Szczepan Twardoch - Der Boxer / Król

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Der Boxer

4.5|1)

Verlag: Rowohlt Berlin

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 464

ISBN: 9783737100083

Termin: Januar 2018

  • Meinen Vater hat ein großer, gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers getötet.


    Im Warschau des Jahres 1937 sitzt der 17-jährige Mojzesz Bernstein bei einem Boxkampf, es geht Juden gegen Polen, in der jüdischen Ecke Jakub Shapiro, der gerade Mojsesz' Vater getötet hat. Im Tel Aviv des Jahres 1987 sitzt der 67-jährige Mojzesz Bernstein, nun unter dem Namen Mosche Inbar, General der israelischen Armee, vor seiner Schreibmaschine und schreibt auf, wie er Jakub Shapiro traf, den Mörder seines Vaters.
    Jakub nimmt Mojzesz unter seine Fittiche. Für den Jungen bedeutet das eine Eintrittskarte in ein besseres Leben, denn Jakub Shapiro ist nicht nur Boxer, sondern auch die rechte Hand von Jan Kaplica, seines Zeichens Pate von Warschau und glühender Sozialist. Die politischen Irrungen der Zeit machen aber auch vor Kaplicas Imperium nicht halt: Sozialisten und Nationaldemokraten stehen sich in blutiger Feindschaft gegenüber, die Nationalisten führen Grabenkämpfe, rechte Kräfte planen einen (historisch nicht verbürgten) Putsch. Juden wie Jakub und Mojzesz sehen sich außerdem zunehmendem Antisemitismus ausgesetzt. Warschau ist eine geteilte Stadt, ein Teil wohlhabend, westlich orientiert und christlich, der andere ärmlich, dem Osten zugewandt und jüdisch. Die Spaltung wird nur noch tiefer. Vor diesem Hintergrund steigt Jakub Shapiro zum König der Unterwelt auf; Król, also König, heißt auch das polnische Original. Ein etwas treffenderer Titel, denn geboxt wird im Buch nur wenig.


    Mojzesz Bernstein ist ein anstrengender Erzähler. Er greift vor, er greift zurück, betont immer wieder, was er zum Zeitpunkt der Handlung noch nicht wusste und erst später erfahren hat. In längeren Einschüben erinnert er sich an seine Zeit in der Armee, an seinen Beitrag zum Nahost-Konflikt, oder meint sich zumindest zu erinnern. Die Zeitebenen vermischen sich, die Grenzen zwischen Mojzesz und Shapiros Geschichte verwischen und über allem schwebt ein irreales Element, das der Erzählung eine expressionistische Qualität verleiht.


    Der Genre-Mix wird vermutlich nicht jedem gefallen. Für die Liebhaber des American Noir ist Der Boxer vielleicht zu prätentiös, vielleicht kommt die Handlung auch zu langsam in Gang. Für Fans historischer Romane bleiben die geschichtlichen Ereignisse vielleicht zu vage. Die Erzählung deutet den historischen Hintergrund nur an, erst Übersetzer Olaf Kühl gibt am Ende des Buches einen kurzen Abriss über den geschichtlichen Zusammenhang. Für jemanden, der wie ich mit der Geschichte Polens nur wenig vertraut ist, taugt dieser aber eher als Stichwortgeber für die eigene Recherche. (Für polnische Leser wiederum handelt es sich wahrscheinlich um Allgemeinwissen, das keiner näheren Erklärung bedarf.) Für Belletristik-Leser schließlich ist das Buch vielleicht doch zu sehr in den Konventionen der klassischen Gangsterballade verhaftet. Das wird vor allem anhand der Charaktere deutlich. Twardoch fährt durchaus interessantes Personal auf, Pantaleon zum Beispiel mit seinem ganz persönlichen Teufel, oder Tjutschew, den stillen Russen (ein gutes Namensgedächtnis ist hier übrigens von Vorteil). Aber die Figuren sind recht eindimensional, entweder überlebensgroß wie der unbesiegbare Boxer Shapiro, oder erbärmlich wie einige feindliche Gestalten. Insbesondere die Frauenfiguren bleiben blass, ihre Rollen sind klar aufgeteilt: Hure, Heilige, Femme Fatale. Es ist kein Männerbuch (was immer das ist), aber doch ein sehr männliches Buch, in einer Männerwelt, in der Frauen nur Randfiguren sind.


    Sprachlich ist das Buch eine reine Freude. Twardoch schreibt detailversessen, ist verliebt in Kleidung, Waffen, Straßennamen; das kann nerven, aber ihm gelingen doch immer wieder immens schöne Sätze. Die genretypische Brutalität fehlt ebenfalls nicht und kommt dabei so lakonisch und in unerwarteten Momenten daher, dass sie selbst mich hartgesottene Leserin getroffen hat. Aber die Gewalt ist nie schockierender Selbstzweck; Twardoch glorifiziert nichts, seine Welt hat wenig Glorreiches. Noir eben, mit Literatur-Beimischung. Ich weiß nicht, ob jeder von Twardochs literarischen Tricks notwendig ist oder ob sie die Geschichte am Ende nicht doch überfrachten. Während des Lesens haben mich diese Tricks jedenfalls wenig gestört.


    Ich habe ein wenig was anders bekommen als ich erwartet habe, aber was ich bekam, hat mir sehr gut gefallen. Jetzt möchte ich möglichst bald auch Morphin lesen. Das klingt nach etwas, das ich noch mehr mögen könnte.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:


    Klappentext
    Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis; er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt – aus Leidenschaft und Kalkül – eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen – und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein.
    Der Aufstieg eines Verbrecherhelden zwischen Gewalt, Eleganz und Laster, seine Verletzlichkeit als Jude im Vorkriegs-Warschau: «Der Boxer» ist grandios angelegt und fast filmisch erzählt, ein Panorama mit Sportlern und Schurken, einem Mann mit zwei Gesichtern, glamourösen Huren und charismatischen Gangstern. Ein überragender, thrillerhafter Roman, der eine eruptive Epoche geradezu körperlich erlebbar macht.


    Über den Autor
    Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur. Mit «Morphin» (2012) gelang ihm der Durchbruch, das Buch wurde mit dem Polityka-Passport-Preis ausgezeichnet, Kritik und Leser waren begeistert. Für den ebenfalls hochgelobten Roman «Drach» wurden Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Preis geehrt. Bei polnischen Lesern wie Kritikern übertraf «Der Boxer» diese Erfolge sogar noch. Szczepan Twardoch lebt mit seiner Familie in Pilchowice/Schlesien.

    "Selber lesen macht kluch."


    If you're going to say what you want to say, you're going to hear what you don't want to hear.
    Roberto Bolaño

  • Tolle Rezi, muss ich mir wohl merken! Aus Polen kommt doch leider nicht zuviel bei uns an, von Stasiuk und einigen Ausnahmen abgesehen...?!

  • Tolle Rezi, muss ich mir wohl merken! Aus Polen kommt doch leider nicht zuviel bei uns an, von Stasiuk und einigen Ausnahmen abgesehen...?!

    Ich kenne mich da wirklich nicht aus. Ich kenne nur noch Sapkowski, und der schreibt Fantasy...

    Vielen Dank für die gelungene Rezi! Ich werde mal nach Büchern des Autors Ausschau halten...

    Auf Deutsch ist neben Morphin noch Drach erschienen, die Geschichte einer schlesischen Familie. Ich glaube, sonst nichts.


    Ich bin am 12.03. auf der Buchvorstellung von Der Boxer, mit Autor und Übersetzer. Falls Interesse besteht, berichte ich gerne.

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    Roberto Bolaño

  • Ich kenne mich da wirklich nicht aus. Ich kenne nur noch Sapkowski, und der schreibt Fantasy...

    Den wiederum kenne ich nicht. Aber es gibt da halt den Stasiuk, die Olga Togarczuk, den Mariusz Wilk...


    FreakMLikeMe schrieb:

    Ich bin am 12.03. auf der Buchvorstellung von Der Boxer, mit Autor und Übersetzer. Falls Interesse besteht, berichte ich gerne.

    Yep! Interessiert!

  • Ich bin am 12.03. auf der Buchvorstellung von Der Boxer, mit Autor und Übersetzer. Falls Interesse besteht, berichte ich gerne.

    Magst Du die Veranstaltung vielleicht hier genauer einstellen, es könnte ja noch mehr interessieren, die in der Nähe wohnen :wink:

    viele Grüße vom Squirrel

     :study: Robert Seethaler - Ein ganzes Leben
     :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (Langzeit-MLR)

     :study: Yuval Noah Harari - Homo Deus (Bücherwürmer-Langzeitprojekt)

  • So, hier eine kleine Zusammenfassung zur Buchvorstellung gestern Abend.


    Übersetzer Olaf Kühl führte durch den Abend, interviewte Twardoch und übersetzte. Schauspielerin Katrin Lewinsky (? bin nicht sicher, ob sie sich so schreibt), hat Auszüge aus dem Roman gelesen. Die Diskussion ging nicht sehr in die Tiefe, wurde aber auch dadurch erschwert, dass man einige interessante Elemente nicht diskutieren kann, ohne das Buch zu spoilern. In diesem Zusammenhang: Macht besser einen Bogen um die Rezension auf Deutschlandfunk.de, die verrät echt alles :|


    Es kamen dennoch einige interessante Aspekte zur Sprache. Twardoch erzählte unter anderem, dass es die von ihm beschriebene jüdische Gangsterorganisationen in ähnlicher Form tatsächlich gab. Auch die Figur des "Paten" Kaplica beruht auf einer wahren Vorlage. Allerdings erlebte diese Organisation ihre Blütezeit in den 20er/ frühen 30er Jahren, Twardoch hat sie für den Roman nach 1937 verlegt.
    Außerdem ging es um das Männlichkeitsbild im Roman. Ich hatte in meiner Rezension ja schon angemerkt, dass es ein sehr männliches Buch ist. Bei einigen Lesern und Rezensenten kam da wohl die Frage auf, warum sich Twardoch eigentlich so ausführlich dem männlichen Körper widmet. Er meinte, dass er ein sinnliches Buch schreiben wollte und daher dem männlichen Körper ebenso viel Raum eingeräumt hat wie dem weiblichen. (Sinnlich fand ich persönlich das Buch jetzt nicht. Aber für mich war es durchaus eine willkommene Abwechslung zu all den Büchern, die sich seitenlang der Beschreibung von Frauenkörpern widmen, während Männer halt irgendwie aussehen.)
    Einige Kritiker wollten in dem Roman nun Analogien zur aktuellen polnischen Politik und zum heutigen Antisemitismus in Polen erkennen. Twardoch meinte darauf, dass er keine Analogien schreiben würde. Wenn er die heutige Politik kritisieren wolle, würde er das tun, mittels anderer Medien, und diese Kritik nicht in Literatur verstecken. Der heutige Antisemitismus in Polen habe zudem andere Gründe und Auswirkungen als der Antisemitismus in den 1930er Jahren, deswegen könne man das nicht vergleichen. Schließlich sagte er noch, dass er nicht an politische Literatur glaube, also an Literatur, die versucht, eine politische Botschaft zu vermitteln, um irgendwas zu verändern.

    "Selber lesen macht kluch."


    If you're going to say what you want to say, you're going to hear what you don't want to hear.
    Roberto Bolaño

  • Ich möchte euch sagen, hört, seht den Literaturclub - bei diesem Roman läuf die Diskussionsrunde zu " "Höchstform" auf - es lohnt sich auf jeden Fall :wink: Ein Roman der begeistert.

    Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne.

    Jean Paul

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