Iva Procházková - Der Mann am Grund / Muž na dně

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Der Mann am Grund: Der erste Fall von Ko...

4.1|4)

Verlag: Braumüller Verlag

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 260

ISBN: 9783992002221

Termin: Oktober 2018

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  • Eine echte Entdeckung aus Tschechien


    Kommissar Marián Holina, seien Sie mir gegrüßt! Schon seit 2014 tummeln sie sich in tschechischen Buchhandlungen, und haben erst jetzt den Weg zu uns nach Deutschland gefunden. Da muss ich sagen: besser spät als nie! Mir gefällt die Geradlinigkeit (aber auch menschliche Komplexität) Ihres Falles; dazu das analytische Denken, und Ihre persönliche Umgänglichkeit. Sie stellen eine echte Entdeckung und wohltuende Neuerung auf dem Krimimarkt dar; daher hoffe ich, dass Sie uns noch öfters mit Ihrer Anwesenheit beglücken werden!


    Kurz – ich war begeistert von diesem Buch, und würde es aufgrund seiner vielfachen Qualitäten sogar in die Nähe „richtiger“ Literatur rücken. (Wobei ich diese Unterscheidungen in vielen Fällen sowieso recht albern finde.)


    Ich weiß gar nicht recht, wo ich anfangen soll… vielleicht mit dem Aufbau des Buches. Es hat keine hektischen, kurzen Kapitel nach amerikanischem Muster. Nein, das Buch ist nach „Tagen“ aufgebaut – sinnigerweise ist es ein heißer Sommer in Prag, und es baut sich ein Gewitter auf. Das Buch zählt also die Tage bis zu diesem Gewitter – was sich in der ganzen Stimmung des Falles niederschlägt. Sehr stimmig und spannend gemacht! (Die Auflösung geschieht selbstredend am Tag, wo sich alles „entlädt“…)


    Das Buch nimmt sich viel Zeit für seinen Fall. Es beginnt mit einer scheinbar völlig nebensächlichen Handlung (die aber später noch an Bedeutung gewinnt!), und der Charakterisierung einiger – späterer – Protagonisten. Erst nach und nach werden Gefühlslagen und Motive verständlich – was ich sehr gut gemacht fand! Motive werden hier nicht auf dem Präsentierteller serviert, sondern erfahrbar gemacht.


    Das Opfer, Osvald Zapletal, ein Polizist mit nicht ganz weißer Weste, wird erst nach einem gefühlten Drittel des Buches aufgefunden. Bis dahin kann man als Leser schon seine Vermutungen anstellen. Kommissar Holina tritt hinzu – und er hinkt dem Leser ein wenig hinterher. Er muss erst die zahlreichen Motive herausfinden. Das Opfer hatte sich wahrlich genügend Feinde gemacht! Die Spannung liegt hier gerade im Menschlichen, nicht etwa in ausgefuchster Kriminaltechnik oder an sich spannenden Ermittlungen. Nein – welche moralische Verstrickung führte zu welchem Groll? Welche Handlung hatte welche Folgen? Welche Abhängigkeit ist wie entstanden? Das war wirklich meisterhaft geschildert!


    Kommissar Holina selbst ist sehr sympathisch. Er hat sich eine alte Werkstatt zur Wohnung umgebaut; bewertet Hörnchen (also Croissants) nach einem internen Notensystem, und hat eine Geliebte – mit der es ihm aber ernst ist. Er ist dreisprachig – tscheschisch, slowakisch, und ungarisch. Ihm liegt sein Beruf am Herzen. Er hat Verständnis für die – meisten – Menschen, und hört genau zu. Er arbeitet langsam, aber methodisch. Erst ganz zum Schluss überschlagen sich die Ereignisse.


    Das Buch ist wirklich dramaturgisch großartig aufgebaut! Und noch dazu wartet es mit einigen liebenswerten Überraschungen auf, die ich persönlich aus Tschechien nicht erwartet hätte. Eine Nebenhandlung dreht sich zum Beispiel um Marihuana, den Anbau einer Plantage, und die Weltsicht von Kiffern. Es gibt auch Passagen mit unerwartetem Humor – wenn zum Beispiel Holinas Chef unter Stress „explodiert“. „Hau doch ab, du Minderheit!“ … Es werden erfrischend neue Wege gefunden, mit missliebigen Journalisten umzugehen. Auf eine unverschämte Frage einer Reporterin antwortet Holina ganz einfach – auf Ungarisch! Die Verblüffung ist groß…


    Letztlich war dies insgesamt eine überaus befriedigende Lektüre. Wie gesagt, sowohl aus unterhaltsamer, als auch aus literarischer Sicht. Sehr schön auch, dass am Ende eben nicht alles in Friede, Freude und Eierkuchen ausartet. Einige Aspekte bleiben offen, oder erhalten eine sehr nachdenkliche Wendung. Ich würde diesen Krimi bedenkenlos jedem empfehlen, der sowohl Spannung als auch „einfach ein gutes Buch“ sucht.

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Iva Procházková - Der Mann am Grund. Der erste Fall von Kommissar Holina“ zu „Iva Procházková - Der Mann am Grund“ geändert.
  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Iva Procházková - Der Mann am Grund“ zu „Iva Procházková - Der Mann am Grund / Muž na dně“ geändert.
  • Man merkt bei der Lektüre des Kriminalromans "Der Mann am Grund - Der erste Fall von Kommissar Holina“ziemlich schnell, dass die Autorin, die tschechisch-deutsche Schriftstellerin Iva Procházková, bereits über beträchtliche Schreiberfahrung - wenn auch wohl überwiegend in "unkriminellen" Genres - verfügt, beginnt doch schon der Prolog mit einem sowohl emotionsgeladenen als auch Spannung versprechenden Todesfall, wobei "Fall" hier wörtlich genommen werden darf. Der eigentliche Fall ist dann jedoch der (titelgebende) "Mann am Grund", die in einem Auto am Grund eines Badesees gefundene Leiche eines Polizisten, der sich in seinem ländlichen Zuständigkeitsbereich so unbeliebt gemacht hat, dass es jede Menge Verdächtige und jede Menge Mordmotive gibt. Mit den Ermittlungen wird ein sympathischer Protagonist, der Prager Polizist, Marian Holina, beauftragt, dessen Privatleben in verträglicher Dosierung ebenfalls zur Sprache kommt. Allerdings wird seinem Interesse an der Astrologie nach meinem Dafürhalten beinahe ein wenig zu viel Platz eingeräumt. "Helferlein" bei den Aufklärungsbemühungen ist die auf dem Cover abgebildete Fläche mit fallbezogenen Namen, Daten und Fakten. Das Ergebnis eben jener Bemühungen erscheint mir plausibel. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen.

  • Trau schau wem

    Mal was anderes: Prag als Schauplatz eines Kriminalromans ist eine Novität, die Astrologie in die Ermittlungsarbeit einzubeziehen, ebenso ein Novum.
    Im Grunde vervielfältigt sich die Zahl der Handlungsstränge im Verlauf des Romans immer weiter. Überaus gekonnt, wie die Autorin alle Details miteinander verknüpft und verzahnt, so dass keine losen Enden den Leser verärgern.
    Ein privates Familienunglück, den Tod des kleinen Marek zum Ausgangspunkt des kriminellen Geschehens zu machen, stellt einen raffinierten Kunstgriff der Autorin dar. Sehr geschickt, wie sie ein Geflecht aus Schicksal und Schuld um diesen Todesfall entwirft. Der kleine Kerl selbst ist sich eigentlich bewusst, dass seine Furcht unbegründet ist - und gibt ihr dennoch Raum. Die drei Menschen jedoch, die ihm am nächsten stehen, verstricken sich in Lüge und Verrat: statt zu seiner Familie heimzukehren, gibt der Vater dem Impuls zum schnellen Sex mit einer Angestellten nach; statt im Hause auf die ihr anvertrauten Kinder zu achten, versucht die Stiefmutter Einsamkeit und Heimweh bei einem Spaziergang mit einem Nachbarn zu bekämpfen; statt sofort Alarm zu schlagen, sucht die ältere Schwester den Unfall zu ignorieren.
    Im Gefolge dieser privaten Tragödie entfaltet sich die ganze Perfidie des titelgebenden Mannes am Grund. Die Zwangsläufigkeit, mit der das Schicksal an allen beteiligten Personen ein Exempel statuiert, präsentiert sich geradezu mit antiker Wucht, und das Motiv der Astrologie dient nur dazu, diese Unausweichlichkeit des Geschehens zu verdeutlichen.

    Meine Bewertung: 4 Sterne

  • In "Der Mann am Grund" geht es um einen Fall, der sich in mancher Hinsicht als sehr komplex erweist und bei dem Kommissar Holina und seine Kollegen in viele verschiedene Richtungen ermitteln müssen. Das Opfer war ein Polizist, was die Untersuchung seines Todes nicht gerade leichter macht, denn schon bald stellt sich heraus, dass er nicht unbedingt eine reine Weste hatte und es so einige Menschen gibt, die ein gutes Motiv gehabt hätten, um ihn loswerden zu wollen.


    Marián ist ein sympathischer Protagonist mit klaren Stärken und Schwächen, der eine gute Kombinationsgabe hat und bei seiner Arbeit sehr sorgfältig vorgeht - auch wenn er ein bisschen unkonventionell denkt, auf sein Bauchgefühl hört und sogar die Astrologie in die Ermittlungen integriert, was ich ungewöhnlich, aber recht faszinierend fand, weil mir dieses Thema noch nie in Krimis begegnet war. Es glauben allerdings nicht alle an Horoskope und ich fand gut, dass es Personen gab, die dem skeptisch gegenüberstanden und bezweifelten, ob sie wertvolle Erkenntnisse liefern könnten, da es nicht glaubwürdig gewesen wäre, wenn das niemand hinterfragt hätte. Holinas Kollegen waren ebenfalls gut ausgearbeitete Charaktere und mir hat gefallen, dass die Auflösung des Falls nicht schnell erfolgte, sondern gründliche und teilweise langwierige Ermittlungsarbeit notwendig war. Dies wirkte realistisch und dadurch konnten unterschiedliche Ansätze und Verdächtige genau beleuchtet werden, sodass man auch diese Figuren gut kennen gelernt und Einblicke in ihr Leben erhalten hat. Aus diesem Grund war es auch leicht, mit ihnen zu fühlen, während man zugleich immer besser gesehen hat, dass das Opfer kein guter Mensch war.


    Da mehrere Charaktere ein überzeugendes Motiv hatten, war es interessant darüber zu spekulieren, was passiert ist und wer die Tat letztlich begangen haben könnte. Der Fall an sich wurde gut konstruiert, die Ermittlungsarbeit war weitgehend interessant, obwohl die Geschichte zwischendurch ein paar Längen hatte, und die Auflösung wirkte stimmig. Zu Beginn hatte ich ein paar Schwierigkeiten damit, die für mich eher ungewöhnlichen Namen auseinander zu halten, vor allem, weil viele Figuren aufgetreten sind, doch das hat sich rasch gegeben und unabhängig davon konnte das Buch mich schnell fesseln. "Der Mann am Grund" hat mir alles in allem sehr gefallen und ich werde die Reihe definitiv weiter verfolgen.

    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

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    Herzlichen Dank an den Verlag und Vorablesen für den Gewinn.

    Carpe Diem.
    :study: Gabrielle Zevin - Extradunkel

    2019 gelesen: 90 Bücher mit 33.770 Seiten

  • Überraschendes Ende



    Der Mann am Grund, Kriminalroman von Iva Procházková, 448 Seiten, erschienen im Braumüller-Verlag.


    Der erste Fall für Kriminalrat Marián Holina.


    Am Grund eines gefluteten Steinbruchs in der Nähe von Prag wird die Leiche des Polizisten Osvald Zapletal gefunden. Er war korrupt, missbrauchte sein Amt und war auch sonst ein Dreckschwein. Márián Holina und sein junger Assistent Diviš Mrštik werden mit den Ermittlungen betraut. Im Lauf der Recherchen kristallisiert sich heraus, dass mehrere Verdächtige der Meinung waren, dass Zapletal den Tod verdient hätte.
    Das Buch besteht aus langen dicht gepackten Kapiteln. Die Besonderheit hier, dass sich die Geschichte zu einem zu erwartenden Gewitter zuspitzt. Die Überschriften der Kapitel von „Der drittletzte Tag vor dem Regen“ bis „24 Stunden später“, hatte ich so noch nie gelesen, fand ich aber sehr gut. Spanische und tschechische Ausdrücke, sowie Eigennamen sind kursiv gedruckt und beleben die Erzählung. Die Gedanken des Täters sind eingerückt und in anderer Schrift eingefügt, das lässt den Leser ganz nahe an den Beweggründen und Taten teilhaben. Als Stilmittel hat die Autorin, die auktorialen Erzählweise gewählt, der Überblick ist dadurch hervorragend gewährleistet.
    Dieser Prag-Krimi hat mich bestens unterhalten. Die Spannung beginnt schon beim Prolog und zieht sich in einem Spannungsbogen, der leider im Mittelteil etwas abflacht bis zum furiosen Ende hin. Bis zum Schluss habe ich fieberhaft mit gerätselt wer am Tod Zapletals wohl schuld war. Im Laufe der Ermittlungen gab es immer mehr Verdächtige, die gute Gründe gehabt hätten, diesen widerlichen Menschen zu beseitigen. Von der Auflösung des Falles war ich regelrecht überrascht, mit dem finalen Plot-Twist konnte Procházkova bei mir vorzüglich punkten, toll inszeniert. Die astrologischen Nebenschauplätze wären m.E. nicht notwendig gewesen, die haben für mich nichts mit seriösen Ermittlungen zu tun. Am Anfang habe ich mich auch mit den ungewohnten tschechischen Namen schwer getan, was sich schnell gelegt hat. Dass bei tschechischen Frauen an den Ehenamen ein –ova drangehängt wird, habe ich gewusst, das war eine aparte Variante und sehr passend zum Setting.
    Der Ermittler Holina und auch sein Assistent Diviš Mrštik sind unbedingte Sympathieträger, mir hat gefallen, dass Holina , Diviš des Öfteren lobt, ihm Tüchtigkeit zugesteht, was in Kriminalromanen nicht unbedingt üblich ist. Die private Situation Holinas bleibt offen, das macht neugierig die Serie weiter zu verfolgen. Die Tatverdächtigen sind gut charakterisiert und ihre Gründe konnte ich stets nachvollziehen, unsympathisch blieben nur das Opfer und seine Mutter. Der Apfel fiel auch hier nicht weit vom Stamm. Besonders bedauernswert fand ich das Schicksal des Marihuana-Züchters und seiner Lebensgefährtin. Der Plot ist logisch aufgebaut und unbedingt nachvollziehbar.

    Falls es einen weiteren Fall für Kriminalrat Holina und sein Team gibt, will ich unbedingt dabei sein.

    Iva Procházková, bekannt für Literatur für Kinder und Jugendliche, hat die Zielgruppe gewechselt und das ist ihr mit Bravour gelungen. Meine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle die spannende und stringent gelöste Kriminalromane mögen und gerne einmal in einem anderen Land mit ermitteln möchten. Von mir 5 wohlverdiente Sterne. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study::musik::montag:


    Und wenn mir alle Königskronen für meine Bücher und meine Freude am Lesen angeboten wären: Ich würde sie ausschlagen.
    François Fénelon

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