Unbekanntes Wien: Verborgene Schönheit: Schimmernde Pracht

Buch von Harald Jahn

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Bewertungen

Unbekanntes Wien: Verborgene Schönheit: Schimmernde Pracht wurde insgesamt 2 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 3,8 Sternen.

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Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Unbekanntes Wien: Verborgene Schönheit: Schimmernde Pracht

    Inhalt
    Die Historikerin Isabella Ackerl führt ihre Leser vom römischen Vindobona über das mittelalterliche, barocke und biedermeierliche Wien in die Gründer- und Jugendstilzeit, wobei sie stets mit Besonderheiten aus den jeweiligen Epochen zu überraschen weiß.
    Wir erfahren vom Komfort, den römische Offiziere im Lager an der Donau genießen konnten, von der ersten Judenverfolgung in Wien 1421, und besichtigen die Reste der alten Stadtbefestigung, ehe sie 1857 endgültig geschleift wurde, und den Prachtbauten der Wiener Ringstraße weichen musste. Die beiden Fenstergucker im Stephansdom geben ebenso ihre Geheimnisse preis, wie viele der Hauszeichen und auf den ersten Blick unerklärliche Wandfresken. Die Türkenbelagerungen von 1529 und 1683 legten sich wie ein Alpdruck auf die Bewohner der Stadt, weshalb sich allerorts noch Spuren in Form sagenhafter Geschichten und Anekdoten finden. Wir besuchen Oasen der Stille mitten in der Stadt, erfahren, warum große niederösterreichische Stifte Hausbesitz in Wien erwarben, und was es mit dem Stapelrecht auf sich hatte.
    Barocker Glanz und Lebensfreude erwarten uns im "Figarohaus" in der Domgasse, einem der vielen Wohnsitze Mozarts. Kurz angerissen wird auch die wechselvolle Geschichte so prachtvoller Bauten wie dem Palais Auersperg oder dem Palais Lobkowitz, in dem Beethoven mit seiner 3. Symphonie, der Eroica, "einer kühnen, wilden Phantasie", das zeitgenössische Publikum irritierte.
    Ein eindrucksvolles Beispiel von Steuerverschwendung in der "guten alten Zeit" steht mit dem Bau der Stadtbahn Ende des 19. Jahrhunderts in Zusammenhang. Nahe Schönbrunn wurde doch tatsächlich ein eigener Pavillon als Wartestation für die kaiserliche Familie errichtet, der, so gut wie nie benutzt, jahrzehntelang seiner Bestimmung harrte.
    Der Bauboom der Gründerzeit führt uns wieder zu weniger bekannten Bauwerken, wie dem Austriabrunnen, den die Wiener als Dank an ihren Kaiser für die neue Wasserleitung in Auftrag gaben, oder ins Hotel Klomser, das durch den Selbstmord von Oberst Alfred Redl traurige Berühmtheit erlangte. Sehenswert ist aber auch das von Josef Kornhäusel erbaute Biedermeierwohnhaus mit seinem für Wien völlig untypischen Geschlechterturm.
    Ein Fremdkörper unter prachtvollen Jugendstilvillen ist sicher auch die "Zacherlfabrik". Sie orientiert sich als einziges Gebäude der Ringstraßenära am islamischen Baustil, in den sich der Insektenschutzfabrikant Johann Zacherl auf seinen Reisen in den Orient wohl verliebt haben dürfte. Noch viele andere prachtvolle Ringstraßenbauten besucht der staunende Leser, ehe es weitergeht zu großteils unbekannten Juwelen des Jugendstils. Dazu gehören die Hohe Brücke, die den heutigen Tiefen Graben überspannt, das Verlagshaus der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung, oder die sehenswerte Ankeruhr mit 13 markanten historischen Figuren (Maria Theresia und ihr Gemahl treten als Paar auf), wovon sich zu jeder vollen Stunde eine in Bewegung setzt, beginnend mit Marc Aurel, endend mit Joseph Haydn, bei dessen Erscheinen die alte Kaiserhymne erklingt.
    Selbstverständlich besichtigen wir auch Europas viertschönste Treppe, die Fillgraderstiege, im Stil der Secession zwischen 1905 - 1907 erbaut, und nach der wohltätigen Geschütz- und Glockengießerfamilie Fillgrader benannt. Angeblich wird dieses Meisterwerk in keinem Reiseführer erwähnt.
    Das Jahrhundert der Stadterneuerung hat viele bedeutende Bauten hervorgebracht, wie das Wittgensteinhaus oder das berühmte Haas-Haus. In Form von Gemeindebauten zeugt diese Baukultur von einer starken sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Der Karl Marx-Hof in Döbling gilt als Paradebeispiel für einen Wohnpalast des Proletariats, dem Pioniercharakter auf diesem Gebiet mit fließendem Wasser und Toiletten zugeschrieben wird.
    Die Wiener können aber nicht nur auf ihre geschichtsträchtigen Bauten stolz sein, sondern auch auf ihre Freizeitparadiese, wie die Freudenau, die Sofiensäle, den Böhmischen Prater, Vergnügungsstätte der armen Leute, das Gänsehäufel, den Naschmarkt, das Palmenhaus oder den Botanischen Garten.
    Nach so vielen Eindrücken ist es nun aber wirklich Zeit für eine kleine Pause, die wir gerne in einem der berühmten Wiener Kaffeehäuser verbringen wollen. Einst Treffpunkt der Genies und Revolutionäre, aber auch für solche, die allein unter Menschen sein möchten, haben wir die Auswahl zwischen dem Cafe Central, dem Dommayer, dem Cafe Griensteidl oder dem Herrenhof.
    Kaum können wir die besondere Atmosphäre der Wiener Kaffeehaustradition in uns aufnehmen, drängen die Isabella und der Harald schon wieder zum Aufbruch, gibt es doch noch viel zu bestaunen und zu fotografieren. Und schon geht es eilig weiter zu den öffentlichen Verkehrsmitteln und deren Entstehungsgeschichte. Die von Pferden gezogenen Stellwagen wurden von Pferde- und Dampftramway abgelöst, ehe die "Elektrische", wie die Wiener ihre Straßenbahn liebevoll nennen, die Stadt eroberte. Dazu hören wir noch eine nette Geschichte von der Gans Lili, die diesem Verkehrsmittel ebenfalls sehr zugetan war, und der aufgrund ihrer Treue sogar ein kleines Denkmal gesetzt wurde.
    Die U-Bahn ging in Wien erst 1978 in Betrieb, doch haben sie die Wiener nach dem 10-jährigen Baustellenchaos begeistert angenommen. Bei den Bauarbeiten wurden bedeutende archäologische Funde gemacht. Teile der alten Stadtmauer, mehrere Kapellen, aber auch Reste aus Wiens römischer Vergangenheit wurden entdeckt, und sind teilweise sogar einsehbar. Der Blick in längst vergangene Zeiten soll dem dahineilenden U-Bahnbenutzer im hektischen Alltagsgetriebe einen kurzen Augenblick des Verweilens ermöglichen. Denselben Zweck des Innehaltens und Entschleunigens verfolgt auch die künstlerische Gestaltung der U-Bahnstationen mit Themen wie "Entwicklungsgeschichte der Natur auf Erden", "Entstehung des Universums aus dem Urknall", oder die zauberhafte Darstellung der Attraktionen des Wurstelpraters für Kinder von Susanne Zemrosser, die es sogar ins Buch der Rekorde schaffte.
    Die Autorin will uns aber auch einige "Denkmäler mit Geschichte" nicht vorenthalten, wie das vierstufige Denkmalensemble gegen Krieg und Faschismus, oder das Denkmal der Roten Armee, das durch den Staatsvertrag von 1955 geschützt wird. Die Wiener haben wohl gelernt, es zähneknirschend zu übersehen, und der Volksmund hat es mit seinem ausgeprägten Sinn für schwarzen Humor in "Denkmal des unbekannten Plünderers" umbenannt.
    Als Kuriosität muss man aber auch die Stalin-Gedenktafel betrachten, übrigens die einzige ihrer Art in ganz Mittel- und Westeuropa. Angebracht wurde sie 1949, als Österreich noch von den Alliierten besetzt war, auf Betreiben der KPÖ zu Stalins 70. Geburtstag an jenem Wohnhaus, in dem er 1913 Quartier bezogen hatte. Vor dem 1. Weltkrieg war Wien bei russischen Revolutionären ja ein beliebter Aufenthaltsort. Zu sehen ist die Gedenktafel auch heute noch, weil russische Denkmäler laut Staatsvertrag nicht entfernt werden dürfen.
    Die Wiener haben aber nicht nur einmalige Gedenktafeln, sondern auch Museen, die es nicht in jeder Stadt gibt. Im Kriminalmuseum werden Objekte zu Kriminalfällen aus den letzten 300 Jahren ausgestellt; es informiert über unterschiedliche Hinrichtungsarten, erzählt aber auch humorvolle Geschichten von Heiratsschwindlern und Meisterdieben.
    Das Bestattungsmuseum zeigt neben prunkvollen Leichenwagen und Prunksärgen mit Totenglöckerl zur Rettung von Scheintoten auch den josephinischen "Sparsarg", der immer wieder verwendet werden konnte. Beliebt machte sich der Kaiser bei seinen Wienern damit aber nicht. Dokumentiert werden aber auch jüngste Bestattungsformen wie die Verarbeitung der Asche lieber Verstorbener zu Diamanten. Unbedingt Erwähnung finden soll auch noch ein herrlicher Wiener Ausdruck für die Bediensteten der Bestattungsunternehmen, der "Pompfüneberer".
    Am Ende unserer interessanten Stadtführung steigen wir schließlich in die Unterwelt, um das Wiener Kanalsystem zu erkunden, das Seuchen und Epidemien dauerhaft aus der Stadt verbannte. Dadurch lernen wir auch die Leistungen einer für das moderne Leben unverzichtbaren Berufsgruppe kennen und schätzen.
    Eine Gegenwelt zur imperialen Pracht an der Oberfläche bietet nicht nur das Wiener Kanalsystem, das durch Führungen zugänglich gemacht wird, sondern auch eine Welt, die dem Besucher nicht offen steht, wie Lüftungsschächte, verschiedene Depots und Tiefspeicher (z. B. die der Nationalbibliothek).
    Genauso wichtig wie ein genussreiches Leben ist dem Wiener aber auch ein würdevolles Begräbnis, sprich "a schöne Leich", für die er womöglich ein ganzes Leben lang etwas beiseite gelegt hat. Die Romantik des Todes, die letztlich heiter und versöhnlich mit einem unabänderlichen Schicksal stimmt, mag der Besucher auf ganz besonderen Wiener Friedhöfen kennenlernen, wie dem in St. Marx, wo außer Wolfgang Amadeus Mozart noch viele andere bedeutende Persönlichkeiten und bekannte Familien ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Staunen wird der Besucher wahrscheinlich auch über die vielen, heute nicht mehr existierenden Berufsbezeichnungen.
    Der jüdische Friedhof Seegasse ist der älteste jüdische Friedhof Österreichs mit einem Grabstein aus dem Jahre 1582. Sein Erhalt ist jenen beherzten und engagierten Männern zu verdanken, die die kulturhistorische Bedeutung dieses Ortes rechtzeitig erkannten.
    Der Währinger Jüdische Friedhof ist der letzte Biedermeierfriedhof, der in seinem ursprünglichen Zustand erhalten geblieben ist. Unter den teils überwachsenen Grabsteinen mit kaum entzifferbaren Namen ruhen bedeutende Personen jener "Zweiten Gesellschaft", die im 18. und 19. Jahrhundert ganz wesentlich zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung der Donaumonarchie betrugen. Sein Überleben verdankt der Friedhof der Umwidmung in ein Vogelschutzgebiet während der NS-Zeit, dennoch wurde ein großer Teil der Gräber zerstört. Aufgrund seines Erhaltungszustandes kann er nur im Rahmen von Führungen besichtigt werden.
    Besonders berührt hat mich der Besuch des "Friedhofs der Namenlosen" im Osten Wiens, der alle nicht identifizierten Leichen beherbergt, die von der Donau angeschwemmt wurden, oder Selbstmörder, die keine Beisetzung in geweihter Erde erhalten durften. Der Friedhof, der längst nicht mehr belegt wird, zeigt sich heute liebevoll gepflegt, und wird Dank des sprichwörtlichen "goldenen Wiener Herzens" durchaus nicht "vom Vergessen überwachsen".
    Mein Eindruck
    Mir hat das Buch ganz ausgezeichnet gefallen, führt es doch abseits der großen Touristenströme in ein relativ unbekanntes Wien, ohne dass der Leser etwas vom speziellen Reiz dieser wunderbaren Stadt vermissen würde. In kurzen Kapiteln präsentiert die Autorin ihr umfassendes Wissen auf nur 273 (eBook-) Seiten, und verpackt ihre detaillierten Kenntnisse zudem in einem sehr ansprechenden Stil. Anhand der Überschriften kann sich der Leser an der jeweils behandelten Epoche orientieren, sodass er Kapitel überspringen, vor- und zurückblättern kann, ohne je die Übersicht zu verlieren.
    Was mir besonders gefallen hat, sind die vielen kleinen Einzelheiten in Form von Geschichten und Anekdoten, die immer wieder eingeflochten werden; beeindruckt hat mich aber auch das große Wissen der Autorin über Vergangenheit und Gegenwart dieser Stadt, ohne die sie in ihrem atmosphärischen Reiz und ihrer Eigenart nicht erfasst werden könnte. Isabella Ackerl zeichnet sich aber auch durch ihren Blick für ganz besondere Details aus, wie etwa Relikte aus dem Dritten Reich, die als steinerne Zeitzeugen nicht entfernt wurden, sondern mittels eleganter künstlerischer Lösungen in ihrem ursprünglichen Umfeld erhalten geblieben sind. Objektiv informieren sie heute über ihre Herkunft und der ihnen zugrunde liegenden Ideenwelt.
    Die Bebilderung des lesenswerten Bandes durch Harald Jahn ist ebenfalls ausgezeichnet gelungen, und auch für den eBook-Reader tadellos zu meistern.
    Dass der Leser zu ganz besonderen Stätten, wie etwa dem Kriminalmuseum, dem Wiener Kanalsystem oder uralten Friedhöfen geführt wird, die der durchschnittliche Wienbesucher kaum auf seiner Prioritätenliste führen dürfte, ist ein weiterer Pluspunkt dieses informativen, interessanten und abwechslungsreich gestalteten Buches.
    Wer Wien auf den ausgetretenen Pfaden des Massentourismus bereits erkundet hat, und einmal von einem anderen Blickwinkel aus erleben möchte, wird anhand dieser Lektüre sicher so manche verborgene Schönheit entdecken können.
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Ausgaben von Unbekanntes Wien: Verborgene Schönheit: Schimmernde Pracht

E-Book

Seitenzahl: 256

Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 216

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