Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten: Die Entdeckung einer großen literarisc
Buch von Anna Maschik
Titel: Wenn du es heimlich machen willst, mu...
Anna Maschik (Autor)
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Format: Gebundene Ausgabe
Seitenzahl: 240
ISBN: 9783630878140
Termin: Neuerscheinung September 2025
Aktion
-
Kurzmeinung
kleine_hexe Wiederholungen ziehen sich durch das Buch, als Stilmittel und als Wegweiser -
Kurzmeinung
Abroxas Starke Bilder in fein ziselierter Sprache. Allein, ich hätte mir ein Epos aus diesem Stoff gewünscht.
Zusammenfassung
Inhaltsangabe zu Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten: Die Entdeckung einer großen literarisc
Was verbindet uns mit denen, die vor uns kamen? Mit einem heimlich geschlachteten Schaf beginnt der Blick in die Innereien einer Familie. Hier rührt die Urgroßmutter das Blut für die Würste, der Großonkel schläft fünfzehn Jahre lang, und die Großmutter stiehlt nachts die Ziegel vom Dach. Am Ende steht die Urenkelin Alma und fügt die Einzelteile der Familiengeschichte zusammen: vom kargen Alltag auf einem Bauernhof an der Nordsee über den Krieg und den Neuanfang fern der Heimat bis in die Gegenwart, in der die Großmutter ins Heim muss und Alma versteht, dass sie das letzte Glied in der familiären Kette ist. In kurzen, virtuos verdichteten Passagen entfaltet Anna Maschik einen ganzen Kosmos – die Familie als ein großer Resonanzkörper, in dem die Prägungen widerhallen über die Generationen hinweg. Es ist eine Geschichte von bevorzugten Geschwistern, vom Scheitern am Schlaf und an der Sprache, von der Verwandlung in ein Möbel, einen Wolf, einen Zitronenbaum. Lakonisch und voll schwebender Magie erzählt sie davon, was Vorbestimmung ist und ob man ihr entkommen kann.
Weiterlesen
Bewertungen
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten: Die Entdeckung einer großen literarisc wurde insgesamt 6 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 3,9 Sternen.
Meinungen
-
Wiederholungen ziehen sich durch das Buch, als Stilmittel und als Wegweiser
-
Starke Bilder in fein ziselierter Sprache. Allein, ich hätte mir ein Epos aus diesem Stoff gewünscht.
Rezensionen zum Buch
-
Rezension zu Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten: Die Entdeckung einer großen literarisc
- K.-G. Beck-Ewe
-
25. September 2025 um 22:52
In der Waschküche eines Bauernhofs an der Nordsee setzt sich Henrike zu einem Schaf, dass sie dort hinein geführt hat und drückt ihm ein Bolzenschußgerät auf die Stirn. Und dann macht sie sich an die lange und mühsame Arbeit des Zerlegens des Tieres, wobei kein Bißchen verschwendet werden soll. Und wie man teils immer noch aus den Gedärmen eines Tieres versucht hat, die Zukunft vorherzusehen, beginnt in diesem Fall mit dem Blick in die Gedärme – und mit der Erinnerung an einen Kaiserschnitt, durch den die Ich-Erzählerin Alma auf die Welt gekommen ist – eine Reise durch die Vergangenheit, angefangen bei der Urgroßmutter Henrike durch die Wirren zweier Weltkriege und deren Auswirkungen auf das Leben auf dem Lande, wo auf einmal die Männer gehen um für das Vaterland zu kämpfen – und beileibe nicht alle wieder zurückkommen. Und die, die zurückkommen manchmal eine größere Belastung darstellen, als ihre Abwesenheit es gewesen wäre. Und es ist auch eine Geschichte vom Fortgehen und Zurückkommen – und der Unmöglichkeit jemals wirklich ganz zurückzukommen.Weiterlesen
Erzählt wird das Ganze in einer seltsamen und emotional ein wenig distanziert wirkenden Form von Sachlichkeit, in kurzen Kapiteln und manchmal auch einfach nur in Listen, was gleichfalls emotional sehr zurückgenommen wirkt und gerade deswegen aber eine ziemlich heftige Wirkung bei den Lesenden erzeugen kann. Das gilt auch – oder gerade – auch für Beschreibungen von so simpel wirkenden Dingen, wie der Heumahd oder dem Schlachten eines Schafs, dem Anlegen unterschiedlicher Arten von Gärten, dem Durchführen einer Abtreibung oder einer Leichenwäsche und anderen Dingen.
Gegen Ende gleitet die Erzählung mehr und mehr in den Bereich des magischen Realismus hinüber, was zu einer abschließenden – eventuell ein wenig verstörenden – Sequenz führt, die das Titelbild noch einmal sehr ins Bewusstsein bringt. Eine etwas andere Leseerfahrung. -
Rezension zu Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten: Die Entdeckung einer großen literarisc
- kleine_hexe
-
30. August 2025 um 11:29
Dat du min Leevsten büstWeiterlesen
Den trockenen Humor Anna Maschiks muss man erst mal bringen, begreifen und auf der Zunge zergehen lassen. Einen Absatz im gleichen Wortlaut wiederholen und nur der erste und der letzte, kürzeste Satz ist leicht geändert. Welch ein Unterschied!
Dabei sagt sie Unsägliches, wie Leben in einer Diktatur oder wie der Krieg auf die Daheim gebliebenen wirkt. Wenn alles plötzlich für kriegswichtig erklärt wird, muss man ein Schaf heimlich schlachten, um die Familie zu ernähren.
Mein Urgroßvater hatte damals, in Siebenbürgen, einen Weinberg. Als die Wehrmacht ins Dorf einmarschierte, wurde der Wein plötzlich auch für kriegswichtig erklärt. Die Soldaten machten im Herbst die Weinlese, kelterten den Wein und füllten ihn in Fässern ab, die auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Pferde, Rinder, die Weizenernte, alles war kriegswichtig und verschwand. Nur die Offiziere und Soldaten die unentgeltlich bei den Dorfbewohner einquartiert waren, blieben bis der Befehl zum Abzug kam. Da war nichts mit heimlich schlachten, die Besatzer wohnten ja mit im Haus. Also ja, ich kann Henrike gut verstehen, die in der verhangenen Waschküche das Schaf heimlich schlachten muss. Oder wieso dem Metzger der Prozess gemacht wird, weil er einen Schweinehuf zu viel bei einer Überprüfung hatte. Das gab es im Dorf meines Urgroßvaters auch.
Mit ganz wenigen Worten und 21 Wiederholungen stellt Anna Maschik das Drama einer Mutter dar, die um ihren schlafenden Sohn bangt und die Tochter dabei vernachlässigt. Zum Glück hat Hilde noch den Vater, der versucht, die Kälte der Mutter wettzumachen. Als der schlafende Sohn nach 16 Jahren aufwacht, lebt auch die Mutter auf. “An diesem Tag ist nicht nur Benedikt erwacht, sondern Henrike mit ihm. Georg verzeiht ihr nicht, dass sie nicht auch für Hilde erwachen konnte.” (S. 56) Dieser letzte Satz macht das ganze Drama dieser Familie offensichtlich.
Als der Krieg nun endgültig ins Land kommt und die Flieger über das Dorf hinwegfliegen, wendet Maschik wieder das Stilmittel der Wiederholung an: Vier Absätze beginnen mit dem gleichen Satz: “Als die Flieger kommen, ist…” und die Position und Haltung der Mitglieder dieser Familie wird beschrieben: Hilde, die Mutter ist bei den Schafen im Stall, ihr erster Gedanke ist, wie gut, dass die Vorratskammern gefüllt sind, weil auch dieser Krieg länger dauern wird. Sie hat kein Vertrauen in Kriege, den ersten hat sie noch nicht richtig verwunden. Georg, ihr Mann, ist mit dem Pflug auf dem Feld. “Es wäre besser, denkt er, wenn sein Sohn noch nicht aufgewacht wäre” (S. 72). Denn der Sohn hängt braunem Gedankengut nach. Benedikt selbst ist beim Schuster im Dorf. “Er denkt, das wurde aber auch Zeit”. (S. 73) Allein Hilde ist auf einer Brücke über dem Bach. Das ist bezeichnend. Brücken sind eine Verbindung zwischen Wegen, zwischen hier und dort, zwischen morgen und gestern. Hilde weiß nicht, was Krieg bedeutet, Sie lacht mit der ganzen Unschuld eines unwissenden Kindes. Danach, als der Krieg sich jahrelang hinzieht und immer mehr Opfer fordert, wird sie den Krieg in all seiner Bitterkeit kennenlernen. Vater und Bruder werden eingezogen, ihr Verlobter, ein österreichischer Soldat, muss auch an die Ostfront.
Die Geschichte wiederholt sich einigermaßen. Hilde hat mit Konrad zuerst einen Sohn, Wolfgang, der die ersten Jahre Vaterlos aufwächst, nach Konrads Heimkehr zieht die junge Familie nach Österreich, zu seiner Familie. Wolfgang wird von der Großmutter geliebt und aufgezogen, die Mutter muss im Betrieb des Vaters mithelfen, der Vater kann keine richtige Beziehung zum Kind aufbauen. Erst das zweite Kind, David, wird von den Eltern mit Liebe überschüttet und Wolfgang weiter an den Rand gedrängt. Und wieder wird die Wiederholung zum Stilmittel der Wahl, an Davids Bett singt die Mutter immer ein und dasselbe Lied, für Wolfgang sind keine Lieder übrig. Wolfgang versteht das nicht und lässt seinen Frust an David aus, während David aus einer anderen Perspektive sieht: “Er fragt sich, was Wolfgang falsch gemacht hat, und nimmt ihm übel, dass er die Eltern ganz allein glücklich machen muss.” (S. 145)
Egal wo die Familie ist, ob im hohen Norden, an der See oder in Österreich, jedes Mal kommt die Hebamme Anna zu den Geburten und Nora, um die Toten zu begleiten. Und die schon Vorausgegangenen, die Verstorbenen kommen um die Sterbenden abzuholen, ihnen den Weg zu weisen. Dies ist auch so eine Art Wiederholung, die sich durch das Buch zieht und auf die Kontinuität der Familie hinweist. Als Hilde an der Reihe ist, steht Nora schon da, hinter ihr stehen Henrike, Georg, Benedikt und Konrad. Genauso auch bei Miriams Tod, der Mutter der Ich-Erzählerin. Es kommen Henrike, Georg, Benedikt, Ludwig, Maria, Ludwig, Hilde, Wolfgang, David. Zuletzt kommen Anna, die Hebamme und Nora, die freundliche Todesbotin. Das ist die letzte Wiederholung im Roman, sie schließt und rundet die Geschichte ab. Es liegt nun an Miriams Tochter, die Geschichte fortzusetzen, mit den Wiederholungen und der Gewissheit, die Vorangegangenen sind in irgendeiner Form immer noch dabei. -
Rezension zu Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten: Die Entdeckung einer großen literarisc
- Buchdoktor
-
29. Juli 2025 um 08:52
erscheint am 10.9.Weiterlesen
Klappentext/Verlagstext
Mit einem heimlich geschlachteten Schaf beginnt der Blick in die Innereien einer Familie. Hier rührt die Urgroßmutter das Blut für die Würste, der Großonkel schläft fünfzehn Jahre lang, und die Großmutter stiehlt nachts die Ziegel vom Dach. Am Ende steht die Urenkelin Alma und fügt die Einzelteile der Familiengeschichte zusammen: vom kargen Alltag auf einem Bauernhof an der Nordsee über den Krieg und den Neuanfang fern der Heimat bis in die Gegenwart, in der die Großmutter ins Heim muss und Alma versteht, dass sie das letzte Glied in der familiären Kette ist.
In kurzen, virtuos verdichteten Passagen entfaltet Anna Maschik einen ganzen Kosmos – die Familie als ein großer Resonanzkörper, in dem die Prägungen widerhallen über die Generationen hinweg. Es ist eine Geschichte von bevorzugten Geschwistern, vom Scheitern am Schlaf und an der Sprache, von der Verwandlung in ein Möbel, einen Wolf, einen Zitronenbaum. Lakonisch und voll schwebender Magie erzählt sie davon, was Vorbestimmung ist und ob man ihr entkommen kann.
Die Autorin
Anna Maschik, 1995 in Wien geboren, studierte Sprachkunst/Literarisches Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien und Leipzig. Sie arbeitete als Produktionsleitung eines Theaterfestivals und unterrichtet Deutsch und Spanisch an einem Wiener Gymnasium. Sie hat Kurzprosa und Lyrik in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. »Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten« ist ihr erster Roman.
Inhalt
Bäuerin Henrike, die Urgroßmutter der Icherzählerin Alma, muss seit dem Tod ihrer Mutter allein mit Hof und Haushalt klarkommen. Schon als Kind lernte sie alle Arbeiten einschließlich Schlachten und Wursten von ihrer Mutter, um die Verantwortung für den Haushalt übernehmen zu können, falls die Mutter starb. Das Hereinholen eines verängstigten Schlachttiers auf den Hof war offenbar Männerarbeit. So schlachtet sie vorsichtshalber nur ein Schaf, allein; denn ihr Mann Georg ist mit knapp 40 Jahren noch an die Westfront des Ersten Weltkriegs eingezogen worden. Beim illegalen Schlachten während der Kriegsbewirtschaftung darf die Bäuerin sich nicht erwischen lassen.
Georg wurde zwar als Arbeitskraft auf dem Hof benötigt, war jedoch nicht zum Bauern geboren und wird später Verständnis zeigen, dass es seine Kinder aus dem Dorf in die Ferne zieht. Sohn Benedikt öffnete erst als 15-Jähriger die Augen, sprudelt dann jedoch vor Ideen über, was er auf dem Hof anpacken will und welche Unterstützung er sich dabei von der „neuen Partei“ erhofft. Die zupackende und kommunikationsfreudige Tochter Hilde weiß früh, dass sie keine Bäuerin werden will und nutzt die erstbeste Gelegenheit, mit dem Soldaten Konrad in die Ferne zu ziehen. Ihre Söhne werden zukünftig nicht mehr allein danach bewertet, ob sie die frühe Kindheit überleben. In der Sippe wird es von nun an ersehnte und abgelehnte Kinder geben, angezweifelte Vaterschaften, einander durch den Krieg entfremdete Paare, Eltern, die über den Krieg schweigen, und einen erschreckenden Mangel an Empathie.
Neben der Familiengeschichte im historischen Kontext ist auch der Strukturwandel in der Landwirtschaft Thema, sowie Umbrüche in Dorfgemeinschaften, die sich hier an Hebamme und Bestatterin festmachen lassen – und schließlich die Rolle der Zitronen im Dorfleben erklären …
Die offensichtlichen Lücken zwischen den Familienanekdoten zeigt Anna Maschik durch eine verknappte Sprache, die Raum für eigene Gedanken ihrer Leser:innen lässt, aber auch im Schriftbild von jeweils zwei gegenüberliegenden Buchseiten. Es gibt vielsagend leere Seiten, Gegenüberstellungen zweier Perspektiven und unvereinbare Sichtweisen. Die verknappte Sprache führt leider auch zu Ungenauigkeiten in der Schilderung alltäglicher Vorgänge wie Waschen und Schlachten, die meinen Lesefluss eher gestört haben.
Auf einer der Erzählebenen vollzieht der Text sprachlich einen Wechsel zu einem fremd wirkenden Wortschatz, den die Bewohner:innen des Reetdachhauses vermutlich nicht verstanden hätten. Meine Großmutter, die aufwuchs wie Henrike, wäre von der Machtübernahme durch unbekannte Dialektausdrücke sicher befremdet gewesen; wie Anna Maschiks Matriarchin hatte sie ihr Dorf noch nie verlassen.
Fazit
Auch wenn ich mir an einigen Stellen größere Präzision in der Darstellung alltäglicher Tätigkeiten gewünscht hätte, durch die verknappte Sprache eine außergewöhnliche, unbedingt lesenswerte Familiengeschichte.
Da Typografie und Satzspiegel wichtige Elemente dieses Romans sind, empfehle ich die Printausgabe.
--> Vorabveröffentlichung in Zusammenarbeit mit Vorablesen
Ausgaben von Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten: Die Entdeckung einer großen literarisc
Besitzer des Buches 7
Update: 25. Januar 2026 um 17:04
