Melanie Metzenthin - Die Stimmlosen

  • Endlich ist der Krieg vorbei, Hamburg gleicht einem Trümmerhaufen. Das Ärzteehepaar Paula und Richard Hellmer leben mit dem gemeinsamen Freund Fritz Ellerweg und acht anderen in ihrem Elternhaus, das glücklicherweise intakt geblieben ist. Lebensmittel sind knapp, und der nahende Winter setzt ihnen allen zu, doch für die Versorgung ihrer Patienten nehmen sie allerlei Hürden auf sich. Wenigstens ist die Nazizeit vorbei und alle können aufatmen. Doch so einfach ist es dann doch nicht, denn Richard hat in seiner Funktion als Psychiater schon immer gegen das Regime gekämpft und versucht hat, Menschen zu retten, muss leider miterleben, dass sich Anhänger der alten Regierung mühelos unter den neuen Machthabern integrieren konnten. Als Richard als Zeuge gegen seinen früheren Vorgesetzten aussagen muss, wendet sich das Blatt und es sieht fast so aus, als wenn Richard der Angeklagte wäre…


    Melanie Metzenthin hat mit ihrem Buch „Die Stimmlosen“ den Nachfolgeband ihres historischen Romans „Die Lautlosen“ vorgelegt, der dem Vorgänger an Gefühl, Dichte und Atmosphäre in nichts nachsteht. Der Schreibstil ist flüssig und gefühlvoll, schnell wird der Leser in die Geschichte hineingesogen und kann sich der fesselnden Handlung bis zum Ende nicht entziehen. Die Autorin erzählt ihre Geschichte so packend und lebendig, dass der Leser die entbehrungsreiche und harte Zeit nach dem Krieg regelrecht vor Augen hat und die leeren Lebensmittelläden, das ausgebombte Hamburg und die obdachlosen Menschen während der Lektüre plastisch vor sich sieht. An der Seite von Paula, Richard und Fritz erlebt der Leser den Versuch eines Neuanfangs in einem zerstörten Land, wobei die Sorge für die Patienten genauso im Vordergrund steht wie der mühsam hochgehaltene Optimismus und die Hoffnung für ein besseres Leben nach dem Schreckensregime. Ebenso steht einem deutlich vor Augen, dass sich alte Schergen des Nazi-Regimes über Beziehungen, Lügen und Betrug in neue Positionen mogeln und ohne Reue ein normales Leben ohne Repressalien führen konnten, was einem ein angewidertes Kopfschütteln entlockt. Mit geschickten Wendungen gelingt es der Autorin, die Spannung innerhalb der Handlung immer weiter zu steigern.


    Die Charaktere sind liebevoll und detailliert ausgearbeitet und besitzen neben individuellen Eigenheiten vor allem Persönlichkeit. Sie wirken durchweg authentisch und sehr lebendig, wodurch es dem Leser leicht fällt, sich in sie hineinzuversetzen und sich ihnen verbunden zu fühlen. Richard ist ein sympathischer Mann, der mit Ruhe und Empathie seine Patienten versorgt und sich um seine Familie kümmert. Er ist allerdings auch ein Mann, der wohlüberlegt Missstände anprangert und Ungerechtigkeiten ans Licht bringt. Er kämpft für ein Recht auf Leben und lässt sich davon durch niemanden abbringen. Durch seine optimistische Art ist ihm der Rückhalt seiner Familie und seiner Freunde sicher. Ehefrau Paula hält alle zusammen und versucht, ihrem Mann eine Stütze zu sein. Freund Fritz ist ebenfalls ein Mann voller Hoffnung auf eine Zukunft. Gemeinsam mit Robert und Paula bildet er ein tolles und enges Team, die jederzeit zusammenhalten, welche Schwierigkeiten und Gefahren auch auf sie zukommen. Auch die weiteren Protagonisten wie z.B. Arthur tragen mit ihrem Erscheinen zur Bereicherung der Handlung bei.


    „Die Stimmlosen“ ist ein wunderbarer historischer Roman, der nicht nur ein Stück Zeitgeschichte wieder lebendig werden lässt, sondern den Leser hautnah daran teilhaben lässt. Absolute Leseempfehlung für eine fesselnde und spannende Geschichte!


    Wunderbare :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    Bücher sind Träume, die in Gedanken wahr werden. (von mir)


    "Wissen ist begrenzt, Fantasie aber umfasst die ganze Welt."
    Albert Einstein


    "Bleibe Du selbst, die anderen sind schon vergeben!"
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    SUB: ca. 1.800 / gelesen 2019: 367/ 143788 Seiten

  • Mit „Die Stimmlosen“ hat Melanie Metzenthin einen weiteren ganz wunderbaren Roman um das Hamburger Ärztepaar Paula und Richard Hellmer sowie ihr Umfeld vorgelegt.


    Das Buch schließt nahtlos an das Geschehen und die schriftstellerische Qualität des ersten Bandes („Im Lautlosen“) an. Der Autorin ist es dabei auf herausragende Weise gelungen, mich in das oft düstere und beklemmende Leben der unmittelbaren Nachkriegszeit zu versetzen, die von heutzutage fast unvorstellbarem Mangel geprägt war.

    Aber auch die Frage nach den Werten, nach denen man angesichts solcher Umstände das Leben gestalten kann, spielt wieder eine wichtige Rolle in diesem Roman: Welche Gesetze muss man einhalten, welche darf oder muss man sich jedoch erlauben zu brechen, um zu überleben, um sich seine eigene Menschlichkeit zu bewahren und um andere Menschenleben retten zu können? Wie weit kann man gehen, ohne sich selbst in zu große Gefahr zu bringen? Auf wen kann man sich verlassen, wenn private Schicksalsschläge, schwierige bis unmögliche politische Verhältnisse oder Verrat, Intrigen und schreiende Ungerechtigkeit einen aus der Bahn zu werfen drohen? Ohne ständig mit dem moralischen Zeigefinger zu wedeln, sondern weil es den Romanfiguren schlicht ebenso eine Frage des Überlebens ist wie das Organisieren von Nahrung, Brennstoff oder Medikamenten, kreist der Roman also sowohl um die großen Themen des menschlichen Daseins – Leben, Sterben, Liebe, Hass, Vergebung, Hoffnung usw. – , als auch um das nötige und oft haarsträubende Kleinklein des alltäglichen Überlebenskampfes im zerbombten Nachkriegsdeutschland. Oft standen mir beim Lesen die Tränen in den Augen, z.B. beim Schicksal eines von Russen vergewaltigten Flüchtlingsmädchens und der kleinen Leni oder bei dem aus Trümmern geborgenen Puppenkopf…


    Dabei drückt Melanie Metzenthin gar nicht unnötig auf die Tränendrüse, sondern sie stellt nur Szenen dar, wie sie damals an der Tagesordnung gewesen sein müssen und von denen meine Großeltern nie berichten konnten, weil sie diese schrecklichen Erlebnisse einfach hinter sich lassen wollten. Der Autorin gelingt es jedoch darüber hinaus, immer wieder das Gute im Menschen zu bestärken und Hoffnung auf positive Wendungen zu schüren, wenn man sich dafür einsetzt, statt einfach aufzugeben.


    Mir tut es gut, das Geschehen um die Weltkriege herum nicht zu vergessen und mir immer wieder einmal bewusst zu machen, wie gut ich lebe und wie privilegiert meine Kinder aufwachsen. So sehe ich in Melanie Metzenthins Buch auch einen Appell an ihre Leserschaft, die eigenen Kräfte zu mobilisieren und mit dafür zu sorgen, dass es hierzulande nie wieder zu einem totalitären Regime, zu Krieg und zu einem derartigen gesellschaftlichen Zusammenbruch kommen kann.


    Es hat mir sehr viel Freude bereitet, dieses sprachlich gelungene, inhaltlich tiefgründige und bewegende und bei alledem auch noch immer wieder humorvolle Buch zu lesen, und ich hoffe, dass die Autorin noch mehr Romane dieser Art verfassen wird.


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    (Rezi vom 18.09.2018)



    (Und P.S. €nigma und Emili Jaja, ich weiß, das Cover... :lol: )

    Lg Sarange :cat:


    :study: Annie Proulx - Aus hartem Holz

    :study: Joann Sfar - Die Katze des Rabbiners (div. Rereads)

  • Das Buch schließt nahtlos an das Geschehen und die schriftstellerische Qualität des ersten Bandes („Im Lautlosen“) an.

    Muss man den ersten Band unbedingt gelesen haben, um den zweiten zu verstehen?

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study:
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998