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Juan Goytisolo - Landschaften nach der Schlacht / Paisajes después de la batalla

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Landschaften nach der Schlacht: SZ-Bibli...

3|1)

Verlag: Süddeutsche Zeitung

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 175

ISBN: 9783866155305

Termin: November 2007

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  • Zum Produkt:

    155 Seiten

    Süddeutscher Verlag 2007

    aus dem Spanischen übersetzt von Gisbert Haefs


    Klappentext (gekürzt):


    Eine verrückte, doch höchst reale Welt tut sich in diesem Buch auf, in dem der Protagonist durch das Sentier-Viertelk von Paris streift – dort wohnt er in der Rue Poissoniere und ebenso seine Frau, die aber in einem eigenen Appartement haust, er verkehrt mit ihr durch Zettel, die er unter der Tür durchschiebt. „Was ihn anzieht – und seinem beklagenswert gröblichen Geschmack entgegenkommt -, ist das aufgepfropfte, poostkoloniale, barbarisierte Paris von Belleville oder Barbès, ein Paris, das nichts Kosmopolitisches oder Kultiviertes hat, das Paris der Analphabeten und Metöken“.


    Zum Autor (Quelle: Wikipedia, Verlag, gekürzt):


    Juan Goytisolo wurde 1931 als Sohn einer wohlhabenden Familie in Barcelona geboren. Er besuchte eine Jesuitenschule und begann danach ein Jura-Studium, das er zugunsten eines Schriftstellerlebens abbrach. Während des Franco-Regimes verbrachte Goytisolo einen großen Teil seines Lebens im selbst gewählten Exil in Frankreich, wo er sich vom großbürgerlichen Milieu der Familie distanzierte. In Paris setzte er sich für die Verbreitung der spanischen Literatur in Frankreich ein.


    Juan Goytisolo machte sich mit seinen Romanen nicht nur als Literat einen Namen, sondern bezog als kritischer, engagierter Geist auch vielfach zu politischen Themen in Form von Essays und Reportagen Stellung. Seine Bücher waren bis zum Tod Francos 1975 in Spanien verboten. Er galt als unerwünschtes enfant terrible – nicht nur wegen seiner politischen Überzeugungen und seiner scharfen Kritik am traditionellen Spanienbild, sondern auch wegen seines Bruchs mit der katholischen Kirche und seinem Bekenntnis zu seiner Homosexualität,


    Goytisolo Werk wurde mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. 1993 mit dem Nelly-Sachs-Preis, 2002 mit dem Octavio-Paz-Preis etc. 1985 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Prix Europalia der Europäischen Gemeinschaft geehrt. 2014 wurde Goytisolo mit einem der angesehensten Literaturpreise der spanischsprachigen Welt, dem Cervantes-Preis, ausgezeichnet. Juan Goytisolo starb im Juni 2017 im Alter von 86 Jahren in Marrakesch an den Folgen eines Schlaganfalls.


    Mein Leseeindruck:


    Ein namenloser Held durchstreift das Pariser Viertel Sentier, stets gekleidet in einen Mantel und seinen Hut, den er sich tief in die Augen zieht und sich damit unsichtbar macht. Was er sieht, tut und denkt, wird dem Leser in einer Fülle von kleinen und kleinsten Kapiteln mitgeteilt. Diese Kapitel - 78 insgesamt – stehen meistens inhaltlich unverbunden nebeneinander. Kein erzählerisches Kontinuum verbindet sie, sondern sie werden lediglich durch die Person des Flaneurs zusammengehalten.


    Dieser Held ist ein unangenehmer und unsympathischer Zeitgenosse. Er ist ein Misanthrop, er ist fremdenfeindlich und geht seinen pädophilen Neigungen ungehindert und raffiniert nach. Er kultiviert seine exhibitionistischen Phantasien ebenso wie seinen Hang zur Sodomie, wobei nicht immer die Grenze zwischen Phantasie und Realität zu unterscheiden ist. Seine geschichtsphilosophischen, kulturhistorischen etc. Ansichten sind recht bizarr und werden satirisch überspitzt formuliert.


    Das Sentier-Viertel mutiert durch seine Beobachtungen zu einem Mikrokosmos, in dem er die künftige Gesellschaft erkennt. Er beobachtet durchaus scharf die Veränderungen in seinem Viertel, z. B. die ethnischen Überlagerungen, und denkt diese Veränderungen zu Ende, so dass seine Beobachtungen etwas Visionäres und Apokalyptisches bekommen.


    Das Buch ist nicht leicht zu lesen. Der unsympathische Held stößt den Leser ab, ebenso seine teils abstrusen und abartigen Meinungen und Verhaltensweisen, und auch sprachlich forderte mir das Buch mit seinen Verweisen und seiner Wortwahl (z. B. „Hekatombe“ S. 9) einiges ab.


    Dennoch sprüht das kleine Buch vor Witz und Skurrilität, ob das nun die Ausführungen zur zeitgenössischen Kunst oder zur Oper sind, zu Stalin oder zum Eintritt der Klimakatastrophe.

    Das beginnt gleich im 1. Kapitel, als der Erzähler vors Haus tritt und feststellen muss, dass alle Ladenschilder, Straßenschilder etc. arabisch beschriftet sind, was zu einem heillosen Durcheinander führt. Heiter und witzig fand ich auch die Episode um den Unbekannten Soldaten, dessen Grab nun endlich geöffnet werden soll. Wetten werden abgeschlossen: ist er Bretone? Picarde? Korse? Die Devotionalien-Industrie rollt an, „Industrie, Handel, Tourismus und Kunsthandwerk“ (S. 89) sollen vom Ruhm und der Ehre der jeweiligen Region profitieren. Und dann: „Oh mein Gott! Wie grauenhaft“ (S. 91): der Unbekannte Soldat entpuppt sich als „wunderbar konserviert(er)… kräftiger Neger“ (S. 91).

    Eher aberwitzig ist auch die Geschichte seines einzigen Freundes, eines Musikers und Komponisten, der im Exil aus Protest gegen das faschistische Spanien „sein Schweigen wunderbar vervollkommnet“ (S. 51). „Während die übrigen ihre Notenblätter mit Sechzehntel- und Zweiunddreißigstelnoten besudelten, das Rückgrat beugten und sich fügten, perfektionierte er sein Verstummen, bereicherte seine Pausen, schliff und feilte an der komplexen, subtilen Architektur eines geheimen, streng und unbeugsam tonlosen Werks“ (S. 51-52).

    In dieser Art und Weise wird der Leser mit teils grotesken, teils schwer zu ertragenden Facetten einer Gesellschaft konfrontiert, in der es keine Moral gibt.


    Fazit: Ein visionäres kleines Buch, nicht ganz leicht zu lesen, kein Roman, aber dennoch ein besonderes Lesevergnügen, auch wegen der geschliffenen Scharfzüngigkeit des Erzählers.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study:George Saunders, Zehnter Dezember (MLR).

    :study:Kenah Cusanit, Babel.

    :study:Hans Pleschinski, Wiesenstein.

    :musik:Hjorth und Rosenfeldt, Die Opfer, die man bringt.

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Juan Goytisolo - Landschaften nach der Schlacht“ zu „Juan Goytisolo - Landschaften nach der Schlacht / Paisajes después de la batalla“ geändert.

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