Willa Cather - Mein ärgster Feind / Eine alte Geschichte / My Mortal Enemy

Mein ärgster Feind

4.7 von 5 Sternen bei 8 Bewertungen

Verlag: btb Verlag

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 112

ISBN: 9783442742202

Termin: Mai 2011

  • Kurzmeinung

    Aladin1k1
    Das eindrücklich geschilderte Leid in einer Ehe, die nicht hätte sein sollen.
  • Autor: Willa Cather
    Titel: Mein ärgster Feind, aus dem Amerikanischen übersetzt von Stefanie Kremer
    Originaltitel: My Mortal Enemy, erschien erstmals 1926
    Seiten: 112 Seiten, in zwei Teilen mit gesamt 13 Kapiteln, plus Nachwort von Antje Rávic Strubel
    Verlag: btb
    ISBN: 9783442742202


    Die Autorin: (Klappentext)
    Willa Cather (1873-1947) wuchs in den Weiten der Prärie Nebraskas auf. Später machte sie das Herzland Amerikas zum Teil Ihre Erzählungen und Romane. Willa Cather wurde 1932 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet und zählt zu den bedeutendsten Erzählerinnen der amerikanischen Literatur.


    Inhalt: (Klappentext)
    Das Schicksal Myra Driscolls und die Geschichte ihrer Liebe sind für die 15-jährige Nellie die einzig spannenden Themen. Vor Jahren hat Myra auf ein sicheres Leben in der Provinz verzichtet, um ihrer großen Liebe nach New York zu folgen. Als Nellie Myra kennenlernt, trifft sie eine lebhafte, kultivierte, liebenswürdige Frau. Mit ihrem Mann Oswald lebt sie die romantische Idee der großen Liebe, von der auch Nellie träumt. Doch dann wird das junge Mädchen Zeugin einer Eifersuchtsszene, und alles Sanfte, Gute und Liebevolle scheint zu zerbrechen. Erst Jahre später, als Nellie das Paar unter schwierigen Umständen wiedertrifft, begreift sie die zwei Seiten dieser Liebe.


    Meinung:
    Willa Cather schafft es auf gerade mal hundert Seiten ein Eheleben zu beschreiben, welche die Illusion der großen Liebe bitter zerstört. Die Novelle beginnt wie ein romantisches Märchen, wo zugunsten der Liebe und Leidenschaft auf Reichtum und Konvention verzichtet wird. Aber da wo es sonst heißt „sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“ entdeckt die Ich-Erzählerin deutliche Risse in der Fassade. Im ersten Teil der Erzählung scheint das gesellschaftliche Leben der Ehe noch ein Fundament zu geben, und beide Partner könnten trotz eigener Rollenvorstellungen und Lebensentwürfe glücklich werden, so glücklich wie die meisten Leute, in „bedeutungslosen Wiederholungen in Bezug auf die Gefühle“. In der zweiten Hälfte allerdings bricht auch diese Basis weg und der Leser erfährt, was von der romantischen Liebe bleibt, wenn nicht beide Partner die gleichen Werte schätzen, wenn materielle Werte notwendiger werden als ideelle Dinge, wenn man am Partner den eigenen Verfall beobachten muss.
    Ein wirklich erstaunlicher, leicht zu lesender, kurzer Roman, der sehr pointiert das Verhältnis des Ehepaares beschreibt.

  • Danke @Nungesser für die Rezension! Mein Lesehöhepunkt 2017! Ich war letztes Jahr so geplättet von dem Roman, dass ich nicht in der Lage war, eine Rezension zu verfassen. Wie Willa Cather in ihrer klaren und eleganten Sprache wirklich IMMER den Punkt trifft, Lebensverhältnisse scharf seziert und Charaktere mit ihren Höhen und Tiefen auslotet, ist ganz wunderbar. Der kurze Roman wird immer bitterer, bis er die Bedeutung seines Titels enthüllend die Katze aus dem Sack lässt: Der "ärgste Feind" ist tatsächlich jemand anders als man es vielleicht zu Beginn erwarten mag. 8-[ Mir gefällt auch, dass die Sympathien auf beide Eheleute verteilt werden, beide Gutes und weniger Gutes in sich vereinen, so dass der Leser nicht "billig" Stellung beziehen kann. Ausgewogen - man muss sich selbst entscheiden als Leser. Ein so konzentriertes Buch voller Klugheit. Und der Klimax zog mir den Boden unter den Füßen weg: Eine düstere Quittung kurz vor dem eigenen Sterben unter ein von Grund auf falsch angefangenes Leben! Bei aller Schönheit sehr deprimierend! Absolute Höchstwertung! :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::love::pray:

    Schalansky "Verzeichnis einiger Verluste" (191/242)

    Homer (Übers. Lempp) "Ilias" (275/525)

    Deakin "Wilde Wälder" (49/436)


    Jahresbeste: Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:
    Gelesen: 38 (2020), 80 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Tokarczuk "Unrast" (22.5.)

  • Ist das so bisschen wie in dem Buch?
    Eure Rezensionen erinnern daran.

    Den Anne-Tyler-Roman kenne ich zwar nicht, aber nach dem Überfliegen einiger Rezensionen würde ich meinen, dass die Problemlage hier wie dort ähnlich gelagert ist, ja.

    Schalansky "Verzeichnis einiger Verluste" (191/242)

    Homer (Übers. Lempp) "Ilias" (275/525)

    Deakin "Wilde Wälder" (49/436)


    Jahresbeste: Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:
    Gelesen: 38 (2020), 80 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Tokarczuk "Unrast" (22.5.)

  • Den Roman von Anne Tyler kenne ich ebenfalls nicht, und die Thematik scheint dieselbe zu sein. Jedoch fand ich es bei Willa Cather ganz beachtlich, dass die Geschichte in gerade mal knapp 100 Seiten erzählt wurde, also kompakt und doch mit gutem Augenmaß auf die notwendigen Details. Zudem, und das hat @Jean van der Vlugt dankenswerterweise noch ergänzt, sind die beiden Eheleute ähnlich sympathisch. Als Leser kann man mit Beiden mitfühlen oder unterliegt jedenfalls nicht der Versuchung, einer Partei alles Scheitern "in die Schuhe zu schieben".

  • Als Leser kann man mit Beiden mitfühlen

    Ja - das hatte mir an dem Tyler-Roman auch gefallen. Der Leser leidet mit beiden mit -
    na ja, wie halt im wirklichen Leben auch. Mich hat bei Tyler auch beeindruckt, wie
    hilflos das Paar der Situation gegenüber steht. Das scheint bei Willa Cather anders zu sein.

  • Ja - das hatte mir an dem Tyler-Roman auch gefallen. Der Leser leidet mit beiden mit -na ja, wie halt im wirklichen Leben auch. Mich hat bei Tyler auch beeindruckt, wie
    hilflos das Paar der Situation gegenüber steht. Das scheint bei Willa Cather anders zu sein.

    Wie soll ich sagen - und ich will ja auch nichts vorwegnehmen - aber das Problembewusstsein ist eher schwach ausgebildet. Über die Probleme tauscht sich der Ehemann nur zaghaft mit der Hauptfigur aus, der jungen Freundin der Familie. Das Schweigen macht das Ende ja noch trauriger, dass da vermeintlich plötzlich was aufbricht.

    Schalansky "Verzeichnis einiger Verluste" (191/242)

    Homer (Übers. Lempp) "Ilias" (275/525)

    Deakin "Wilde Wälder" (49/436)


    Jahresbeste: Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:
    Gelesen: 38 (2020), 80 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Tokarczuk "Unrast" (22.5.)

  • Eure Bemerkungen zu diesem Buch erinnern mich an "meine" Entdeckung dieses Autors durch ein anderes Buch von ihr, ich weise einfach mal darauf hin: Willa Cather - Meine Antonia Denn auch dort waren die Echos ziemlich einstimmig, und Eure Beschreibungen von Cathers Schreiben trifft da ebenfalls zu. Und nun werde ich erneut eingeladen, da mal weiterzukramen. Danke für Eure Kommentare!

  • ### Inhalt ###

    Nellie Cathey lernt durch ihre Tante Lydia als kleines Kind Myra Henshawe, geborene Driscoll kennen, nachdem diese sich für einen zweitägigen Besuch angemeldet hat. Aus Erzählungen weiß Nellie, dass Myra von allen im Dorf Pathia im Süden von Illionois bewundert wird und wurde. Sie kommt aus reichem Hause und hat sich gegen den Wunsch ihres Großonkels John Driscoll für Oswald Henshawe entschieden, der aus Sicht Johns ein Verlierer ist. Infolgedessen enterbt John sie. Nellie beschreibt in der Folge die Entwicklung der der beiden Hauptpersonen Oswald und Myra und deren Ehe, die sie durch Besuche in New York und nachfolgende Begegnungen im Westen der USA mitbekommt.


    ### Meinung ###

    Als Leser erfahren wir viele Details über die Hauptcharaktere durch die Erlebnisberichte Nellies. Wir erleben in einigen eindrücklichen Szenen und Dialogen, was für Menschen Oswald und Myra sind. Die junge leidenschaftliche Liebe hat sie in die Ehe geführt, in der am Ende Myra zu ersticken droht. Myra liebt die Künstlerszene, die Schauspieler, Schriftsteller, Maler, mit denen sie sich gerne in ihren Hausparties umgibt. Oswald zuliebe akzeptiert sie auch Zusammenkünfte mit reichen Geschäftsleuten aus dessen Umfeld. Nicht direkt, aber durch ihr äußeres Gebaren, ihre Mimik und Sprechweise stellt sie ihre Abneigung diesen Kreisen gegenüber eindrücklich zur Schau. Vor den Augen des Leser entsteht das Bild einer Frau, die zutiefst zerrissen und unzufrieden ist. Sie kann nicht das Leben führen, dass sie leben will, ein Leben in dem sie frei von äußeren materiellen Zwängen wäre, ein Leben in dem sie die Menschen um sich haben kann, die sie liebt. Im Laufe der Geschichte verarmt das Ehepaar, da Oswald immer schlechtere Stellen annehmen muss. Eine zentrale Rolle des Romans scheint mir die Beziehung und ihre Entwicklung zwischen Oswald und Myra zu sein. Einerseits stellt sich früh heraus, dass die beiden nicht zueinander passen, was die Protagonistin auch in einer Stelle des Romans zum Ausdruck bringt, in dem sie sagt: "Es hat uns beide zerstört. Wir haben uns gegenseitig vernichtet. Ich hätte bei meinem Onkel bleiben sollten. Geld und Reichtum, das brauche ich. Wir haben unser beider Leben weggeworfen." und "Ich war schon immer eine habgierige oberflächliche Frau; ich war nie zufrieden". Oswald hingegen betont die unglaublich schönen Jahre, die sie miteinander hatten und das er sich keine andere Frau hätte vorstellen können.


    Der Titel ist für mich nicht ganz schlüssig. Wer ist der ärgste Feind, von dem Myra spricht? Der Ehepartner? Sie selbst?


    ### Fazit ###

    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:


    Das Leiden der Menschen, die an der Bildung, den Ideen und der Kunst hängen und darüber vergessen, dass ein Großteil des Lebens darin besteht auch für das Materielle zu sorgen.