Hand & Fuß: Wie die Evolution uns zu Menschen machte

Buch von Chip Walter, Gabriele Herbst

Bewertungen

Hand & Fuß: Wie die Evolution uns zu Menschen machte wurde insgesamt 3 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 5 Sternen.

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Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Hand & Fuß: Wie die Evolution uns zu Menschen machte

    Titel der englischen Originalausgabe: "Thumbs, toes and tears and other traits make us human"
    Worum es geht
    Die Geschichte unserer Menschwerdung begann vor etwa 6 Millionen Jahren in den heutigen Steppengebieten Ostafrikas mit großen geologischen Veränderungen. Damals breiteten sich dort weitläufige Regenwälder aus, ein Paradies für alle möglichen Affenarten. Wäre alles so geblieben, gäbe es uns heute mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Doch die Erde war in Bewegung, der afrikanische Kontinent trennte sich von Asien, wodurch der ostafrikanische Grabenbruch entstand. Auf dessen Ostseite wurde das Klima zunehmend trockener, die Wälder zogen sich zurück und boten den Affen, die hier festsaßen, nicht mehr dieselben angenehmen Lebensbedingungen wie ihren Artgenossen auf der Westseite. Um zu überleben entwickelten sie erstaunliche Strategien, denen wir wohl unsere Existenz zu verdanken haben.
    Der Autor führt sechs Eigenschaften an, die unerlässlich waren, damit das Grüppchen isolierter ostafrikanischer Affen den Weg zum Hominiden beschreiten und immer erfolgreicher werden konnte. Dabei handelt es sich um die Entwicklung der Großzehe für den aufrechten Gang, des opponierbaren Daumens zur Werkzeugherstellung, der Veränderung des Rachenraums als anatomischer Voraussetzung um überhaupt sprechen zu können, und um drei wichtige, nur dem Menschen eigene Verhaltensweisen, die über verbale Kommunikation hinausgehen und dennoch enorme Aussagekraft besitzen: Lachen, weinen und küssen.
    Über den Autor Chip Walter ist Autor populärer naturwissenschaftlicher Sachbücher, Wissenschaftsjournalist und Filmemacher. Er arbeitete unter anderem für CNN, den Boston Globe, The Economist und Scientific American. Als Strategieberater für den Einsatz moderner Technologien im Unternehmenskontext zählen die National Geographic Society und die Carnegie Mellon University zu seinen Kunden. Ship Walter lebt in Pittsburgh, Pennsylvania.
    Wie es mir gefallen hatMit vielen interessanten Beispielen untermauert der Autor die Theorie, wobei er sich der Entwicklung der Sprache besonders intensiv widmet.Besonders gerne bin ich Chip Walter bei seinen Überlegungen bezüglich des Lachens, Weinens und Küssens gefolgt. Eigentlich habe ich mir noch nie bewusst gemacht, dass menschliche Kommunikation ohne Lachen unmöglich wäre, oder doch zumindest ganz anders ablaufen würde, und auch wir wären wohl nicht die, die wir geworden sind. Entstanden ist das Lachen womöglich aus einem Laut der Erleichterung, so die Theorie, und weil es Gruppen enger zusammenschweißt, hat es sich auch aus evolutionärer Sicht bewährt.
    Noch rätselhafter verhält es sich mit dem Weinen. Dabei werden zwar Hormone ausgeschieden, die uns unglücklich machen, aber längst nicht in solchen Mengen, dass Weinen für unser Wohlbefinden unerlässlich wäre. Mit unserem Befinden hat es aber sehr wohl zu tun, sorgt das Weinen doch dafür, dass der aus dem seelischen Gleichgewicht Geratene sein psychisches Wohlbefinden wieder erlangt und sein Leben weiterhin bewältigen kann. Für unsere Vorfahren, die in einer feindlichen Umwelt zurecht kommen mussten, sicher ein sehr wünschenswerter Zustand. Nicht zuletzt erregt das Weinen aber auch Aufmerksamkeit, zeigt, dass ein Sippenangehöriger womöglich Hilfe braucht, und das ganz ohne Worte.
    Die Theorie, dass Küssen aus einem uralten Fütterungsinstinkt entstanden sein könnte, ist ja hinlänglich bekannt, dass die Küssenden aber auch chemische Informationen über den Partner sammeln, war mir wiederum nicht so klar. Mittels Hormonen, den Pheromonen, wird also der Genpool des anderen (natürlich auf unbewusster Ebene) durchforstet, um so den bestmöglichen Fortpflanzungspartner zu finden, um eine höchst lustvolle Angelegenheit einmal ganz nüchtern zu beschreiben. Jetzt ist auch klar, warum sich alte Ehepaare nicht mehr so leidenschaftlich küssen wie Frischverliebte.
    Zwischen diesen zentralen Punkten gibt es aber auch viel über die Funktionsweise des Gehirns zu lesen, das ja praktisch für alle unsere Interaktionen sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene zuständig ist.Diese schwierigen Zusammenhänge erklärt Chip Walter sehr verständlich und führt immer wieder Beispiele zur Erläuterung an.Aber auch die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Verhaltensweisen, denen die Evolution ganz verschiedene Aufgaben zuteilte, führt der Autor seinen Lesern vor Augen. Mögen wir uns vor dem Traualtar voller guter Vorsätze auch ewige Treue schwören, unser urzeitlicher Vorfahre sitzt doch mit an der Hochzeitstafel und hat nicht vor das junge Glück so bald wieder zu verlassen. Zur Erhaltung der Art und Durchmischung des Genpools war es nötig, dass Männer ihr Erbmaterial möglichst weit mit möglichst vielen Partnerinnen verbreiteten, während Frauen durch Schwangerschaften, Geburten und die Versorgung der Kinder wesentlich weniger mobil waren. Weil sie sich nur im eingeschränkten Rahmen um die Nahrungsbeschaffung kümmern konnten, brauchten sie zum Überleben nichts so dringend wie einen zuverlässigen Partner. Und dieses Erbe tragen wir immer noch in uns, wie hoch moderne Frauen auf der Karriereleiter auch immer klettern mögen, die Stimme der Urmutter ist nicht zu übertönen. 200 000 Jahre sind für evolutionäre Veränderungen schließlich nicht mehr als ein Wimpernschlag im Laufe der Jahrmillionen.
    Schließlich denkt der Autor im Epilog noch über die weitere Entwicklung des Menschen nach und kommt zum Schluss, dass wir in Zukunft mit der Technik wohl immer mehr verschmelzen und uns dadurch auch biologisch verändern werden. So könnte aus Homo sapiens schließlich Cyber sapiens entstehen.Diesen Überlegungen kann ich zwar nicht ganz zustimmen, finde sie sogar ein wenig utopisch, aber auch der am Lagerfeuer sitzende Homo sapiens wird sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen vorgestellt haben, dass es einst 7 Milliarden seiner Art geben wird, "die den Planeten tagtäglich zu Millionen in Flugzeugen umkreisen, geistig verbunden mit Satelliten und Glasfaserkabel, den Regenwald vernichten, oder Billionen Tonnen Nahrungsmittel produzieren und über Nacht transportieren". Unter diesen Gesichtspunkten ist natürlich auch eine Entwicklung in die vom Autor angedachte Richtung möglich.
    Mich persönlich beeindruckt bei allen Büchern dieser Art immer wieder wie unermüdlich der menschliche Geist nach seiner Herkunft forscht, und wie viel er schon aus dem Dunkel der Zeit ans helle Licht der Gegenwart befördert hat, zumal sich die Artefakte ja nur auf harte Tatsachen, sprich Knochen, beschränken. Daraus unsere Stammesgeschichte abzuleiten finde ich schon schwierig genug; wie kompliziert muss es für die Wissenschaftler erst sein, empirisch belegte Modelle zur Entwicklung des Gehirns oder der Sprache bzw. nonverbaler Verhaltensweisen zu finden, die keine Spuren hinterlassen haben. Lachen, weinen und küssen gehören so selbstverständlich zu uns, dass die meisten wohl nicht hinterfragen wie sich diese Formen der Kommunikation entwickelt haben und welchen Vorteil sie brachten, dass die Evolution gerade sie begünstigte.Mein Fazit: ein sehr lesenswertes, informatives und leicht verständlich geschriebenes Buch zum Nachdenken, Schmunzeln und Staunen über das seltsame und doch so faszinierende Wesen Mensch.
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Ausgaben von Hand & Fuß: Wie die Evolution uns zu Menschen machte

Hardcover

Seitenzahl: 336

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