Der Vergewaltiger

Buch von Les Edgerton

Bewertungen

Der Vergewaltiger wurde insgesamt 3 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 4,3 Sternen.

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Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Der Vergewaltiger

    Der Autor (Q: Verlagsseite, Wikipedia und Poets&Writers): Der US-amerikanische Schriftsteller Les(lie) Edgerton, geboren 1943, Autor von derzeit 18 Büchern (Romanen, Kurzgeschichten, Sachbüchern), hat einen etwas unkonventionellen Hintergrund für einen Literaten. Bevor er seinen Abschluss an der Indiana University in South Bend machte, sich mit Kreativem Schreiben beschäftigte und Bücher veröffentlichte, hatte der in Odessa, Texas, geborene und in Freeport aufgewachsene Edgerton über vier Jahre in der Navy zugebracht und wegen Einbruchs, bewaffneten Raubüberfalls und versuchter Hehlerei zwei Jahre im berüchtigten Pendleton Reformatory abgesessen. Mittlerweile lebt der Vater zweier Töchter aus früherer Ehe mit Frau und Sohn in Fort Wayne, Indiana. Er unterrichtet Kreatives Schreiben an Universitäten. Einer seiner Lieblingsautoren ist Raymond Carver, eines seiner Lieblingsbücher "Der Fremde" von Albert Camus. Seine Werke waren nominiert für den O. Henry Award, den Pushcart Prize, den Edgar Allan Poe Award in der Kategorie "Short story", den Jesse Jones Book Award, den PEN/Faulkner Award und den Violet Crown Book Award.
    Werkauswahl:
    The Bitch (2014, dt. Übersetzung als "Primat des Überlebens" für 2017 angekündigt) Hooked: Write Fiction That Grabs Readers at Page One and Never Lets Them Go (2007) Monday's Meal (1997) The Death of Tarpons (1996)
    Kurzbeschreibung (Q: Verlagsseite): Wegen Vergewaltigung und Mord an einer jungen Frau aus seinem Heimatdorf sitzt Truman Ferris Pinter im Todestrakt eines Gefängnisses und wartet darauf, gehängt zu werden. Die Vergewaltigung gesteht er, nicht aber den Mord. Pinter schwört, das Opfer sei später am Ufer eines Flusses ausgeglitten und dann ertrunken. In den wenigen Stunden, die ihm noch bleiben, doziert der intellektuelle Misanthrop geistreich über sein Leben und die Tat und stellt provozierende Thesen auf. US-Noir-Autor Les Edgerton führt uns auf irreführenden Schleichwegen in das Bewusstsein seines Protagonisten wie einst Camus oder Nabokov und lässt uns unbemerkt Teil seines düsteren literarischen Experimentes werden.
    Der Roman erschien zuerst im März 2013 unter dem Originaltitel "The Rapist" als 160-seitiges Paperback beim Verlag New Pulp Press. Die deutsche Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch besorgten Ango Laina und Angelika Müller. Sie erschien als Paperback #40 im Verlag PULP MASTER in Berlin. Diese Ausgabe umfasst 157 Seiten einschließlich eines siebenseitigen Nachwortes von Ekkehard Knörer. Dem Roman vorangstellt ist ein Zitat des britischen Soldaten, Luftfahrtingenieurs und Philosophen John William Dunne, des von u.a. Aldous Huxley geschätzten Begründers einer Serialismus-Theorie des Bewusstseins: "Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren gleichzeitig, wie unsere Träume beweisen."
    Was für ein Ungetüm von Buch! Niemand schreibt einen Roman, in dem ein ichbezogener, arroganter Vergewaltiger im Todestrakt in gedrechselten Worten über seine Moralphilosophie schwadroniert, und glaubt, die Leute würden den Roman unumwunden lieben. Eingängig und leichtläufig ist das nicht, sondern sperrig und infam. Vielen wird zu wenig Einladung zum Mitfühlen und Mitfiebern vorhanden sein. Die Originalität, die alle Stereotypen mit Füßen tritt, wird der durchschnittliche Leser als langweilig weil: nicht mit anderem vergleichbar werten. Les Edgerton zerlegt mit leichter Hand jede Genrezuweisung, der Roman ist kein Krimi, kein Thriller, auch nicht vordergründig spannend, weder Noir, noch Hardboiled. Der geeignete Bezugsrahmen geht eher in Richtung Hochliteratur à la Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“. Ein existenzialistischer Bericht mit hochgradig unzuverlässigem Erzähler.
    […]
    Der „Vergewaltiger“ ist der direkte Einblick in den Kopf des Soziopathen Truman Ferris Pinter, eines Größenwahnsinnigen, der sich selbst außerhalb der Moral seiner Mitmenschen verortet, der glaubt, völlig frei und ungebunden nach eigenen Regeln zu leben und alles unter Kontrolle zu haben (was sich am Ende als Illusion herausstellen wird). Truman: True Man? Er, der glaubt, ohne andere Menschen leben zu können, ist von ihnen abhängiger als er glaubt: Seine infame (oder erbärmliche) Philosophie in einen leeren Zuschauerraum auszusprechen, bedeutete: eine sinnlose Philosophie zu haben! Er braucht Zuschauer, eine Anspielfläche, der gegenüber er seine Verachtung und Überheblichkeit äußern kann. Insofern macht er mit dem Bericht auch den Leser zum Komplizen, versucht einen Sympathisanten zu finden. Damit muss man als Leser auch erst einmal klarkommen: Manche Sätze wirken wie eine immer schon selbst gefühlte, unaussprechliche Wahrheit, manche Sätze sind dagegen absolut schrecklich, wenn er etwa die Vergewaltigung für unerheblich erklärt, da er moralisch, intellektuell und sozial über dem Opfer stehe. Sein Bericht ist dabei weder eine Beichte noch eine Beschreibung der Geschehnisse, die ihn in den Todestrakt brachten, versucht nicht zu überzeugen, die Unschuld zu beteuern, sondern ist vielmehr eine Art Testament seiner Selbst, der Versuch, die Selbsttäuschung auch im Angesicht seines Todes – und im wahrsten Sinne darüber hinaus – aufrecht zu halten: Wer nicht aufhört zu reden, ist nicht tot. Er: eine Scheherazade des Todestraktes; sein Bericht: ein Loblied auf seine eigene perfide Moral und ihn, den Schöpfer einer eigenen Welt. Es statuiert seine Unangreifbarkeit. Wird am Ende gar zur Apotheose!
    Er, der behauptet, sich der Fähigkeit des Fliegens, die er als Kind besaß, bis er erwachsen wurde, wieder bedienen zu können, um der Hinrichtung zu entgehen, will einfach davonzufliegen, aber nur für einen kurzen Moment, um den Vollzugsbeamten zu zeigen, dass eben doch nur seine Regeln und sein Zeitplan gelten, dass er nach eigener Laune verschwinden könne, um dann wieder zurückzukehren, um „ordnungsgemäß“ am Galgen zu sterben. Er wird tatsächlich sein blaues Wunder erleben, wenn er schließlich seinem Schöpfer in Person (oder jedenfalls in der Art) begegnet. Diese Gedankenspiele alle unter einen Hut zubekommen, ist die große Stärke des Romans. Ein intellektueller Spaß und gewissermaßen eine Zumutung für den Leser. "Der Vergewaltiger" dreht schon bald dermaßen auf, schlägt über die Stränge, verwirbelt Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft – weg von „objektiven“ Zeitstufen hin zu „subjektiven“, gleichzeitig existierenden Bewusstseinsstufen, dass man fast meinen könnte, einen verqueren Science-Fiction-Roman rund um Parallelwelten in den Händen zu halten. Ein Roman auch über Revolte. Über Selbstüberschätzung und - nicht zuletzt - Erkenntnis! Aber auch über Mitgefühl in einer teils dummen, teils herzlosen Welt. Mit einer erzählerischen Leichtigkeit und einem literarischen Wagemut, wie ich es lange nicht mehr lesen durfte, werden Genregrenzen niedergerissen, wird allem Bekannten eine lange Nase gezeigt. Eine außergewöhnliche Tour de Force: ambitioniert, intellektuell anregend und unglaublich einfallsreich. Ein Fest! So ganz anders als ein Großteil dessen, was ich in dem Bereich bisher gelesen habe. Und keiner sagt, es müsse gefallen!
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Ausgaben von Der Vergewaltiger

Taschenbuch

Seitenzahl: 158

Besitzer des Buches 3

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