Silberpfeile
Buch von Walter Kappacher
Titel: Silberpfeile
Walter Kappacher (Autor)
Verlag: Deuticke
Format: Gebundene Ausgabe
Seitenzahl: 223
ISBN: 9783216305466
Termin: August 2000
Aktion
Bewertungen
Silberpfeile wurde insgesamt 2 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 4,3 Sternen.
Rezensionen zum Buch
-
Rezension zu Silberpfeile
- tom leo
-
28. Februar 2013 um 07:35
Original : Deutsch, 2000Weiterlesen
INHALT :
Ein junger Motorsportjournalist entdeckt während einer Italienreise ein Museum über den Rennfahrer Tazzio Nuvolari und beschließt, ein Buch über die deutschen Silberpfeile der dreißiger Jahre zu schreiben. Auf den Fotos taucht immer wieder der Name eines österreichischen Ingenieurs auf: Paul Windisch. Seine Recherchen führen den Ich-Erzähler in ein Seniorenheim in Salzburg, wo der fünfundachtzigjährige Paul Windisch seit einigen Monaten lebt. Dieser wünscht sich, noch einmal in seinem eigenen Haus einen richtigen Kaffee zu trinken. Dort erinnert sich der Chefingenieur an seine Arbeit bei der Auto-Union, die Weltrekordversuche und die letzte Fahrt von Bernd Rosemeyer, einem der berühmtesten Rennfahrer der Vorkriegsjahre.
Schließlich erzählt Windisch, wie er von der Automobilindustrie in das kriegsentscheidende Werk Schlier geriet, das neben einem Konzentrationslager in der Nachbarschaft der Brauerei Zipf lag. In unterirdischen Stollen wurden V2-Raketen entwickelt, bis eine Explosion 1944 die Versuchsreihen stoppte...
Während seiner unsentimental und unbeteiligt geschilderten Reise in die Vergangenheit wird klar, daß der Konstrukteur seine Rolle in der Kriegsindustrie ebenso zu verdrängen versucht wie die Bewohner des Orts. Doch auch für den Journalisten bleibt dieser Ausflug nicht ohne Folgen...
(Kurzbeschreibung bei amazon.de)
BEMERKUNGEN :
Die Jetztzeit des Erzählens kann man auf das Jahr 1986 datieren, dem Jahr der Tschernobylkatastrophe. Ich-Erzähler Andi Mautner ist nahezu 30 Jahre alt, Journalist und lebt seit zwei Jahren mit einer japanisch-amerikanischen Fotografin in deren Bungalow zusammen. Mitsuko aber ist seit Wochen bei ihrem kranken Vater in Oregon und meldet sich nicht. Im äußeren Handlungsrahmen fragt sich so der eher erfolglose Zeitungsartikelschreiber von Grand-Prix-Rennen über die Festigkeit seiner Beziehung mit ihr und seine eigene beruflichen Neuorientierungsmöglichkeiten. Und nach einem kürzlichen Besuch eines Museums des italienischen Rennwagenfahrer Nuvolari will er über die deutschen « Silberpfeile » der 30iger Jahre recherchieren, ein Buch darüber schreiben !
Silberpfeil ist die inoffizielle Bezeichnung der deutschen Grand-Prix-Rennwagen von Mercedes-Benz und Auto Union von 1934 bis 1939. (...) Durch die Erfolge dieser Fahrzeuge im internationalen Automobil-Rennsport, die nicht zuletzt auf der für damalige Verhältnisse überdurchschnittlich professionellen Vorbereitung und Mechanikerarbeit beruhte, wurde der Begriff „Silberpfeil“ zum Mythos. Für immer verbunden mit dieser erfolgreichen Ära sind die Namen Rudolf Caracciola, Bernd Rosemeyer, Tazio Nuvolari. Hermann Lang fuhr sowohl vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg für die Mercedes-Benz den Großen Preis von Deutschland. (http://de.wikipedia.org/wiki/Silberpfeil )
Er findet die Adresse von Paul Windisch, der an diesen Wagen mitgebaut hat. In den Besuchen bei ihm und in seinem Altersheim wird dieser zum Ich-Erzähler jener Epoche: die Geschwindigkeitsrekorde in den 30iger Jahren in immer weiter entwickelteren Autos; das Leben einiger markanter Figuren, wie z.B. der erfolgreiche Bernd Rosemeyer, der im Übrigen beim Einstellen eines Weltrekordes ums Leben kommen wird oder von Senior Dr Porsche. Etc.
Doch Windisch kommt wie von selbst nebst diesen teils sehr technischen und leidenschaftlichen Beschreibungen jener Rennwagenperiode (man unterscheidet gut, dass Kappacher selber ein leidenschaftlicher Motorenspezialist ist! Siehe Bio!) auf die Folgezeit zu sprechen, in der er – wie so viele andere Spezialisten in allen möglichen Bereichen der Entwicklung und Forschung – in der Rüstungsindustrie eingesetzt wurde. So landete er im Werke Schlier (siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Nebenlager_Redl-Zipf und weitere), wo er an der Entwicklung von Triebwerken und Flüssigsauerstoff beteiligt ist, die bei den geplanten Großraketen zum Einsatz kommen sollten (siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Vergeltungswaffe ).
Diese ganzen Erzählstränge sind eng eingeflochten in historische Ereignisse: zitierte Namen, Ereignisse, Gegenstände können ohne Weiteres nachgeschlagen, -gegoogelt werden. Was für eine Versuchung für den forschenden Wissenschaftler oder Ingenieur! Und darin sehe ich dann auch – neben der einen Persönlichkeit Paul Windischs als Brückenfigur – ein Thema, dass diese beiden Themen (Motorsport und Rüstungsindustire) seltsam verbindet. Man trifft hier auf leidenschaftliche Menschen, die sich zunächst für technische Probleme und die Lösungen interessieren. Lesbar wäre der Roman durchaus unter diesem Gesichtspunkt, und der technisch Interessierte findet bei Kappacher eine Fülle an Einzelheiten, die den Laien nahezu überfordern.
Doch es handelt sich eben nicht nur um rein technische Herausforderungen! Auch die Geschwindigkeitsrekorde, auch die Erfolge in den 30iger Jahren im Automobilsport wurden eingebunden in die Nazi-Propaganda! Und tatsächlich waren Rennfahrer die „neuen Helden“ der Nation, wurden gefeiert wie ehemals die Mythengestalten der deutschen Legenden! Sie waren ja, wie auch die Hauptforscher, mehr oder weniger obligatorisch Mitglieder der Partei oder gar der SS!
So kommt es zur Instrumentalisierung der Freude am Motorsport durch die Nazis und, insbesondere ab Anfang der 40iger, immer mehr zur systematischen Einbeziehung von Fachmännern in die technischen Entwicklungen von Waffen und Rüstungsmaterial. Wie versuchend muss es gewesen sein (und ist es das nicht auch noch heute???), in diesen Bereichen die finanzielle Unterstützung zu haben und forschen zu können, was das Herz begehrt?
Im Übrigen geht der Ich-Erzähler Paul Windisch auch auf die entfernten Kollegen von Peenemünde ein: ein gewisser Werner von Braun und Kollegen wurden nach dem Krieg in aller Schnelle von den Amerikaner eingeheimst. Ohne sie wäre die Landung der Amerikaner auf dem Mond wohl nicht möglich gewesen?!
In diesem Kontext hieß es dann im Werke Schlier und den Versuchsreihen an den Triebwerken „Augen zu!“ angesichts der Einbeziehung von KZ-Insassen und deren Tod... Dies treibt den alternden Ingenieur um und sollte auch uns Fragen stellen.
Was ich hier relativ chronisch darstelle ist doch viel „springender“ erzählt: zwischen der Jetztzeit der Rahmenzeit 1986 und den Erzählungen in der Ich-Form von Windisch. Man könnte durchaus als Nicht-Rennsportinteressierter sagen, dass die technischen Beschreibungen insbesondere im ersten Hauptthema (den Siberpfeilen) etwas zu ausführlich und genau sind. Dennoch ist genau das ja eingebunden in das mögliche Vergessen anderer Aspekte?!
Insgesamt gesehen ist der Roman Kappachers aber eine erneute ansprechende Herausforderung, eine Hommage an verschiedene Gestalten aus den 30iger Jahren, aber auch vor allem der unbenannten Opfer.
Entdecken!
AUTOR:
Walter Kappacher, geboren 1938 in Salzburg, verließ mit 15 Jahren die Schule und war in verschiedenen Berufen tätig (Lehr- und Gesellenjahre als Motorradmechaniker; nach dem Militärdienst Interesse fürs Theater; Reisebüro-Kaufmann), 1964 Beginn der literarischen Tätigkeit, seit 1967 Veröffentlichungen, seit 1978 freiberuflicher Schriftsteller. Lebt in Obertrum bei Salzburg. Mitglied des Österreichischen PEN-Zentrums. Seit 2004 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, seit 2009 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, Hermann-Lenz-Preis 2004, Georg-Büchner-Preis 2009. Bei Deuticke erschienen zuletzt Selina (2005), Der lange Brief (überarbeitete Neuauflage 2007) und Rosina (Erzählung, NA). (Quelle: Hanser-Verlag)
Hier im BT wurden schon mehrere Bücher des Autors besprochen :
https://www.buechertreff.de/rezensionen/ue…her-index1.html
Produktinformation
Gebundene Ausgabe: 223 Seiten
Verlag: Deuticke; Auflage: 2 (4. August 2000)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3216305465
ISBN-13: 978-3216305466
Ausgaben von Silberpfeile
Besitzer des Buches 1
Update: 28. März 2018 um 02:06




