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Annette Hess - Deutsches Haus

Deutsches Haus

4 von 5 Sternen bei 25 Bewertungen

Verlag: Ullstein Hardcover

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 368

ISBN: 9783550050244

Termin: Neuerscheinung September 2018

Klappentext / Inhaltsangabe: Von der Erfinderin der TV-Serien Weissensee und Ku'damm 56 / 59 »Dieser Roman kommt genau zur richtigen Zeit.« Iris Berben  Frankfurt 1963. Eva, gelernte Dolmetscherin und jüngste Tochter der Wirtsleute Bruhns, steht kurz vor ihrer Verlobung. Unvorhergesehen wird sie gebeten, bei einem Prozess die Zeugenaussagen zu übersetzen. Ihre Eltern sind, wie ihr zukünftiger Verlobter, dagegen: Es ist der erste Auschwitz-Prozess, der in der Stadt gerade vorbereitet wird. Eva, die noch nie etwas von diesem Ort gehört hat, folgt ihrem Gefühl und widersetzt sich ihrer Familie. Sie nimmt die Herausforderung an, ohne zu ahnen, dass dieser Jahrhundertprozess nicht nur das Land, sondern auch ihr eigenes Leben unwiderruflich verändern wird.  
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  • Kurzmeinung

    Squirrel
    Wäre die Autorin doch nur bei ihrem Hauptplot geblieben
  • Kurzmeinung

    serjena
    Schade die Autorin hat das Potential welche eine solche Geschichte anbietet viel zu wenig ausgeschöpft.
  • Kurzmeinung

    Mojoh
    Opulentes Familien- und Zeitpanorama aus der Zeit der ersten Auschwitz Prozesse Anfang der 60er Jahre.
  • Titel: Deutsches Haus

    Autorin: Annette Hess

    Verlag: Ullstein Hardcover (21.09.2018)

    ISBN: 978-3550050244





    Die Autorin: (Quelle Amazon) Annette Hess stammt aus Hannover und studierte zunächst Malerei und Innenarchitektur, später Szenisches Schreiben. Sie arbeitete als freie Journalistin, Regieassistentin sowie Drehbuchlektorin. Seit 1998 ist sie ausschließlich als Drehbuchautorin tätig. Bekannt wurde sie durch ihre Fernsehserien Weissensee, Ku’damm 56 und Ku’damm 59. Annette Hess lebt in Niedersachsen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Grimme-Preis, den Frankfurter Preis der Autoren sowie den Deutschen Fernsehpreis. Deutsches Haus ist ihr erster Roman.




    Meine Rezension


    Inhalt: Die junge Dolmetscherin Eva Bruhns wird überraschend engagiert um während einer Gerichtsverhandlung die Aussagen polnischer Zeugen zu übersetzen.

    Völlig ahnungslos gerät die junge Frau in einen Prozess gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher, die im KZ Auschwitz unglaubliche Gräueltaten verübt haben sollen.

    Zunächst kann Eva die Aussagen der Opfer kaum glauben, zu furchtbar sind die Taten. Doch schon bald spürt sie, dass sie selbst mehr mit den Verbrechen zu tun hatte, als ihr bislang bewusst war.

    Weder mit ihren Eltern, die die Gaststätte „Deutsches Haus“ betreiben, noch mit ihrem Verlobten Jürgen kann sie über das Gehörte sprechen ohne auf eine Mauer aus Schweigen zu stoßen.


    Meine Meinung: Ich wurde von der Geschichte völlig in den Bann gezogen und habe das Buch innerhalb von zwei Tagen verschlungen.

    Die Autorin Annette Hess versteht es ausgezeichnet Fiktion und Fakten zu verweben. Teilweise wurden Ausschnitte aus Originalzeugenaussagen der Auschwitzprozesse verwendet, die auch heute nichts an Grausamkeit und Schrecken verloren haben.

    Eva selbst war während des Krieges noch zu klein um sich bewusst zu erinnern. Umso heftiger treffen sie nun die Fakten, die durch den Prozess ans Licht kommen.

    Evas Familie steht exemplarisch für eine ganze Generation, die alles tut um sämtliche Erinnerungen an Erlebtes, sei es als Täter, Mitläufer oder Opfer, zu verdrängen. Scham und Schuldgefühle werden totgeschwiegen, obwohl sie teilweise durchaus vorhanden sind.

    Die Kriegsverbrecherprozesse reißen rund 20 Jahre nach Kriegsende die kaum verheilten Wunden wieder auf. Trotzdem sind sie nicht nur für die Opfer des Nationalsozialismus sondern auch für die deutsche Bevölkerung unglaublich wichtig um die Vergangenheit zu sühnen und zu verarbeiten.


    Fazit: Ein bewegendes Buch und ein hervorragendes Portrait der Deutschen während der 60iger Jahre, mitreißend und gefühlvoll geschrieben. Für mich ein Highlight!


    4,5 Sterne!

  • Eva, 21 Angeklagte und ihre Opfer


    Eva wird zur Dolmetscherin in die Frankfurter Auschwitzprozesse berufen. Bis dahin hat die junge Eva die Zeit zusammen mit ihren Geschwistern im Hause der Eltern, die eine Gaststätte namens „Deutsches Haus“ betreiben, unbedarft und nichts wissend über deutsche Vergangenheit verbracht und sich vorrangig auf ihre Verlobung mit dem Unternehmersohn Jürgen konzentriert. Doch plötzlich sieht sie sich 21 Angeklagten gegenüber, grausamen Taten und unschuldigen Opfern. Eine Situation, die nicht nur Eva's Leben beeinflussen wird, sondern auch das ihres Umfelds.


    Die Drehbuchautorin Annette Hess führt den Leser in ihrem ersten Roman „Deutsches Haus“ zurück in die 1960er Jahre nach Frankfurt, in die Stadt, in der 1963 die Auschwitzprozesse begannen. Sie erzählt ein Stück Zeitgeschichte, die nie vergessen werden sollte, und verbindet sie mit einer ureigenen Lebens- und keinesfalls schnulzigen Liebesgeschichte. Dieser Drahtseilakt gelingt ihr meiner Meinung nach hervorragend: Authentisch und echt die Figuren, klug und durchdacht der Aufbau, einfach und prägnant die Sprache.


    Ich bin sofort im Geschehen angekommen und konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Annette Hess fängt den Zeitgeist hervorragend ein und vermittelt die Ignoranz der Täter von damals, ihre grauenvollen Misshandlungen und Morde und das Leiden der Opfer auf beeindruckende Art und Weise. Auch die Entwicklung Eva's vom naiven Mäuschen zur starken Frau habe ich mit großem Interesse verfolgt. Wie die Autorin genauso spannend und teilweise überraschend die offensichtlichen Geheimnisse in Eva's Umgebung peu à peu lüftet, hat mir außerordentlich gut gefallen.


    „Deutsches Haus“ mit Deutscher Geschichte - ein bewegender Roman, fesselnd, lehrreich und aktueller denn je.

  • Die 24-jährige Eva Bruhns lebt noch mit ihren Eltern und Geschwistern unter einem Dach, die Familie führt den Gasthof „Deutsches Haus“. Obwohl ihre Eltern nicht begeistert sind, arbeitet Eva als Dolmetscherin. Für die erste Gerichtsverhandlung um die Auschwitzer Gräueltaten, der in Frankfurt gegen Kriegsverbrecher stattfindet, wird sie engagiert, um polnische Zeugenaussagen zu übersetzen und bekommt so durch ihre Arbeit während des Prozesses detailliert einige der Schreckenstaten des Zweiten Weltkrieges zu hören. Eva, die vorher völlig ahnungslos war, ist von den Aussagen regelrecht verstört, allerdings werden ihr schon bald die Augen geöffnet, als sie versucht, mit ihren Eltern und auch mit ihrem Verlobten über das Gehörte zu sprechen…


    Annette Hess hat mit ihrem Buch „Deutsches Haus“ einen sehr eindringlichen und gleichsam spannenden Roman vorgelegt, der ein Stück Zeitgeschichte zum Thema hat, das nicht in Vergessenheit geraten darf. Der Schreibstil ist flüssig und eher pragmatisch, was aber gut zu diesem schwierigen Thema passt. Die Autorin wahrt gebührend Abstand, ohne jedoch respektlos zu erscheinen. Vielmehr lässt sie neben der Geschichte von Eva und ihrer Familie auch die Prozessopfer erzählen und auf den Leser wirken, dessen Emotionen während der Lektüre regelrecht Kapriolen schlagen. Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, was dem Leser einen guten Einblick in Hintergründe, Gedanken und Gefühle der Erzählenden liefert. So kommen Täter und Opfer zu Wort, aber auch diejenigen, die sich nicht gegen die Nazis gewehrt haben und einfach mitgelaufen sind, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Die Verwendung von echten Prozessaussagen untermauert das zusätzlich. Die Hintergrundrecherche ist der Autorin dagegen nicht so gut gelungen, denn obwohl sie Fiktion mit Fakten in ihrer Geschichte vermischt, sind die von ihr angeführten Daten nicht korrekt. Das sollte bei einem solchen Buch allerdings in jedem Fall stimmig sein. Auch bedient sie sich für ihre Handlung einiger Nebensächlichkeiten, die den Prozessen die Wichtigkeit und Ernsthaftigkeit nehmen. Weniger wäre hier mehr gewesen.


    Die Charaktere sind interessant und vielfältig ausgearbeitet und mit Leben versehen worden. Sie spiegeln die damalige Zeit sehr gut wieder, so dass sich der Leser ein gutes Bild über die damalige Zeit machen kann. Eva ist eine junge und eher zurückhaltende Frau. Vom Elternhaus bevormundet und von ihrem Verlobten ebenfalls klein gehalten, hat sie kaum Selbstbewusstsein. Gleichzeitig besitzt sie die Stärke, sich durchzusetzen und ihren Weg zu gehen. Frauen waren zur damaligen Zeit immer noch eher am Herd zu vermuten, als dass sie einem Beruf nachgingen. Fritz Bauer ist Generalstaatsanwalt und leitet den Prozess, der allen viel abverlangt. Seine Aufgabe ist nicht nur mutig, sondern auch bewundernswert, denn er kämpft für Gerechtigkeit und bietet den Opfern ein Podium dafür. Auch die weiteren Protagonisten wie Evas Familie oder auch ihr Verlobter Jürgen spielen eindrucksvolle Rollen, deren Geschichten der Handlung weitere Perspektiven verleihen.


    „Deutsches Haus“ ist durchaus ein gut gelungener Roman über eine Zeit, die wir Deutschen nie vergessen sollten. Allerdings fehlt es hier an der nötigen Ernsthaftigkeit und genauen Recherche, um ganz überzeugen zu können. Eine Leseempfehlung ist trotzdem verdient!


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    Bücher sind Träume, die in Gedanken wahr werden. (von mir)


    "Wissen ist begrenzt, Fantasie aber umfasst die ganze Welt."
    Albert Einstein


    "Bleibe Du selbst, die anderen sind schon vergeben!"
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    SUB: ca. 1.800 / gelesen 2019: 367/ 143788 Seiten

  • Wichtige Thematik, eindrücklich erzählt


    Eva ist Dolmetscherin für Polnisch, eigentlich auf Wirtschaft spezialisiert. Aber als zu Beginn des ersten Auschwitzprozesses 1963 ein Übersetzer fehlt, widersetzt sich sich ihren Eltern und ihrem Verlobten, Jürgen, und entschließt sich, den Zeugen eine Stimme zu geben. So steht sitzt sie schließlich im Gerichtssaal neben den Menschen, die die Gräueltaten der Nationalsozialisten in Auschwitz überlebt haben und beginnt nach und nach selber zu begreifen, was dort geschehen ist.

    Denn bei Eva zu Hause wird darüber nicht gesprochen. Ihr Vater behauptet, während des Kriegs in der Feldküche an der Westfront zu gearbeitet zu haben. Doch der allwissende Erzähler lässt seine Leser gleich zu Beginn der Geschichte wissen, das Evas Vater lügt.

    Im Frankfurt der 60er Jahre betreiben Evas Eltern die Gaststätte „Deutsches Haus“, ihre ältere Schwester Annegret arbeitet als Krankenschwester auf einer Säuglingsstation. Und neben den beiden Mädchen gibt es noch einen jüngeren Bruder, Stefan.


    Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven. Zum einen entstehen so verschiedene Handlungsstränge, zumm anderen sieht man so von mehreren Blickwinkeln auf eine Situation oder einen Aspekt. So kamen beispielsweise auch Jürgens Blick auf die Beziehung zu Eva oder die Sicht des Kanadiers David Miller auf den Prozess zum Tragen.

    Annegrets Geschichte kam mir dabei jedoch ein wenig losgelöst von dem Rest vor, der sich doch vor allem um Eva und den Prozess drehte.


    Die Sprache war klar und leicht zu lesen. Allerdings wirkte es zunächst ein wenig seltsam, dass einige Figuren nie beim Namen genannt werden. Der Generalstaatsanwalt wurde beispielsweise durchweg als „der Hellblonde“ bezeichnet.


    Positiv hervorheben möchte ich noch die charakterliche Entwicklung, die Eva durchmacht. Zunächst wirkt sie schüchtern, unsicher, abhängig von allen anderen. Aber im Laufe der Geschichte findet sie einen eigenen Standpunkt, den Mut ihn zu vertreten und die Kraft für das einzustehen, was sie für richtig hält.


    Ein wichtiges Thema ist zweifellos der Umgang mir der Vergangenheit, das Aufarbeiten und Auseinandersetzten mit dem, was in Auschwitz getan wurde. Die Situation im Gerichtssaal, die Zeugen, die Angeklagten, Richter, Verteidiger und Staatsanwaltschaft wurde sehr eindrücklich geschildert. Genau wie der Unwillen von Evas Eltern, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen.


    Insgesamt eine zweifellos wichtige Thematik verpackt in einer eindrücklich erzählten Geschichte.

  • Opulentes Zeitpanorama der ersten Ausschwitzprozesse

    Wir befinden uns im Jahr 1963 in Frankfurt am Main. Es ist eine Zeit, in der das Wirtschaftswunder die Gesellschaft bestimmt. Der Krieg ist seit fast 20 Jahren vorbei, es wird vermieden darüber zu sprechen und Fragen werden erst recht keine gestellt. Getreu dem Motto: Worüber wir nicht sprechen ist auch nicht so geschehen.

    Die 24jährige Dolmetscherin für Polnisch Eva, Tochter der Wirtsleute Bruhns, Inhaber der Gaststätte Deutsches Haus, rutscht durch Zufall in die Kreise der unmittelbaren Vorbereitungen des ersten Auschwitzprozesses. In diesem stehen 22 Angeklagte aufgrund der verschiedensten Posten, die sie im Vernichtungslager Auschwitz innehatten im sogenannten „ersten Ausschwitzprozess“ vor Gericht.

    Nach und nach entblättert sich vor der Protagonistin ein Gebilde von unvorstellbarem Grauen, jedes Blatt des Wegschauens und Verschweigens, des Leugnens, der Scham einerseits und der schmerzvollen Erinnerung andererseits die entfernt werden um die Vergangenheit zu enthüllen machen Eva zu schaffen. Zu Wort kommen Zeugen, Opfer wie Täter, Mitläufer und Wegschauer, sie alle tragen im Laufe der Zeit zur eindrucksvollen Entwicklung der Hauptperson bei. Aber nicht nur der im Vordergrund stehende Prozess spielt eine Rolle, auch andere Entwicklungsaufgaben der Zeit werden angerissen: Das klassische Familienbild bekommt erste Risse durch zarte Selbstbehauptungsversuche von Eva gegenüber ihrem Verlobten Jürgen. In der gleichen Konstellation wird eine Klassenhierarchie zwischen dem Sohn aus reichem Hause und der bürgerlichen Tochter der Wirtsleute am Rande behandelt. Der Antisemitismus, der sich unter anderem jetzt neue Opfer in den Reihen erster Gastarbeiter sucht, Opfer, die zu Tätern werden, Rollenerwartungen und deren psychischen Folgen für die, die sie nicht erfüllen am Beispiel von Annegret, Evas älterer Schwester – all das kommt zur Sprache und wird leicht, nebeher und am Rande behandelt.

    Das wäre auch mein einziger Kritikpunkt am Romandebut der Autorin, eventuell hat sie sich zu viel vorgenommen, um alles differenziert und mit der gebotenen Tiefe zu behandeln. Die Intention ist klar: Sie versuchte ein Panorama der Zeit zu entwerfen und alle gegebenen Problemfelder zu bespielen. Ganz leicht merkt man, dass sie aus der Drehbuchsparte kommt, in der sie unter anderem für genau diese Serien wie Weißensee und Kuhdamm 56/59 verantwortlich zeichnet. In Schriftform hätte sie eventuell einige Seiten mehr benötigt, um ein ähnliches Ergebnis zu erzielen.

    Andererseits hat sie ihre Erzählform in der Regel sehr dicht an Eva gewählt, was mir ausgesprochen gut gefallen hat. Obwohl manche Dinge schon früh zu ahnen waren, hat sie immer wieder kleine Twists eingefügt, die mich überrascht haben. Und durch die Kürze des Buches wurde es an keiner Stelle langweilig oder langatmig.

    Insgesamt vergebe ich gute 4 Sterne, ich hatte ein solches Buch erwartet, nachdenklich machend, in einem hohen Tempo erzählt. Ein aufrüttelnder Apell gegen das Vergessen und gleichzeitig eine die schwierige Frage der moralischen Verantwortung stellend. Die Autorin malt nicht nur schwarz und weiß sondern gerade durch die Vielfalt der gewählten Farben fällt es dem Leser nicht einfach, zu einem eindeutigen Urteil über das handelnde Personal zu kommen.

    "Die wahrhaft menschliche Qualität besteht nicht aus Intelligenz, sondern aus Phantasie." - Terry Pratchett


    :study:

    Lee Child - Die Gejagten (Reacher 18)


    :bewertung1von5: 2020: 10 :bewertung1von5:

  • Ein Stück Zeitgeschichte



    Deutsches Haus, Roman von Annette Hess, 368 Seiten, erschienen im Ullstein-Verlag.
    Die junge Dolmetscherin Eva erlebt beim ersten Auschwitz-Prozess 1963 in Frankfurt, wie die Gräuel der Nazi-Zeit ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt werden.
    Eva Bruhns wird als Dolmetscherin zu einem Auftrag in das Büro des Generalstaatsanwalts gerufen. Eigentlich übersetzt Eva üblicherweise Wirtschaftstexte aus dem Polnischen. Obwohl sie am Anfang Schwierigkeiten hat, wird sie als Dolmetscherin zum ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt hinzugezogen. Trotzdem ihr Verlobter und ihre Eltern dagegen sind nimmt Eva diese Herausforderung an. Durch das im Prozess erlangte Wissen, verändert sich Evas Bewusstsein und sie bekommt eine Ahnung vom Umfang der Verbrechen. Und sie erkennt, dass ihre Eltern etwas verbergen.
    Das Buch gliedert sich in 4 Teile, zwar ohne Kapiteleinteilung aber dennoch in überschaubare Leseabschnitte aufgeteilt. Schlagfertige Dialoge und ein Gebet in hebräischer Schrift lockern die Lektüre auf, machten das Gelesene lebendig. Die Zeugenaussagen im Buch sind aus den Protokollen der Ausschwitz-Prozesse übernommen worden. Die Geschichte flüssig zu erzählen ist der Autorin sehr gut gelungen, da sie als Stilmittel die auktoriale Erzählweise wählt, dadurch kann sich der Leser stets der Sichtweise der einzelnen Charaktere bewusst werden, sie hat es ausgezeichnet geschafft in ihrem Buch Fakten und Fiktion zu verweben. Die Handlung ist flüssig und logisch aufgebaut. Eines kommt zum anderen, nichts wirkt gesucht oder konstruiert, die Botschaft ist tiefgründig und berührt die Seele. Dieses emotionale Buch hatte ich schnell gelesen und ich fühlte mich niveauvoll unterhalten, gut gemacht. Da es sich hier nicht unbedingt um leichte Kost handelt, musste ich das Buch einige Male erschüttert aus der Hand legen. Annette Hess ist bekannt als Drehbuchautorin durch ihre Erfolgsserien Weißensee und Ku‘damm 56 und 59. Auch als Romanautorin konnte sie mich mit vorliegendem Werk überzeugen.
    Meine Lieblingsfigur natürlich die Protagonistin Eva, sie machte in dieser Geschichte die größte Charakterveränderung durch. Ihre Entwicklung vom ahnungslosen Mädchen zur selbstbestimmten Frau, hat mir gut gefallen. Wie sie sich von der Bevormundung ihrer Eltern und ihrem Verlobten gelöst hat und ihren eigenen Weg ging, fordert mir unbedingten Respekt ab. Eine unangenehme Person fand ich ihre Schwester Annegret, die vermutlich unter dem erweiterten Münchhausen-Syndrom leidet, dass für sie in der Geschichte ein versöhnliches Ende herausspringt hat sie überhaupt nicht verdient. Ihr Verhalten zeigt m.E., dass die Erlebnisse in der Kindheit, die sie als die Ältere wohl bewusster wahrgenommen hat, sicher nicht spurlos an ihr vorüber gegangen sind. Die Eltern, renommierte Wirtsleute, die das „Deutsche Haus“ führen, handeln aus meiner Sicht, vermutlich aus Verdrängung oder Scham. Z.B. auf S. 39 sagt die Mutter: „ Das ist alles schlimm, was da war. Im Krieg. Aber man möchte das doch gar nicht mehr wissen. Dabei spiegelt sich auch der „Zeitgeist“, denn ein Zeitungsartikel aus dieser Zeit lautete: 70 Prozent der Deutschen wollen den Prozess nicht! (S.65). Die furchtbare Kriegszeit und die schlechte Zeit danach ist vorbei, das Wirtschaftswunder ist in vollem Gange. Mir hat auch sehr gut gefallen, wie die Autorin das Familienleben in den frühen 60igerJahren eingefangen hat. Gänsebraten, Frankfurter Kranz und Radioprogramm am Sonntagnachmittag 1963, der junge Mann, der seinen Antrittsbesuch bei den zukünftigen Schwiegereltern absolviert, die deutsche Gemütlichkeit dieser Zeit. Leider aber auch die Abhängigkeit der Frauen von ihren Ehemännern damals. Sogar ein Verlobter konnte seiner Braut verbieten zu arbeiten, das kann man sich heutzutage kaum mehr vorstellen. Jürgen Schoormann, Evas Zukünftiger, Sohn eines Unternehmers, war für mich auch nicht unbedingt ganz normal. Er wollte eine Frau die wie ein Hündchen gehorcht. Da kann ich gut nachvollziehen, dass Eva ihn zwar liebt, ihn aber nicht versteht. Mich hätte auch noch interessiert was aus David Miller geworden ist.
    Ich kann Iris Berben nur zustimmen: „Dieser Roman kommt genau zur richtigen Zeit.“
    Ich finde es ist wichtig, dass dieses Buch viele Leser findet und möchte eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. Natürlich auch volle Punktzahl 5 Sterne. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study::musik::montag:


    Und wenn mir alle Königskronen für meine Bücher und meine Freude am Lesen angeboten wären: Ich würde sie ausschlagen.
    François Fénelon

  • 1963

    Der 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit sind lange vorbei. Das Wirtschaftswunder hat, zumindest in Westdeutschland, für einigen Wohlstand quer durch die Bevölkerungsschichten gesorgt. Da holt Deutschland sein grausigstes Verbrechen wieder ein. Fast 20 Jahr nach Kriegsende kommt es in den Jahren 1963-1965 zum ersten Auschwitzprozess. Hier siedelt die Autorin ihre Geschichte um die junge Dolmetscherin Eva Bruhns an. Die Mittzwanzigerin lebt mit ihrer älteren Schwester, dem viel jüngeren Bruder und ihren Eltern über der elterlichen Gaststätte „Deutsches Haus“ zusammen. Eva fiebert mit viel Aufregung dem Antrittsbesuch ihres Freundes Jürgen entgegen, wird er an diesem Adventssonntag um ihre Hand anhalten? Der Mittagstisch ist gerade aufgehoben, da erreicht Eva ein Anruf ihres Vorgesetzten. Sie wird dringend bei einer deutsch-polnischen Zeugenbefragung benötigt, da es Ausreiseschwierigkeiten beim polnischen Dolmetscher gab. Als reine Wirtschaftsdolmetscherin hat sie zuerst Schwierigkeiten die Erzählungen des Zeugen Josef Gabor richtig zu interpretieren. Als sie das ganze Ausmaß begreift, der Zeuge spricht von Vergasungen, Folter und Erschießungen ist sie entsetzt. Sie möchte gerne mit ihren Eltern und ihrer Schwester über das Erlebte sprechen, doch dort stößt sie auf totales Unverständnis. Der Krieg ist schon so lange her, und alle hatten es schwer. Eva ist irritiert, gibt den Wunsch, diesen Übersetzerjob zu beenden, jedoch nicht nach. Auch nicht als ihr Verlobter gegen sie insistiert.


    Während in der DDR schon seit deren Gründung eine gewisse Gleichstellungspolitik gefahren wurde, war dies in den alten Bundesländern nicht so. Die Emanzipation war staatlicherseits nicht gefördert oder gewollt. Für mich ist es deshalb immer etwas befremdlich zu lesen, wenn die Frau ihre Eltern um Erlaubnis fragen muss, ob sie arbeiten gehen darf. Sogar der Verlobte, rein rechtlich eigentlich völlig unverständlich, kann Veto einlegen und seiner Verlobten die Arbeitserlaubnis verweigern. In diesem Jahrzehnt keimt aber so langsam die Emanzipationswelle in den alten Bundesländern auf und unsere Protagonistin verwandelt sich im Laufe dieses Prozesses von einem wohlbehüteten, leicht naivem Mauerblümchen zu einer selbstbewussten jungen Frau.

    Die Autorin nimmt sich der dunkelsten und schwärzesten Geschichte Deutschlands an, und das absolut überzeugend. Opfer, Täter, Mitläufer, Wegseher, Denunzianten und Gerechtigkeitsfanatiker alle bekommen eine Geschichte die glaubwürdig (das liegt auch daran, dass die alten Prozessaufnahmen verwendet wurden) ist. Die Täter die jegliche Schuld von sich weisen. Die Opfer die sich den Grausamkeiten nach zwanzig Jahren erneut stellen müssen, ihren Peinigern wieder gegenübersitzen, die sie in der Regel nur verhöhnen. Und Schlussendlich kann man mit den Urteilsverkündungen nicht zufrieden sein. Annette Hess zeigt anhand der Familie Bruhns wie Schwierig die Aufarbeitung dieser Verbrechen sogar in der eigenen Familie sein kann.



    Ein Buch das tief bewegt und eine Geschichte wiederaufleben lässt die man nie vergessen darf.

  • GEGEN DAS VERGESSEN


    »Dieser Roman kommt genau zur richtigen Zeit.« Iris Berben

    Die vielfach ausgezeichnete Annette Hess legt mit „Deutsches Haus“ ihren ersten Roman vor, der am 21.09.2018 im Ullstein-Verlag erschien. Sie ist vornehmlich als Drehbuchautorin tätig. Sehr erfolgreich liefen die Serien "Weissensee", "Ku'damm 56" und Ku`damm 59“ im Fernsehen, in denen Nachkriegsdeutschland schon das Thema war. Im Roman "Deutsches Haus" widmet sich die Autorin der westdeutschen Vergangenheitsbewältigung.

    Die überwiegende Handlung spielt in Frankfurt im Jahr 1963. Der erste Auschwitz-Prozess wird vorbereitet. Durch einen Zufall kommt die junge Eva Bruhns, eine gelernte Dolmetscherin, Übersetzerin für die polnische Sprache, zu der verantwortungsvollen Aufgabe, Zeugenaussagen zu übersetzen. Ihren Eltern, Inhaber einer Speisegaststätte, und ihrem Verlobten ist das gar nicht recht. Doch sie widersetzt sich und bringt damit ihre Zukunft mit dem reichen Versandhausbesitzer Jürgen Schoormann ins Wanken. Je tiefer Eva in die Materie der Gerichtsverhandlungen eindringt, je mehr sie von den Gräueltaten der Angeklagten erfährt, umso mehr nimmt sie wahr, wie sie sich an lange zurückliegende Ereignisse erinnert, an ihre frühe Kindheit...


    In vier Teilen ohne Kapiteleinteilung, aber mit deutlich abgegrenzten Leseabschnitten wird anschaulich und detailreich das Leben in der Bundesrepublik in den 60ern erzählt. Es wird hinter die Fassaden der anscheinend so heilen, intakten Welt geschaut. Es ist die Zeit des Wirtschaftsaufschwungs und 18 Jahre nach dem Ende des Krieges wollen viele nichts mehr von der Zeit vor 45 wissen. Eva, die durch ihren Geburtsjahrgang (1939) eigentlich gar nichts wissen kann, bekommt von einem jungen Mann (David Miller), der für die Staatsanwaltschaft in dem Auschwitzprozess arbeitet, ihr „Fett“ weg.


    „Ihr seid alle so ignorant...Für euch kamen ´33 die kleinen braunen Männchen in einem Raumschiff und landeten in Deutschland,...´45 haben sie sich dann wieder verzogen, nachdem sie euch armen Deutschen diesen Faschismus aufgezwungen hatten.“ [S. 33]

    „Sie sind eins von diesen Millionen dummen Fräuleins.“ [S. 34]


    Mich beeindruckt bei dem Roman die Authenzität, die Emotionalität. Es gibt viele erschreckende Momente, die mich tief erschüttert haben. Hier bemerkte ich deutlich das Handwerkszeug der Drehbuchautorin. Die Bilder stellten sich wie von selbst ein.

    Annette Hess ist es hervorragend gelungen, in ihrer sorgsam eindringlichen, detailgetreuen Darstellung der Ereignisse im Gerichtsprozeß, im Umgang mit den Angeklagten und Zeugen, in den Lebensumständen der Familien Bruhns und Schoormann, die Brisanz darzustellen. Die Älteren schleppen ihre schlimmen Erinnerungen mit sich, die einerseits verdrängt (die Eltern Bruhns) und anderseits als Teil des Krankheitsbildes (Walter Schoormann) immer wieder gegenwärtig werden.

    Das Buch besticht durch seine lebendige Erzählung. Die Ausdrucksweise und Lebensart ist originalgetreu wie in den 60ern. Mit „Evas Ungehorsam“ wird auch die Rolle der Frau in dieser Zeit thematisiert. Die Sprache der Autorin empfand ich oft als bildhaft und ausdrucksstark („Der Hellblonde“, „Die Bestie“, „Schimpansengesicht“). Vielleicht hätte es die Figur der Kinderkrankenschwester Annegret (die ältere Schwester Evas) nicht unbedingt bedurft. Dieser Charakter ist sehr problembeladen und verdichtet nochmals das ohnehin sehr emotional packende Thema der Massenvernichtung von Menschen. Ja, und was aus David Miller geworden ist, hätte ich gern noch erfahren! Sein Schicksal bleibt ungeklärt.

    „Deutsches Haus“ empfinde ich als gelungenes Romandebüt. Es ist ein Buch, das die Fragen der persönlichen und der kollektiven Schuld thematisiert. Ein Buch gegen die Verdrängung, gegen das Vergessen der größten Massenmorde in der Geschichte der Menschheit. Ein Buch gegen die Vorspiegelung falscher Tatsachen.


    Von mir gibt es fünf von fünf Sternen und eine bedingungslose Kauf-/Leseempfehlung. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Deutschland in den 1960er Jahren

    Eva Bruhns, eine 24jährige Dolmetscherin für Polnisch, erhält den Auftrag, für einen Gerichtsprozess zu dolmetschen. Es handelt sich dabei nicht um irgendeinen Auftrag, sondern um den ersten Auschwitz-Prozess im Jahr 1963. Ihre Eltern, die ein gutbürgerliches Gasthaus betreiben, und Evas Verlobter, der reiche Unternehmersohn Jürgen Schoormann, wollen sie von dem Vorhaben abbringen, doch Eva lässt sich nicht beirren.

    Im Laufe des Prozesses erfährt Eva vieles über die unmenschlichen Grausamkeiten, die sich in Auschwitz abgespielt haben. Sie kann nicht verstehen, warum Jürgen und ihre Eltern so wenig Interesse daran zeigen. Jürgen versucht sogar, den vorsitzenden Richter davon zu überzeugen, dass Evas „Nervenkostüm“ zu schwach ist, um diese Aufgabe auf Dauer erfüllen zu können.

    Als Leser bekommt man einen guten Einblick in das Deutschland der 1960er Jahre, in dem das Veto eines Verlobten gereicht hat, um einer Frau den Job wegzunehmen!

    Das Buch behandelt einen wichtigen und dunklen Teil der deutschen Geschichte, aber manches ist für mein Empfinden doch sehr schwarz-weiß dargestellt. Man bekommt den Eindruck, dass die Deutschen ein Volk von bigotten Mördern, Mitläufern und anderen Verbrechern und Denunzianten sind. Selbst Jürgen und Evas Familie haben Schuld auf sich geladen. Diese Nebenschauplätze haben mir im übrigen nicht gefallen, vor allem die Geschichte um Evas Schwester war völlig überflüssig und irrelevant. Auch den Handlungsstrang um den jungen Juristen David Miller fand ich viel zu ausschweifend. Überhaupt nicht nachvollziehen konnte ich manche von Evas Beweggründen, zum Beispiel blieb mir ein Rätsel, was sie an Jürgen fand, der abgesehen von seinem Reichtum so gar nichts zu bieten hatte. Auch ihr Verhalten den Eltern gegenüber konnte ich nicht verstehen.

    Deutsches Haus ist sicherlich ein lesenswertes und gut recherchiertes Buch, wenn man sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen will, doch mit den vielen Nebenschauplätzen hat sich die Autorin ein wenig verzettelt. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

  • Eine junge Frau wird wach

    Ich bin mit dem Buch nicht ganz warm geworden. Eine junge Frau erfährt von den Gräueln der Elterngeneration. Sie ist Dolmetscherin in dem Frankfurter Verfahren über Auschwitz. Sie ist anfangs unbekümmert underfährt während des Prozesses den Ausmaß des Völkermordes. Sie wird wach widersetzt sich ihrem Verlobten und muss auch gegen die Eltern Stellung beziehen.

    Die Sprache ist zeitgemäß und für mich etwas zu behäbig. Obwohl man sich in die Figuren hineinversetzen kann ist es doch mittlerweile eine vergangene Zeit und der Alltag einfach zu weit weg - der Verlobte wird beim Gericht vorstellig um seiner Verlobten die Arbeit zu verbieten!! Zwei Erzählstränge werden auch nicht richtig auserzählt, was bewegt ihre Schwester zu den Taten und wo ist David?

    Als Zeitdokument bestimmt wichtig und gut recherchiert, aber vielleicht hätte das Buch mehr Raum haben müssen.


  • Hätte sich die Autorin doch nur auf ihre Hauptgeschichte konzentriert, dann hätte es ein gutes Buch werden können. Aber sie verliert sich leider in so vielen Nebengeschichten und packt so viel Dramatik und noch mehr und ebenso schwierige Themen in dieses Buch hinein, dass für mich der Schuss ganz klar nach hinten losging. Die zentrale Geschichte - Fritz Bauers Auschwitz-Prozess mit all seinen Schwierigkeiten, dem Gegenwind den er erhielt, und die Begegnung einer jungen Frau mit der deutschen Geschichte, die auch Teil ihrer Familiengeschichte ist - hätte völlig ausgereicht für Dramatik und Spannung und die Autorin hätte die Chance gehabt, diesem Thema gerecht zu werden. So aber überfrachtet sie die Geschichte völlig unnötig, überzeichnet und überfrachtet die Protagonisten teilweise extrem und ich dachte mehr als einmal "was kommt denn jetzt noch hinein?". Hier wäre weniger eindeutig besser gewesen.


    Die Arbeit der Autorin in der Filmbranche merkt man dem Roman auch eindeutig an, da wird oft viel zu viel beschrieben, was für die Handlung völlig überflüssig ist. Aber das ist nur ein kleiner Effekt am Rande, der zwar auffällt, mich aber jetzt nicht sehr gestört hat. Man merkt es halt. Was mich sehr gestört hat sind die verwendeten Klischees und deren ständige Wiederholung. Es reicht völlig aus, wenn man den Hauptangeklagten einmal als "das alte Schimpansengesicht" bezeichnet. Das ist an sich schon völlig überflüssig. Aber das sowie andere "Bilder" zur Beschreibung von Personen dann auch noch ständig zu wiederholen ist mehr als überflüssig und spricht weder für die Geschichte noch für die Autorin. Ansonsten lässt sich die Geschichte leicht lesen, vielleicht manchmal zu leicht für dieses Thema. Über den ebenso klischeehaften Schluss verliere ich jetzt lieber kein Wort mehr....


    Für die richtige Geschichte zur passenden Zeit (auch wenn die Filmbranche schneller war und damit klar ist, woher die Autorin die Idee hatte) gebe ich gerne 5 Sterne. Für die Ausführung dagegen kann ich nur ganz runter gehen, weshalb ich dem Buch insgesamt nur :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb: geben kann. Sehr schade [-(

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Margaret Atwood - Die Zeuginnen


  • Arrangement mit dem Vergessen


    In Frankfurt am Main finden um 1963 von den Menschen zunächst wenig beachtet die Vorbereitungen für den ersten Auschwitz-Prozess statt. Auch für Eva Bruhns, die in einer Agentur als Dolmetscherin für Polnisch angestellt ist, hat dies keine Bedeutung, bis sie überraschend gebeten wird, bei der Staatsanwaltschaft die Aussage eines Mannes zu übersetzen. Während der eindringlichen Schilderung des Zeugen erfährt sie Unglaubliches, ja Unfassbares über Ereignisse im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz.

    Hat es dieses absurde und monströse Geschehen, dass Gefangene in dem Lager vergast wurden, tatsächlich gegeben? Durch die Beschreibungen sensibilisiert, entwickelt Eva eine besondere Nähe, so dass sie sich als Ersatz für den ausgefallenen Übersetzer im Prozess zur Verfügung stellt.

    Die unbedarfte junge Frau stammt aus gutbürgerlichem Haus und lebt mit ihrer älteren Schwester Annegret, einer auf der Neugeborenenstation tätigen Krankenschwester, und ihrem jüngeren Bruder Stefan noch bei ihren Eltern. Ludwig und Edith Bruhns betreiben das beliebte Lokal „Deutsches“ Haus“, in dem sie gutbürgerliche Küche auf den Tisch bringen. Der Vater kocht mit Leidenschaft, die Mutter bedient die Gäste.

    Als ihre Eltern von Evas Vorhaben erfahren, reagieren sie mit Ablehnung. Von ihrer Mutter Edith bekommt Eva zu hören: „Lass die Vergangenheit Vergangenheit sein, Eva. Das ist das Beste, glaub mir." (Seite 67) Für ihre Schwester ist unbegreiflich, auf was sie sich da einlassen will. Der Krieg liegt doch in weiter Ferne. Und so schlimm es auch gewesen sei, über das damalige Geschehen sei am besten der Mantel des Schweigens gezogen.

    Selbst ihr Verlobter Jürgen, dessen Vater einen erfolgreichen Versandhandel betreibt, ist vehement gegen Evas Vorhaben. Obwohl gerade auch Jürgens Vater als Kommunist von den Nazis verfolgt und eingekerkert wurde, vermeidet Jürgen den Rückblick in die Vergangenheit. Außerdem hat nach seiner Ansicht Eva als seine zukünftige Frau seinen Wünschen zu gehorchen, so dass er sie vor die Wahl stellt, entweder am Prozess teilzunehmen, oder die Beziehung zu beenden.

    Wenngleich Eva Gefahr läuft, die gute Partie, die sie mit Jürgen gemacht hat, zu verlieren, und sie sich nicht für willensstark und selbstsicher hält, regt sich in ihr ungeahnter Widerstand, sich dem gängigen Rollenbild von der gehorsamen (Ehe)Frau nicht zu fügen.

    Und so beeinflusst der Verlauf des Verfahrens nicht nur Eva und ihre Sicht auf das Leben. Während die Aussagen der Opfer und das damit verbundene Leid sich in Eva Kopf einbrennen, empört sie die augenfällige Uneinsichtigkeit, ja maßlose Überheblichkeit die Angeklagten, keinerlei Schuld zu tragen.

    Infolge des Prozesses verschlechtert sich nicht nur die Beziehung zu Jürgen, sondern auch ihre Eltern reagieren immer noch mit Ignoranz und Unverständnis. Eva kommt der ungeheuerliche Verdacht, dass sie etwas vor ihr verbergen. Und sie entdeckt, dass sich in ihrer eigenen Familie Abgründe auftun...


    Mit „Deutsches Haus“ hat die Drehbuchautorin Annette Hess ihren ersten Roman geschrieben, mit dem sie einen Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit leistet.

    Im Grundgerüst ist ihre Geschichte gut erzählt und wirkt in ihrem dramaturgischen und mit Wendungen versehenen Gesamtbild filmisch prägnant in Szene gesetzt. Besonders die Darstellung der Welt im Kleinen, des Alltags einer einfachen bürgerlichen Familie und die Beschreibung des damaligen Frauenbildes sowie des Loslösens aus einer vorgezeichneten Rolle gelingen der Autorin. Ebenso belegt die Schilderung der Ereignisse im Gerichtssaal des ersten Auschwitz-Prozesses eine aufwändige Recherche und erzeugt beim Lesen einen nachhaltigen Klang. Dabei gibt es Schicksale, die einem nahe gehen, beispielsweise das des jüdischen Ungarn Otto Cohn, der als Zeuge vor Gericht aussagt. Auch die Begegnungen in Auschwitz sind voller Kraft und Berührung.

    Leider erschließt sich der Hintergrund des von Annette Hess gewählten Handlungsstrangs bezüglich Evas Schwester Annegret nicht in Gänze. Zudem wird der Lesefluss durch einige unbeholfene Unebenheiten in sprachlichen Ausarbeitung gehemmt.

    Während Eva Bruhns mit einer glaubwürdigen Charakterisierung die Lesersympathie gewinnt, entwickeln sich bei anderen Protagonisten zum Teil gemischte, zweifelnde Empfindungen. Besonders David, der Rechtsreferendar, der unter einer eingebildeten Opferrolle leidet, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Daneben ist Jürgen, Evas kleingeistiger Verlobter, ebenfalls nicht wirklich greifbar, und seine Intention bleibt blass.

    Bedeutend hingegen ist die Auseinandersetzung der Autorin mit der zwanzig Jahre nach Beendigung des Krieges weiterhin vorhandenen Einstellung der Deutschen, sich nicht mehr mit der eigenen Vergangenheit beschäftigen zu wollen, das Geschehene zu verdrängen und damit ihre Kinder im Ungewissen zu lassen. Vor allem die Beschäftigung mit der Frage, ob die Behauptung, keine Wahl gehabt zu haben, nicht einfach nur Schönfärberei des eigenen Gewissens gewesen ist, ist nach so langer Zeit immer noch wichtig...

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  • Annette Hess - Deutsches Haus


    "Sie wollen, dass wir sie trösten."


    Annette Hess beschreibt in diesem Roman den Auschwitz-Prozess in Frankfurt von 1963 bis … und die Emanzipation der Protagonistin Eva Bruhns. In diesem Roman entsteht vor den Augen der Leser*innen ein Blick auf das Jahr 1963 und die damalige Sicht der Deutschen auf das Leben und die Vergangenheit.


    Eva Bruhns ist eine naive junge Frau aus bürgerlichem Milieu, die Eltern haben ein Gasthaus, das "Deutsche Haus", sie selbst ist Dolmetscherin, ihr Ein und Alles ist Jürgen, der Verlobte, den sie bald heiraten möchte und der in ihren Augen gern bestimmen kann, was Madame tun darf. Furchtbar!!!


    Durch einen Zufall wird sie zur Dolmetscherin für Polnisch für den beginnenden Auschwitz-Prozess. Durch das in diesem Prozess verhandelte Geschehen im Konzentrationslager Auschwitz und den Massenmord an den Juden durch die Nationalsozialisten, die schockierenden Berichte der überlebenden Zeitzeugen beginnt Eva sich zu verändern. Sie beginnt zu verstehen und nachzufragen. Und mehr und mehr geht es in diesem Buch um die Schuldfrage der Deutschen. Wie hat diese Vernichtung eines Volkes funktionieren können? Und auch um dieses immer wieder zu hörende "Davon habe ich nichts gewusst." geht es. Dabei sollte es eher klingen: "Davon habe ich nichts wissen wollen, weil ich Angst hatte." oder leider auch "Davon habe ich gewusst und ich finde es gut". Aber wer ist schon so ehrlich?!? Immer wieder kommt die Handlung des Romans auch auf den latenten Fremdenhass der Deutschen in den 60er Jahren, ein Fremdenhass, der auch in heutiger Zeit noch zu finden ist, der gerade auch mit dem Blick in die Geschichte sehr betroffen macht. Dieses Buch erzeugt einen tiefen Blick auf das Tun der Zeitzeugen und auch die Reaktion der Nachkommenden und macht sehr deutlich, dass wir dieses Geschehen nie vergessen dürfen und aufpassen müssen, dass ähnlich Denkende nicht polemisieren und immer mehr Publikum bekommen. Dies ist aus der Geschichte heraus unsere Pflicht!


    Die Schreibe der Frau Hess fand ich gut zu lesen und auch sehr interessant und recht bestechend durch eine sehr lebendige Art. Am Anfang erschien mir der Schreibstil etwas flau, genau wie der gezeichnete Hauptcharakter Eva. Mit der Veränderung der Rolle der Eva verändert sich auch der Schreibstil, wird flüssiger und flotter und das Buch bekommt einen fühlbaren Sog.


    "Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." Franz Kafka

  • Faszinierender Blick auf zwei Etappen deutscher Geschichte


    1963: Grace Kelly ist schon Fürstin von Monaco, Kennedy war in Berlin (Ick bin aan Barliner!) und rührte Tausende zu Tränen, um dann im November des gleichen Jahres in Dallas einem Attentat zum Opfer zu fallen, Ludwig Erhard löst Konrad Adenauer ab und wird zweiter deutscher Bundeskanzler, Martin Luther King hält seine berühmte Rede: „I have a dream“. Deutschland ist mitten im Wirtschaftswunder, eine gebratene Gans gibt es nicht nur zu Weihnachten, in den guten Stuben gibt es schon vielerorts Fernseher. Die 1968er sind noch in weiter Ferne. Und der Zweite Weltkrieg mit all seinen Gräueln ist nur noch für die Generation der Eltern lebhaft und omnipräsent in Erinnerung, obwohl nie darüber gesprochen wird. Für die jüngere Generation ist der Krieg etwas das sie nicht tangiert. Sie waren ja nicht dabei; die Eltern und Großeltern die überlebt haben sprechen nie darüber, alles Böse wird verschwiegen, unter- und weggedrückt.


    Deutschland 1963: in Frankfurt beginnt der große Ausschwitz-Prozess. Die Befehlshaber im Lager Ausschwitz-Birkenau müssen sich für Ihre Tate verantworten. Wie selbstverständlich plädieren alle für „nicht schuldig“, sie hätten alle nur Befehle ausgeführt. Das Fachwort dafür lauutet „Befehlsnotstand“. Der für die Selektierung der Häftlinge Verantwortliche behauptet sogar, er hätte den Häftlingen etwas Gutes getan, gegen den Befehl des Führers, alle Juden zu vernichten. Dank ihm hätten so viele überlebt. Zynischer kann man wohl kaum seine unmenschlichen Taten rechtfertigen.


    Mitten in diesem Prozess steht eine junge Frau, Eva Bruhns. Sie ist Dolmetscherin und übersetzt für die polnischen Überlebenden, die in diesem Prozess ihre Aussagen machen. Sie hat es nicht leicht. Daheim wollen ihre Eltern nichts wissen von ihrer Arbeit, ihr Verlobter Jürgen ist auch gegen ihre Tätigkeit bei diesem Gericht. Hinter ihrem Rücken geht er zur Staatsanwaltschaft und kündigt ihre Arbeit. Wohlgemerkt, es ist 1963. Er darf das, es ist legal. Daraufhin löst Eva die Verlobung und arbeitet weiter. Während der Zeugenaussagen hat sie immer öfter „Deja Vu“ Momente, bis sie feststellt, das ist kein Deja Vu mehr, das hat sie erlebt. Sie begleitet den Richter, die Staatsanwälte und den Verteidiger auf einer Reise nach Ausschwitz-Birkenau und erkennt sogar das Haus in dem sie damals gewohnt hat. Eva findet heraus, dass ihr Vater Koch für die SS-Truppen in Ausschwitz war. Sie hatte das nicht gewusst, ihre Eltern haben es ihr immer verschwiegen. Eva stellt ihren Eltern die Frage nach Ausschwitz. Sie geben es zu, sie hätten keine andere Wahl gehabt. Evas ältere Schwester Annegret ist von dem was sie vom Lager mitbekommen hat stark traumatisiert und kann sich nur dann wohl fühlen wenn sie Säuglinge auf der Krankenhausstation wo sie arbeitet, vor dem Tod rettet. Aber sie flößt den Neugeborenen zuerst Kolibakterien ein, um sie danach hingebungsvoll gesund zu pflegen. Bei manchen Kindern gelingt das aber nicht mehr. Annegret wird zur Mörderin. Erst mit ihrer Heirat und ihrem Wegzug aus Frankfurt wird das aufhören.


    Eva zieht von daheim aus. Obwohl sie ein Kind war, als ihr Vater in Ausschwitz gearbeitet hat, fühlt sie sich schuldig. Sie trägt die Schuld ihrer Eltern in sich. Eva sucht in Warschau den einzigen Mann auf, an den sie sich noch aus ihrer Kindheit erinnern kann. Es ist Herr Jaschinsky, ein ehemaliger Häftling der im Lager als Friseur arbeiten musste / durfte. Obwohl er sie erkennt, streitet der Friseur ab, im Lager gewesen zu sein. Eva Bruhns ist die Tochter von Tätern, von ihm ist weder Trost noch Absolution zu erwarten.


    Evas Reifeprozess ist erst abgeschlossen, als sie sich wieder Jürgen nähert. Auch Jürgen hat sich geändert, kann Eva so akzeptieren wie sie ist.


    Das Titelbild mit der jungen blonden Frau, mit Akten, Handtäschchen und Handschuhen erinnert an die Zeit der frühen sechziger Jahre, als die Jugend noch unschuldig war, als die Gräuel des Nazi-Regimes schon vom neuen Wohlstand übertüncht waren, als Schwarz und Weiß klar voneinander getrennt schienen, ohne Grauabstufungen zuzulassen.


    Der Titel: „Deutsches Haus“ ist doppelbödig. Zum einen führen Evas Eltern ein Restaurant „Deutsches Haus“ mit bürgerlichen Küche, zum anderen aber steh deutsches Haus für das ganze Land oder für jede deutsche Familie, in der es kaum eine ohne mindestens einen Mittäter, Mitläufer, Mitschuldigen gab. Jürgens Vater war als Kommunist von den Nazis interniert worden, geschlagen, gefoltert, er hat die Zeit nur knapp überlebt. Jürgens Mutter hat nicht überlebt. Aber Jürgen selber ist gegen Kriegsende zum Täter geworden. An dieser Schuld droht er zu zerbrechen.


    Ein wunderschönes, aufwühlendes Buch, über zwei Etappen deutscher Geschichte die nicht vergessen werden dürfen, die dunklen Jahre des dritten Reiches und die Wirtschaftswunderjahre, wo Verlobte und Ehemänner über den beruflichen Werdegang der Frauen bestimmen durften, oder wo junge Frauen noch selbstverständlich bei den Eltern wohnten.