Bücherwichteln im BücherTreff

Bettine Vriesekoop - Mulans Töchter / Dochters van Mulan

Mulans Töchter: Wie moderne Frauen das G...

3.6 von 5 Sternen bei 5 Bewertungen

Verlag: Pirmoni

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 244

ISBN: 9783981746051

Termin: Oktober 2018

Anzeige

  • Empathisch und warmherzig

    Mulan, in Europa bekannt als tugendhafte und mutige Heldin aus dem gleichnamigen Disney-Film , lebte im fünften Jahrhundert. Ihr Name bedeutet „Blüte des Mangolienbaumes“. Sie stammt aus einem kleinen Dorf im Norden Chinas. Im Kampf gegen die feindlichen Horden eines wilden Volkes zog sie getarnt als Mann an der Stelle ihres Vaters , der zu alt und zu krank dafür war, in den Krieg. Sie wurde Heerführerin . Für ihre Hingabe und ihren Mut wird sie bis heute von vielen Chinesen verehrt. Schön, dass die Ballade von Mulan in das Buch eingebunden wurde.

    Das ist der Ausgangspunkt für die Reportage der niederländischen Autorin Bettine Vriesekoop über das weibliche China . Dieses Land und seine Leute faszinierten sie schon als erfolgreiche Tischtennisspielerin, später studierte Bettine Sinologie und arbeitete längere Zeit in Peking. Sie weiß also wovon sie schreibt und hat gut recherchiert



    Wir wissen wenig über China und über die Frauen des Landes noch weniger. „Gebundene Füße“ kommen uns in den Sinn. Aber :Was zeichnet selbstbestimmte Frauen in China aus? Wie verändern sie das Gesicht Chinas?

    Bei der Beantwortung dieser Fragen beschäftigt die Autorin sich besonders mit Frauen der neuen Mittelklasse und interviewt unverheiratete Frauen zwischen zwanzig und fünfunddreißig Jahren und zwei Expertinnen für Frauenfragen .

    Schwerpunkt ist für Vriesekoop die Verknüpfung der Selbstbestimmung der Frau mit der freien Auslebung ihrer Sexualität . Eine Thematik , die für diese Frauen das Problem darstellt , das wir aus vielen Kulturen kennen : die Orientierung an historischen Vorbildern auf der einen und der Wunsch nach Modernität auf der anderen Seite.

    Durch die Gespräche wird uns klar, dass die Chinesinnen immer noch stark in alte Rollenmuster eingezwängt sind. Sie tragen die Folgen „Ein-Kind-Politk“, werden „Shengnü“- Essensrestchen genannt , wenn sie -gutausgebildet, unabhängig und erfolgreich- keinen Mann finden , weil die lieber nach „unten“ heiraten. Auch im heutigen China entscheiden Eltern häufig, wen ihre Tochter heiratet.

    Die Autorin stellt ihre Fragen fundiert und einfühlsam , sie begibt sich mit ihren Gesprächspartnerinnen auf Augenhöhe. Dabei hat sie eine ungezwungene Art und bindet die Antworten oft in den Kontext der chinesischen Gesellschaft ein.

    Oft erscheint uns China als bedrohliche harte neue Weltmacht , aber „Mulans Töchter“ zeigt eine andere – eine empathische Seite und vermittelt so ein humaneres Chinabild.

  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Bettine Vriesekoop Mulans Töchter“ zu „Bettine Vriesekoop - Mulans Töchter / Dochters van Mulan“ geändert.
  • Eher Reisebericht als Sachbuch


    Oft, wenn ich nach dem Lesen eines Buches unentschlossen bin, versuche ich, meinen Eindruck in nur einem Wort zusammenzufassen, um dem Gefühl hinter der Lektüre auf die Spur zu kommen. Bei diesem Buch von Bettine Vriesekoop bin ich auf folgendes Wort gestoßen: achtbar. Es fasst für mich zusammen, warum ich nicht ganz begeistert, aber eben auch nicht enttäuscht bin.


    Es ist ein achtbarer Erfolg für eine ehemalige Leistungssportlerin und heutige Journalistin, ein solches Buch zu verfassen. Sie deckt ein beeindruckendes Spektrum von Themen rund um die chinesische Frau von heute ab. Dennoch, als geübter Leser kann man ihre Begrenzungen durchaus entdecken. Vielleicht war die Kombination einfach nicht glücklich: gerade eine Niederländerin (ein Land, das für seine intellektuelle Offenheit bekannt ist), und noch dazu eine ehemalige Sportlerin… und als Reisebegleitung erwählt sie sich für dieses Buch ausgerechnet eine verhuscht wirkende Chinesin, ebenfalls eine Frau also, die in einer Vielzahl von Fällen bei persönlichen Fragen ausweichend antwortet.


    Betrachten wir die Vorgeschichte des Buches und seine Rahmenbedingungen. Bettine Vriesekoop hat eine mehr als 30jährige „Geschichte“, die sie mit China verbindet. So weit, so gut. Aber sie selbst bestätigt in ihrem Vorwort, dass eine entscheidende Initialzündung zum Schreiben dieses Buches von einer Gastprofessur ausging – für die man keinerlei akademische Vorkenntnisse benötigte! Sie diskutierte mit einer Handvoll niederländischer Studenten über die Rolle der Frau in China – und konnte sich dabei zumeist nur auf Quellen aus zweiter Hand stützen. Das ist das ganze Buch hindurch spürbar. Immer wieder zitiert sie niederländische Autoren, die angebliche Standardwerke zu China verfasst haben. Auch bezieht sie sich auf Beispiele aus der Populärkultur, wie Filme und Schauspieler, sowie zeitgenössische Belletristik. Und vergessen wir nicht: fast alle Interviews, die sie für dieses Buch geführt hat, haben in Peking stattgefunden – oder in anderen Großstädten. Aber Peking ist nicht China! Genauso wenig wie London England oder Paris Frankreich ist.


    Nun möchte ich meine scheinbare Kritik revidieren. Das Buch ist insgesamt sehr gut lesbar; es verbindet auf harmonische Weise Information mit leisen Zweifeln. Man merkt eher unterschwellig, wie die Autorin bisweilen an der chinesischen Undurchdringlichkeit verzweifelt. Wie ich schon erwähnte, ist ihre Assistentin auf dieser Reise, die Chinesin Hu Ye, zwar freundlich, aber auch schwer greifbar. Eigentlich gibt sie nie eine direkte Antwort. Auch an manchen Interviewpartnerinnen merkt man, dass die Chinesen einfach – noch – nicht gewohnt sind, sich selbst zu hinterfragen. Oft brechen Gespräche an entscheidenden Stellen ab, oder Bettine verfolgt bestimmte Zweige nicht weiter. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwierig das Unterfangen von vornherein gewesen sein muss: als große, blonde Ausländerin unterwegs mit einer eher konservativen Einheimischen…


    Was das Buch sehr gut wiedergibt, ist die Gespaltenheit der Frauen, und ihre durch die verzwickte Historie bedingte Unerfahrenheit in manchen Themen. Es ist schon erschreckend, wie sehr die Politik ganze Generationen beeinflussen kann – und wie sehr gerade das chinesische Familienleben in Traditionen erstarrt. Sei es das Schönheitsideal (ich sage nur „gebundene Füße“), die Rollen von Mann und Frau, der Heiratsmarkt, die Landflucht, Ausbildung, Aufklärung… letztlich lässt sich fast alles in China auf historisch bedingte Umstände zurückführen. Ein solches Riesenreich musste man mit harter Hand regieren, um überhaupt ansatzweise so etwas wie Kontrolle zu haben; das ist mir schon klar.


    Letztlich ist das Buch aber für mich eher ein Reisebericht; kein umfassendes Werk. Ich hätte mir mehr Hartnäckigkeit in manchen Fragen gewünscht. Auch waren es recht wenige Fotos – und auch nur in Schwarz-Weiß. Ich zweifle ganz einfach an der Repräsentativität mancher der interviewten Frauen. Das Stadt-Land-Gefälle ist meiner Meinung nach nicht genügend berücksichtigt worden.

    Es wird wohl wie so oft am Geschmack des Lesers liegen; dennoch finde ich, dass es über das heutige China (und die Rolle der Frauen darin) bessere Bücher gibt. „Shanghai Tango“ von Jin Xing und „Im Garten des Drachen“ von Colin Thubron fallen mir da ein. Empfehlen würde ich Bettine Vriesekoops Buch nur im Rahmen weiterführender Lektüre.

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)

  • Kahle Zweige und Essensrestchen


    Mulans Töchter, Sachbuch von Bettine Vriesekoop, 240 Seiten erschienen im Pirmoni Verlag.


    Wie moderne Frauen das Gesicht Chinas verändern.


    Bettine Vriesekoop war eine, auf internationaler Ebene, erfolgreiche Tischtennisspielerin. Inspiriert durch die Begegnungen mit chinesischen Sportlerinnen entschied sie sich, nach ihrer aktiven Zeit, für ein Studium der Sinologie. In diesem Buch lässt sie verschiedene chinesische Frauen zu Wort kommen und bietet einen Einblick in ihren Alltag.


    Das Buch ist in 16 Kapitel eingeteilt, durch die zum Inhalt passenden Titel, erhält der Leser einen sehr guten Überblick. Am Ende ist ein sehr umfangreicher Anhang platziert, bestehend aus der Mulan- Ballade, einer Zeittafel der chinesischen Dynastien in chronologischer Reihenfolge, was sehr hilfreich war. Des Weiteren ein Glossar in dem die chinesischen Begriffe erläutert werden. Wenn darüber hinaus noch Fragen offen sind, dann helfen die weiterführenden Links am Ende. Eingefügte Bilder lockern die oft strenge Erzählung auf. Eigennamen und chinesische Ausdrücke erscheinen kursiv und werden dadurch herausgehoben.


    Das Buch liest sich wie ein Reisebericht, bei dem die Autorin mehr als 20 beeindruckende Frauen schwerpunktmäßig zum Thema Emanzipation und Sexualität interviewt. Gerne hätte ich mehr über moderne chinesische Frauen in der Familie z.B. als Hausfrau und Mutter erfahren. Auch über den Brauch des „Füßebindens“ hätte ich gerne mehr gewusst, da mich das Thema sehr interessiert. Stellenweise waren die Erzählungen schon sehr ausführlich und langatmig, trotzdem konnte ich das Buch flüssig und schnell lesen. Vriesekoop berichtet über eine lockere, dann auch wieder sehr puritanische Moral. Aufklärung in den Schulen findet nicht statt. Die Ein-Kind-Politik hat viele der Probleme geschaffen, die hier sehr eindringlich dargestellt werden. Frauen sind in der Minderheit und somit ein extrem rares Gut. Sie warten länger bis sie heiraten und sind wählerischer geworden, enden dann oft als Shengü (Essensrestchen), dadurch gibt es viele unverheiratete Männer (kahle Zweige). Die Scheidungsrate ist hoch, denn die jungen Leute sind als Einzelkinder aufgewachsen, die keine Fähigkeit entwickelt haben, einen selbständigen Part in einer Ehe zu spielen. Noch oft werden die Ehen von den Eltern des Paares arrangiert. Traditionelle chinesische Heldinnen wie Qiu Jin, die kommunistische Revolutionärin, oder Hua Mulan, die für ihren Vater in Männerkleidern in den Krieg zog, sind für die modernen Chinesinnen Vorbilder. Es hat sich viel geändert in China, leider nicht nur zum Guten für Frauen. Junge Chinesinnen haben noch einen weiten und schweren Weg vor sich, um sich zu emanzipieren.


    Dieses Buch kann ich den Lesern empfehlen, die sich für das Leben der modernen Frauen, die China verändern wollen, interessieren. Leider konnte mich dieses Buch nicht ganz erreichen, deshalb 3 von 5 möglichen Sternen. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study::musik::montag:


    Und wenn mir alle Königskronen für meine Bücher und meine Freude am Lesen angeboten wären: Ich würde sie ausschlagen.
    François Fénelon

  • Die ehemalige Hochleistungssportlerin Bettine Vriesekopp verbindet eine fast 40 Jahre andauernde Beziehung zu China. Schließlich mündet diese im Jahr 2013 in eine Gastprofessur und somit ein Projekt mit Master-Studentinnen, welches sich mit dem Thema neue Weiblichkeit in China befasst. In "Mulans Töchter. Wie moderne Frauen das Gesicht Chinas verändern" präsentiert uns die Autorin den Kern dieses Projekts in einzelnen, interessanten Frauenporträts. Fotografien und Zeichnungen unterstreichen die Wirkung des Texts und machen ihn anschaulicher.

    Es sind ganz unterschiedliche Frauen und vor allem Charaktere, die Bettine Vriesekopp in Chinas Hauptstadt Peking zum Gespräch trifft. Von der Prostituierten zur Schönheitschirurgin,von dem homosexuellen Pärchen zur modernen Schwertfrau - sie alle stehen der Niederländerin mehr oder weniger freimütig Rede und Antwort über ihre Rolle als Frau, ihre Sexualität und ihre Wünsche für die Zukunft. Es geht natürlich auch um Politik, zum Beispiel die Ein-Kind-Politik oder die fehlende staatliche Unterstützung, wenn es um Tabu-Themen wie Sexualität geht. Es werden aber auch ganz private Episoden erzählt: von gebundenen Lotusfüßchen, vom Kupplermarkt in Peking und so genannten "Essensrestchen" und "kahlen Zweigen", also unverheirateten Frauen und Männern, deren Verfallsdatum in den Augen ihrer Eltern längst abgelaufen scheint.

    Wer hier eine wissenschaftliche Ausarbeitung erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Zwar werden einige Studien zitiert und Zahlen präsentiert, jedoch ist das Buch eher ein stetes Kreisen um das Thema der modernen Frauen in China und ihre historischen und zeitgenössischen Vorbilder. Die Autorin selbst beschreibt in ihrem Nachwort, dass ihr eigentlich nicht alles gelungen ist, was sie in diesem Projekt leisten wollte. Zwar schlägt sie sehr kurzweilig den Bogen von Heldinnen wie Hua Mulan oder den Schauspielerinnen aus Kung Fu-Filmen zur gelebten Wirklichkeit Frauen aller Altersschichten in Peking. Ein klares Fazit gelingt ihr dabei jedoch nicht, zumal der Eindruck bleibt, dass es noch so viele Frauengeschichten gibt, die nicht erzählt wurden. Akzeptiert man "Mulans Töchter" jedoch als ein Kaleidoskop spannender Einzelschicksale, so kann man durchaus viel Freude mit der Lektüre haben.

    Fazit: Eine halb-wissenschaftliches Buch, das uns interessante Frauen vorstellt :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

  • Anders als erwartet


    Der Titel "Mulans Töchter" hatte bei mir andere Erwartungen geweckt, als das Buch bedient hat. Das heißt nicht das ich von dem Buch enttäuscht bin. Ich fand das Buch gut!


    Das Sachbuch von Bettine Vriesekoop hat mir viele Einblicke in das Leben und Denken der Chinesen gegeben. Locker leicht geschrieben, als wenn die Autorin einem davon bei einem Kaffee erzählt, hat mich das Buch gut unterhalten. Spannend fand ich die Mischung zwischen Sachbuch, Reisebericht und ab und zu einem Teil Reiseführer durch Peking. (Zumindest wirkte es so für mich)


    Die Autorin berichtet zu Beginn viel von der Geschichte Chinas und der Geschichte berühmter Frauen. Ich fand die Einsichten in die verschiedenen Epochen/Dynastien sehr interessant. Vor allem die Denkweisen im Konfuzianismus, das Füße binden und die noch heute verbreitete Variante des Verkuppelns durch die Eltern. Auch die "Essensrestchen" und "Kahlen Zweige" und die Position der Frauen in der heutigen chinesischen Gesellschaft waren spannend. Genau so etwas hatte ich bei dem Untertitel "Wie moderne Frauen das Gesicht Chinas verändern" erwartet!


    Nach ca. etwas mehr als einem Drittel des Buches ging es immer mehr um den Umgang mit Sexualität in China. Vor allem aus der Sicht der Frauen. Ab ca. der Hälfte des Buches hatte ich den Eindruck das es nur noch um das Thema Sex ging, alles andere nebensächlich wurde. Das war schade und hat mich etwas enttäuscht. Daher gebe ich dem Buch Punktabzug. (Wenn es ginge hätte ich 3,5 gegeben, da dies nicht geht habe ich mich für 4 entschieden, da es mich am Anfang auch sehr unterhalten hat.)

  • Mit diesen Buch hatte ich einen Einblick in das Leben von Frauen im heutigen China erwartet. Nur wurden meine Erwartungen diesbezüglich nicht erfüllt. Die Autorin beschreibt ihre Reisen in China. Sie interviewt nur erfolgreiche Frauen in der Stadt. Die Themen werden nur angerissen. Hier hätte ich mir eine weitere Recherche gewünscht. Auch ihre hauptsächliche Konzentration auf die Sexualität hat mich gestört. Sie hat die Gespräche immer wieder dahin gelenkt, obwohl es viel interessanter war, was die Frauen sonst so zu erzählen hatten. Die Darstellung der geschichtlichen Daten fand ich auch nicht so gelungen. Es wurde mir zu viel mit Verweisen auf andere Bücher gearbeitet, statt etwas mehr zu erklären. Ich recherchiere nicht gern nebenbei.

    Das Buch liefert nur einen groben Überblick und wird der Überschrift nicht gerecht. Ich vergebe 3 Sterne. (Ich lese aber auch sehr selten Sachbücher)

    Sub: 5400:twisted: (Start 2017: 5312)

    gelesen 2019: 84 / 1 abgebrochen

    gelesen 2018: 80 / 2 abgebrochen / 32745 Seiten

    gelesen 2017: 86 / 4 abgebrochen / 33551 Seiten
    gelesen 2016: 101 / 6 abgebrochen / 40098 Seiten


    :montag: Arnaldur Indridason - Verborgen im Gletscher

    :study: Bernhard Aichner - Der Fund

    Lesen... das geht 1 bis 2 Jahre gut, aber dann ist man süchtig danach.

  • Dass ein Gesprächspartner ausweichend antwortet, signalisiert dem Fragesteller, dass er/sie von allein hätte spüren müssen, dass diese Direktheit in dieser Kultur nicht angemessen ist und damit selbst die Grenzen des Anstandes überschritten hat.


    Die Vorstellung, Menschen anderer Kulturen müssten sich und ihr Gesellschaftssystem hinterfragen, ist ein verbreitetes interkulturelles Missverständnis. Wenn man die eigene Kultur und Gesellschaftsordnung für überlegen hält (China traditionell als Mittelpunkt der Welt gesehen, fremde Besucher reisen an, um dem Kaiser zu huldigen), müssten doch dringender die Fremden ihr Verhalten und ihre Kultur hinterfragen ...

  • Mancher Leser dieses hochaktuellen Sachbuchs wird sich fragen, warum die Autorin bis zu den gebundenen Füßen chinesischer Frauen oder zu den Familienstrukturen in den Romanen Pearl S. Bucks zurückgeht, um die Lebenssituation chinesischer Frauen in diesem Jahrtausend zu analysieren. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Bucks Romane noch immer zum Verständnis Chinas beitragen. Buck, die in China aufgewachsen ist, beschreibt Großfamilien, in denen wohlhabende Männer Kinder mit mehreren Frauen hatten, die im gemeinsamen Haushalt aufwuchsen. Der Wertekanon des Konfuzianismus gab damals Respekt gegenüber den Eltern, Lehrern und Arbeitgebern vor – und tut es bis heute. Regimes und Dynastien kamen und gingen, der Konfuzianismus überdauerte sie alle. Das Kapital von Frauen war ihre Schönheit und ihre Fähigkeit, Söhne zu gebären. Wie diese Werte in China bis heute das Zusammenleben von Mann und Frau steuern, zeigt Bettine Vriesekoop anschaulich. Stärker noch als zu Zeiten Pearl S. Bucks ist eine Ehe in China heute ein Geschäft, bei dem die Liebe manchmal nach der Hochzeit kommt und Elternpaare vom finanziell aufwendigen Projekt Kind wirtschaftlichen Erfolg einfordern. Wie eine Gesellschaft davon geprägt wird, dass Eltern bis heute die Ehepartner ihrer Kinder aussuchen und die jüngere Generation nicht lernt, für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen, wird in den Interviews deutlich. Veränderungen kamen in China stets von oben …


    China leidet seit langem unter extremem Frauenmangel, weil während der Hungersnöte zwischen 1959-61 Mädchen offenbar zuerst verhungerten und Söhne bessere Überlebenschancen hatten. Während der Ein-Kind-Politik kamen auf 120 Geburten von Jungen nur 100 Mädchen. Frauen haben, gemessen an ihrem knappen Vorkommen, jedoch bis heute Probleme in Beziehungen, die sich Leser in westlichen Ländern schwer vorstellen können. Dem Zugang zu Informationen über Sexualität, Homosexualität, Verhütung, HIV, Prostitution spürt Vriesekoop nach in Interviews mit Expertinnen und interessanten Persönlichkeiten. Anders als Xinran, die das Ausweichen und Beschönigen ihrer Interviewpartner selten hinterfragt, geht Vriesekoop - typisch europäisch - sehr direkt vor, jedoch stets mit Empathie und Respekt gegenüber ihren Gesprächspartnerinnen. Die Autorin reiste 1980 zum ersten Mal nach China, kann also die rasante Entwicklung des Landes seitdem aus eigener Anschauung beurteilen. Die Generation, deren Eltern 1989 auf dem Tiananmen-Platz demonstrierten, hat bis heute mit gesellschaftlicher Abwertung von Frauen, unvorstellbarer Unwissenheit über Sexualität und mit Rollenbildern zu tun, die sich mit der modernen Berufswelt nicht vereinbaren lassen.


    Fazit

    Bettine Vriesekoop verfügt über profundes kulturhistorisches Wissen und kann ihre Leser mit einem gut lesbaren Text fesseln. Die Lektüre lohnt sich allein dafür, dass einem als Leser am Beispiel der gebundenen Füße klar vor Augen steht, wie lange Tradition dem Gesetz hinterher hinken kann und dass es oft die Mütter sind, deren Werte der Gleichberechtigung ihrer Töchter im Wege stehen.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

Anzeige