Ralf Rothmann - Der Gott jenes Sommers

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Der Gott jenes Sommers

3.8|7)

Verlag: Suhrkamp Verlag

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 254

ISBN: 9783518427934

Termin: Mai 2018

  • Inhalt:

    Ein Kind im Krieg: Anfang 1945 muss die zwölfjährige Luisa Norff mit ihrer Mutter und der älteren Schwester aus dem bombardierten Kiel aufs Land fliehen. Das Gut ihres Schwagers Vinzent, eines SS-Offiziers, wird ein unverhoffter Raum der Freiheit: Kein Unterricht mehr, und während alliierte Bomber ostwärts fliegen und immer mehr Flüchtlinge eintreffen, streift die Verträumte durch die Wälder und versucht das Leben diesseits der Brände zu verstehen: Was ist das für eine Beunruhigung, wenn sie den jungen Melker Walter sieht, wer sind die Gefangenen am Klostersee, wohin ist ihre Schwester Billie plötzlich verschwunden, und von wem bekommt die Perückenmacherin eigentlich die Haare? Und als ihr auf einem Fest zu Vinzents Geburtstag genau das widerfährt, wovor sich alle Frauen in jenen Tagen fürchten, bricht Luisa unter der Last des Unerklärlichen zusammen. (Quelle: Verlagsseite)


    Der Autor:

    Ralf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin. (Quelle: Verlagsseite)


    Mein kurzer Eindruck:

    Wieder hat sich Rothmann die Zeiten des Krieges ausgesucht, erst der grandiose Roman "Im Frühling sterben", dieses Mal nun dieser neu erschienene Roman aus Sicht einer Zwölfjährigen.

    Anfang 1945 flieht die 12-jährige Luisa mit ihrer Mutter und der älteren Schwester auf's Land. In Kiel fallen die Bomben, dort ist es zu gefährlich. Auf dem Land wohnen sie auf dem Hof des Schwagers Vinzent, der SS-Offizier ist. Hier kann Luisa die unverhoffte Freiheit genießen, durch die Wälder streifen. Hier kann sie sich auch ihrem Hobby, dem Lesen, intensiv widmen. Hier erfährt sie auch die erste Liebe, sie verliebt sich in den Melker Walter.

    Doch auch wenn sie und ihre Familie etwas abseits des Kriegsgeschehens erleben, so bekommen sie doch die Auswirkungen zu spüren. Immer mehr Flüchtlinge werden dem Hof zugeteilt, alle müssen zusammenrücken.

    Ein ausuferndes Fest endet für Luisa und ihre Schwester katastrophal.

    Aus der Sicht einer Zwölfjährigen erzählt Rothmann über die Grauen des Kriegsgeschehens, vielleicht etwas zu distanziert. Luisa selbst erscheint mir ein wenig zu unkindlich, altklug.

    Rothmann streut hin und wieder den (sprachlich wohl dem damaligen Deutsch angepassten) Bericht des Gelehrten Bredelin Merxheim über die Wirrnisse und Schrecken des Dreißigjährigen Krieges ein. Merxheim lässt eine Kapelle bauen, um den unter dem Krieg leidenden Menschen einen religiösen Halt zu geben. Was genau mit diesen Einsprenkseln bezweckt werden soll, hat sich mir nicht ganz erschlossen und diese haben mich dann doch etwas gestört.

    Luisas Entscheidung am Ende des Romanes lässt Rothmanns Nähe zur Religion erahnen.
    "Der Gott jenes Sommers" ist dennoch ein lesenswerter Roman, Rothmann kann schreiben. Aber es ist sicher nicht sein bester.


    Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können. (Virginia Woolf)

  • Ich warte stets aufmerksam auf Neuerscheinungen von Ralf Rothmann. Für mich einer der ganz großen zeitgenössischen deutschen Schriftsteller. Nun ist mir Conor mit einer Erstrezension vorausgegangen (Danke!), und ich setze noch ein paar Bemerkungen hinzu :


    Nicht nur thematisch und auch örtlich eingebettet schließt sich dieser Roman an Ralf Rothmann - Im Frühling sterben an. Mit zB Walter (der « Vater » Rothmanns) finden wir zB eine selbe Person wieder. Hier verschiebt sich der Schwerpunkt auf eine andere Familie des Hofes : der Vater ist in Kiel irgendwo Kantinenleiter, illusionslos und spöttisch über die Zukunft des « tausendjährigen Reiches », und sich schon wappnend für das baldige Kommen der Engländer. In verschiedenen Personen drumrum, auch innerhalb der Familie, werden verschiedene « Haltungen » dem Regime gegenüber verkörpert.


    Luisa aber ist die Hauptperson, aus ihrer Perspektive wird erzählt : die Zwölfjährige gewinnt unser Herz schon allein durch ihre Leserleidenschaft ! Soo naiv ist sie nun auch nicht : sie hört auf die Schicksale der Flüchtlingsfrauen, stellt sich Fragen angesichts möglicher Bedrohung. Dabei sieht man bei anderen eher Abweisung der aufziehenden Wolken, bzw des anstehenden Endes.


    Der Klappentext geht mal wieder zu weit. Aber es stimmt schon, dass sogar schon auf den ersten Seiten manches angedeutet wird, was durchaus den Roman mit gewissen Perspektiven betrachten läßt. Zweie möchte ich hervorheben, sie verweisen verborgen (?) auf andere mögliche Einbettungen des an sich historischen Romanes :


    Zitat von Conor

    Rothmann streut hin und wieder den (sprachlich wohl dem damaligen Deutsch angepassten) Bericht des Gelehrten Bredelin Merxheim über die Wirrnisse und Schrecken des Dreißigjährigen Krieges ein. Merxheim lässt eine Kapelle bauen, um den unter dem Krieg leidenden Menschen einen religiösen Halt zu geben. Was genau mit diesen Einsprenkseln bezweckt werden soll, hat sich mir nicht ganz erschlossen und diese haben mich dann doch etwas gestört.


    Ich sehe erst einmal darin einen Querverweis auf Kriegsgräuel anderer Zeiten. Reihen sich nicht schreckliche Untaten in die allzulange Liste von historischen Begebenheiten ein ? Stehen wir letztlich vor sich irgendwie wiederholenden Geschichten ? In den ersten Einsprenkseln wird das relativ klar. Doch


    Und andererseits gibt es nicht dann die innere Fortschreibung solcher Kriegsschrecken in heutiger Zeit ? Man mag an Beschreibungen von hier und da denken. Aber auf einer Ebene fand ich den Bezug sehr, sehr aktuell, und er kann im heutigen Kontext nicht nur als reine Sache des Kriegsendes angesehen werden und auch nicht als "zufällig" abgetan werden (?) :



    Man könnte noch hundert Sachen hinzufügen, zB die sprachlichen Qualitäten, die Gewandheit, mit der der Autor mal Nazisprache, mal Mitläufertum, mal « altes Deutsch », mal Dialekt wiedergibt.


    Danke an Ralf Rothmann erneut für einen in meinen Augen sehr tiefgehenden Roman! Da werde ich wohl an fünf Sternen nicht vorbeikommen!

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