Nichts, um sein Haupt zu betten

Buch von Françoise Frenkel

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Zusammenfassung

Inhaltsangabe zu Nichts, um sein Haupt zu betten

Die Geschichte der jüdischen Buchhändlerin Françoise Frenkel, die achtzehn Jahre lang die erste französische Buchhandlung in Berlin leitete, 1939 durch das besetzte Frankreich floh und sich 1943 in die Schweiz retten konnte. Knapp siebzig Jahre nach seiner Veröffentlichung in einem kleinen Genfer Verlag wurde dieses außergewöhnliche Buch in Frankreich zufällig auf einem Flohmarkt wiederentdeckt und ist mit einem Vorwort von Patrick Modiano erstmals auf Deutsch erschienen.
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Bewertungen

Nichts, um sein Haupt zu betten wurde bisher einmal bewertet.

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Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Nichts, um sein Haupt zu betten

    Dieses mit knapp 280 Seiten doch recht schmale Bändchen ist gleich in zweifacher Hinsicht ganz bemerkenswert.
    Zum einen ist es jetzt zum ersten Mal auf Deutsch übersetzt worden. Schon 1945 in einem kleinen Genfer Verlag erschienen, ist es lange in den Regalen verschwunden gewesen. Dann entdeckte man es auf einem Trödelmarkt wieder, und publizierte es erneut. Und in diesem Zuge erschien jetzt eben auch die deutsche Übersetzung. Und was für ein Glück für uns Leser, dass dieses Buch wieder aufgetaucht ist und dann auch noch übersetzt wurde!
    Denn sein Inhalt ist der zweite, unheimlich bemerkenswerte Aspekt dieses Buches (und so sollte es ja auch sein).
    Francoise Frenkel stammt aus einer polnisch-jüdischen Familie. Sie studiert in Paris und eröffnet Anfang der 20er Jahre die erste französische Buchhandlung in Berlin. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten entwickelt sich die Buchhandlung zu einem literarisch-kulturellen Treffpunkt in Berlin. Hier geben sich die französischen Diplomaten und Mitglieder der besseren Gesellschaft so wie Lehrer und Professoren die Klinke in die Hand. Die Liebe zur Literatur bringt sie alle zusammen und es entstehen immer wieder angeregte Diskussionen über Literatur, Kunst und Kultur, über Sprache- aber niemals über Politik. Beim Lesen atmet man den freien, liberalen Geist dieser Buchhandlung förmlich ein. Doch mit Beginn der Naziherrschaft wird es immer schwieriger für Francoise den Buchladen zu betreiben. Schließlich, 1939, wird die Situation für sie -wie für so viele andere- so lebensgefährlich, dass sie nur mit einem Überseekoffer ausgerüstet die Flucht nach Paris antritt. Dort verlebt sie zunächst eine gute, wenn nicht gar "normale" Zeit, denn sie kennt und liebt die Stadt. Sie versucht, auch wieder als Buchhändlerin Fuß zu fassen, was ihr aber nicht gelingt.
    Mit Ausbruch des Krieges flieht sie gemeinsam mit ihrem alten Professor nach Süden, nach Avignon. Und von dort beginnt eine Odysse durch den Süden Frankreichs, die sie getrieben vom Wunsch zur Flucht in die Schweiz und auch aus Sorge um ihre in Polen lebende Familie antritt. Diese Odysee bringt sie oft in Gefahr, sogar ins Gefängnis, aber sie trifft auch immer wieder auf Menschen, die sich den Besatzern entgegenstellen und sie verstecken und ihr vollkommen selbstlos und unter Gefahr für das eigene Leben weiterhelfen.
    1943 gelingt ihr dann endlich die Flucht in die Schweiz und dort schreibt sie diese Memoiren noch vollkommen unreflektiert und unter dem direkten Eindruck ihrer Erlebnisse nieder.
    Was dabei heraus gekommen ist, ist ein Buch, sind Erinnerungen, die mich beim Lesen unheimlich bewegt und mitgenommen haben. Schon die Widmung, die mit den Worten beginnt "Es ist die Pflicht der Lebenden, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufopferung Unbekannter missachtet werden" hat mir einen Schauer über den Rücken rieseln lassen. Francoise Frenkel besitzt ein unheimliches Talent. Ich weiß nicht, ob sie diese Erinnerungen für Leser niedergeschrieben hat oder ob sie sie zunächst nur für sich geschrieben und sich dann entschlossen hat, sie zu veröffentlichen. Aber in ihrer Art zu beschreiben, zu erzählen finde ich sie bemerkenswert. Sie wechselt zwischen sachlicher Darstellung, romantischer, ja literarischer Landschafts- und Personenbeschreibungen und punktueller, ja fast expressionitischer Darstellung ihrer Gefühlswelt. Diese Mischung macht die Erinnerungen erlebbar und fühlbar für jeden Leser.
    Und so,wie sie dieses Buch den bekannten und unbekannten Helfer ihrer Flucht, und der Flucht so vieler anderer widmet, so ist dieses Buch zwar die Geschichte einer Flucht, aber darauf begründet ist es auch und vor allem die Geschichte der Fluchthelfer, ihrer Unterstützer. Denn in ihrem ganzen Leid, in diesen turbulenten Jahren und Zeiten legt Francoise immer wieder das Augenmerkt auf die Menschen, die ihr helfen, in dem sie sie immer wieder verstecken, wie die Eheleute Marius, oder die schlaglichtartig auftauchen und wieder verschwinden. Diese Personen, denen Francoise Frenkel so viele liebevolle Gedanken in ihren Erinnerungen widmet, sind wie Sonnenstrahlen, die eine Wolkendecke durchbrechen und machen das Leid, das in diesem Buch steckt -und auch in dem Wissen, was in diesem schrecklichen Krieg noch passiert ist- erträglicher. Sie sorgen für Menschlichkeit.
    Man weiß nicht, was nach dem Krieg aus Francoise Frenkel geworden ist, wie sie gelebt hat, was sie genau gemacht hat. Es sind nur ein paar Eckdaten bekannt - sie zog nach Nizza, sie starb 1975. Und auch aus ihrem Leben ist -abgesehen von dem, was sie selbst aufgeschrieben hat- wenig bekannt. Aus Unterlagen geht hervor, dass sie verheiratet war, dass dieser Ehemann an der Buchhandlung beteiligt war- aber sie unterschlägt ihn in ihren Erinnerungen komplett. Warum? Man weiß es nicht.
    Und gerade das, dieses kurzzeitige, sternschnuppenähnliche Auftauchen aus dem Konglumerat der Einzelschicksale, aus der Geschichte machen diese Erinnerungen für mich zu etwas besonderem, denn sie stehen exemplarisch für die schicksalshaften Geschichten so vieler aus diesen schrecklichen Jahren. In Francois Frenkels Fall haben sie ein glückliches Ende gefunden.
    Das Büchlein wird eröffnet von einem interessanten, einfühlsamen Vorwort von Patrick Modiano, der vieles, was diese Geschichte ausmacht viel besser in Worte fassen kann als ich es hier tue. Abgerundet wird es durch eine Zeittafel, ein Dossier und sehr hilfreichen Anmerkungen zur deutschen Ausgabe.
    Diese Erinnerungen haben mich in Zeiten, wo Flucht und Vertreibung wieder tagesaktuell sind, tief bewegt und lassen einen spüren, das es wichtig ist, zu helfen, wo und wie man kann. Auf dass die Menschen guten Willens nicht in Vergessenheit geraten.
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Ausgaben von Nichts, um sein Haupt zu betten

Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 288

Taschenbuch

Seitenzahl: 288

E-Book

Seitenzahl: 289

Besitzer des Buches 3

Update: