David B. - Epileptic

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Epileptic (Pantheon Graphic Library)

4.5|1)

Verlag: Pantheon

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 368

ISBN: 9780375714689

Termin: Juli 2006

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  • EPILEPTIC



    von David B.



    Die vorliegende Graphic Novel habe ich zufällig während eines Urlaubs in einem Comicshop in London gefunden. Gereizt haben mich vornehmlich die interessante Inhaltsangabe und die außergewöhnlichen Zeichnungen. Zunächst war ich davon ausgegangen, dass es sich bei David B. um einen englischen Autor handelt, merkte aber schnell, dass es sich bei David B. um einen gewissen Pierre-Francois Beauchard handelt. Der hat in dieser Graphic Novel seine eigene Lebensgeschichte geschrieben.


    Inhalt: Pierre-Francois Beauchard verlebt eine unbeschwerte Kindheit mit seiner jüngeren Schwester, und seinem älteren Bruder in Orleans. Diese endet abrupt, als sein älterer Bruder Jean-Chistophe erstmals einen epileptischen Anfall bekommt. Was folgt, ist eine Odyssee der Familie durch Wartezimmer und Untersuchungsräume diverser Ärzte. Als die klassische Schulmedizin keine Lösung finden kann, wenden sich die Eltern alternativen Methoden zu. Es folgen lange Jahre von zahllosen Behandlungen bei Wunderheilern, Scharlatanen, makrobiotischen Kommunen, Gurus, Exorzisten, Heilpraktiker etc. Und auf jede Hoffnung folgt stets tiefe Enttäuschung.


    Jedes Familienmitglied verarbeitet diese Katastrophe auf seine Weise. Der erkrankte Jean-Christophe ergeht sich in eine Hingabe zu Diktatoren wie Hitler, um einen Fixpunkt in seinem Leben zu finden und dadurch das Durcheinander in seinem Kopf zu ordnen. Pierre-Francois verfällt dagegen dem zeichnen von riesigen mittelalterlichen Heeren in grausamen Schlachten. Das Thema Krieg ist dabei in der Familie sehr ausgeprägt. In Rückblenden erzählen die Großeltern und Familienmitglieder über ihre erschütternden Erlebnisse im 1. und 2. Weltkrieg und dem Algerienkrieg.


    Das besondere an dieser erschütternden Graphic Novel ist die Tatsache, dass sich diese fast ausschließlich über die Zeichnungen ausdrückt. Der Text ist dabei fast wie ein kühler Bericht abgefasst, der die Ereignisse der Jahre umfasst. Die dahinter steckenden Gefühle und Ängste von David B. drücken sich in den düster gehaltenen schwarzen Tuschezeichnungen aus. In den expressionistischen Zeichnungen stößt Autor und Zeichner Pierre-Francois Beauchard eine unheimliche Tür in die Welt seiner tiefsten Ängste und Abgründe auf.


    So werden Elemente aus den verschiedensten Epochen der Menschheit verarbeitet: mittelalterliche Schlachtgemälde, biblische Stiche und Symbole sowie verschiedenste surrealistische Darstellungen. Als unheimliches Beispiel sei wohl hier eine von Pierre-Francois eingebildete Schlange zu nennen, die sich bei jedem Anfall um Jean-Chistophes grotesk verbogenen Körper windet. Diese Schlange ist immer wieder Thema, sie sitzt drohend mit am Esstisch und fährt mit auf Reisen. Je älter Pierre-Francois wird und je rationeller sein Denken wird, desto mehr verschwindet die Schlange. An deren Stelle tritt, vielleicht auch als Ausdruck gegen den Hass auf den Bruder und die Krankheit, ein optisch veränderter Jean-Chistophe. Er bekommt dunkle Schatten und Streifen im Gesicht und Körper und wirkt ab da bedrohlich auf den Betrachter.


    Fazit: Diese -360- Seiten umfassende Graphic Novel ist schon eine ziemliche Herausforderung an mich gewesen. Es ist ein Musterbeispiel einer rundum gelungenen graphischen Erzählung. Nahezu jedes Bild ist schon ein Kunstwerk für sich und muss lange betrachtet werden, um auch jede Kleinigkeit darin zu erkennen und zu verstehen. So zog sich die gesamte Lektüre da fast über einen ganzen Monat hin, da ich nur immer wenige Seiten gelesen habe, um nicht den unheimlichen Eindrücken überfüttert zu werden.


    Nachtrag: Das Werk ist hierzulande unter dem Titel "Die heilige Krankheit" in der Edition Moderne erschienen: https://www.amazon.de/Die-heil…eit-David-B/dp/3037310073

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