Antonia Michaelis - Tankstellenchips

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Tankstellenchips: Ein Heldenepos

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Verlag: Oetinger

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 368

ISBN: 9783789109188

Termin: Juli 2018

  • Verlagsinfo


    Road Novel von Antonia Michaelis über zwei ungleiche Helden und sehr viele Kühe.


    In einer Sommernacht lernen sie sich kennen: Sean, Student aus dem Iran, seit zwei Monaten in Deutschland, und Davy, aus dem Heim abgehauen, auf der Suche nach einem Freund. Beide werden Zeugen eines Überfalls. Von nun an verfolgt von Verbrechern und Polizei türmen sie zusammen quer durch Deutschland: über Erdbeerfelder, unter dunklen Gewitterwolken, durch Biergärten, im Heißluftballon, mit der Bahn und auf dem Moped. Immer wieder werden sie dabei von Kühen umzingelt, das scheint ihr Schicksal zu sein. Warum sonst sollte der Wagen mit Sean und dem Abschiebebescheid ausgerechnet auf dem Weg zum Flughafen in einer Kuhherde stecken bleiben?


    Klug, skurril und komisch nimmt Antonia Michaelis ihre Leser mit auf eine Deutschlandreise aus Sicht eines Flüchtlings und erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft.


    Meine Meinung


    Ich bin ja ein großer Fan von den Büchern der Autorin - selbst Themen, die mich eigentlich nicht so reizen, verpackt sie mit ihrem besonderen Schreibstil und ihrer eigenwilligen Sichtweise in ein außergewöhnliches Leseerlebnis.


    Aber ich möchte kurz noch auf die "Buch Verpackung" zum sprechen kommen, denn ich liebe es, wenn ich den Schutzumschlag abnehme und dann auf eine originelle Idee und Gestaltung treffe. Was es ist verrate ich nicht, da müsst ihr schon selber nachschauen! Das Cover an sich find ich jetzt nicht "schön", aber auf jeden Fall auffällig und mal etwas völlig anderes.


    Die Handlung an sich war jetzt von der Idee her auch nicht so meins - solchen Geschichten und Themen gehe ich eher aus dem Weg, weil ich da im Alltag schon genug darüber höre, aber mich hat es interessiert, wie die Autorin das umsetzen wird.


    Das Thema ist Flucht und wird auch auf vielerlei Arten in Szene gesetzt: Shayan, genannt Sean, flüchtet aus seinem Land Teheran, der kleine Davy flüchtet aus einem Heim und beide flüchten vor der deutschen Polizei, weil ihnen eine Menge an Missverständnissen passieren, die auf keine Kuhhaut passen :D Ja das Sprichwort ist extra gewählt, denn Kühe kommen recht häufig vor und sind mehr als einmal ein Hindernis, das die beiden aufhält bzw. weitertreibt. Irgendwie hab ich in Erinnerung, dass das öfter in den Büchern der Autorin vorkommt: also Tiere die immer wieder mal auftauchen.

    Aber gerade Shayan flüchtet auch noch vor sich selbst. Es dringt immer wieder die Erwartungen der Familie durch, vor allem seines Vaters, "etwas aus sich zu machen und kein Versager zu sein." Dabei prallen dann auch sehr häufig die Kulturen aufeinander, die oftmals mit Humor gegenüber gestellt werden und dabei aufmerksam machen auf einen wichtigen Punkt: eine andere Gesellschaft, eine andere Lebensweise ist nicht so einfach zu verstehen, wenn man nicht damit aufgewachsen ist. Man verinnerlicht so viele festgefahrene Dogmen, dass es einfach schwerfällt, andere Sitten und Gebräuche und ja, auch Menschen, zu verstehen.


    Humor ist ja bei mir immer ein etwas schwieriges Thema, aber ich fand es teilweise schon recht amüsant, teilweise konnte ich aber auch vieles nicht nachvollziehen. Zum einen weiß ich darüber einfach zu wenig Bescheid und manches hab ich im Zusammenhang wohl auch einfach nicht verstanden.

    Das Buch hat definitiv einen ernsten Hintergrund, sollte aber schon mit Augenzwinkern gelesen werden, denn sie nimmt hier schon viel auf die Schippe. Überhaupt passiert den beiden Flüchtigen so immens viel und sie geraten von einer schwierigen Situation in die nächste, dass man hier über Logik oder Sinn nicht streiten braucht: diese Geschichte lebt einfach davon.


    Der Held für mich war allerdings nicht Shayan, sondern Davy. Der Junge ist 8 oder 9 Jahre alt und muss ziemlich viel hinter sich haben. Viel erfährt man nicht, aber das wenige reicht eigentlich schon um zu wissen, dass es großen Mut erfordert für das, was er auf sich nimmt. Sein Ziel, seine Freiheit, lässt er dabei nie aus den Augen und klammert sich dabei sehr an seinen neuen großen Freund "Sean". So ein liebenswerter Kerl, der jeden zum Lächeln bringt und trotz seines Defizits ein absolut schlaues Kerlchen ist.

    Davy hat nämlich ein kleines Problem mit der Sprache - er hat scheinbar nie so wirklich deutsch gelernt und alles nur aufgeschnappt, was an einen Jugendslang erinnert, vor allem durch das Verschlucken von Buchstaben.


    Anfangs war das sehr ungewohnt zu lesen, vor allem auch, weil Shayan (Sean) im Dialog auch nur sehr gebrochen deutsch spricht und man hier etwas im Lesefluss gebremst wird. Allerdings hat mich das nicht lange gestört, weil ich dadurch einfach genauer und intensiver gelesen habe.


    Wie oben gesagt gibt es logische Knackpunkte und ein Sammelsurium an kuriosen Zufällen, aber das ist eben auch das, was die Geschichte ausmacht. Shayan wirkte auf mich zuerst konfus, ängstlich, wirklich auch extrem naiv, aber durchaus liebenswert. Seine Suche nach einem Platz in Leben ist geprägt durch seine (der Erziehung geschuldete?) Vorstellung, dass jede Frau die er trifft eine potenzielle Heiratskandidatin ist und er sich alleine damit - plus einem Job und 10 Kindern - ein perfektes Leben haben wird. Diese Blauäugigkeit war mir an manchen Stellen etwas zu dick aufgetragen, aber es war auch insgesamt alles etwas überzogen dargestellt, was aber auch gewollt war, denke ich mal.


    Es war für mich ein interessanter Ausflug zu diesem Thema dass mich zum großen Teil auch wirklich gut unterhalten hat. Vor allem bei den vielen Ideen war Antonia Michaelis hier sehr einfallsreich.


    Fazit: 4 Sterne


    © Aleshanee

    Weltenwanderer

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