Dan Josefsson - Der Serienkiller, der keiner war - und die Psychotherapeuten, die ihn schufen / Mannen som slutade ljuga

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Der Serienkiller, der keiner war: - und ...

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Verlag: btb Verlag

Bindung: Broschiert

Seitenzahl: 592

ISBN: 9783442715664

Termin: November 2017

  • Kurzbeschreibung:
    Schweden, 1991: Sture Bergwall, ein homosexueller Drogenabhängiger und Kleinkrimineller, wird in die geschlossene psychiatrische Einrichtung Säter nördlich von Stockholm eingewiesen. Dort macht er eine Therapie und wird mit Psychopharmaka behandelt. Im Zuge der Behandlung glaubt er, sich an schlimme Traumata aus seiner Kindheit zu »erinnern« und gesteht, als monströser Serienkiller Thomas Quick mehr als 30 Opfer vergewaltigt und getötet zu haben. Fast 20 Jahr später stellte sich heraus: seine Geständnisse waren frei erfunden. Seine Motive: verschreibungspflichtige Drogen, Geltungsbewusstsein und der Einfluss seiner Therapeutin und deren Zirkel, die glaubten, mit diesem Fall Geschichte schreiben zu können. (Quelle: Verlagswebsite)


    Autor:
    Dan Josefsson ist preisgekrönter Autor, Journalist und Dokumentarfilmer. Für »Der Serienkiller, der keiner war - und die Psychotherapeuten, die ihn schufen« wurde er mit dem Preis der Swedish Society of Investigative Journalists, dem Johan Hansson Preis für Non-Fiction und dem Swedish Grand Prize for Journalism, ausgezeichnet. (Quelle: Verlagswebsite)


    Allgemeines:
    "Der Serienkiller der keiner war..." erschien im November 2017 beim btb Verlag.
    Das schwedische Original wurde von Stefan Pluschkat ins deutsche übersetzt.
    592 Seiten (in der Printausgabe), in Kapitel unterteilt.


    Meine Meinung:
    Wie kann es geschehen, dass ein Mensch mehr als 30 Morde gesteht, von denen er nicht einen einzigen begangen hat? Und wie kann es geschehen, dass man ihm glaubt? Diesen Fragen geht Dan Josefsson in diesem Buch nach und vermittelt dem Leser außerdem einen wirklich tiefen Einblick in die Geschichte der modernen Psychoanalyse. Unglaublich viel Recherche muss hier nötig gewesen sein, um den Fall Sture Bergwallaufzuarbeiten. Unzählige Vernehmungsprotokolle, Interviews und Journalisten-Berichte wollten gesichtet und bewertet werden. Und ein bisschen hat das Ausmaß dieser Arbeit auf das Buch abgefärbt. Der Fall liest sich durchaus spannend und mir war auch klar, dass dies kein Thriller, sondern ein Sachbuch ist, aber es war stellenweise schon sehr zäh zu lesen. Vor allem die Passagen über die Psychoanalytikerin Margit Norell hätte ich gern nur quer gelesen, hatte aber Angst, dann wichtige Informationen zu verlieren. Für mich hätte es einen Tick weniger Theorie sein dürfen.
    Josefsson zeigt uns, wie leicht es letztendlich doch ist, Menschen bestimmte Sachverhalte glauben zu machen und wie ungleich schwerer, sie von einmal gefestigten Standpunkten abzubringen. Von mir gibt es :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb: Sterne und eine Empfehlung an alle, die sich vor etwas trockenerer Lektüre nicht scheuen, dafür aber viel über Psychoanalyse und –therapie erfahren wollen.


    Fazit:
    Ein beeindruckendes Buch über einen Fall, der in Schweden viel Aufsehen erregte und der auch den Leser nicht unbeteiligt lässt. Herausragende journalistische Arbeit, die zu Recht ausgezeichnet wurde.

    Gelesen in 2018: 7 - Gehört in 2018: 6 - SUB: 352


    "Wie das Schwert den Wetzstein braucht ein Verstand Bücher, um seine Schärfe zu behalten." (Tyrion Lennister)

  • Hier noch das Original, dessen Titel ich nicht noch mit in den Rezensionstitel quetschen wollte :wink:

    Gelesen in 2018: 7 - Gehört in 2018: 6 - SUB: 352


    "Wie das Schwert den Wetzstein braucht ein Verstand Bücher, um seine Schärfe zu behalten." (Tyrion Lennister)

  • Sture Bergwall


    Ich bin mit gemischten Erwartungen an dieses Buch gegangen. Die Leseprobe war unzweifelhaft interessant; der Klappentext auch. Es schien hier um eine Mischung aus Krimi, Psychodrama und journalistischer Fleißarbeit zu gehen. Abgeschreckt hatte mich jedoch die Seitenzahl – mir schien wenig erklärlich, warum die Geschichte nicht auch auf weniger Seiten authentisch zu transportieren sein sollte.


    Ich bin nun, nach der Lektüre, eher positiv überrascht. Was der Autor hier geleistet hat, geht über eine reine Fleißarbeit weit hinaus. Das war eine journalistische Meisterleistung, für die er die diversen Preise wahrlich verdient hat. Er hat Sture Bergwalls Geschichte zu seiner eigenen gemacht, und sich bemüht, auch nur jeder Person habhaft zu werden, die im Entferntesten mit der Sache zu tun hatte. Wie viele Berge von Akten er gelesen haben muss, mag ich mir gar nicht erst vorstellen.


    Es geht um den wahrscheinlich größten Justizskandal in der Geschichte Schwedens. Sture Bergwall, ein drogensüchtiger Kleinkrimineller, wird – durch diverse Umstände und Abhängigkeiten – zum „Serienmörder“ hochstilisiert, bis er selber daran glaubt. Er lässt sich fallen in die teilweise unglaublich bequemen Umstände. Wenn er hübsch weiter „gesteht“, bekommt er die gewünschten Medikamente, und hat noch dazu Ansehen sowie ein geregeltes Leben. Eben all das, was er sein Leben lang entbehrte.


    Die Leistung des Buches (und des Autors) besteht nun darin, die Geschichte aus verschiedensten Blickwinkeln zu beleuchten – auch mit der Gefahr, auf den unerfahrenen Sachbuchleser langatmig zu wirken. Aber letztlich waren all diese Seiten doch nötig. Unaufhaltsam hatten sich in der Affäre Bergwall die Rädchen ineinander verzahnt. Da waren die diversen Psychologen, die sich Renommee von diesem Fall erhofften – allen voran Margit Norell. Da waren die Polizisten und Anwälte, die sich unglaublich blamiert hätten, hätten sie plötzlich die „Geständnisse“ in Frage gestellt. Da waren die Schüler Margit Norells, die sich in einer äußerst ungesunden psychischen Abhängigkeit zu ihrer Lehrerin befanden. Da war das schwedische Justizsystem, das – einmal in Gang gesetzt – wenig Raum für Flexibilität lässt. Und da war natürlich Sture Bergwall, der spätere „Thomas Quick“, selbst, der nur teilweise für die Geschehnisse verantwortlich zu machen ist.


    Obwohl das Buch von Redundanzen und einigen Längen gekennzeichnet ist, würde ich es sehr hoch bewerten. Man muss als Leser schon eine gehörige Portion Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen mitbringen. Das Personenverzeichnis ist teilweise erdrückend komplex; die entstandenen Abhängigkeiten und Querverweise ebenso. Sicher hätte man auf einige „Ortsbegehungen“ oder Schilderungen von Prozessen verzichten können. Dann wäre aber die schicksalhafte Verzahnung nicht so deutlich geworden. Der Autor bemüht sich um einen sachlichen, dennoch fundierten und hinterfragenden Stil. Von der literarischen Bedeutsamkeit her würde ich nicht zögern, es mit „Kaltblütig“ von Truman Capote zu vergleichen, der ja auch einen wahren Fall eines Mordes zum Ausgangspunkt hatte.


    Ich empfehle das Buch gerne weiter – allerdings nur an doch ein wenig erfahrene Sachbuchleser. In diesem Buch werden diverse Dinge nur zu deutlich. Wie sehr den Menschen die Sucht nach Anerkennung und Zugehörigkeit in Abhängigkeiten treiben kann. Wie sehr die Psychiatrie von Moden und Seilschaften bestimmt wird. Und wie wenig Justiz mit tatsächlicher Gerechtigkeit zu tun hat.


    5/5 Sterne

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)

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