhl starben: nach einem Prozess, in dem sie bis zuletzt ihre Unschuld beteuert hatten … Coover geht seinem Stoff mit buchstäblich allen literarischen Mitteln zu Leibe, kompiliert Gedichte aus „Time“-Artikeln, eine Litanei aus Eisenhower-Reden, montiert Schlagzeilen, Werbeslogans und Leuchtschriften, fügt Theater-Szenen ein … Wie mit den Genres verfährt Coover auch mit den Tatsachen: Er mischt und schüttel sie, wirbelt sie um- und durcheinander, enstellt Vorgänge bis auf die Knochen. Schon die Grundannahme des Romans ist eine fiktive Verdeutlichung der Fakten. „Die öffentliche Verbrennung“ der Rosenbergs findet im Rahmen eines gigantischen Show-Programms auf einer Bühne statt … Es ist das Entsetzen, mit dem da Scherz getrieben wird, und Coovers Kunst besteht darin, Grauen und Komik aneinener zu steigern“ (Yaak Karsunke in „Der Spiegel“). „In seinen besten Momenten ist Coovers Roman eine bösartige, sarkastische, intelligente und historisch fundierte Abrechnung mit einem von sich selbst überzeugten amerikanischen Sendungsbewusstein, das unter dem Deckmantel der Rettung von Freiheit und Demokratie immer auch auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Er bietet eine erschreckende und in ihrer Verzerrung gleichzeitig komische Vision des amerikanischen Traums.“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“)

    Emilio Salgari "Das Geheimnis des schwarzen Dschungels" (283/342)

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    Letzter Buchkauf: Olga Tokarczuk "Der Schrank" (23.11.)

  • Die Originalausgabe unter dem Titel „The Public Burning“ erschien zuerst 1977 in New York. Angehängt ist eine Ausgabe im Verlag Grove Press aus dem Jahr 1998, meines Wissens nach mit dem Titelbild der Erstausgabe.

    Emilio Salgari "Das Geheimnis des schwarzen Dschungels" (283/342)

    Hans Sahl "Die Wenigen und die Vielen" (114/366)


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  • Die französische Übersetzung von Daniel Mauroc unter dem Titel „Le bûcher de Times Square“ im Verlag Le Seuil in Paris veröffentlicht.

    Emilio Salgari "Das Geheimnis des schwarzen Dschungels" (283/342)

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