Das Tränenhaus. Mit einem Nachwort von Annette Seemann
Buch von Gabriele Reuter, Annette Seemann
Titel: Das Tränenhaus. Mit einem Nachwort vo...
Gabriele Reuter (Autor) , Annette Seemann (Nachwort)
Verlag: Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag
Format: Gebundene Ausgabe
Seitenzahl: 204
ISBN: 9783150115787
Termin: Neuerscheinung März 2026
Aktion
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Kurzmeinung
Emma Winter Einblick in das Wilhelminische Zeitalter aus Sicht einer ledigen Schwangeren aus dem Jahr 1908. Überraschend humorvoll.
Zusammenfassung
Inhaltsangabe zu Das Tränenhaus. Mit einem Nachwort von Annette Seemann
Ein Plädoyer für weibliche Solidarität Abseits der Blicke der Außenwelt, draußen in der schwäbischen Provinz, führt eine patente Hebamme ein Frauenheim. Wer diskret ein Kind zur Welt bringen will, findet hier Unterschlupf. Auch die Schriftstellerin Cornelie Reimann zieht sich hierhin zurück. Nur zeigt die Fassade bald Risse, rohe Schikanen nehmen ihren Lauf – und Cornelie erkennt den hohen Preis ihres Wunsches, eine selbstbestimmte Mutter zu sein. Das Tränenhaus wurde bei Erscheinen 1908 zum Skandal und eröffnet heute eine einzigartige Perspektive auf die Ursprünge des Umgangs mit weiblicher Selbstermächtigung. »Dieses Grundbuch der frühen Frauenbewegung von 1896 kann man ohne Weiteres neben Fontane stellen.« Tilman Krause über Aus guter Familie
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Bewertungen
Das Tränenhaus. Mit einem Nachwort von Annette Seemann wurde insgesamt 4 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 3,9 Sternen.
Meinungen
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Einblick in das Wilhelminische Zeitalter aus Sicht einer ledigen Schwangeren aus dem Jahr 1908. Überraschend humorvoll.
Rezensionen zum Buch
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Rezension zu Das Tränenhaus. Mit einem Nachwort von Annette Seemann
- Sagota
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3. Mai 2026 um 22:38
"Das Tränenhaus" von Gabriele Reuter erschien erstmals 1909 und ist ein vom Reclam-Verlag wiederentdeckter Roman einer Autorin, die um die Jahrhundertwende sogar in ihrer Auflagenstärke bei der Erstveröffentlichung Theodor Fontane (Effie Briest, zeitgleich erschienen) übertroffen hat und eine vielgelesene Autorin ihrer Zeit war, jedoch schon lange in Vergessenheit geriet. Ich denke, man kann den Roman zu einem der Vorläufer feministischer Frauenliteratur zählen, der auch heute lesenswert ist.Weiterlesen
Die schwangere Schriftstellerin Cornelie Reimann (ein Alter ego von Gabriele Reuter) kommt in die Herberge der älteren Hebamme Frau Uffenbach, die damit Geld verdient, unverheirateten schwangeren Frauen in Schopfingen, Württemberg, Zimmer und Unterkunft zu vermieten. "Das Annerle", bereits zum 2. Male dort, kann den Kindsvater nicht heiraten, da der Mann jüdisch ist, ihr Vater jedoch Kaplan. Toni, eine blasse 17Jährige, ist an einen Abenteurer geraten, Mari, deren Kind kurz nach der Geburt verstirbt, ist aus dem Bayrischen und zwei weitere junge Frauen suchen "das Tränenhaus" auf, von denen eine so krank ist, dass sie noch vor der Geburt des Kindes verstirbt. "Die Uffenbacher" führt ein strenges Regiment und nachdem sie wieder einmal laut und polternd die Mädchen anschrie und beleidigte, sucht Cornelie das Gespräch mit ihr: So etwas wird Cornelie zukünftig nicht mehr dulden und falls dies wieder vorkommt, erwägt sie, dass sie für sich und alle anderen Mädchen im Hause der Uffenbacherin eine neue Herberge sucht. Da Cornelie aus eher intellektuellen Kreisen stammt, aus dem Ausland ständig Post erhält und die Hebamme (bei diesem Amt sehr sanft und einfühlsam) hier einlenken muss, ist das Zusammenleben fortan besser: Cornelie isst mit den anderen zusammen und die Gemeinschaft wächst zusammen, bis eine jede ihren Weg fortsetzt, nachdem ihr Kind geboren wurde.
Meine Meinung:
Diesen Roman sollte man unter dem Eindruck lesen, dass er 1909 erstmals erschien. Die Sprache ist etwas sperrig zu lesen und teils antiquiert, aber zeitgemäß; mehr forderte mich die depressive Stimmung von Cornelie, der Hauptprotagonistin dieses Romans, die lange erhalten bleibt. Dem Kindsvater möchte sie schwanger nicht unter die Augen treten und hegt eher Abneigung gegen ihn; aber auch die Suche nach einem selbstbestimnten Leben ist dieser Frau schon früh herauszulesen. Die Dialoge sind teils im Württembergischen behaftet und "Dischkretion" wird ganz groß geschrieben: Es war für Familien das gesellschaftliche Aus, wenn ein junges Mädchen schwanger wurde, das nicht verheiratet war - genau dagegen lehnt dieser Roman sich (zurecht) auf; allerdings wird der jeweilige Kindsvater immer geschont - auch bei den Frauen selbst, die dadurch jedoch auch zu einer großen Stärke fanden und teils ihr Kind alleine aufzogen. Im Falle der jungen Frau, die durch ihre Krankheit im späten Schwangerschaftsstadium verstarb, kam nach deren Tod der Bruder, um sich der Diskretion zu versichern, dass seine Schwester "in der Schweiz durch einen Unfall in den Bergen verstorben sei". Hier wird auch die Verlogenheit besonders höherer Gesellschaftsschichten aufs Korn genommen.
Humor entwickelt der Roman durch die Figuren der dicken Bäckerin und dem Bäck, die sich ihre Schulden persönlich bei der Uffenbacherin "abholen": Sie quartieren sich eine Weile ein und es gibt jeden Tag ein Festessen, bis die Schulden kleiner wurden oder beglichen werden konnten.
Die Deprimiertheit von Cornelie (auch durch das Zwischenmenschliche, den Zusammenhalt der jungen Frauen) weicht langsam, aber stetig einem Gefühl der Vorfreude auf das Kind, das sie ganz am Anfang auch hatte und sie kann alles Dunkel hinter sich lassen, als sie ihr Kind in den Armen hält (und wenig später abreist). Die Abschiedsszene mit Dr. Schwärzele und Ehefrau, die Cornelie ins Herz geschlossen hatten und all' die anderen ist sehr gelungen; das kurze Zusammentreffen mit dem Kindsvater fand ich enttäuschend kurz. Das Nachwort von Annette Seemann ist äußerst aufschlussreich und auch die Zeittafel der Autorin (1859 - 1941) ist eine große Hilfe, den Roman in seiner Zeitform zu verstehen.
Fazit:
Ein durchaus lesenswerter Roman, zu seiner Zeit provokant, der mit einer zeitgemäßen Sprache aufwartet und als Vorläufer der feministischen Literatur zählen kann. Die Hauptthemen sind Mutterschaft, weibliche Solidarität, Emanzipation und Selbstbestimmung - auch in prekären Lebenssituationen. Gewisse Parallelen zum Leben der Autorin Gabriele Reuter selbst sind sicher nicht von der Hand zu weisen, die eine Figur wie Cornelie Reimann erfand, um ein Vorbild für andere zu schaffen. Von einer Frau, die auf sanfte, kluge und unbeugsame Weise den Weg und die Entwicklung einer schwangeren Frau aufzeigt, die trotz allem willens ist, aus ihrem Leben dennoch das Beste zu machen. Erschwert hat mir das Lesevergnügen ein wenig die antiquierte Sprache, die den Text etwas sperrig machte. Dennoch werde ich mir das andere Werk der Autorin (Aus guter Familie) aus der Reclam-Reihe gerne näher ansehen. 3,5* -
Rezension zu Das Tränenhaus. Mit einem Nachwort von Annette Seemann
- AerdnaLiest
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31. März 2026 um 22:30
Ausgesprochen faszinierend zu lesen: intensiv, tiefgehend, psychologisch relevant.Ein wunderbares Buch; heute so aktuell, wie damals. Fast ist es erschreckend, dass es nahezu nichts an Bedeutung eingebüßt hat.Weiterlesen
„Corneliens“ Erleben rührt mich sehr an; sie ist diese Art von Frau, mit der ich mich absolut identifiziere. Ein bunter, weiter Kopf - sehr intelligent, aber auch sehr sensitiv - in einer grauen, engen Welt.
Die Beobachtungen von Gabriele Reuter sind so intensiv, tiefgehend und psychologisch relevant. Zart, stark, oft erhellend metaisierend, doch auch in einer wunderschönen poetischen Sprache, in ihrer Bildhaftigkeit unheimlich klar, feinfühlig-pointiert. Ein sehr besonderer Stil.
Für mich war das ausgesprochen faszinierend zu lesen.
In meiner, wohl wenig hinterfragten, Wahrnehmung waren Zeiträume vor hundert, zweihundert, dreihundert Jahren in Fragen der Persönlichkeitsentwicklung gleichgesetzt quasi mit der Steinzeit (vielleicht waren die in ihrer Sozialisierung sogar auf andere Weise weiter, als wir heute).
„Das Tränenhaus“ zeigt eindrücklich auf, wie sehr unsere heutigen Themen auch Menschen, Frauen, zu dieser Zeit schon auf eben jene Weise begleitet haben und wie differenziert und bewusst die Auseinandersetzung mit entsprechenden Fragen doch durchaus bereits war.
Dass es immer schon diese einzelnen bunten Köpfe gab. Die, die viel fühlen, viel sehen, viel hören; die, die Bestehendes hinterfragen.
Gabriele Reuter gehörte offensichtlich zu dieser Riege von Frauen, die ihrer Zeit voraus sind, Systemsprenger, die notwendige gesellschaftliche Veränderungen mutig und klar in die Welt bringen und die Gefahr des Skandals in Kauf nehmen. Die nicht still bleiben. Doch eine besondere Art von Widerstand, von Rebellion leisten, indem sie das Getöse mitzumachen verweigern, ihre Stimme nur da erheben - reflektiert, klar, standhaft, in unumstößlicher Ruhe - wo es darauf ankommt. Und damit oft mehr bewegen, als jedes laute Gebrüll. Und so am Ende überzeugen und mitnehmen.
Die Figur der Cornelie hat mich absolut gefesselt und fasziniert. Sie ist von Beginn an eine als tief wahrnehmend und selbstbewusst geschilderte Persönlichkeit, doch ihre Transformation aus dem verletzten Sich-Abgrenzen in eine solidarisch-fürsorgende, kraftvolle und vertrauensvolle Frau in gesunder Homöostase, liest sich berührend und beeindruckend.
Ihre zudem sehr körper- und wahrnehmungsbetonte Sprache erzeugt Momente der Achtsamkeit in der Herangehensweise, in ihrer Betrachtung ihrer, der Situation der Frau generell, deren gesellschaftlicher Position und Verstrickungen.
Sehr interessant und ansprechend sind für mich auch die Zeittafel und die historische Einordnung, in Form eines Nachwortes, am Ende des Buches. Hier wird noch einmal deutlich, dass das beim Lesen aufkommende Gefühl einer Verbindung zu feministischen Bewegungen, eines möglicherweise autobiografischen Kontextes, und der Bedarf nach Solidarität, insbesondere auch unter Frauen, zentrale Bedeutung haben - die wir ohne Weiteres heute übernehmen können.
Eine äußerst gelungene Abrundung, finde ich, die neugierig macht und Lust auf mehr. Die gewissermaßen den Forscherdrang weckt. Die Lust, zu denken, zu gestalten, zu formen. Sich zu verbünden für ein gutes Leben. Für alle, nicht Einzelne.
Dass Reclam genau diese Sparte vergangener Literatur heute wieder aufgreift freut mich sehr, passt historisch gesehen gut und setzt ein Statement, das dann auch noch in einem wunderschönen, ansprechenden Gewand daherkommt und die besonders Sinn-betonte Erfahrungswelt des Buches äußerlich durch eine sehr besondere Haptik einleitet. Mich hat das sofort gepackt. -
Rezension zu Das Tränenhaus. Mit einem Nachwort von Annette Seemann
- Emma Winter
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24. März 2026 um 21:07
Die "verfluchte Hütte" in der schwäbischen ProvinzWeiterlesen
Cornelie Reimann ist Schriftstellerin, erfolgreich, alleinstehend - und schwanger. Was an sich überhaupt nicht so tragisch wäre, wenn wir nicht das Jahr 1908 schreiben würden. In seiner Klassikerinnen-Reihe hat Reclam erneut einen Roman von Gabriele Reuter neu aufgelegt. Nachdem mir "Aus guter Familie" sehr gut gefallen hatte, war ich auf dieses Buch sehr gespannt.
Wiederum steht das Schicksal einer Frau in der Wilhelminischen Zeit im Mittelpunkt. Cornelie will ihr Kind zur Welt bringen, ohne den Vater. Als unverheiratete Frau bleibt ihr nur die Verschwiegenheit eines "Geburtshauses", das sich auf solche Niederkünfte spezialisiert hat. Cornelie zieht sich in die schwäbische Provinz zurück und kommt in der "Villa" der Hebamme Uffenbacher unter. Von einer "Villa" könnte dieses Haus jedoch nicht weiter entfernt sein. Zunächst bleibt die Schriftstellerin für sich, läßt sich ihr Essen aufs Zimmer bringen und meidet den Kontakt zu den anderen schwangeren Frauen. Jede Bewohnerin hat ihr eigenes Drama, ihre eigene Tragödie erlebt oder wird sie noch erleben, nicht umsonst wird die "Villa" Uffenbacher das Tränenhaus genannt. Die bunte Mischung der Bewohnerinnen und ihre jeweiligen Schicksale und ihre (zumindest bei einigen) Verzweiflung sorgen dafür, dass Cornelie sich ihnen verbunden fühlt und Partei für sie ergreift. Aufgrund ihrer Herkunft hat die Schriftstellerin ein anderes Auftreten und einen anderen Stand gegenüber der Anstaltsleiterin.
Obwohl die Geschichten der einzelnen Frauen und wie sie in ihre aktuelle Lage geraten sind, wütend machen, hat der Roman viele humorvolle Stellen. Das liegt besonders an der Figur der Frau Uffenbacher, die so unfassbar unsympathisch, berechnend, grobschlächtig und kriecherisch daherkommt und das alles noch im feinsten schwäbischen Dialekt. Trotz der etwas altmodischen Sprache liest sich der Roman nach kurzer Zeit ganz frisch, er unterhält und liefert ein Bild von der Unterdrückung der Frau in der damaligen Zeit. Er zeigt aber auch die Aufbruchsstimmung, die sich in der Figur der Cornelie findet. Gabriele Reuter wusste, wovon sie schrieb, denn in weiten Teilen ist es ihr eigenes Leben, dem wir auf 181 Seiten folgen. Die unverheiratete Reuter brachte ihre Tochter in einem Geburtshaus zur Welt, den Kindsvater nannte sie nicht. Statt die Tochter diskret bei einer Pflegemutter unterzubringen, lebte sie mit ihr zusammen.
Das Nachwort von Annette Seemann informiert über die Entstehungsgeschichte des Romans und die Autorin.
Ein Roman, den ich sehr gerne gelesen habe und der es absolut verdient hat, durch die Klassikerinnen-Reihe von vielen neu entdeckt zu werden.
Ausgaben von Das Tränenhaus. Mit einem Nachwort von Annette Seemann
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Update: 3. Mai 2026 um 22:38




