Rona Jaffe - Die Welt war so groß / Die Schulfreundinnen / Class Reunion

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Die Welt war so groß

4.7|3)

Verlag: Ullstein Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 528

ISBN: 9783548290256

Termin: September 2018

  • Klassentreffen - Weltentreffen


    Dieses Buch ähnelt ein wenig den bekannten russischen Puppen, den „Matrioschkas“. Denn es ist gleich auf mehrere Arten und Weisen eine Neuauflage.Es wurde geschrieben von einer amerikanischen Autorin, Rona Jaffe, die lange Zeit vergessen war. Begonnen zu schreiben hat sie in den 50er Jahren, und war in ihrer Heimat wohl auch sehr erfolgreich. Eine Stiftung zur Förderung von Autoren wurde nach ihr benannt. Ihr Metier sind typische „Coming-of-age“-Geschichten von Frauen der 50er Jahre, Mädchen in Internaten, Mädchen auf der Suche nach ihrer Identität. Diese Geschichten sind in einem ganz bestimmten Ton mit „Wiedererkennungswert“ verfasst; sie verströmen einen gewissen Retro-Charme, der aber ausgesprochen lesbar ist.


    1979 hat sie nun in Amerika genau diese Geschichte verfasst, die ihren Ausgangspunkt wieder einmal in den 50er Jahren nimmt. Im Original hieß das Buch „Class Reunion“, was den Inhalt auch recht genau trifft. In Deutschland wurde es 1981 schon einmal herausgegeben, unter dem ebenfalls nüchternen Titel „Die Schulfreundinnen“. Aber es war wohl nicht die rechte Zeit für diese Geschichte. Erst vor ein paar Jahren begann man, Rona Jaffe wiederzuentdecken; zuerst publizierte man in Deutschland erneut ihren Klassiker „Das Beste von allem“ (zuerst erschienen 1958). Erst auf dessen Erfolg hin entschloss man sich nun wohl, auch die „Class Reunion“ wieder aufzulegen. Um den Erfolg ein wenig zu unterstützen, änderte man den Titel, machte ihn scheinbar literarisch bedeutender - „Die Welt war so groß“. Das hätte es meiner Meinung nach aber nicht gebraucht!


    Warum gestalte ich diese Einleitung so ausführlich…? Nicht etwa, weil ich mit diesem Buch nichts anzufangen wüsste. Nein, ich bin wieder einmal schlichtweg begeistert! Sehr gerührt, sehr angetan. Schon „Das Beste von allem“ hatte ich sehr gemocht; daher wollte ich diesen Band auch unbedingt lesen. Wie schon angedeutet, ist der typische Ton von Rona Jaffe unverkennbar. Aber ihr Panorama ist breiter geworden.


    Wieder einmal geht es um eine Gruppe von Freundinnen: Emily, Chris, Annabel und Daphne. Alle vier beginnen im Jahr 1957 ihr Studium in Radcliffe College, Boston. Das Buch spannt sich dabei über zwei Jahrzehnte. Im Jahr 1977 findet das 20jährige Klassentreffen statt; dies bildet auch den Rahmen, den Prolog und den Epilog. Der Hauptteil des Buches besteht aus drei Abschnitten: die 50er, die 60er, die 70er. Und in jedem Abschnitt verfolgen wir, teils getrennt, teils sich überschneidend, die Schicksale der vier Mädchen. Jede hat dabei ihre Besonderheit, oder ihr Geheimnis. Alles läuft zusammen im Epilog, beim letztlichen Klassentreffen. Geheimnisse werden gelüftet, Entscheidungen werden getroffen. Und dennoch bleiben ein paar wenige Fäden offen. (Es gibt noch eine Fortsetzung, die wiederum 5 Jahre später spielt - „Diese wilden, wunderbaren Jahre“. Dieses Buch werde ich auch unbedingt lesen!)


    Ich weiß gar nicht recht, wo ich beginnen soll – so sehr empfinde ich das Buch als „aus einem Guss“. Zunächst einmal finde ich die Charakterisierung der Mädchen sehr gelungen! Gesellschaftlich gesehen, sind sie sehr unterschiedlich. Aber für den Leser wird schnell klar, dass sie letztlich alle dasselbe wollen. In den 50er Jahren findet nämlich ein Aufbruch im weiblichen Selbstbewusstsein statt! Annabel Jones, mit kupfernem Haar und geheimnisvoller Aura, ist die Vorreiterin dieser Bewegung. Wird aber dafür geächtet. Denn in den 50ern war frau noch nicht so weit, sich einfach zu nehmen, was sie wollte. Dann wäre da Chris, die New Yorker Intellektuelle. Sie flüchtet sich geradezu in die Bildung, um ihrem verqueren Elternhaus zu entkommen. Ihre Mutter ist der Trunksucht verfallen. Emily ist Jüdin, sehr wohlbehütet, neureich und verschüchtert. Sie betrachtet ihre Ausbildung als eine Möglichkeit, gesellschaftlichen Anschluss zu finden. Und Daphne? Daphne ist das „Golden Girl“, dem immer alles gelingt. Sogar den begehrtesten Jungen angelt sie sich. Aber sie leidet insgeheim unter diesem „perfekten“ Image.


    Beachtlich finde ich auch, wie geschickt die Autorin Zeitgeschichte mit den jeweiligen Erzählabschnitten verbindet. Es läuft eher im Hintergrund mit, prägt aber dennoch unsere vier Heldinnen. In den 50ern sind es die Autos, die biedere Kleidungsweise. Das typische Verhalten zwischen Jungen und Mädchen (erste Einladung, erster Kuss, und so weiter). Die typischen Partygetränke. Die Musik. Die alles beherrschende Moral.In den 60ern merkt man dann schon, dass sich etwas geändert hat. Es gibt Studentenunruhen; man diskutiert über den Vietnamkrieg. Und auch das Thema „Scheidung“ wird salonfähiger. Jeder hat Affären; jeder geht zum Psychiater. Und man hört nun die Beatles; nicht mehr Noel Coward…! In den 70ern dann wankt das festgefügte Weltbild endgültig. Neue Berufswege werden möglich. Die Haare werden länger, man kann nicht mehr unbedingt zwischen typisch weiblich und typisch männlich unterscheiden. Nixon und Watergate sind bereits Geschichte. Und die strengen „Benimmregeln“ im College sind endlich abgeschafft, wie unsere Vier entdecken…


    Beim Lesen der Leseprobe hatte ich vermutet, dass die Autorin insgeheim am meisten mit Emily, der schüchternen Jüdin, sympathisiert. Doch diese Ansicht muss ich nun revidieren. Denn auch Emily bleibt nicht verschont von schweren Zeiten. Jede unserer vier Freundinnen scheitert auf irgendeine Weise, und gerade das hat mich ergriffen. Annabel wird betrogen und hintergangen. Chris muss lange um ihre Liebe kämpfen. Daphne hat ein Geheimnis vor ihrem Ehemann. Und Emily zerbricht fast an ihren eigenen Ansprüchen, muss zeitweise sogar in die Psychiatrie. Nein, niemand wird hier von der Autorin bevorzugt. Sie hat ihre Sympathien gleichmäßig aufgeteilt. Die Botschaft scheint denn auch eher ideeller, und nicht gesellschaftlicher Natur zu sein. Man denkt am Ende sehr viel nach über die Bedeutung von Freundschaft und von Idealen. Wie es eben bei Klassentreffen üblich ist! Von daher hätte ich den Originaltitel lieber beibehalten.


    Sicher, man könnte das Buch auch kritisieren. Es ist aus heutiger Sicht nicht mehr unbedingt nachzuvollziehen, warum eine Frau in den 50ern unbedingt heiraten wollte. Warum Homosexualität oder zum Beispiel eine Minderheiten-Religion ein solches Problem waren. Am wenigsten habe ich Daphnes Problem verstanden (ohne zu spoilern, kann ich sagen, dass es medizinischer Natur war). Heute ist das absolut keine Katastrophe mehr! Aber gut, die 50er sind die Zeit gewesen, als die Autorin selber jung war (sie wurde in den 30ern geboren). Von daher wird sie die Atmosphäre eben noch deutlich im Gedächtnis gehabt haben.


    Ich war traurig, als das Buch zu Ende ging…! Es hatte sich Zeit gelassen, einen breiten Bogen aufzufächern. 520 Seiten sind für eine solche Geschichte schon viel…! Dennoch war ich zu keinem Zeitpunkt gelangweilt. Es herrschte eine geruhsame Erzählweise vor, ohne viel Action, aber mit viel Menschlichkeit. Das eine oder andere „Staubkorn“ hat dabei nur zum übrigen Charme beigetragen. Die vier Mädchen sind zu meinen persönlichen Freundinnen geworden. Und schließlich hatte auch ich schon Klassentreffen, und kann die gewälzten Lebensfragen gut nachvollziehen. Nur einen einzigen Punkt würde ich wirklich als großen Makel dieses Buches bezeichnen: dass die deutsche Ausgabe nur im Taschenbuch erscheint! Das wird dem eigentlichen „Format“ der Geschichte nicht gerecht.

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)

  • Vielen Dank für deine Rezension, Ruble-Bee!

    Schon „Das Beste von allem“ hatte ich sehr gemocht

    mir ging es genau so. Habe "Das Beste von allem" sehr gerne gelesen und in guter Erinnerung behalten. "Die Welt war so groß" kommt unbedingt auf meine Wunschliste. :winken: Ich mag den Erzählstil der Autorin

    2018: Bücher: 203/Seiten: 82 186
    2017: Bücher: 190/Seiten: 77 472
    ------------------------------
    "Das Nicht-Wahrnehmen von etwas beweist nicht dessen Nicht-Existenz"
    Dalai Lama

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Rona Jaffe - Die Welt war so groß“ zu „Rona Jaffe - Die Welt war so groß / Die Schulfreundinnen / Class Reunion“ geändert.
  • und die alte Ausgabe :wink:

    Oh je, das Cover sieht eher nach späten 70ern aus, als nach frühen 80ern...:wink:

    Wirkt ja fast wie der "Schulmädchen-Report"...!

    Erinnert mich sehr an meine alte Ausgabe des "Paten" von Mario Puzo...:D

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)

  • Oh je, das Cover sieht eher nach späten 70ern aus, als nach frühen 80ern... :wink:

    Wirkt ja fast wie der "Schulmädchen-Report"...!

    die alten Cover haben definitiv einen Wiedererkennungswert in Bezug auf die Zeit, in der das Buch veröffentlich wurde :loool:

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Stephan Thome - Gott der Barbaren
    :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (Langzeit-MLR)

  • 1977. 20 Jahre sind inzwischen ins Land gegangen, seit Annabel, Emily, Chris und Daphne am Radcliffe College in Boston ihr Studium begannen. Viel ist in diesen zwei Jahrzehnten passiert und nun steht das 20-jährige Klassentreffen an, wo die vier Frauen wieder aufeinander treffen, die damals nicht nur Zimmernachbarinnen, sondern auch enge Freundinnen waren. 1957 begegneten sie sich am ersten Collegetag und wuchsen schnell als ein Kleeblatt zusammen, teilten Freud und Leid, Träume und Hoffnungen. Das Klassentreffen der vier so unterschiedlichen Frauen lässt die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren und legt offen, welche ihrer Träume und Wünsche sich erfüllt haben oder auch nicht, wie es ihnen nun geht und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Manche Freundschaft hatte all die Jahre Bestand, manche Wege trennten sich. Haben sich die vier Frauen noch etwas zu sagen nach dieser langen Zeit und welche Geheimnisse hüten sie?


    Rona Jaffe hat mit ihrem Buch „Die Welt war so groß“ einen sehr schönen Roman vorgelegt, der nicht nur eine Reise durch die Zeit unternimmt, sondern den Leser auch am Schicksal von vier interessanten Frauen teilhaben lässt. Der Schreibstil ist flüssig, anrührend und pragmatisch detailliert, der Leser hat die Chance, vier aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammende Frauen kennenzulernen und über einen Zeitraum von 20 Jahren an ihrem (Seelen-)Leben teilzuhaben. Die Handlung wird aus der Sicht von Annabel, Emily, Daphne und Chris erzählt und lässt Rückblenden in verschiedene Phasen ihres Lebens zu, die sie über die Jahre geprägt haben. Gleichzeitig lässt die Autorin dem Leser viele Hintergrundinformationen über die damalige Gesellschaftsstruktur sowie deren Ansichten zukommen. Frauen waren damals dazu bestimmt, die Ehe anzustreben und sich einen Mann zu suchen, um mit ihm eine Familie zu gründen. Die Autorin lässt ihre Protagonistinnen allerdings auch gegen dieses Bild aufbegehren. Insgesamt vermittelt sie dem Leser mit der Entwicklung ihrer unterschiedlichen Charaktere ein sehr authentisches Bild, wie sich nicht nur über die Zeit die Träume und Wünsche verändern, sondern wie diese Veränderungen sich auf ihre Charaktere auswirken und sie zu dem machen, die sie heute sind. Sowohl die 50er, als auch die 60er und 70er Jahre werden im Hintergrund wunderbar skizziert und zeigen den Lauf der gesellschaftlichen Entwicklung an.


    Die Charaktere sind so detailliert, facettiert und individuell angelegt, dass der Leser sich gut mit ihnen identifizieren kann und ihnen ganz nah kommt, nur so ist Verständnis und Mitfühlen möglich. Der Leser verwächst mit den Protagonistinnen regelrecht. Daphne ist eine hübsche Frau, die unter Epilepsie leidet und diese Krankheit geheim hält, nicht einmal ihr Ehemann hat eine Ahnung. Sie will es immer allen recht machen, was sie unter Druck setzt. Annabelle wirkt immer etwas geheimnisvoll, hat eine romantische Ader und ist fast dauerhaft verliebt. Leider bekommt sie durch ihr Verhalten auch einen gewissen Stempel aufgedrückt, da sie bei den Männern recht beliebt ist. Chris ist die Intellektuelle ohne Selbstbewusstsein. Ihre Mutter ist Alkoholikerin, deshalb stürzt sie sich geradezu in ihr Studium und interessiert sich mehr für Literatur und Geschichte, während sie anscheinend Männern gar nichts abgewinnen kann. Emily ist Jüdin und sehr schüchtern und zurückhalten. Sie stammt aus einer reichen Familie und träumte immer davon, Ärztin zu werden. Die weiteren Protagonisten ergänzen mit ihrem Erscheinen die wunderbare Handlung und machen sie rundum perfekt.


    Mit „Die Welt war so groß“ lässt Rona Jaffe den Leser an vier unterschiedlichen Leben teilhaben und gleichzeitig drei Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts wieder auferstehen. Die dargestellten Lebensläufe lassen einen selbst reflektieren, was sich im eigenen Verlauf alles erfüllt hat oder verworfen wurde. Ein Buch, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt mit einer verdienten Leseempfehlung. Einfach toll!


    Wunderbare :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    Bücher sind Träume, die in Gedanken wahr werden. (von mir)


    "Wissen ist begrenzt, Fantasie aber umfasst die ganze Welt."
    Albert Einstein


    "Bleibe Du selbst, die anderen sind schon vergeben!"
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    Lese gerade: Das Lied der Störche, Ulrike Renk


    SUB: ca. 1.800 / gelesen 2017: 245/ 98377 Seiten

  • Das Buch erzählt die Geschichte von den vier Schulfreundinnen Daphne, Emily, Chris und Annabel. Das Klassentreffen bildet die Rahmenhandlung mit Prolog und Epilog.
    Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt, die fünfziger, sechziger und siebziger Jahre. Die einzelnen Kapitel werden aus Sicht verschiedener Personen erzählt. So erfährt man die Lebensgeschichte von Daphne, Chris, Emely und Annabel.
    Das Buch zeigt ein interessantes Bild der amerikanischen Oberschicht in dieser Zeit. Die Mädchen werden mit ihren Handeln und Wünschen gut beschrieben. Es passiert nicht allzu viel, wird aber so gut beschrieben, dass man immer weiter liest. Der unaufgeregte Schreibstil gefällt mir. Deshalb liegt die Fortsetzung schon bereit.

    Fazit
    Ein ruhiger Roman der den Zeitgeist widerspiegelt. 4 Sterne von mir und eine Leseempfehlung

    Sub: 5357:twisted: (Start 2017: 5312)

    gelesen 2018: 69 / 2 abgebrochen

    gelesen 2017: 86 / 4 abgebrochen / 33551 Seiten
    gelesen 2016: 101 / 6 abgebrochen / 40098 Seiten
    gelesen 2015: 90 / 38733 Seiten
    gelesen 2014: 92


    :montag: Oliver Menard - Der Kratzer

    :study: Andreas Gruber - Rachewinter


    Lesen... das geht 1 bis 2 Jahre gut, aber dann ist man süchtig danach.

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