Leonard Cohen - Das Lieblingsspiel/The Favorite Game

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Das Lieblingsspiel

4.3|2)

Verlag: btb Verlag

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 320

ISBN: 9783442742226

Termin: April 2011

  • Im Mittelpunkt dieses Romans steht Lawrence Breavman, den wir auf seinem Weg ins Erwachsenenleben begleiten. Seine Eltern sind wohlhabend, der Vater - respekteinflößend, aber seit seiner Rückkehr aus dem Krieg kränklich - stirbt früh, die übertriebene Fürsorge der Mutter und ihr ständiger Anspruch an den Sohn, ihre Erwartungen zu erfüllen, machen diesen schier wahnsinnig. Was er genau vom Leben will, weiß er nicht so recht, doch auf gar keinen Fall will er zwangsweise irgendwelchen Konventionen genügen.


    Er lässt sich treiben, schreibt Gedichte, tut mit seinem besten Freund im Suff dumme Dinge, hat kein konkretes Ziel im Leben. Die größte Faszination üben Frauen auf ihn aus, schon seit seinen ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, die er als Kind mit dem Nachbarsmädchen gemacht hat, und in Shell begegnet ihm so etwas wie die große Liebe, allerdings weiß er auch hier nur eines sicher: eine konventionelle Beziehung ist nicht das, was er möchte.


    Wie schon in seinen Liedern und Gedichten, zeigt sich Leonard Cohen auch als Romanschriftsteller als Meister der Stimmungsbilder. Der Roman besteht aus vielen kurzen Episoden, die Ausschnitte aus Breavmans Leben von der Kindheit bis zum frühen Erwachsenenalter zeigen, und lebt nicht in erster Linie von der Handlung, sondern von der komplexen Gefühls- und Gedankenwelt Breavmans, die Cohen in wohlgesetzten Worten einzufangen vermag, oft mit ungewöhnlichen Bildern, in denen für Kenner seiner Musik immer wieder Motive aus seinen Songtexten anklingen.


    Die Liebe ist wie in seinen Liedern keine rosarote Rundumglückseligkeit, sondern eine komplizierte Angelegenheit mit vielen Facetten und manchmal fast zu viel für den Protagonisten, der mit dauerhafter Nähe seine Probleme zu haben scheint, so sehr er Intimität, Sex und Vertrautheit genießt. Nicht nur darin erscheint Breavman wie Cohens Alter ego, auch die familiären Hintergründe der beiden ähneln sich sehr, bis hin zu Szenen, die tatsächlich aus Cohens eigener Biographie stammen, so dass man sich unwillkürlich fragt, wie viel sonst noch autobiographisch ist.


    Hin und wieder ist auch zu spüren, dass das Buch schon über 50 Jahre auf dem Buckel hat, es ist (nicht negativ) ein paarmal von "negroes" die Rede und es gibt zwei unschöne Vorfälle mit Tieren, die hoffentlich nicht auf Tatsachen beruhen. Breavmans Lebensweise ist auch eine schöne Verkörperung des damaligen Aufbruchs in eine in vielerlei Hinsicht freiere und ungebundenere Zukunft und der Abwendung von eingefahrenen Wegen und Denkweisen. Aus heutiger Sicht wirkt er ein wenig wie ein Träumer mit dem Kopf in den Wolken und das Buch wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Aber ein schon alleine angesichts der wundervollen Sprache ziemlich lesenswertes.

  • Hier noch der Link zum Original (das ich allen, die auf englisch lesen, wärmstens ans Herz legen möchte - Cohen kann in der Übersetzung nur verlieren).

  • Danke für die schöne Rezi, Magdalena ! Ich mag Mr. Cohen, seit ich letztes Jahr im November auf einem Gedenk-Konzert eines guten Freundes war, der Leonard Cohen-Lieder gigantisch gut covert und seine Musik quasi mit der Muttermilch aufgesogen hat. Durch ihn habe ich mich ein bisschen mehr mit Leonard Cohen befasst und denke, dass in den Roman tatsächlich viel Autobiografisches eingeflossen ist. Dass er als Romancier auch so überzeugt wie als musizierender Poet, kann ich mir fast nicht vorstellen (die Texte sind hammermäßig!), aber ich behalte die Originalversion auf jeden Fall im Auge.

  • Yael : die Songs und Gedichte mag ich durchaus noch ein bisschen lieber (wenige Alben berühren mich so wie seine, vor allem sein wunderbares Vermächtnis "You Want It Darker" ), aber auch der Roman hat mir gefallen. Man muss sich allerdings ein bisschen drauf einlassen.


    Falls Du ihn mal lesen solltest, bin ich gespannt auf Deine Meinung!


    Auch seine Gedichtbände sind empfehlenswert. Man hat dabei unwillkürlich eine dunkle murmelnde Stimme im Ohr.

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