Jan Weiler - Kühn hat Ärger

Kühn hat Ärger

4.1 von 5 Sternen bei 11 Bewertungen

Band 2 der

Verlag: Piper Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 400

ISBN: 9783492315494

Termin: September 2019

Klappentext / Inhaltsangabe: Die Sonne geht auf, es regnet, oder es schneit. Aber im Grunde startet jeder neue Tag mit derselben Chance. So sieht Martin Kühn es jedenfalls, an guten Tagen. In letzter Zeit allerdings hatte er eher selten gute Tage, seine Frau Susanne benimmt sich seltsam, und er selbst ist dabei, einen amourösen Fehltritt zu begehen. Auch der heutige Tag beginnt wechselhaft, denn Kühn soll mit seinem Kollegen Steierer den Mörder eines jungen Mannes finden. Die Ermittlungen führen ihn, den einfachen Polizisten und Berufspendler, in die Welt der Reichen und Wohltätigen. Diese neue Erfahrung setzt ihm doch mehr zu, als Kühn es sich eingestehen will. Und während er auf der Terrasse der Verdächtigen selbstgemachte Limonade kostet, sucht Kühn die Antwort darauf, ob es überhaupt einen Ort gibt, an dem er in diesem Leben richtig ist.
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  • Jan Weiler wird erwachsen
    Jan Weiler überrascht mich mit diesem Band, und mit diesem Konzept rund um den Polizisten Kühn. Begonnen hatte seine Schriftsteller-Karriere ja mit eher klamaukigen Büchern rund um kulturelle Missverständnisse („Maria, ihm schmeckt‘s nicht“). Was ja durchaus seine Berechtigung hatte. Doch der Autor scheint wesentlich gereift, und versucht sich mit Martin Kühn an einer spannungsgeladenen Mischung aus Realsatire, Midlife-Crisis und Kriminalroman. Das ist ihm über weite Strecken unterhaltsam bis sehr gut gelungen.


    Mir gefällt an diesem Buch gerade die Uneindeutigkeit und Vielstimmigkeit. Obwohl aus der Perspektive einer einzigen Person erzählt, des Polizisten Martin Kühn, ist es doch in keine Schublade eindeutig einzuordnen. Schon in der Leseprobe war mir das aufgefallen – war es nun eine bissige Abrechnung mit sozialen Unterschieden, die Schilderung einer persönlichen Krise, oder ein Krimi? Nun, gewissermaßen ist es alles.


    Der Aufhänger für das Buch ist sicher der Kriminalfall – ein 17jähriger Jugendlicher mit Migrationshintergrund ist brutal erschlagen worden. Martin Kühn und sein Kollege Steierer beginnen zu ermitteln. Sie tauchen ein in die Welt der Superreichen, denn das Opfer war mit einem Mädchen aus gutem Hause befreundet. Schon hier blitzt immer wieder der bissige Jan Weiler durch. Diese Welt der Reichen wird mit einer guten Prise Sarkasmus geschildert, dass es nur so kracht. Ich habe mich wirklich köstlich amüsiert…!


    Das ist schon der zweite wichtige Aspekt des Buches – der satirische. In anderen Abschnitten nämlich, wenn Kühn über sein Privatleben sinniert, zum Arzt geht, sich mit Kantinenessen herumschlägt, einen Kongress besucht oder sich mit seinem Kollegen anlegt, lässt Weiler keine Gelegenheit aus, hintersinnige Seitenhiebe einzubauen. Das Leben eines Polizisten mittleren Alters, zumal nach einem Burn-Out, ist eben nicht ohne Tücken. Kühn pendelt beständige zwischen Prostata und Propaganda. Dabei beeindruckt Weiler den Leser mit durchaus tiefsinniger anmutenden Passagen. Einziger Kritikpunkt meinerseits: die kursiv gedruckten inneren Monologe Kühns. Die sind mir oftmals zu flach geraten. Auch finde ich, dass die wunderbar überzeichneten Passagen über die am Reißbrett entworfene Wohnsiedlung Kühns ruhig mehr Raum hätten einnehmen können.


    Der dritte Aspekt des Buches ist sicher „ein Mann in mittleren Jahren“. Was in den „Maria“-Büchern noch wunderbar leichtfüßig gelang, nämlich die Schilderung einer Ehe, gerät hier mitunter ein wenig einfallslos – was auch bei mir zu einem Punkt Abzug führt. Kühn sagt es selber an einer Stelle. Sich auf einer Tagung mit einer Kollegin einzulassen – nicht sonderlich originell. Und er begehrt sie nicht einmal wirklich. Auch die gegenseitigen Verdächtigungen des Ehepaars Kühn, das Streitgespräch in der Küche, „wir waren doch früher nicht so“… na ja. Das ist ganz einfach nicht Jan Weilers Stärke.


    Sehr gelungen finde ich das Ende des Buches, den Showdown sozusagen, die Auflösung des Kriminalfalls. Sehr gekonnt versetzt sich der Autor in die Seelenlage reicher, überdrehter Jugendlicher. Er lässt Martin Kühn mit seinen Verhörtechniken zu wahren Höchstleistungen auflaufen. Und er schreibt ein ganzes Kapitel als Verhör-Mitschnitt; vielleicht das beste des ganzen Buches. Im Epilog gibt es dann einen angenehm offenen Ausklang – Kühn geht mit seinem eigenen Sohn einkaufen. Man darf vermuten, dass es Fortsetzungen geben wird, denn einiges bleibt offen.


    Insgesamt kann ich das Buch wirklich nur empfehlen. Es zeigt, dass man auch als Humorist Tiefsinn beweisen darf. Und dass ein Krimi auf dem heutigen Buchmarkt großzügig interpretiert werden kann. Wohlverdiente vier von fünf Sternen.

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)

  • Darum gehts:
    Die Sonne geht auf, es regnet, oder es schneit. Aber im Grunde startet jeder neue Tag mit derselben Chance. So sieht Martin Kühn es jedenfalls, an guten Tagen. In letzter Zeit allerdings hatte er eher selten gute Tage, seine Frau Susanne benimmt sich seltsam, und er selbst ist dabei, einen amourösen Fehltritt zu begehen. Auch der heutige Tag beginnt wechselhaft, denn Kühn soll mit seinem Kollegen Steierer den Mörder eines jungen Mannes finden. Die Ermittlungen führen ihn, den einfachen Polizisten und Berufspendler, in die Welt der Reichen und Wohltätigen. Diese neue Erfahrung setzt ihm doch mehr zu, als Kühn es sich eingestehen will. Und während er auf der Terrasse der Verdächtigen selbstgemachte Limonade kostet, sucht Kühn die Antwort darauf, ob es überhaupt einen Ort gibt, an dem er in diesem Leben richtig ist. - Amazon

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Martin Kühn hat wieder einen Mord aufzuklären, kaum dass er aus seiner Rehabilitationsmaßnahme zurück ist. Doch nicht nur das: Sein Kollege will ihn offenbar ausbooten, seine Ehefrau scheint auf Abwegen zu sein und trotz der Rehamaßnahme macht ihm seine Gesundheit Sorgen. Es ist Alles wieder ein bisschen viel für Kühn und so ist es zumindest etwas beruhigend, dass die Ermittlungen in diesem Mordfall ihn in ein Milieu führen, in dem die Welt völlig in Ordnung ist - zumindest sieht es so aus. Kühn stellt fest, dass Geld doch glücklich zu machen scheint.
    Wie bereits im ersten Band ist auch hier der Krimi eher eine Nebenhandlung. Zwar steht der Großteil von Kühns Gedanken dieses Mal mehr im Zusammenhang mit dem Mord, doch geht es weniger um die Suche nach dem Täter als um Überlegungen zu dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem das Opfer verkehrte. Unbegrenzter Reichtum, was macht er aus den Menschen? Und auch die Liebe ist ein Thema; wie sie Menschen verändern kann, zum Guten wie zum Bösen.
    Jan Weilers Figuren sind wie aus dem Leben gegriffen, ohne dass er jedoch den allseits bekannten Klischees verfällt. Wunderbar beispielsweise der rechte verliebte Bäcker. Auch die Beschreibung bestimmter Szenarien, die leicht zu schablonenhaft geraten könnten, sind mit liebe- und humorvoller Ironie versehen, die typisch für den Autor ist ('Es folgte das Mittagessen, das zur Förderung der Gruppendynamik an zwei langen Tafeln eingenommen wurde. Es gab kein Büfett, weil Büfetts dem Gruppengedanken widersprachen und das Eigenbrötlerische im Beamten förderten, wie die Seminarleiter fanden.' Den Lehrgang für KommissarInnen sah ich geradezu vor mir ;-)).
    Lediglich die Auflösung fand ich zu übertrieben in dieser Ausführlichkeit. Während alles Andere überaus realistisch wirkte, machte am Ende die Auskunftsfreudigkeit des Zeugen einen unnatürlichen Eindruck. Aber da die LeserInnen ja wissen sollen, wie was warum und weshalb geschah, schien dies wohl die beste Möglichkeit.
    Trotzdem eine schöne Fortsetzung dieser Reihe, ich freue mich bereits auf den dritten Teil.

    :study: Das Eis von Laline Paul

    :study: Der Zauberberg von Thomas Mann
    :musik: QUALITYLAND von Marc-Uwe Kling

  • Martin Kühn lebt mit seiner Familie in einem Außenbezirk Münchens, der umgangssprachlich genannten Tetris-Siedlung die auf einem alten, verseuchten Firmengelände einer ehemaligen Munitionsfabrik errichtet wurde. Nach und nach zeigen sich jetzt die Folgen dieses Erbes und die Häuser und Grundstücke drohen immens an Wert zu verlieren.
    Nach einem kürzlich überstandenen Burnout macht sich Kühn an seinen ersten Fall nach Rückkehr an seinen Arbeitsplatz. Ein jugendlicher Kleinkrimineller libanesischer Herkunft wird an einer Bahnhaltestelle aufgefunden - brutal zu Tode geprügelt. Die Ermittlungen führen Kühn in die Welt der besseren Gesellschaft von München-Grunwald, da der Ermordete mit der Tochter des Hauses liiert war.
    In Kühns Privatleben läuft es momentan auch alles andere als rund. Seine Frau verhält sich seltsam, sein Sohn ist distanziert und eine latent drohende Anklage wegen Körperverletzung setzen ihm zu. Obendrein droht er eine leichtfertige Liaison mit einer Kollegin einzugehen, was eigentlich so gar nicht seine Art ist. Außerdem hat er mächtig Angst vor einer potentiellen Krebserkrankung, weil sein Arzt ihm dringend eine Facharztkonsultation anrät aufgrund auffälliger Blutwerte. Und wie es oft so ist, scheut er die möglichen Ergebnisse einer solchen Untersuchung mehr als die Ungewissheit, weshalb er diesen Termin vor sich her schiebt.
    In dieser unaufgeräumten Verfassung macht er sich also an die Ermittlungen und stellt gleichzeitig sein ganzes Leben auf den Prüfstand. Warum kann er nicht so leben wie die wohltätige Grunwalder Familie? Wieso ist dort alles so perfekt und bei ihm weit davon entfernt? Würde er gerne dazu gehören?


    Es machte mir großes Vergnügen, Kühns Gedanken- und Gefühlswelt zu folgen und ich fand es keine Seite langweilig, auch wenn ich die Lösung des Falles bereits sehr früh ahnte. Denn in diesem "Krimi" geht es um eindeutig mehr als nur die Lösung des Falles.
    Kühn beobachtet sehr genau. Jede Geste wird registriert, jeder Blick gedeutet und jede Veränderung zur Kenntnis genommen. So lässt er den Leser an der Lösung mitarbeiten und sich Urteile bilden über die Protagonisten des Buches - die Familie und das Umfeld des Opfers, die höhere, durchaus wohltätige Gesellschaft von Grundwald, das Umfeld in der Tetris-Siedlung und natürlich Kühns Familie und Kollegen.
    Vor allem mit seinem Untergebenen Steierer hadert er gewaltig, denn dieser hat sich für eine Beförderung beworben - genau wie Kühn. Steierer hatte ihn während der langen Arbeitsunfähigkeit vertreten und scheint nun der Meinung, dass er diesem gegenüber gleichberechtigt ist und vor allem: gleich gut zu ermitteln. So knirscht es entsprechend während der Ermittlungen und es kommt nicht so gut voran, wie es sollte.


    Weiler zeigt eine sehr flüssige und vor allem humorvolle Schreibweise, die jedoch nie wirklich ins Alberne abgleitet. Trotzdem fand ich hier die wohl komischste Bettszene, die ich bis jetzt lesen durfte. Immer wieder tauchen amüsante Kleinigkeiten auf, die einen schmunzeln lassen. Und Informationen gibt es noch obendrein, denn von Bonsai-Parkett hatte ich bisher noch nie etwas gehört.


    Fazit: Ein rundum gelungener gesellschaftskritischer Krimi leichter Art, der genügend Raum für nette Accessoires bietet.


    ...ich werde mir den ersten Kühn jetzt auf jeden Fall erstehen (ehe sie verfilmt werden) und hoffe sehr, dass auch weitere Bände erscheinen!

  • Es kommt nicht von ungefähr, dass die beiden Krimis um Kommissar Kühn seinen Namen auch im Titel tragen. Sie sind schon ziemlich persönlich. Zeitweise hatte ich den Eindruck, seine Persönlichkeit und sein Umfeld nimmt einen größeren Raum ein als der Krimiplot. Aber ich mag das, und die Krimihandlung hat mir gut gefallen, obwohl es eine ganze Weile dauert, bis sie in Fahrt kommt. Man bekommt mit Kühn ein bisschen mehr als "nur" einen Krimi.


    Kühn hat zu tun würde auch hier wieder passen, Kühn hat Ärger allerdings ebenso gut. Er ist nicht nur mit dem aktuellen Fall beschäftigt, der ihn besonders berührt. Ein Fall, der ihm vervlüffende Einblicke in die Welt der Reichen und Schönen verschafft. Am Rande ist er noch in eine Supermarkterpressung involviert, mit möglichen Gesundheitsproblemen konfrontiert und dem weiterhin ungelösten baulichen Schlamassel auf der Weberhöhe. Sorge um seine Ehe treibt ihn um und zu allem Übel muss er noch eine ihm verhasste „Führungskräftetagung“ besuchen. Es ist an allen Fronten richtig was los.


    Ruhig, sorgfältig und einfühlsam erzählt Jan Weiler eine fesselnde und betroffen machende Geschichte. Als Amir und Julia sich begegnen, funkt es auf der Stelle zwischen den beiden. Der nach außen so megacoole Amir verliebt sich zum ersten Mal, ausgerechnet in eine Tochter aus „bestem Hause“. Was nun in ihm vorgeht liest sich herzergreifend. Dieser rotzige Typ verändert sich und es verblüfft, wie scheinbar problemlos er in das Leben der van Hautens integriert wird. Eigentlich zu schön um wahr zu sein. Und in meine Freude über seine gewandelte Einstellung zum Leben schlich sich zunehmende Beklemmung…


    Am Beispiel der prosperierenden Metropole München zeigt der Autor tiefe Risse in der Gesellschaft auf und spiegelt diverse Facetten großstädtischen Elends. Verzweifeltem Existenzkampf steht ans absurde grenzender Luxus gegenüber. Er tut das mal mit beißender Schärfe und Ironie, mal eher melancholisch. Aber meist ohne explizit zu werten oder zu urteilen.


    Kühn hat einen Blick für Details, ist ein sensibler Polizist mit Sinn für Gerechtigkeit und mit einem Herz für die Menschen am Rande der Gesellschaft. Aber nicht weich, er kann auch „klare Kante“, wenn er es für angebracht hält. Das alles zusammen macht ihn zu einem erfolgreichen Ermittler. Vordergründig einfache Auflösungen sind nicht sein Ding und beharrlich setzt er auch hier Puzzleteil für Puzzleteil zusammen bis er weiß, was genau geschehen ist. Auch wenn die Auflösung nicht wirklich überrascht, so bleibt einem doch die Spucke weg und ein Grauen, das so schnell nicht schwindet.


    Wie gesagt, Kühns Privat- und Innenleben prägen die Geschichte, was mir prinzipiell gut gefällt, denn ich mag ihn und seine Sicht auf die Dinge. Doch so ungefähr in der Hälfte gab es eine Szene, die ich echt bizarr und auch wenig glaubwürdig fand. Aber o.k. – ich bin auch kein Mann, vielleicht passt es ja doch *g*.


    Am Ende ist der Fall gelöst, die Probleme auf der Weberhöhe finden hier ihre Fortsetzung und spitzen sich zu. Doch es bleibt einiges offen, gerade in Kühns privatem Bereich: Wie geht es weiter mit den Schwierigkeiten auf der Weberhöhe, dazu gab es hier eine kleine Perspektive, die aber nicht weiter ausgeführt wurde. Etwas, das Kühn möglicherweise aus diesem Fall für sich und die Nachbarn der Weberhöhe mitnehmen konnte. Kriegen er und Susanne noch einmal die Kurve in ihrer Ehe? Rafft er sich endlich auf und geht zum Arzt? Und erhält er die erhoffte Beförderung oder doch einer seiner Kollegen. Fragen, die einer Beantwortung im nächsten „Kühn“ harren. Ich freu mich jetzt schon drauf. Der zweite Fall hat mir fast noch besser gefallen als der erste, ist allerdings schon eine ganze Weile her, dass ich den gelesen habe. Jan Weiler lässt sich damit ordentlich Zeit, was der Qualität allerdings nicht geschadet hat.

  • Bonsaiparkett und Schnippikäse


    Kühn hat Ärger, gesellschaftskritischer Kriminalroman von Jan Weiler, 400 Seiten, erschienen im Piper-Verlag.
    Martin Kühn ermittelt wieder, sein 2. Fall.
    Martin Kühn Kriminal-Hauptkommissar aus München kommt nach einem Burnout wieder an seinen Arbeitsplatz zurück. Amir, der Sohn libanesischer Einwanderer wurde an einer Bushaltstelle tot aufgefunden. Der Junge wurde zu Tode geprügelt und einfach liegen gelassen. Kühn und seine Mannschaft machen sich auf die Suche nach dem Täter. Dabei ermittelt er auch bei den sogenannten „Reichen und Wohltätigen“ der Münchner Schickeria. Dabei hat er genügend private Probleme, der Titel des Romans könnte auch „Kühn hat Sorgen“ lauten. Kann der Schuldige am Tod des libanesischen Jugendlichen gefunden werden?
    Zuerst einmal, dieses Buch hat mich komplett überwältigt, immer wieder musste ich innehalten und über das Gelesene nachdenken. Oft habe ich mich erwischt, wie ich innerlich den Kopf geschüttelt habe oder zustimmend nicken musste. Dabei handelt es sich hier nicht um einen normalen „Krimi“ im Whodunit-Stil, sondern vielmehr um eine gesellschaftskritische Milieustudie. Der Plot teilt sich in 16 Kapitel, durchgehend mit einem zusammenfassenden Titel überschrieben. Allein Kapitel 14 hebt sich von den anderen ab, hier handelt es sich um das Wortprotokoll einer Vernehmung, toll gemacht! Jan Weiler hat für seinen Roman den auktorialen Erzählstil gewählt. Viele Dialoge und bildhafte Beschreibungen von Setting und Personen machen die Geschichte lebendig. Weilers clevere ironische Gesellschaftsbeobachtungen und menschliche Innenansichten sind genial. Stetig steigert sich die Spannung ich habe mit Kühn zusammen recherchiert, den Täter gesucht und am Ende konnte ich es kaum mehr ertragen. Ab da bin ich nur so durch die Seiten geflogen bis die erschütternde Wahrheit ans Licht kam. Dass Jan Weiler auch humoristisch kann, kennt man aus seinen anderen Büchern, aber auch in vorliegender Geschichte musste ich schmunzeln, z.B. auf S. 224 …Klaubers Gebiss sah aus wie der stark bemooste Eingang zu einer karpatischen Waldhöhle… Für die Lektüre von Kühns 2. Fall ist die Vorgeschichte des 1. Teils nicht notwendig, trotzdem werde ich sie mir im Nachhinein noch „gönnen“. Ohne zu spoilern ist es schwierig, dieses geniale Buch genügend zu würdigen. Die Beschreibung der Familie van Hauten fand ich faszinierend. Eine Familie für die sich das Meer teilt. Die Gutmenschnummer, die Elfie van Hauten abzieht, der Vater Claus – das menschgewordene Upgrade, so ähnlich kenne ich es auch aus meinem Wohnort, scheint den Autor auch zu beschäftigen, da kann ich seiner Sicht nur zustimmen. Zu jeder Zeit konnte ich dem Geschehen folgen, die handelnden Personen agierten plausibel und nachvollziehbar. Meine Lieblingsfigur natürlich der Protagonist Kühn, ein hervorragender Ermittler, mit toller Menschenkenntnis und sozialer Kompetenz. Leider aber, gerade im familiären Bereich unsicher und gegenüber seiner eigenen Gesundheit sogar leichtsinnig. Die Figur Amir und auch Julia mochte ich sehr gerne, wobei mir die restlichen van Hautens zu glatt, zu schön und zu perfekt waren, nicht weil der Autor sie so beschrieben hat, sondern weil ich solche Menschen im richtigen Leben auch nicht leiden kann. Das vorliegende Buch kann ich wirklich nur empfehlen, man bekommt sehr viel in einem einzigen Buch, dazu noch gute Unterhaltung. Nur eine Frage blieb bei mir offen. Was ist Schnippikäse? Volle Punktzahl 5 Sterne, was sonst? :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study::musik::montag:


    Und wenn mir alle Königskronen für meine Bücher und meine Freude am Lesen angeboten wären: Ich würde sie ausschlagen.
    François Fénelon

  • Trotzdem fand ich hier die wohl komischste Bettszene, die ich bis jetzt lesen durfte.

    Köstlich, nicht?

    :study::musik::montag:


    Und wenn mir alle Königskronen für meine Bücher und meine Freude am Lesen angeboten wären: Ich würde sie ausschlagen.
    François Fénelon

  • "Jan Weiler ist einer der interessantesten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur, weil er nicht nur über eine eigene Sicht auf die Welt verfügt, sondern auch über eine eigene Sprache, diese Sicht auszudrücken." Denis Scheck


    Dieser Satz steht auf der Rückseite, und er hat mich zum Nachdenken gebracht.

    Ich hab's nicht so mit lustigen, klamaukigen Schenkelklopf-Büchern, und in diese

    Kategorie hatte ich Jan Weilers Bücher bisher eingeordnet. In unserer Mini-Leihbücherei war

    wenig vorrätig, und daher habe ich diesen Krimi mitgenommen.


    Und nun muss ich Jan Weiler Abbitte leisten.

    Mir hat seine Art und Weise, einen rundherum durchschnittlichen Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, sehr gut gefallen. Dazu liefert er das Kontrastprogramm: Bonsaiparkett, Austernparties und dergleichen - das könnte man als überzeichnet beurteilen. Geht man aber einmal die Maximilianstraße in München entlang, sieht man schnell, dass das absolut nicht überzeichnet ist.

    Umso netter ist die Figur des Kühn: ein mittlerer Beamter im mittleren Einkommensbereich, der in der Vorstadt lebt, dort seine Probleme hat, der am Elternabend einschläft und deswegen von seiner Frau eines auf die Mütze kriegt, der sich um seine Prostata sorgt und gerade darum den Arztbesuch vermeidet, der sich trotz spießigen Jacketts zur Austernparty traut und prompt in den Teich mit den edlen Fischen tritt - diese Figur hat nichts Klamaukiges an sich, sondern etwas sehr Menschliches, und das macht die Figur des Kühn sympathisch.

    Der Plot selber ist eher einfach, und als Leser kommt man dem Täter recht schnell auf die Spur. Das stört aber weiter nicht und hindert nicht das Lesevergnügen. Es gibt keine komplizierten Konstruktionen, alles entwickelt sich linear. Jan Weiler verzichtet auf plakative oder spektakuläre Handlungselemente - es bleibt eben alles durchschnittlich in der Mitte, passend zur Figur des Martin Kühn. Nicht alles am Plot hat mir gefallen; gegen Ende hat der Autor offensichtlich Probleme damit, den Gang der Ereignisse aufzudröseln und die Motive zu benennen. Da muss dann der Freund her, der sich freiwillig dem Verhör stellt und sachlich alles erzählt und gesteht. Damit ist der Leser informiert - auf mich wirkte das bisschen wie der Deus ex Machina.


    Jan Weiler versteht sein Handwerk, seine Freude am journalistischen Schreiben und seine spitze Zunge blitzen immer wieder durch.

    Ich habe mich über einige Sätze sehr amüsiert:


    "Das Büro ist die Fortsetzung der Wohnung mit den Mitteln der Individualisierung genormter Einrichtung." (S. 75)

    Clausewitz lässt grüßen :)!

    Und seine Beschreibung des Führungskräfteseminars ist einfach witzig: das kennt man doch alles, was Kühn da machen muss …. Nach Kaffee und Kuchen

    "wurden die Damen und Herren in Gruppen aufgeteilt und mussten gemeinsam Probleme lösen. Kühn hatte bereits Staudämme und Brücken aus Klaubholz gebastelt. Er hatte in einem quälend langen Prozess mit engagierten Dienststellenleitern an spieltheoretischen Aufgabenstellungen herumgetüftelt. … Einmal hatten sie sich auch gegenseitig die Gesichter bemalt. Jeder in der Gruppe musste dabei entscheiden, wen er mit welchem Farbton beschmierte. …

    In einer Art Duldungsstarre hatte er auch den gemeinsamen Versuch, ein Bauernbrot zu backen, ertragen." (S. 79 ff.)


    Mit solchen witzigen und treffenden Beschreibungen unterhalb der Klamauk-Grenze hat mich Jan Weiler überzeugt. Da sehe ich ihm gerne ein paar inhaltliche Krummheiten nach.

    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    :study: Hakan Nesser, Eine ganz andere Geschichte. MLR.

    :musik:Asa Larsson, Weiße Nacht.

    :musik:Agatha Christie, Vier Frauen und ein Mord. Challenge "Klassiker".