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Die Frau am Pranger

Buch von Brigitte Reimann

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Die Frau am Pranger wurde bisher einmal bewertet.

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Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Die Frau am Pranger

    Verlagstext
    Im Ringen um einen geliebten Menschen wächst die jungen Bäuerin Kathrin über sich hinaus. Von ihrem Mann und den Verwandten wird sie wie ein Stück Inventar behandelt. Erst in einer tiefen Liebesbeziehung zu dem russischen Kriegsgefangenen Alexej erkennt sie ihren eigenen Wert. Auch blinder Hass der Menschen, die sie an den Pranger stellen, kann ihr nichts mehr anhaben.
    Mit dieser Erzählung von 1956 packte Brigitte Reiman ein "heißes Eisen" der deutschen Nachkriegsliteratur an, dass noch heute Fragen nach Schuld und Verdrängung aufwirft.
    Quelle: amazon.de
    Meine Meinung
    Ich habe dieses nicht so ganz typische Exemplar der sogenannten "Aufbauliteratur" (DDR-Literatur der Fünfzigerjahre) gern gelesen, obwohl mich gerade als DDR-Kind aus der Perspektive des Nachhinein viele Aspekte schmerzen. Nicht, dass die Liebesgeschichte ein bisschen holperig daherkommt - geschenkt. Mich hat vor allem interessiert, was die Autorin aus dem Umfeld der jungen Frau macht, wie sie das im Nationalsozialismus als schandhaft betrachtete Handeln der beiden Hauptfiguren ideologisch einbettet in einen neuen politischen Rahmen, wo "der Russe" nicht mehr als Feind, sondern als großer Bruder betrachtet werden soll.
    Das ist teilweise geschickt gelöst, auch wenn die didaktische Absicht dahinter oft überdeutlich hervortritt. Die handelnden Figuren sind einfache Leute, die sich nie viel um Politik geschert haben, denen die Nazi-Ideologie gar nicht bis in den Grund des Wesens gedrungen ist und die darum das Menschsein des sowjetischen Kriegsgefangenen nicht in Frage stellen, es sogar ihrer Umwelt gegenüber naiv behaupten und verteidigen, als hätte es Hitlers Propaganda nie gegeben. Sogar Kathrins Mann und seine Schwester sind nicht durch und durch böse, sie sind - wenn auch begrenzt - empfindungs- und lernfähig. Man kann sich als kleine/r Mitläufer/in vielleicht mit ihnen identifizieren, ihren Erkenntnissen folgen. Inwiefern der moralische Zeigefinger, den ich als sehr penetrant wahrnehme, in den Fünfzigern eine ganz andere Relevanz hatte - als die Zeiten, in denen man tatsächlich Frauen als "Russenhure" (und in anderen Ländern wahlweise als Amiliebchen, Deutschenmädchen usw.) an den Pranger stellte, kahlschor und steinigte, nämlich noch gar nicht lange zurücklagen, wage ich nicht zu beurteilen. Es muss furchtbar gewesen sein, was diese Frauen erlebt haben. Reimann verkneift sich daher auch nicht die spitzen Bemerkungen über die herrschende Doppelmoral, die es den Soldaten in der Ferne durchaus zugestand, sich durch die Bordelle zu schlafen (oder Schlimmeres), denn man lebte ja schließlich nur einmal, und wer weiß, wie lange noch. Hier das Schicksal einer Frau ins Zentrum zu stellen, die allen Grund hatte, ihren Mann nicht zu lieben, sich jedoch in den Kriegsgefangenen zu verlieben, mit ihm von einer besseren Welt zu träumen und am Pranger dennoch als die einzig Schuldlose dazustehen, ist ein großes Verdienst Reimanns an den unzähligen Frauen, die mit den verschiedensten Formen der "Schande" konfrontiert waren, weil die Gesellschaft nach Sündenböcken suchte.
    Was mich neben dem erzieherischen Aspekt so stört, ist die Systematik, mit der in der DDR kaum eine Gelegenheit ausgelassen wurde, sich gegen Religion zu wenden und dabei nicht nur Spitzen auszuteilen, sondern bewusst religiöse Strukturen zu imitieren, eine religionsartige Ideologie als Ersatz aufzubauen, Menschen als Messias zu installieren und sich dabei ganz frech religiöser Attribute zu bedienen. Ich habe kein Problem mit Atheist/innen, Agnostiker/innen usw., bin aber ein großer Fan davon, Menschen die Freiheit zur Wahl zu lassen und sie nicht zu manipulieren. Wie erfolgreich die Manipulation in der DDR lief und wie auch auf sämtlichen Ebenen die Ideale der Sowjetunion propagiert wurden, habe ich selbst erlebt, und dann im Nachhinein beim Lesen von DDR-Literatur immer wieder nachvollziehen zu können, wie auch diese ihre Beiträge dazu geleistet hat, finde ich sehr schmerzhaft. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass Autor/innen, die nicht mit dem Strom schwammen, in der DDR nicht veröffentlicht wurden, man sich also immer auch die Frage stellen muss, wieviel von dem Geschriebenen tatsächlich vertreten wurde oder nur ins jeweilige Werk eingeflossen ist, um dieses zensurkonform zu machen. Das lässt sich in vielen Fällen kaum noch klären, geschweige denn beurteilen.
    Trotz dieser Einschränkungen hat mich diese Erzählung berührt, die geschilderten (und eben nicht nur schwarz-weißen) Schicksale und der gesamte Kontext erscheinen mir stimmig. Reimann verschließt weder ihre Augen vor der Tatsache, dass Menschen einander die schlimmsten Wölfe sein können, noch vor den Funken von Hoffnung, die sichtbar werden, wenn Menschen einander lieben und sich gegen das Böse in ihrem Umfeld zur Wehr setzen.
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Ausgaben von Die Frau am Pranger

Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 144

Besitzer des Buches 2

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