Max Goldt - Die Kugeln in unseren Köpfen

Anzeige

  • Ich musste heute morgen in einem Wartezimmer sitzen und hatte als Lektüre die gesammelten Titanic-Kolumnen dabei.
    Bisher konnte ich nur die erste lesen (Wer dies liest, war vielleicht schonmal im Harz)


    Ich habe bereits "Ä" von Max Goldt gelesen, welches mir gefallen hat, und ich weiterempfehlen kann.
    "Die Kugeln in unseren Köpfen" habe ich als Mängelexemplar erstanden.

  • Da dies ja eine Rezension sein sollte ist folgendes vielleicht hilfreich:


    Neue Zürcher Zeitung
    Immer schön dippen
    Max Goldt und seine Vorläufer


    Eine zentrale Figur der bildungsbürgerlichen Tradition ist der kulturkritische Mahner und Warner. Die Autorität seines Mäkelns und Strafens, seiner Richtlinien und Weissagungen leitet sich geistesgeschichtlich – Max Weber bereits hat es gezeigt – von der «prophetischen Revolution» des antiken Judentums und des Islam ab. Auf der Rechten wie auf der Linken gehört die kulturkritische und -pessimistische Prophetie heute allerdings längst zur bundesdeutschen Alltagsfolklore.


    Ihr typischer Vertreter ist denn auch nicht mehr der stimmenhörende «Nabi», der – staubbedeckt, im härenen Gewand, gesträubten Bartes – aus der Wüste, wo er die Stimme Gottes vernommen hat, auf den Marktplatz stürzt, um die nahe Ankunft der Barbaren und den Untergang des in Sybaritentum verkommenen Gemeinwesens zu weissagen. Der kulturpessimistische Prophet tritt heute auf «in der Gestalt des Germanistikprofessors, der seine Stelle der Neugründung einer Massenuniversität verdankt; um dann von dieser Stelle aus in immer denselben Zeitungsartikeln die Studenten dieser Massenuniversitäten dafür zu kritisieren, dass sie bildungsunfähig, desinteressiert, lethargisch seien und statt zu lesen lieber in die Disco gehen, und man kann vollkommen sicher sein, dass dieser Typ Student ausschliesslich im Kopfkino dieses Typs Professor existiert» (Michael Rutschky).


    Damit ist das Dilemma der modernen Untergangsmahner und Nationalpräzeptoren umrissen: es gibt zu viele von ihnen. Es hört ihnen deshalb keiner mehr zu. Alle wollen weissagen, keiner will mehr Ohren haben, zu hören. Es hat eine Art «prophetische Revolution» des Kleinbürgertums stattgefunden. Aus dem einsamen Mahner und Warner, der seine Distinktion doch daraus ableitete, dass Gott seine Untergangsprophetie nur ihm, dem Einzelnen, anvertraut und allein ihn damit aus der stumpfen und dumpfen Masse hervorgehoben hatte, aus dem einsamen Warner und Mahner ist ein Massenphänomen geworden.


    Dieser – objektiv komische – Befund ist das Thema Max Goldts. «Nun habe ich Stellung bezogen zu Fragen der sommerlichen Körperpflege und Kleidung. Menschen, die nicht starrköpfig sind, sondern sich zu ihrer Hilfebedürftigkeit bekennen, werden es mir danken. Ansonsten darf man, wenn es heiss ist, seinen Teller nicht mit sämigen Sossen beladen, sondern nur mit superleichten Dips und Dressings. Immer schön dippen! Sonst kippt man um. Und tüchtig trinken muss man. Auch hier gibt es eine Regel: Alkohol erst, wenn es dunkel ist.» Was ist an so etwas eigentlich komisch?


    Tantenhafte Mahner


    Komisch ist an den in den beiden Büchern gesammelten Goldtschen Kolumnen – sie sind über die letzten Jahre in der Zeitschrift «Titanic» erschienen –, dass dem Gestus des tantenhaft-kulturkritischen Mahners der fünfziger Jahre die Durchschnittsansichten des aufgeklärt-deklassierten Kleinbürgers von heute aufgetragen sind. Semi-Einsichten des in der Neubauwohnung herummosernden akademisch ausgebildeten Halbarbeitslosen der neunziger Jahre.


    Komisch ist ausserdem, dass sich in diesem «Onkel Max» und im erhabenen Quatsch seines «Kulturtagebuchs» in «Titanic» fast jeder Leser unwillkürlich wiedererkennt. Ich jedenfalls fühle mich von seinen Deliberationen, Reformprojekten, Verdammungen und Handreichungen lebhaft erinnert an die Gedanken, die ich selber mir so beim Bügeln mache – oder während ich mein Badezimmer putze. Millionen von Hausfrauen, vermute ich, denken wie Max Goldt, und das ist passagenweise wirklich unwiderstehlich komisch.


    Beispielsweise, wenn Jedermann Goldt über die «Unsitte» (um den Zentralterminus des kleinbürgerlichen Kulturkritikdiskurses zu benutzen) sinniert, allerlei im Supermarkt wohlfeil und qualitativ hochwertig erstehbare Esswaren auf Biegen und Brechen selbst herzustellen, einzukochen, einzulegen, zu backen und zu marinieren. Dann stellt er fest: «Mir fallen auf Anhieb lediglich drei Dinge ein, von denen ich noch nie gehört habe, dass jemand sie selber macht: Salzstangen, Mohrenköpfe und Fischstäbchen.»


    Derlei also ist komisch. Unter dem Blickwinkel der richtigen Beleuchtung jedoch läuft es einem bei der Lektüre dieser komischen Texte kalt den Rücken herunter, und darin besteht das wirklich kritische Moment der Goldtschen Kolumnen.


    Ich will versuchen, diesen Blickwinkel herzustellen, indem ich zwei Zitate nebeneinanderstelle. Eines ist von Max Goldt. Das andere ist aus einem der am meisten ernstgenommenen und beachteten Bücher der achtziger Jahre, dem ersten Essay- oder besser «Denkbild»-Band eines bedeutenden Dramatikers. Es folgt Zitat Nummer eins: «Nach der Vernissage gehen sie heim und hören Lisa Stansfield oder, wer weiss, vielleicht sogar die CD ‹Emozioni 2 – Schmusen auf italienisch›. Ihren Anspruch auf Zugehörigkeit zur Welt der Kultur haben sie ja schon mit Anwesenheit beim Schmierbild-Stelldichein geltend gemacht. Ein Bild kann man zwei Sekunden betrachten und begeistert losquietschen, ganz gleich, wie widerlich es ist. Sichtbares schmerzt nicht mehr.»


    Zitat Nummer zwei: «Das fernsehsüchtige Fürsorge-Mädchen mit seinem schönen kindlichen Punkschädel, dem kurzen, schwarzgefärbten Stachelhaar fragt dem Japaner Löcher in den Bauch, ob es in seiner Sprache irgend etwas gäbe, das in der deutschen nicht vorhanden wäre. Als er alle möglichen Eigentümlichkeiten nennt, diese aber doch auf deutsch umschreiben kann, winkt sie ab: ‹Ich seh schon, da gibt es auch nichts, was ich nicht schon wüsste.› Sie ist 14, höchstens 16 Jahre alt, hat keine richtige Schule besucht . . .» Und so weiter. Natürlich haben Sie es gleich herausbekommen – während das erste Zitat von Goldt ist, habe ich das zweite dem Buch «Paare Passanten» von Botho Strauss entnommen.


    Freiheit und Unverschämtheit


    Man kann die Gemeinheit des Zitierens aber noch weiter treiben und erhält dann das wirklich haarsträubende Treffende an Max Goldts Satiren auf die kulturkritische Prophetie: «Dass in der repressiven Gesellschaft Freiheit und Unverschämtheit aufs gleiche hinauslaufen, bezeugen die sorgenlosen Gesten der Halbwüchsigen, die ‹Was kost die Welt› fragen, solange sie ihre Arbeit noch nicht verkaufen. Zum Zeichen dessen, dass sie auf niemand angewiesen sind und darum keinen Respekt haben müssen, stecken sie die Hände in die Hosentaschen. Die Ellenbogen aber, die sie dabei nach aussen kehren, sind schon bereit, jeden zu stossen, der ihnen in den Weg kommt.»


    Richtig: das ist von Theodor W. Adorno. Aus den «Minima Moralia», einem unserer wirklich bedeutenden, ja ehrwürdigen Jahrhundert-Bücher. Und doch erinnert einen die Art, wie hier ein vermutlich völlig harmloser Sechzehnjähriger unterm Medusenblick des Kulturkritikers in die Allegorie des Bösen verwandelt wird, bestürzend genau an «Onkel Max' Kulturtagebuch». Und wer noch schlagender, noch fataler an Max Goldt erinnernde Passagen eines grossen Mannes lesen möchte, kann sich – was in sich wiederum nicht unkomisch ist – getrost an Max Horkheimers «Dämmerungen» halten.


    Max Goldt deckt eine Quelle der Wichtigtuerei nicht nur in unserer intellektuellen Alltagsfolklore, sondern auch in unserer intellektuellen Hochtradition auf. Die Radotagen seines schwadronierenden Kleinbürgers zeigen Kulturkritik, Kulturpessimismus und kulturelle Weltuntergangsstimmung als Distinktionsstrategien, die in der modernen Massendemokratie ihr Ziel komisch verfehlen. Das ist der Grund seines Heiterkeitserfolgs bei uns Kulturkritikern, bei uns allen. Und Botho Strauss' «Anschwellenden Bocksgesang» beispielsweise können Max-Goldt-Leser komischer- und erfreulicherweise nicht mehr lesen, ohne dass sich unwillkürlich eine merkwürdige Heiterkeit auf ihren Zügen ausbreitet.


    Stephan Wackwitz -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


    Kurzbeschreibung
    Dieses Buch enthält Max Goldts gesammelte Titanic-Kolumnen der Jahre 1993 bis 1994, acht unpaginierte Farbseiten, viele Schwarzweißabbildungen sowie einige Zeichnungen von Tex Rubinowitz.

    :study: Ich bin alt genug, um zu tun, was ich will und jung genug, um daran Spaß zu haben. :totlach:

  • Also ich hatte mich mal rangemacht, hab jetzt aber abgebrochen! Fands ziehmlich langatmig und so witzig wie ich Kolumnen erwarte war es jetzt auch nicht :( Vielleicht bin ich auch einfach zu doof um den Witz zu verstehen :scratch: (kann natürlich auch sein)...


    Jedenfalls glaube ich nicht, dass ich das Buch noch fertig lesen werde...

    In diesem Sinne
    Die Gredel



    "Liest du ein Buch, lernst du einen Freund kennen. "
    Chines. Sprichwort

Anzeige