Nachtgeschichten

Buch von William Kotzwinkle

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Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Nachtgeschichten

    Der Autor (Quelle: Rowohlt): William Kotzwinkle, geboren 1943, der auch Kriminalromane und Jugendbücher schreibt, erhielt mehrere literarische Auszeichnungen und gehört in Amerika schon lange zu den Bestseller-Autoren. Ein Kritiker schrieb: „Es wäre kein Wunder, wenn ein Kotzwinkle-Kult entstehen würde – stärker als bei Bukowski und Tolkien…“ William Kotzwinkle ist mit der Schriftstellerin Elizabeth Gundy verheiratet.
    Klappentext (Quelle: Rowohlt): William Kotzwinkle ist als vielseitig schillerndes, sprühendes literarisches Talent ausgewiesen… In „Nachtgeschichten“ ein üppiger Fabulierer, der im Stil von Boccaccios „Decamerone“ die erotischen Lustbarkeiten der alten Griechen mit zeitgenössischen Szenen aus der Neuen Welt collagenhaft kontrastiert: Griechenland meets Greenwich Village oder Fellini in der Bronx. Das alles verbindet Menschliches, Allzumenschliches, Eros hier und Sex dort. Den hehren Göttern Hellas stellt Kotzwinkle die Honeys und Puppies aus der 42. Straße gegenüber, den Peep Shows, den Bullen und den Prostituierten um den Central Park, wo sich wieder einmal die Freaks versammelt haben, „Einsame Wanderer, wie wir alle.“ Die Einsamen und die Verlassenen, die nicht gesellschaftsfähig sind, deren gesellige Kontakte sich lediglich aus Unterleibsgeschichten ergeben voller unverbindlicher Flüchtigkeit, haben, wie uns Kotzwinkle vorzeigt, so gar nichts mit dem raffinierten Eros aus dem alten Hellas zu tun – oder?“ (Michael Fischer in „Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt“)
    Amerikanische und deutsche Ausgaben:
    Die amerikanische Originalausgabe erschien 1974 als „Nightbook“ bei Avon Books in New York (159 Seiten), neu aufgelegt u.a. 1980 und 1986 ebenda.Die deutsche Übersetzung von Udo Breger erschien 1978 im Verlag Rogner und Bernhard in München (188 Seiten). Neu aufgelegt im Februar 1982 (und erneut 1984, 1985, 1986, 1988 und 1990) als rororo-Taschenbuch Nr. 4897 im Rowohlt Taschenbuch Verlag in Reinbek bei Hamburg (124 Seiten). Im April 2019 erschien die Breger-Übersetzung erneut bei Rowohlt in Reinbek in der Reihe „Rowohlt Repertoire“ als E-Book und Taschenbuch. Der Roman in Geschichten ist in deutscher Übersetzung auch in dem Sammelband „Der William-Kotzwinkle-Omnibus“ enthalten, der 1993 im Verlag Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins in Hamburg veröffentlicht wurde (912 Seiten). Darin enthalten sind außerdem die Bücher „Fan Man“ (1974), "Schwimmer im dunklen Strom" (1975), "Dr. Ratte" (1976) und „Fata Morgana“ (1977).
    Meine Einschätzung:
    Dieser Roman in Geschichten ist aufgehängt an den Feierlichkeiten im antiken Athen rund um den Tempel der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, die für ein weiteres Jahr der Fruchtbarkeit sorgen sollen. Die schönsten und ehrwürdigsten Damen der Gesellschaft erzählen sich in entspannter, sinnenfroh leicht bekleideter Atmosphäre zur Freude der Göttin erotische Legenden und Anekdoten, was Kotzwinkle in nahezu allen der 26 Kapitel direkt absatzweise (manchmal sogar satzweise) mit jeweils einer erotischen oder zumindest anrüchigen Story aus der Gegenwart verwebt. Der Bezug ist mal eindeutiger, mal etwas diffuser, damit der Leser nicht ermüdet. Alle denkbaren Spiel- und Abarten der Liebe und Körperlichkeit kommen vor. Das ist nicht immer lustvoll, wenn zum Beispiel ein griechischer Geschäftsmann der Antike beschließt, seinen erwachsenen Sohn, dessen Ausschweifungen seine Mitarbeit im Gewerbe des Vaters empfindlich stören, kastrieren zu lassen, auf dass er sich wieder mehr auf die Arbeit konzentrieren könne. Manche sind moralische Herausforderungen, wenn Inzest, Sex mit Tieren oder Leichen, Leib und Leben bedrohende Homophobie, Prostitution, Polizeibrutalität oder Tyrannenmord thematisiert werden. Andererseits gibt es aber auch erheiternde Kapitel wie der bei der Selbstbefriedigung selbst heimlich gefilmte Peep-Show-Besucher oder der Spießrutenlauf mit drohendem Durchfall auf dem Weg zum ersten Date durch den New Yorker Feierabendverkehr.
    Die Sprache ist wenn nötig softpornografisch mit leichtem Schielen zur Hardcore-Erotik, zwar unumwunden, aber nicht allzu Raum greifend. Die direkte, obszöne Wortwahl verhindert jede Verharmlosung oder Verschönerung: Wenn sittliche Grenzen überschritten werden, dann war das auch im Alten Griechenland nicht apart, nur weil es in lyrische Worte gekleidet wurde. Kotzwinkle sagt, wie es ist, und der Leser weiß, woran er ist. Die Gegenüberstellung mit gegenwärtigen Storys über Sittlichkeit, Sexualität und Lustbarkeit, Zwischenmenschlichem und Körperkontakten zeigt, wie wandelbar die Moral ist. Wie wenig das sittliche Empfinden ein festgefügtes Naturgesetz darstellt, teilweise auch: Wie wenig sich über die Jahrtausende geändert hat, obwohl wir doch in aufgeklärten, humanistischen Zeiten leben sollen. Oder Umstände, die einem heutigen Menschen im Antiken Athen seltsam vorkommen und umgekehrt genauso: Sexspielzeug für Kinder (heute hält man dagegen Waffen und Gewalt als Themen von Kinderspielzeug und Kindermedien für vertretbar) oder der heuchlerische Hass auf Homosexuelle, Fummeltrienen und Stricher (wo man sich seinerzeit eben über Sklaven oder die Frauen der im Krieg besiegten Feinde erhob).
    Solche Kapitel wie das zehnte, in dem eine weibliche Schiffskapitänin der Antike mit einer modernen Ehefrau in Kontrast gesetzt wird, die nur kleine Handlangerdienste leisten bzw. hinter ihrem Mann aufwischen darf („eine schöne Frauenarbeit“), wenn er Dinge im Haushalt repariert oder heimwerkert, zeigen, dass es Kotzwinkle mit seinem Buch nicht in vorderster Linie um die Beschreibung hedonistischer Erotik geht. Kotzwinkle ist ein Autor, der sich immer neu erfindet. In seinem an Seltsamkeiten reichen Oeuvre sind seine „Nachtgeschichten“ eine überraschend provokative Kuriosität, ein im swingenden Seventies-Softporn-Stil vor sich hinplätscherndes Decamerone, das Peep Show und Demeter-Tempel verbindet.
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