Lincoln im Bardo

Buch von George Saunders

  • Kurzmeinung

    Mojoh
    Ein sehr interessanter, innovativer und spannender Stil. Tolles Buch, traurig und fröhlich zugleich.
  • Kurzmeinung

    Farast
    Das Buch feiert das Leben! Leichter zu lesen wie es der erste Eindruck war.
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Bewertungen

Lincoln im Bardo wurde insgesamt 27 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 4,2 Sternen.

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Meinungen

  • Ein sehr interessanter, innovativer und spannender Stil. Tolles Buch, traurig und fröhlich zugleich.

    Mojoh

  • Das Buch feiert das Leben! Leichter zu lesen wie es der erste Eindruck war.

    Farast

Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Lincoln im Bardo

    Als der elfjährige Willie an Typhus stirbt, sind seine Eltern, Abraham und Mary Lincoln, am Boden zerstört. Lincoln steht sowieso schon wegen des Bürgerkriegs im Kreuzfeuer der Kritik, und dass der Junge ausgerechnet dann aus dem Leben scheiden musste, während im Weißen Haus eine rauschende Abendgesellschaft stattfand, ist ein gefundenes Fressen für Klatschmäuler.
    Abraham Lincoln sucht auf dem Friedhof die Nähe seines Sohnes, kommt immer wieder in die Gruft, in der sein Sarg steht, versucht zu begreifen, was man nur schwer begreifen kann und ganz sicher nicht begreifen will.
    Auf dem Oak Hill Cemetery ist der trauernde Vater nicht so alleine, wie es den Anschein hat, um ihn herum gibt es Hunderte von Geistern, die es noch nicht geschafft haben, diese Welt gänzlich zu verlassen und in einem Zwischenzustand gefangen sind. Sie machen auch einen Großteil des vielstimmigen Chores aus, der dieses Buch erzählt.
    George Saunders bedient sich hier nämlich nicht einer geradlinigen Erzählweise oder einiger weniger Perspektiven, sondern setzt das Gesamtbild wie ein Mosaik aus zahlreichen Einzelstimmen zusammen. Oft sind die Absätze nur wenige Wörter oder Sätze lang, bevor die nächste Stimme zu Wort kommt. Viele von ihnen sprechen aus dem Jenseits zu uns oder vielmehr aus dem titelgebenden Zwischenzustand ("Bardo" steht im Buddhismus für ein Zwischenreich zwischen Leben und Tod - interessant auch, dass das Buch 108 Kapitel hat, eine Zahl, die im Buddhismus von Bedeutung ist).
    Andere Kapitel bestehen hingegen aus Zitaten von Zeitzeugen oder Auszügen aus historischen Werken. Hier fand ich die höchst unterschiedliche Wahrnehmung hochinteressant, die einzelne Personen haben; mit jeder Drehung des Kaleidoskops kann ein und dieselbe Szene eine ganz andere Färbung annehmen.
    "Lincoln in the Bardo" dürfte so ziemlich der ungewöhnlichste Roman sein, den ich jemals gelesen habe, und ich kann auch verstehen, wenn man mit dieser experimentellen Form nichts anfangen kann (oft genug gehöre ich auch dazu). Aber mich hat das Buch sehr beeindruckt, auch wenn ich nicht behaupten kann, alles im Detail verstanden zu haben und mir das eine oder andere ein bisschen zu hoch war. Doch Saunders bringt den Schmerz des Vaters über den Verlust des geliebten Kindes auf eine ganz berührende Weise zum Ausdruck und schreibt überhaupt ganz wunderbar über das Werden und Vergehen und das, was hätte sein können. Ab und zu blitzt sogar etwas sarkastischer Humor auf. Auch historische und gesellschaftliche Aspekte wie der US-Bürgerkrieg, Segregation und Vorurteile kommen zum Tragen, und mir gefiel es sehr, wie so viele Einzelschicksale Eingang in das Buch finden, oft komprimiert auf wenige Sätze und doch sehr eindrucksvoll.
    Kein ganz einfaches Buch, aber eins, das sich lohnen kann, wenn man sich darauf einlässt.
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  • Rezension zu Lincoln im Bardo

    Ich wollte niemanden verletzen und auch nichts vorwerfen. DAS wäre ein MIßverständnis. Allerdings kommt man nicht umhin bestürzend festzustellen, dass dies ab und zu der Fall sein kann, auch wenn man es nicht will. Das Medium des geschriebenen Wortes ist manchmal doppelter Boden...
    Ich denke, dass man sich ohne jemanden abzuwerten gegenseitig daran ab und zu erinnern kann - anscheinend nicht nötig? - dass dieses oder jenes Buch eine Meinung des Autors darstellt. Vielleicht selbstverständlich... Ich wünschte mir eine solche Erinnerung oder eventuelle Auseinandersetzung oft bei den Büchern, wo ich etwas rasch enthusiastisch bin. Leider werden die meisten von mir besprochenen Bücher von keinem gelesen, oder gar kommentiert. Und es fehlt quasi die Gegenstimme. Bei DIESEM Buch hier war ich vielleicht etwas vorbelastet und las es insofern skeptisch(er)? Das macht mich nicht besser. Bei anderen Themen ginge es mir ganz anders.
    Immerhin, um es klarzustellen, habe ich diesem Buch 4 Sterne gegeben! Finde es also bereichernd und gut.
    Es geht nicht einfach um Lesarten, sondern um die Wahl des Autors von einem Stil. Auch die Form, der Stil sind Ausdruck eines "Willens" oder einer gewissen Form von Intuition. Im Bereich des Buches - da sind wir uns also einig - gibt es keinen auktorialen Erzähler im Sinne eines außerhalb der Dialoge allwissenden Beobachters. Aber - das war meine Grundbemerkung und mein -einwurf - ist das nicht ein Kunstgriff? Wird nicht Beschreibung, Kommentar durch vor allem die zwei Hauptpersonen wiedergegeben? Sie beschreiben oft seitenlang, was passiert und werden so Sprachrohr, bzw sozusagen "auktoriale Erzähler". Oder? Nun bin ich nicht einfach dagegen, nein, aber auf mich persönlich wirkte das manchmal gekünstelt. Wäre anderes nicht "einfacher" gewesen und natürlicher?
    Aber das war mein Empfinden. Das braucht ja niemand zu teilen.
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  • Rezension zu Lincoln im Bardo

    Ich finde die Diskussion gerade etwas befremdlich, vor allem da sie im Grunde kaum Aufschlüsse über den Roman zu liefern im Stande ist, als stattdessen eher Lesarten bewertet. Wer hat sich von dem Roman übermannen lassen und damit ggf. etwas von seiner kritischen Schärfe eingebüßt? Wer versteht den Roman aus einer distanzierten Haltung heraus velleicht "besser", da mit kühlerem Kopf und eigenen Gedanken oder Vorwissen gelesen wurde? Da frage ich mich, wohin führen solche Fragen? Ich habe bei allen Meinungen, die bisher hier zu dem Roman geäußert wurden, in keinem Moment den Eindruck gehabt, da würden auktoriale Aussagen mit einer irgendwie fassbaren objektiven Wahrheit verwechselt werden.
    Unabhängig davon, dass der Roman tatsächlich eine ungewöhnliche Erzählweise wählt, die man wegen ihrer Seltenheit ruhig als "Neuland" bezeichnen kann, kommt es mir gar nicht so vor, als wären einige der hier sich positiv Äußernden total blauäugig und im Überschwang der Gefühle im Angesicht bisher unerhörter Jenseitsschilderungen ins blinde Applaudieren geraten.
    Mit Jenseitsschilderungen oder vergleichbaren Darstellungen bestimmter religiöser oder esoterischer Daseinsformen hat doch jeder schon Erfahrungen gemacht, und wenn es "nur" das Land der Frau Holle oder die antike Orpheus-Sage ist. Da lassen sich doch Vergleiche anstellen. Das ist doch inhaltlich gar kein Neuland mehr, auch wenn es die fragmentierte Form als Roman ist. Und schon an dieser fragmentierten Erzählweise lässt sich ja doch eine interessante Haltung des Autors Saunders festmachen: Dass es in dem von ihm gedachten Jenseits keinen auktorialen Erzähler gibt. Dass aber - auf mich zumindest - diese Vielstimmigkeit dennoch geschlossener wirkt, als die fragmentierten Schnipsel aus dem Diesseits, die in der Beschreibung eines Sachverhaltes oftmals in eine völlig andere Richtung abdriften (Vollmond oder nicht, Lincolns Augenfarbe, etc.). Und wo gibt es dann überhaupt objektive Wahrheiten? Hier im Diesseits oder dort im Jenseits oder nirgends? Kann man ja mal drüber nachdenken!
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  • Rezension zu Lincoln im Bardo

    So, hier nun noch meine Meinung.
    Zur Form:
    Im erstem Kapitel habe ich mir noch die Mühe gemacht und nachvollzogen, ob es sich bei dem Zitaten um historisch belegte Quellen handelt. Alle genannten Bücher, Tagebuchaufzeichnungen etc. existieren wirklich.
    Es entsteht ein interessanter Effekt, wie schon @drawe schrieb: Erinnerungen sind subjektiv und Erinnerungen täuschen. Während z.B. der eine Zeitzeuge Lincolns Augen als blau und klar in Erinnerung hat, beschreibt sie der Nächste als braun und sanft. Mal schien der Mond in jener Nacht, mal heißt es, es sei wolkenverhangen gewesen.
    Zu diesen vielen realen Stimme der Geschichtsschreiber kommen in anderen Kapiteln die vielen Stimmen der Toten. Jeder Tote hat seine eigene Färbung, je nachdem, wann und unter welchen Umständen er gestorben ist. Manche reden derben Slang, manche feinstes Schriftamerikanisch, manche reden nur in Bruchstücken, manche überschlagen sich regelrecht.
    Zusätzlich verwenden die Toten viele Wortschöpfungen, wie „Krankenkiste“ statt „Sarg“ , „Krankengestalt“ statt „Leiche“, „flitzschweben“, „trabschweben“, „gehschweben“ für ihre verschiedenen Arten der Fortbewegung oder auch den schönen Begriff „Verschmierklecksung“.
    Inhalt:
    Gruselig, schaurig . Diese Zwischenwelt, in der die Toten leben, die sich nicht vom Leben trennen können und die nicht einsehen wollen, dass sie tot sind (und daher nie die Worte „Sarg“ und „Leiche“ benutzen), ist schauderhaft. So schauderhaft - schön, dass ich im Wechsel dachte „Oh, nein.“ und „Mehr, mehr!“. Denn jeder von ihnen trägt sein Thema, das er im Leben nicht verarbeitet hat, mit sich. Es ist ihnen sogar in ihre Gestalt hineingeschrieben, so dass hier keine schönen Geister einen Reigen tanzen, sondern ein Tummelplatz von grotesken Erscheinungen entsteht.
    Ganz schlimm trifft es die Kinder, die sich nicht trennen können. Ihre Metamorphose ist schrecklich. @Marie , @drawe bzw. wer das Buch sonst noch frisch in Erinnerung hat: Wie habt ihr diese Szenen empfunden, mit Willie und der kleinen Traynor?
    Es gibt dennoch auch viele humorvolle Sequenzen und natürlich kommt die Politik nicht zu kurz. In einem Kapitel sind Auszüge aus Briefen zusammengefasst, die Lincoln nach den ersten schweren Verlusten im Bürgerkrieg erreichten: Shitstorms gab es damals schon.
    Ebenso!
    PS:
    Dies ist übrigens ein Buch, das sich m.E. sehr gut für einen Lesekreis eignet.
    Ich hätte zwischendurch auch immer wieder Redebdarf gehabt, besonders wegen der Art und Weise wie Saunders Sterben und Tod beschreibt.
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  • Rezension zu Lincoln im Bardo

    Ein unglaublicher Ansatz: Die Handlung wird von Figuren getragen, die tot sind, aber in ihrem irdischen Leben etwas Unvollendetes zurück gelassen haben, von dem sie sich nicht lösen können. So erleben sie sich nicht als tot, sondern als krank und glauben, auf eine Rückkehr zu warten.
    Diese Figuren sind keine Gespenster, keine Zombies, keine Untoten, sondern Menschen, die nicht mehr leben.
    Es sind vor allem drei Figuren im Mittelpunkt; es gibt keinen Erzähler; der gesamte Ablauf wird von Sätzen, Kurzdialogen und knappen Schilderungen der drei vorangebracht. Chapeau Mr Saunders, dass und wie das funktioniert!
    Abraham Lincoln ist zwar die elementare Figur, aber im Grunde ein Statist. Um ihn herum wirbelt das „tote Leben“; er ist starr in seiner Trauer.
    Insofern herrscht trotz der Stille auf dem Friedhof ein unbeschreiblicher Lärm. Auf dem Höhepunkt des wilden Reigens entwickelt sich ein Totentanz wie man ihn von Gemälden und alten Stichen kennt.
    Doch damit nicht genug. Saunders schafft obendrein noch einen Blick in die Politik. In einer Ecke des Friedhofs sind Schwarze in einem Massengrab verscharrt, viele von ihnen auch im Bardo unterwegs, melden sich zu Wort. Der Sezessionskrieg tobt seit zwei Jahren und fordert viele Opfer: Lincoln weiß, dass deren Eltern ebenso trauern müssen wie er selbst. Unumstritten ist er als Präsident nicht, und er muss ein gespaltenes Land im Krieg regieren, während er als Vater schon wieder den schlimmstmöglichen Verlust erleidet. Bereits 12 Jahre zuvor hatte er seinen zweiten Sohn verloren.
    So viele Themen in einem Roman anzuschneiden, geht oft schief. Hier nicht.
    Saunders gelingt in diesem Roman vieles, was an anderen Büchern missfällt: Eine x-fache Ich-Perspektive ausschließlich als wörtliche Rede, nicht verifizierbare Zitate über Lincoln, Wortschöpfungen; zusammenfassend: Eine Erzählung aus einem für Menschen nicht nachvollziehbaren, sinnlich nicht erlebbaren „Lebens“umfeld. Und Humor, der hilft, das Ganze für Leser erträglich zu machen.
    Welch ein Buch! Welch ein Autor! Bis jetzt Nr.1 auf meiner Bestenliste 2018.
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  • Rezension zu Lincoln im Bardo

    Ich habe Eure Kommentare gelesen und hier nun mein Senf dazu!
    Produktinformation:
    448 Seiten, gebundene Ausgabe
    Luchterhand Literaturverlag
    14.05.2018
    Originaltitel: Lincoln in the bardo
    Übersetzung: Frank Heibert
    Klappentext:
    Während des amerikanischen Bürgerkriegs stirbt Präsident Lincolns geliebter Sohn Willie mit elf Jahren. Laut Zeitungsberichten suchte der trauernde Vater allein das Grabmal auf, um seinen Sohn noch einmal in den Armen zu halten. Bei George Saunders wird daraus eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust, wie sie origineller, faszinierender und grandioser nicht sein könnte.
    Im Laufe dieser Nacht, in der Abraham Lincoln von seinem Sohn Abschied nimmt, werden die Gespenster wach, die Geister der Toten auf dem Friedhof, aber auch die der Geschichte und der Literatur, reale wie erfundene, und mischen sich ein. Denn Willie Lincoln befindet sich im Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, in tibetischer Tradition Bardo genannt, und auf dem Friedhof in Georgetown entbrennt ein furioser Streit um die Seele des Jungen, ein vielstimmiger Chor, der in die eine große Frage mündet: Warum lieben wir überhaupt, wenn wir doch wissen, dass alles zu Ende gehen muss?
    Mein Leseeindruck:
    Der erste Eindruck betrifft die Erzählform. Eine Aneinanderreihung von Zitaten? Kein Roman, sondern ein Drama? Als Leser däumelt man das Buch durch und sieht: das bleibt so. Man staunt. Es gibt keinen Erzähler. Stattdessen gibt es eine unüberschaubare Menge an Personen, die zitiert werden. Alles sauber belegt, aber keine Bibliografie im Anhang? Ich habe darauf verzichtet, die angegebenen Quellen zu verifizieren, denn darum geht es in dem Buch nicht.
    Aus der Fülle der Zitate setzt sich die Geschichte zusammen. Eine Kritik bei amazon bezieht sich darauf, dass diese Art zu erzählen dem Leser einiges abverlangt. Das finde ich wiederum nicht; die Geschichte erschließt sich problemlos. Der eigentliche Plot ist schnell erzählt und historisch verbürgt. Die Geschichte spielt auf dem Oak Hill- Friedhof in Washington, in einer einzigen Nacht im Februar 1862 (20.02.1862), mitten im Sezessionskrieg. Abraham Lincoln, republikanischer Präsident, Gegner der Sklavenhaltung, verliert durch Typhus seinen 11jährigen Sohn Willie, den er offensichtlich besonders liebte. Nach der Beisetzung kehrt Lincoln daher in die Gruft zurück, um seinen Sohn noch einmal in den Armen zu halten und sich von ihm zu verabschieden.
    Hier setzt nun Saunders an. Der Friedhof ist alles andere als friedlich. Ein vielstimmiger Chor erhebt sich: Verstorbene aus allen Zeiten, allen Schichten, allen Ethnien, die sich im Bardo befinden. Bardo ist ein Begriff aus dem tibetanischen Totenbuch und bezeichnet die buddhistische Vorstellung eines Zwischenreichs zwischen dem physischen Tod und dem Jenseits, wobei dieses Zwischenreich sich wiederum in vielerlei Bewusstseinsstufen aufteilt. Allen Geistern (des Buchs) gemeinsam ist die Tatsache, dass sie ihr Leben noch nicht abgeschlossen haben, sie klammern sich an ihr Leben, bejammern versäumte Gelegenheiten und unerfüllte Wünsche an das Leben in der vormaligen Welt. Sie wiederholen sich ihre Biografien und befinden sich ihrer Ansicht nach in „Krankenkisten“ in der Hoffnung, wieder in das Leben zurückkehren zu können.
    Kindern gelingt es schnell, dieses Zwischenreich zu verlassen, ihnen bleibt die Verzweiflung erspart, sie trennen sich leichter vom Leben. Umso verwunderlicher ist es, dass sich der kleine Willie im Bardo aufhält: er klammert sich an das Versprechen seines Vaters zurückzukommen und wartet auf ihn: „Mein Vater war hier und hat versprochen zurückzukommen. … Ich versuche durchzuhalten.“
    Die Geister können in den trauernden Vater hineinfahren und geben seine Gedanken wieder, und so erfahren wir, dass Lincoln nicht nur den Tod seines Sohnes beweint, sondern auch den Tod so vieler anderer Söhne durch den Sezessionskrieg. Mit großer Empathie gelingt es Saunders, Lincolns Seelenlage zu spiegeln: nicht nur seine persönliche Trauer, sondern auch seine Zweifel an seinen politischen Entscheidungen, mit denen er viel Leid über viele Familien gebracht hat. Ein sehr anrührendes Kapitel, in dem die Geister den trauernden Vater mit dem Sohn im Schoß beschreiben, eine männliche Pieta...
    Hier fügt Saunders Zitate aus Briefen, Zeitschriften etc. ein, die zeigen, welcher Kritik der Präsident damals ausgesetzt war. Er nutzt die Gelegenheit und lässt in wenigen Zitaten ein Panorama der Zeit und der Gesellschaft entstehen. Am Rande sei hier angemerkt, dass Saunders durch die Aneinanderreihung teils widersprüchlicher Aussagen zu ein und demselben Thema auf die Subjektivität der Geschichtsschreibung verweist. Ein witziges Detail zum Schluss: Lincoln nimmt, quasi aus Versehen, die Seele eines Schwarzen mit: „Das hatten wir geschafft, wir alle, weiß wie schwarz, hatten ihn trauriger gemacht mit unserer Traurigkeit. … Lasst uns los, Sir, lasst uns ran, lasst uns zeigen, was wir können.“ Lincoln selber erlebte die Aufhebung der Sklaverei nicht mehr, er wurde drei Jahre nach dem Tod seines Sohnes ermordet und neben ihm bestattet.
    Aus dem Chor ragen drei zentrale Geister heraus, die die Handlung vorantreiben und dafür Sorge tragen, dass Lincoln den Tod seines Sohnes annehmen, ihn loslassen und Willie einen anderen Bewusstseinszustand annehmen kann. Über sie erfährt der Leser auch mehr. Saunders lässt sie das Schicksal und den Seinszustand anderer Toten kommentieren, er lässt sie nachdenken über ihren eigenen Tod und ihr Leben, und er stattet sie mit Merkmalen aus, die ihre unerfüllten Lebenswünsche dokumentieren (teilweise peinlich-witzig…).
    Das Buch hat durchaus seine witzigen Seiten. Die Figuren sind phantasievoll ausstaffiert, ihre kurzen Gesprächsfetzen sind oft sarkastisch, sie widersprechen und streiten sich, aber sie rufen sich auch liebevoll zur Ordnung. Und immer wieder sorgt Ironie dafür, dass der Ernst des Themas (das einen nachdenklich zurücklässt) nicht überhandnimmt. Auch Neologismen wie "flitzschweben" sorgen für Heiterkeit.
    Kurz: ungebremste Lesefreude und Entdeckerfreude in diesem ungewöhnlichen Buch.
    (mehr geht leider nicht)
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Ausgaben von Lincoln im Bardo

Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 448

Taschenbuch

Seitenzahl: 448

E-Book

Seitenzahl: 449

Hörbuch

Laufzeit: 00:07:25h

Lincoln im Bardo in anderen Sprachen

  • Deutsch: Lincoln im Bardo (Details)
  • Englisch: Lincoln in the Bardo (Details)

Besitzer des Buches 42

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