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Herbert George Wells - Unsterbliches Feuer / The Undying Fire

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Unsterbliches Feuer

3.5|1)

Verlag: Frankfurt am Main - Berlin - Wien: Ullstein, 1976,

Bindung: Broschiert

Seitenzahl: 220

ISBN: 9783548202662

Termin: 1985

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  • Der Autor (nach Wikipedia): H(erbert) G(eorge) Wells, geboren 1866 in Bromley, gestorben 1946 in London, war ein englischer Schriftsteller und Pionier der Science-Fiction-Literatur. Wells, der auch Historiker und Soziologe war, hatte seine größten Erfolge mit den beiden "Scientific Romances" Der Krieg der Welten und Die Zeitmaschine. Wells ist in Deutschland vor allem für seine Science-Fiction-Bücher bekannt, hat aber auch zahlreiche realistische Romane verfasst, die im englischen Sprachraum nach wie vor populär sind.


    Kurzbeschreibung (Klappentext): „Der Mann, der das Morgen erfand“, wie H.G. Wells einmal genannt wurde, nimmt sich in diesem ursprünglich 1919 und nun (d.i. 1982) zum ersten Mal in deutscher Sprache veröffentlichten Roman des Spiels zwischen dem Schöpfergott und seinem listenreichen Widersacher Satan an, das den Weltenlauf bestimmt. Nach einem Prolog im Himmel schwenkt die Darstellung über auf irdische Regionen, und der Leser erfährt die Lebensgeschichte des englischen Schulmeisters Job Huss, eines modernen Nachfahren des biblischen Job. Daraus entwickelt sich ein blendendes, dramatisch nuanciertes Streitgespräch über den Sinn des menschlichen Lebens und die Berechtigung des bösen in der Welt. Dieses fesselnde Stück Prosa zeigt Wells als ironischen Weisen, der die Mechanismen und Kräfte durchschaut, die eine Welt regieren, in der Gott und Teufel einander in einer ewigen Schachpartie gegenüberstehen. H.G. Wells schuf mit Unsterbliches Feuer ein überzeugendes Werk mit luzider Aussagekraft. Unter dem Eindruck der Auswirkungen des Ersten Weltkrieges entstanden, ist dieser Roman nicht nur das reinste Lesevergnügen, sondern auch von bestürzender Aktualität.


    Der Roman erschien zuerst im Jahr 1919 unter dem Titel „The Undying Fire: A Contemporary Novel“ bei Cassell and Co. mit einem Umfang von 229 Seiten; im selben Jahr auch in New York bei der Macmillan Company. Gewidmet ist der Roman „to all schoolmasters and schoolmistresses and every teacher in the world.“ Das englische Original wurde u.a. auch 1925 bei Bernh. Tauchnitz in Leipzig als Band 4731 der "Collection of British and American authors" veröffentlicht. Die erste deutsche Übersetzung von Franziska Reiter erschien 1982 unter dem Titel „Unsterbliches Feuer“ als Hardcover im Rahmen der H.-G.-Wells-Edition des Paul Zsolnay Verlages in Wien und Hamburg. Diese Ausgabe umfasst 221 Seiten. 1985 wurde der Roman dann bei Ullstein als Taschenbuch veröffentlicht. Eine französische Übersetzung liegt dank Marie Butts schon im Jahr 1920 unter dem Titel „La flamme immortelle“ vor, auch wenn sie später nicht wiederveröffentlicht worden zu sein scheint.


    Ein Gegenwartsroman aus dem Schaffen von H.G. Wells, der sich mit theologischen Fragen beschäftigt. Eine moderne Variante der Hiob-Geschichte aus dem Alten Testament, was nicht einfach nur meint, dass der Hauptfigur Job Huss etliche schreckliche Dinge widerfahren: H.G. Wells orientiert sich erstaunlich genau am Bibeltext, vor allem bezüglich des Textaufbaus.


    Im „Prolog im Himmel“ führen Gott und Satan ein Gespräch über den Menschen und über einander: Satan hält sich zu Gute, dass er überhaupt Bewegung in die „perfekte Schöpfung“ gebracht habe. Alles, was geschieht, sei eigentlich nur auf seine Interventionen zurückzuführen. Ohne Satan würde alles in Erhabenheit erstarren. Er hält sich für den Geist des Lebens, ein unsterbliches Feuer. Aber inzwischen hat er ein wenig Mitleid mit dem Menschen, den er für sterblich und austauschbar hält. Geht er unter, wird einfach eine andere Art, tierisch oder pflanzlich, seinen Platz in der Welt einnehmen. Gott betont, er habe den Menschen nach seinem Bild erschaffen. Er wirke in dessen Seele. Der Mensch sei unsterblich. Doch von der Seele will Satan nichts wissen. Er hält sie für eine göttliche Schwäche. Dann erinnert sich Satan, der Märchenerzähler des Himmels, an die alte „Wette“, die er und Gott wegen Hiob eingegangen sind. Wer hat da eigentlich gewonnen? Gott hat sich doch eingemischt. Eine wirkliche Entscheidung ist doch gar nicht gefallen, oder? Und schon erlaubt Gott Satan, den Menschen erneut bis aufs Äußerste zu versuchen und seine Frömmigkeit auf die Probe zu stellen.


    Und das widerfährt dem englischen Schulmeister Job Huss, der sich derzeit mit seiner etwas garstig gewordenen Frau in der Sommerfrische von Sundering on Sea aufhält. Er ist langjähriger Rektor einer modernen Public School in Norfolk. Die Schule ist von diversen Unglücken heimgesucht worden, bei der diverse Schüler eines gewaltsamen Todes gestorben sind. Sein eigener Sohn ist im Ersten Weltkrieg gefallen, der gerade noch in den letzten Zügen liegt. Und jetzt ist Job Huss schwer und anscheinend an Krebs erkrankt. Derweil treibt der Stiftungsvorstand seiner Schule seine Absetzung voran. Sie wollen die Gelegenheit dazu nutzen, die progressiven Ansätze aus Job Huss' Lehrplan wieder zurückzunehmen. Unter anderem ist ihnen der Unterricht in Philosophie und Geschichte ein Dorn im Auge, der den Schülern nur aufmüpfige Flöhe ins Ohr setzt. Sie wünschen sich eine Fokussierung auf Naturwissenschaften und das Wirtschaftswesen, um pragmatische Menschen heranzuziehen, die ihren Platz in der Welt ausfüllen und widerspruchslos gehorchen. Drei Herren machen sich auf den Weg zu Job Huss in Sundering on Sea, um ihm seine Absetzung mitzuteilen. Sie werten die Unglücksfälle in der Schule obendrein als Beweis dafür, dass Huss' Schulführung tatsächlich nicht gottgefällig ist. Richtiges Verhalten belohnt Gott durch Glück, prosperierendes Familienleben und Wohlstand. Die drei Männer erreichen den kranken Schulmeister eine Stunde vor einer angesetzten Operation, bei der eine zufällig vor Ort weilende Koryphäe dessen Tumor entfernen soll, eine Operation, die auch Huss' Tod zur Folge haben kann. Doch anstatt sich auszuruhen, nutzt Huss die Stunde zur Darlegung seines pädagogischen Standpunktes und zur Erörterung theologischer Fragen. Doch schon das Zweifeln am Glauben erscheint den Männern des Stiftungsvorstandes als Blasphemie. Wie kann Huss die Natur nur so negativ sehen: das tödliche Wirken von Leberegeln auf der einen Seite, die perfide Wirkung von Giftgas auf der anderen Seite?


    Der kurze Roman steckt voller tiefgründiger Auslassungen, wenn unterschiedliche Arten der „Gottgefälligkeit“ gegenübergestellt werden und das „Wesen des Menschen“ erörtert wird: Was ist die Flamme im Herzen, die uns antreibt: das Göttliche oder gerade die Menschlichkeit? Vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges steht auch die Frage im Raum, ob der „Geist des Menschen“ nicht doch bisher immer nur zur Vervollkommnung perfekter Tötungs- und Zerstörungsmaschinen taugte? Braucht es da nicht einen Ansporn über das Menschliche hinaus, der die Menschheit zu Eintracht zu führen vermag und ein Leben in Frieden und im Gleichgewicht mit der Umwelt ermöglicht? In diese Überlegungen mischen sich Wells' utopische Vorstellungen über einen transnationalen Weltstaat, der Kriege verhindern helfen soll. Dazu ist eine wirkliche Bildung in Philosophie und Geschichte für Schulmeister Job Huss unabdingbar, wirkliches Wissen, auf dem alles andere aufbauen kann, nicht nur reines Auswendiglernen, wie es dem Stiftungsvorstand seiner Schule vorschwebt. Huss will seinen Schülern das Einnehmen einer eigenen Haltung zum Leben ermöglichen und ihnen einen Ort in der Menschheitsgeschichte aufzeigen, der ihren Horizont von ihrem eigenen Bauchnabel bzw. weg von der chauvinistischen Überschätzung der „eigenen Nation“ auf die gesamte Menschheit erweitert. Um zu verhindern, dass aus ihnen selbstbezogene Staatsbürger werden, die nur an das eigene Vorankommen und die eigene Triebbefriedigung denken, und dabei „das große Ganze“ aus den Augen verlieren. Denn dann ist wäre das Leben/die Natur/die Schöpfung wirklich nur eine Abfolge aus Verfall und Tod, aus dem unverständlichen Wirken von Krebszellen und Parasiten und dem tumben Sieg der brutalen Schreihälse über die Nachdenklichen. Dem Roman geht es also nicht nur um die Frage, was abzulehnen ist, sondern gerade darum, wonach zu streben ist: Wofür soll man kämpfen in einer unverständlichen, erbarmungslosen Welt, in der so viel Leid zu ertragen ist?


    Der Roman "Unsterbliches Feuer" ist also außerordentlich geistreich, allerdings dramaturgisch ziemlich langweilig. Die Figuren folgen ihren biblischen Vorbildern. Die Geschichte liefert nur den Rahmen für ellenlange Dialoge, im Grunde eher Vorträge, die über viele Seiten nicht durch Einwände unterbrochen werden. Bei allem intellektuellen Vergnügen, dass ich an dem Roman hatte, erscheint er mir doch ein wenig schwergängig und ausgesprochen didaktisch. So ist er definitiv nicht jedem Leser zu empfehlen. Etwas belehrend und stereotyp, aber hübsch provokant. Die große Stärke des Romans ist es, seine theologischen Fragestellungen vor dem Hintergrund der sich technisch perfektionierenden Tötungsmaschinerie des Ersten Weltkrieges abzuspulen und den Wert progressiver Schulbildung als Herzensbildung zu betonen, um den Nationalismus zu überwinden, der die Einheit der Menschheit zersetzen hilft. Man kann nicht immer weitergehen in einer Sackgasse. Die Menschen müssen auf einen Weg gebracht werden, der sie weiterführt.

    1. (Ø)

      Verlag: Frankfurt am Main - Berlin - Wien: Ullstein, 1976,


    William H. Gass "Der Tunnel" (560/1093)

    Helen Macdonald "H wie Habicht" (90/412)


    Jahresbeste: John Berger (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
    Gelesen: 36 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: James Rebanks "Mein Leben als Schäfer" (18.4.)

  • Das englische Original "The Undying Fire" aus der H.G. Wells Library, noch 2016 als Taschenbuch erschienen.

    1. (Ø)

      Verlag: H. G. Wells Library


    William H. Gass "Der Tunnel" (560/1093)

    Helen Macdonald "H wie Habicht" (90/412)


    Jahresbeste: John Berger (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
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    Letzter Buchkauf: James Rebanks "Mein Leben als Schäfer" (18.4.)

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