Der Hals der Giraffe

Buch von Judith Schalansky

  • Kurzmeinung

    BarbSie
    Milieubeschreibung und Gedankenwelt einer alzernden Bio-Lehrerin in treffenden kurzen Sätzen

Zusammenfassung

Inhaltsangabe zu Der Hals der Giraffe

Anpassung im Leben ist alles, weiß Inge Lohmark. Schließlich unterrichtet sie seit mehr als dreißig Jahren Biologie. In einer Stadt im hinteren Vorpommern. Dass ihre Schule in vier Jahren geschlossen werden soll, ist nicht zu ändern – die Stadt schrumpft, es fehlt an Kindern. Aber noch vertreibt Inge Lohmark, Lehrerin vom alten Schlag, mit ihrem Starrsinn alles Störende. Als sie schließlich Gefühle für eine Schülerin entwickelt und ihr Weltbild ins Wanken gerät, versucht sie in immer absonderlicheren Einfällen zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Judith Schalanskys Bildungsroman wurde 2011 zum großen Presseund Publikumserfolg. Kritikerinnen und Kritiker bejubelten den »besten Roman des Jahres« und die Leserinnen und Leser machten ihn zum Bestseller. Schauplatz der Geschichte ist eine der irrwitzigsten Anstalten der Welt: die Schule.
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Bewertungen

Der Hals der Giraffe wurde insgesamt 33 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 3,6 Sternen.

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Meinungen

  • Milieubeschreibung und Gedankenwelt einer alzernden Bio-Lehrerin in treffenden kurzen Sätzen

    BarbSie

Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Der Hals der Giraffe

    Nach einigem Zögern hatte ich mir das Buch besorgt und es nun gelesen. Und bereue es nicht ! Ich bin ziemlich beeindruckt von der Schreibweise Schalanskys und dem, was ich hier für mich rauslesen, eventuell verstehen, konnte.
    Ich werde nicht alles Gesagte wiederholen, nur einige Bemerkungen.
    Wir sind nahe dran am Innenleben unserer Protagonistin, und der Autorin gelingt es ausgesprochen gut, diese Mischung zwischen Wissen, Bitterkeit und Sicht auf den Menschen in Verbindung zu bringen. Die biologisch-wissenschaftlichen Ausführungen sind dabei meines Erachtens keinerlei Zusatz oder gar beiseite zu kehren : die Ideologisierung dieses Wissens führt bei Lohmark zu einer Schau der Dinge (aller Dinge, der Menschen), die einen sich etwas schütteln läßt. Hier liegt die Gefahr einer Verabsolutisierung eines eventuell objektiven Wissens aus einer Wissenschaft und ihrer Anwendung auf alle Lebensbereiche. Daher eine « biologisch » geprägte Sprache bei der Beschreibung allen Tuns, insbesondere im ersten Teil (von dreien). Das finde ich schon toll herausgearbeitet ! Was diese Ideologisierung anbetrifft, so haben es hier einige erwähnt : die Motive zB der « Selektion, der natürlichen Auswahl, des Hacksystems, Sieg des Stärkeren... » etc als Rechtfertigung allen Handelns. Hier werden « wissenschaftliche » Sachverhalte auf alle anderen Bereiche proiziert, die Verhältnisse aus der Biologie dienen zur Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen.
    Durchaus erkennt man hier zwischen den Zeilen die Herkunft solchen Denkens, bzw die Einbettung der Schau Lohmarks nicht nur allein in einer Verabsolutisierung eines wissenschaftlichen Ansatzes (das begegnet uns heute auch in den westlichen Ländern...), sondern auch in der Vergangenheit der DDR : Sie wird mehr oder weniger nostalgisch betrachtet, als ob man den « wissenschaftlichen Erkenntnissen » näher gestanden hätte... Ist Lohmark auch nicht hundertprozentige Parteigängerin gewesen (siehe ihre Auseinandersetzungen mit den alten Nostalgikern), so ist sie dennoch ein Produkt einer gewissen Erziehung, ein Relikt aus vorwendlichen Zeiten. Allerdings wird auch sehr gut angedeutet, worin so manche Frustration im Einigungsprozess bestand, und wo sie klar diesen alten Parteigängern widerspricht...
    Diese Weltsicht ist im Gesamtkonzept des Buches anscheinend verurteilt : das so genannte « Charles Darwin Gymnasium » wird schließen (doppelte Deutungsmöglichkeit ; es sei nebenbei gesagt, dass ich persönlich glaube, dass dieser liebe Mann oft stark instrumentalisiert wurde zur Verteidigung eines Weltbildes der Starken. Das war meines Erachtens nicht die Grundaussage seiner Entdeckungen...).
    Im gesamten Buch verbirgt sich hinter der zynischen Sichtweise aus der Perspektive Lohmarks eine große Verbitterung und Enttäuschung. Man denke an die eigene Tochter, aber auch all ihre Gedanken zum « Untergang » des Umfeldes. Wo ist da schon Entwicklung ? Wenn ja, also auch Tilgung, Ausscheiden ? Wie kann man solche Sicht vereinbaren mit zB dem Mutterinstinkt, der sich nach der Tochter sehnt ? Und diese so pragmatisch denkende Frau wird mit Blindheit geschlagen angesichts dessen, was sich in ihrer Klasse abspielt. Oder aber kann es aus ihrer Sichtweise (Hackordnung...) ja gar nicht verhindern wollen (?).
    Der Verfallprozess findet auch seinen Widerhall in der Betrachtung der Landschaft. Ende des ersten Kapitels, aber auch später, finden wir hervorragende kleine Einblicke in die Landschaft und das Leben im extremen Nordosten der Republik. Die Autorin stammt aus Greifswald und ich erkenne in ihren Beschreibungen jene Landschaft wieder mit größeren und kleineren Feuchtbiotopen, unendlich großen Feldern (Erbe der LPGs), immensem Wildbestand und Wasservögeln, Siedlungen und Plattenstrassen, Alleen und und dem sehr deutlich beschriebenen Auszug so vieler, usw.
    Ein toll geschriebens Buch, das mir also sehr gefallen hat !
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  • Rezension zu Der Hals der Giraffe

    Ich finde die Diskussionen zu diesem Buch wirklich interessant. Ich muss dazu sagen, es ist schon eine Weile her, dass ich das Buch gelesen habe und es war, wenn ich mich recht erinnere, auch meine allererste Rezension in diesem Forum. Es handelte sich um ein Buch aus unserer Bücherei, somit kann ich jetzt leider nicht mehr in den Text schauen, aber es war nun einmal so, dass die Beiträge im Biologiesektor mich nicht so wirklich interessiert haben. Das war schon in der Schule nicht gerade mein Lieblingsfach .
    Trotzdem hat mir das Lesen Spaß gemacht und die fachlichen Einschübe waren für die Handlung auch nicht so wirklich wichtig. Mein Eindruck damals: Wen sie interessieren, kann sie sich durchlesen, aber für das Verständnis und den Handlungsverlauf nicht unbedingt notwendig. Eben eine etwas andere Art, ein Buch zu bereichern und aufzupeppen. Das wird ja auch schon mit dem Einband deutlich, der sich doch von der üblicherweise gehaltenen Buchgestaltung abhebt.
    Ich fühlte mich jedenfalls nicht intellektuell überfordert, denn verständlich war sogar der fachspezifische Bereich allemal, nur eben galt mein Interesse mehr dem Innenleben der Protagonistin und das hat die Autorin auch sehr gut dargestellt. Herrlich zynisch und gut zu lesen. Man kann über diese Lehrerin der "alten Schule" nur den Kopf schütteln und sollte sich nicht scheuen, es einmal mit diesem Roman zu versuchen. Günstig ist da natürlich immer eine Büchereiausleihe. Denn meiner Meinung nach, ist dieser Roman wirklich Geschmacksache.
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  • Rezension zu Der Hals der Giraffe

    Dieser „Bildungsroman“ ist anstrengend zu lesen!
    Die Protagonistin reflektiert drei Tage aus ihrem Leben. Sie ist Biologielehrerin irgendwo im vorpommerischen Hinterland und das seit über 30 Jahren. Verheiratet ist sie mit einem Straußenzuchtwart und ihre Tochter wohnt seit langem in Amerika. Sie, Inge Lohmark, unterrichtet die 9. Klasse in Biologie, in der nur noch 12 Schüler den Unterricht zieren, so dass in vier Jahren damit Schluss ist, das Gymnasium, an dem sie unterrichtet, wird geschlossen.
    >>Es lohnte einfach nicht, die Schwachen mitzuschleifen. Sie waren nur Ballast, der das Fortkommen der anderen behinderte. Geborene Wiederholungstäter. Parasiten am gesunden Klassenkörper. Früher oder später würden die Unterbelichteten ohnehin auf der Strecke bleiben . <<
    Das Buch ist eine Aneinanderreihung biologischer Einschübe, und diese sind dazu noch sehr oberflächlich, und beinhalten mehr oder weniger Schlagwörter aus dem Biologie-Leistungskurs-Standardwissen. Der Ton, in dem diese Triaden vorgetragen werden, ist anfangs noch frisch, wird aber im Verlaufe der Lektüre eintönig, wenn nicht sogar einschläfernd.
    >>Wege zur sozialistischen Kuh. Langlebig, fruchtbar und robust. Drei Fliegen mit einer Klappe. Pralle Euter, starke Muskeln. Ein paar Jahre milchbetontes Mästen. Fertig war das vollkommene Zweinutzungsrind. Die eierlegende Wollmilchsau.<<
    >>Was man alles nicht mehr sagen durfte: Neger, Fidschis, Zigeuner, Zwerge, Krüppel, Sonderschüler. Als ob damit irgendwem geholfen wäre. Sprache war doch dazu da, klarzumachen, was gemeint war.<<
    Nach dem Lesen ist dem Leser bewusst wozu der biologische Teil im Buch dient, nämlich als Übertragung, und diese ist dann auch sehr raffiniert herausgearbeitet. Ein System gleicht dem anderen System, und überleben kann nur der Fitteste, die Mutation, die Vorteile bringt und der einzelne untergeht. Damit erhält der Roman auch seine Berechtigung in der Literatur, wenn er auch alles andere als gut lesbar ist. Allerdings steht meiner Meinung nach die Entwicklung der Protagonistin nicht so sehr im Rampenlicht, wie es bei einem „Bildungsroman“ der Fall sein müsste. Und ein Bildungsroman hat halt nichts mit bildenden Romanen zu tun, zumal die Biologie hier als Metapher dient. Fazit: Wenn man die Muse auf diese Zeilen hat, wird man am Ende ein wenig belohnt.
    >>Neuerdings sollte es nicht mal mehr Menschenrassen geben. Wer das leugnete, war blind. Dass ein Neger anders als ein Eskimo aussah, war ja wohl offensichtlich.<<
    Judith Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign. Ihr literarisches Debüt, der Matrosenroman „Blau steht dir nicht“, erschien 2008. Für ihren „Atlas der abgelegenen Inseln“ wurde sie 2010 mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.
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Rezensionen zum Hörbuch

  • Rezension zu Der Hals der Giraffe

    Inge Lohmark, Biologie- und Klassenlehrerin einer 9. Klasse eines Gymnasiums im Osten, das mit dem Abitur dieser Stufe geschlossen werden soll, ist eine Frau, die sich Gefühle jeglicher Form versagt. Überkommen sie 'Anwandlungen' dieser Art, womöglich sogar in Anwesenheit anderer Menschen, geht sie sofort hart mit sich selbst ins Gericht und macht sich klar, wie unsinnig diese sind. Das Leben ist nichts als Biologie - und Gefühle haben dort nichts zu suchen, denn sie bringen keinen Nutzen. Ebenso rigoros beurteilt sie ihre Schülerinnen und Schüler, worüber man erst grinst ("..sie sind Blutsauger, die sich vom Lehrkörper ernährten.." oder über Schüler Tom: "Winzige Augen im feisten Gesicht. Geistloser Ausdruck. Noch ganz benommen von der nächtlichen Pollution. Ein Grottenolm war schöner...") bis einem die ganze Verachtung deutlich wird, die sie für diese Jugendlichen hegt. Doch auch ihr restliches Umfeld wird davon nicht ausgenommen: ihre Lehrerkollegen, der Nachbar, ehemalige Freunde.
    Eine unsympathische Frau, keine Frage, doch je mehr man über sie erfährt, umso deutlicher wird, wie bemitleidenswert diese 55jährige ist, die offenbar Zeit ihres Lebens niemals gelernt und erfahren hat, Gefühle zu vermitteln und zu bekommen. Und es zeigt sich immer deutlicher, dass sie insbesondere mit ihrem eigenen Leben hadert - war das Alles?
    Dagmar Manzel liest diesen Roman derart kunstfertig, dass man Inge Lohmark 298 Minuten vor sich sieht. Als unnahbare, gefühllose Lehrerin in einem kalten, harten Ton wie auch als die Frau, die sich an ihren Vater erinnert oder an ihre letzte wahre Liebe - weich, sanft und leise wird dann die Stimme Lohmarks. Auch die Interpretationen der weiteren Personen sind gut getroffen - Dagmar Manzel verleiht wirklich allen eine eigene Persönlichkeit, egal ob SchülerIn oder KollegIn.
    Ein tolles Hörbuch, das unterhält und gleichzeitig das Biologiewissen auffrischt. Das fordert jedoch beim Zuhören ein bisschen Konzentration ein
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Ausgaben von Der Hals der Giraffe

Taschenbuch

Seitenzahl: 222

Hardcover

Seitenzahl: 275

E-Book

Seitenzahl: 223

Hörbuch

Laufzeit: 00:04:58h

Besitzer des Buches 60

Update: