Hikaru Okuizumi - Das Gedächtnis der Steine / Ishi no Raireki

  • Über den Autor lt. Klappentext:
    Hikaru Okuizumi, geboren 1956 im japanischen Yamagata. Studium an der International Christian University. Für »Das Gedächtnis der Steine«, seinen ersten ins Deutsche übersetzten Roman, erhielt er den Akutagawa-Preis, Japans angesehenste literarische Auszeichung.


    Übersetzer:
    Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler



    Inhalt:
    Es sind die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges im Philippinischen Dschungel. Ein paar versprengte japanische Soldaten finden in einer Höhle Unterschlupf. Ein tyrannischer Leutnant plant mit den Überlebenden einen letzten Kampf gegen den Feind. Von einem Sterbenden in der Höhle hört der junge Soldat Tsuyoshi Manase über die Faszination der Steine. Diese Worte lassen ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr los.
    Nach dem Krieg heiratet Manase, eröffnet einen gut laufenden Buchhandel, bekommt mit seiner Frau zwei Söhne. Manase wird im Laufe seines Lebens zu einem Laien-Experten was Steine betrifft. Sein ältester Sohn beginnt, wie sein Vater, sich für Steine zu interessieren.


    Mein Eindruck:
    Das ist mein erstes Buch, indem ein Japaner mit den Folgen seines Kriegstraumas umzugehen versucht. Da ich keine Ahnung habe wie die japanische Gesellschaft mit ihrem Trauma Krieg umgegangen war und ich auch wenig von der Mentalität der Menschen des Landes weiß, fällt es mir entsprechend schwer dieses Buch in seiner kompletten Tiefe zu begreifen. Ein japanischer Leser bzw. jemand der sich mit der japanischen Kultur näher befasst, dürfte vermutlich einen ganz anderen Blickwinkel, wie ich darauf haben und andere Details wahrnehmen.
    Ich sah einen schwer traumatisierten Mann, der sich an die Beständigkeit und doch gleichzeitige -wenn auch gleichermaßen entsprechend langsame- Veränderung von Steinen aufrecht hält. Und gleichzeitig alles verliert was ihm wichtig ist. Er kommt mir in seinen Gefühlen selbst wie ein "Stein" vor, was allerdings auch wieder eine kulturelle Eigenschaft sein kann? Keine Gefühle zeigen, sonst verliert man die Achtung der anderen? Mir fällt es schwer ihn einzuschätzen und habe mich für meine europäische Sichtweise eines stark traumatisierten Mannes entschieden. Hin und wieder schimmert es in der Erzählung durch, wie stark sein innerlicher Kampf betreffend der Gefühle ist und wieviele Vorwürfe er sich diesbezüglich macht. Wie schwer es ihm fällt, Worte für seine Gedanken zu finden. Und wie wenig er etwas daran selbst ändern kann. Die Folgen des Krieges betreffen auch noch die Söhne Manases. Was wohl auch hier zeigen soll, dass sich Krieg und seine vielen Auswirkungen nie auf eine Generation beschränkt.


    Fazit:
    Für mich ein Blick in eine andere Gedankenwelt, von gerade mal 159 Seiten. Warnen möchte ich noch, dass es eine äußerst unappetitliche Szene am Anfang in der Höhle gab. Und es wird eine Menge über diverse Gesteinsformen erzählt. Dafür sollte man sich halbwegs interessieren.
    Nettes Detail am Rande. In meiner gebraucht gekauften Ausgabe gab es eine Postkarte. Auf ihr war ein Strauß zu sehen, der seinen Kopf in den Sand steckt. Darüber stand der Satz: "Um klar zu sehen, genügt oft schon ein Wechsel der Blickrichtung." In dem Fall eine überraschend passende Aussage.

    Nimm dir Zeit für die Dinge, die dich glücklich machen.


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  • Sehr interessant, Farast! Danke!


    Ja, ich denke, dass so mancher japanische Schriftsteller versucht hat, die Traumata aus dem II.Weltkrieg zu verarbeiten. Im Kontext der "Scham" und Ehrauffassungen in Japan eventuell ein noch betroffener machendes Thema als anderswo.


    Ich erinerte mch schnell an zB folgenden Schriftsteller, Medoruma Shun, der immer wieder in seinen Werken den Kampf und die Niederlage bei Okinawa thematisiert. ZB hier:


    Medoruma Shun – Les pleurs du vent/ 風音 -Fûon

  • Ja, ich denke, dass so mancher japanische Schriftsteller versucht hat, die Traumata aus dem II.Weltkrieg zu verarbeiten. Im Kontext der "Scham" und Ehrauffassungen in Japan eventuell ein noch betroffener machendes Thema als anderswo.

    Ich habe versucht ein wenig mehr über das Buch zu erfahren und bin dabei bei perlentaucher.de auf folgende Rezension gestossen, ich zitiere:


    Zitat

    Irmela Hihjiya-Kirschnereit beschäftigt sich vor allem mit der Frage, welch unterschiedliche Leseerfahrungen und -erwartungen deutsche und japanische Leser haben - eine Frage, die, wie sie betont, unabhängig ist von der Qualität der Übersetzung. Deutsche Leser, so ist ihre Vermutung, dürften eher die Frage, wie sich das `Gedächtnis der Steine` zum "Gedächtnis der Menschen" verhält, interessant finden. Während japanische Leser hier vielmehr eine "ausgefeilte Story zum Thema Steine" sehen oder auch den "Versuch, die Geschichte der Menschen mit der des Alls in Einklang zu bringen".

    Auf diese Schlussfolgerungen wäre ich dann doch nicht gekommen. Immer wieder interessant wie unterschiedlich Lesarten sein können.

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