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Åsne Seierstad - Einer von uns / En av oss

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Einer von uns: Die Geschichte des Massen...

3.7|3)

Verlag: Kein & Aber

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 544

ISBN: 9783036957401

Termin: April 2016

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    Wie konnte sich Anders Breivik, der im wohlhabenden Westen aufwuchs, zu einem perfiden Terroristen entwickeln? Åsne Seierstads ausgezeichnetes Buch ist gleichzeitig psychologische Studie und literarisches True Crime, gleichzeitig Würdigung der Opfer und eine messerscharfe Analyse einer Tat, die sich jederzeit und überall wiederholen könnte." - So schreibt Amazon.


    Zuerst: Das Buch liest sich sehr gut und flüssig. Es ist sehr gut recherchiert und geht hervorragend mit Quellen um. Es ist spannend und unterhaltsam.


    Trotzdem ist es für mich kein gutes Buch. Da stört zu viel. Da ist zum Einen die Geschichte des Kindes Anders. Schon nach wenigen Seiten wird klar, aus dem Jungen wird nichts. Das ist platt und viel zu sehr auf das Ende fokussiert. Man kann auch Außenseiter sein und spielsüchtig und nicht zum Massenmörder werden. Da hat sich Frau Seierstad selber in die Falle gelockt und den Fall vom Ende her betrachtet. In diesem Zusammenhang war es für mich auch störend, dass fast nur auf negative Seiten der Kindheit geschaut wurde, obwohl mir schien, dass es sehr wohl auch andere Seiten gegeben haben muss.


    Dann beschäftigt sich ein großer Teil des Buches (für mein Gefühl fast ein Drittel) mit anderen Personen, späteren Opfern, die als hoffnungsvolle und liebevolle Menschen vorgestellt werden. Ich meine, dass dies aber zum Verständnis der Person Breiviks überhaupt nichts hinzufügt. Hier wird eine emotionale Ebene zu den Opfern aufgebaut, die ich als unangemessen empfinde. Man soll halt mit den Opfern ganz besonders mitfühlen. Für mich ein Verkaufstrick und nicht mehr. Irgendwann fing ich an, diese Kapitel nur noch diagonal zu lesen.


    Sehr oft wird erwähnt, was die Hauptperson dachte. Auch wenn die Autorin dafür eine (dünne) Erklärung abgibt meine ich, dass sie das einfach nicht wissen kann und es nicht in eine seriöse Biografie gehört.


    Es gibt eine Episode, in der Breivik ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, die bleibt aber sehr blass obwohl gerade hier Überraschendes hätte zu Tage treten können; wie hat er die KOntakte geknüpft z.B.

    Mir fehlten auch Erklärungen, warum immer wieder Freunde erwähnt wurden, während er andererseits als jemand beschrieben wurde, der meist gemieden wurde.


    All das bewirkte für mich, dass ich das Buch so empfand, dass die Autorin zu einem großen Teil Vorurteile verstärken wollte und den Erwartungen der Leser einfach zu sehr entgegen gekommen ist. Ich hatte nach der Lektüre kaum das Gefühl, mehr über die Person und das Werden dieses Menschen erfahren zu haben. Das Verhalten habe ich nicht besser verstanden. - Und das ist ein sehr schwerwiegendes Argument bei einem solchen Buch.


    Gefallen hat mir die Beschreibung der Gerichtsverhandlung und die Umstände dazu. Hierbei habe ich viel Neues erfahren und bekam eine viel genauere Vorstellung. Auch tauchten hier endlich wirkliche Fragen an das Selbstverstandnis des Massenmörders auf.


    Trotz des versöhnlichen Schlusses überwiegt bei mir aber doch der Ärger über das Buch, das mit 26 Euro auch recht teuer ist.

  • Vielen Dank für die prima Rezi Klaus V. ! Das Buch ist weit oben auf meiner Merkliste, aber ich hatte schon befürchtet, dass bei dem Thema auch ein wenig auf Lesererwartung und Mitgefühl zu den Opfern hingearbeitet wurde. Sicherlich wird es ewig unverständlich bleiben, wie jemand zum Terroristen wird, aber wenn die Recherche zu einseitig und mit Blick auf das Ende argumentiert wird, dann eilt die Lektüre für mich nicht so sehr...

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Asne Seierstad "Einer von uns"“ zu „Åsne Seierstad - Einer von uns / En av oss“ geändert.
  • Autorin: Asne Seierstad

    Titel: Einer von uns

    Seiten: 544

    ISBN: 978-3-0369-5740-1

    Verlag: Kein & Aber

    Übersetzer: Frank Zuber, Nora Pröfrock


    Autorin:

    Asne Seierstad wurde 1970 in Oslo geboren und ist eine norwegische Schriftstellerin und Jornalistin. Sie studierte zunächst Russisch, Spanisch und Ideengeschichte, bevor sie für die Zeitung Arbeiderbladet tätig wurde. Von 1993-96 berichtete sie als Auslandskorrespondentin aus Russland, 1997 aus China. Von 1998 an arbeitere sie als Kriegsreporterin in verschiedenen Konfliktregionen, darunter Serbien, Afghanistan und Tschetschenien. Ihre Berichte wurden im norwegischen und schwedischen Fernsehen gesendet. Ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Für "Einer von uns - Die Geschichte einesMassenmörders" erhielt sie 2018 den Preis der Leipziger Buchmesse zur Europäischen Verständigung.


    Inhalt:

    Wie konnte sich anders Breivik, der im wohlhabenden Westen aufwuchs, zu einem perfiden Terroristen entwickeln? Asne Seierstads ausgezeichnetes Buch ist gleichzeitig psychologische Studie und literarisches True Crime, gleichzeitig Würdigung der opfer und eine messerscharfe Analyse einer Tat, die sich jederzeit und überall wiederholen könnte. (Klappentext)


    Rezension:

    Wenn es einen europäischen 11. September gibt, so ist es wohl der 22. Juli für Norwegen, der die Gesellschaft des skandinavischen Landes in ihren Grundfesten erschütterte. Die Bevölkerung, sonst für Offenheit und Toleranz bekannt, befand sich in einer Art Schockstarre, als die Bilder eines zerstörten Osloer Regierungsgebäudes über die Fernsehschirme flimmerten, noch mehr, als die Nachrichten Schüsse auf der nicht weit entfernten Insel Utoya vermeldeten. Die Opfer waren großteils Jugendliche. Insgesamt 77 Menschen starben. Unzählige wurden schwer verletzt und tragen an den Spätfolgen noch heute.


    Die Journalistin und Autorin war in ihrer Funktion als Reporterin für eine Zeitung bei den Gerichtsprozess um den Attentäter Breivik anwesend und recherchierte weiter, als dieser längst verurteilt war. Seierstad wälzte Gerichtsakten und psycholigsiche Gutachten, sprach mit Weggefährten und ehemaligen Bekannt- und Freundschaften Breiviks, mit dessen Mutter und studierte die Schriften des Mannes, der die größte Tragödie der jüngeren norwegischen Geschichte ausgelöst hatte. Sie wollte das Unverständliche zumindest nachvollziehen können und herausfinden, wie in einem wohlsituierten Land jemand zur Bestie werden konnte.


    Eingängig geschrieben und in klare Abschnitte geteilt, liest sich das Werk, dessen Untertitel im Deutschen fälschlicherweise an eine Biografie denken lässt, als wäre man bei den Ereignissen dabei. Das ist dann vielleicht auch der drängenste Kritikpunkt. Ob man sich beim Lesen eines solchen Berichtes wie im Film fühlen soll, wage ich zu bezweifeln. Das ist grenzwertig und diskussionswürdig. Genau so, wie der Untertitel, der im Original sich eben nicht nur auf den Täter selbst bezieht, sondern ausdrücklich die eigentliche Tat zum Thema nimmt. Damit funktioniert das Werk auch.


    Die Autorin stellt dem Bösen gegenüber, die Biografien seiner Opfer und zeigt damit zugleich das Grundverständnis skandinavischer Gesellschaften auf, welches die Norweger auch nach den Attentat versucht haben, hochzuhalten. Ein Pluspunkt, vergisst Seierstad doch hier gerade nicht, dass die Leidtragenden zu oft außerhalb des Fokus' geraten. Mit einem Vor- und Nachwort rahmt sie ihre Recherchen ein, erklärt ihre Arbeits- und Herangehensweise, was die Verarbeitung widerum erklärt. Asne Seierstad wollte mit ihrem Werk "Rechtsextremismus entblößen, um ihn zu bekämpfen." Für ihren Ansatz bekam sie dafür den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 zur Europäischen Verständigung.

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