Eine Biedermeierelegie: Der Prozess gegen der Fürsten Kaunitz

Buch von Ernst Hausner

Titel: Eine Biedermeierelegie: Der Prozess g...

3 von 5 Sternen bei 1 Bewertung

Verlag: Edition Hausner

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 1.064

ISBN: 9783901141577

Termin: Neuerscheinung Februar 2025

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Bewertungen

Eine Biedermeierelegie: Der Prozess gegen der Fürsten Kaunitz wurde bisher einmal bewertet.

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Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Eine Biedermeierelegie: Der Prozess gegen der Fürsten Kaunitz

    • 16. Mai 2025 um 05:15
    Ein Aufsehen erregender Prozess im Wiener BiedermeierMit diesem, als Hardcover mit opulentem Blumencover gebundenen, Schwergewicht mit 1.064 Seiten, entführt uns Autor und Verleger Ernst Hausner in eine Zeit, die man gemeinhin als Biedermeier bezeichnet. Es sind die Jahre ab dem Wiener Kongress von 1814/15 bis hin zu den Revolutionen von 1848/49. Im Kaisertum Österreich regiert bis 1835 Kaiser Franz II./I.(1726-1835). Also offiziell, hinter dem Kaiser zieht ein ganz anderer die Fäden: Staatskanzler Fürst Clemens Wenzel Lothar von Metternich (1773-1859). Und Metternich wird auch in diesem Buch, das einen einzigartigen Prozess zum Thema hat, eine Rolle spielen.
    Noch ein paar Worte zur Zeitgeschichte: Eine dünne Schicht von Adeligen und eine langsam sich bildende Bürgerschicht stehen den Massen an kleinen Handwerkern, Dienstboten beiderlei Geschlechts, Bauern und Tagelöhnern gegenüber. Diese Mehrheit der Bewohner Wiens, fristet ihr Leben in Schmutz und Elend. Das macht sie zum Spielball der Launen und Verbrechen, die von Adeligen verübt, aber nur äußerst selten geahndet werden. Je näher man dem Kaiserhof steht, desto geringer die Strafverfolgung. Deshalb ist dieses Buch, dem ein wahrer (im doppelten Sinne) Aufsehen erregender Kriminalfall zu Grunde liegt, so interessant.
    Ernst Hausner hat hier die wortgetreue Wiedergabe der Anzeigen und Prozessakten veröffentlicht. Wem wird nun 1822 der Prozess gemacht und warum?
    Angeklagt ist niemand geringerer als Aloys Fürst von Kaunitz-Rietberg-Questenberg (1774-1848), Wirklicher Geheimer Rat und Kämmerer, hochdekorierter Diplomat, Besitzer mehrerer Herrschaften. Und zwar, der „Schändung, Nothzucht und Kuppeley in vielen Fällen“. Allein in Wien umfasste die Untersuchung rund 200 Vorgänge mit unmündigen Mädchen, viele davon aus dem damals berühmten Wiener Kinderballett. Man muss eine deutlich höhere Dunkelziffer annehmen, denn nicht alle Mädchen bzw. deren Eltern haben Anzeige erstattet. Zudem lebte Kaunitz auch einige Zeit in Madrid und Rom, von wo er jeweils abberufen worden ist.
    Das Kinderballett zieht vor allem adelige Männer an, weil hier die Kinder nur leicht bekleidet tanzen. Nach den Vorstellungen werden sie gerne in die Wohnungen eingeladen und missbraucht. Dafür erhalten Eltern, Kuppler oder auch die Ballettmeister ein Entgelt. Diese Kinderballette werden im Anschluss an den Prozess verboten.
    Aus den Akten, die Ernst Hausner in diversen Archiven aufgestöbert hat, ist ersichtlich, dass die Mädchen oft erst zehn oder zwölf Jahre alt waren, manchmal auch noch jünger, als sie von Kupplerinnen oder auch den eigenen Eltern dem Fürsten mit der Absicht zugeführt worden sind, um prostituiert zu werden. Oft haben diese Kinder damit ihre gesamte Familie ernährt.
    In insgesamt 21 Kapiteln beleuchtet Autor Ernst Hausner den Prozess, der einzigartig in der damaligen Geschichte ist:
    Aus der Wiener LebensweltZeitgenössisches über das KinderballettKinder auf dem TheaterDie StrafgerichtsbarkeitDie Untersuchung gegen den Fürsten KaunitzDas Verhörprotokoll des Fürsten KaunitzUntersuchung Eva und Rosina Ricki, Melwinger, Spiwak und Lenhart usw. Der Prozess endet mit einem Landesverweis und dem „Schuldenausgleichs-Verfahren“ bei dem so gut wie alle Liegenschaften und Fahrnisse des Fürsten unter den Hammer kommen. Eine Gefängnisstrafe hat Fürst Metternich, denn er ist in erster Ehe mit eine Cousine von Aloys‘ verheiratet, gerade noch verhindern können.
    Bezeichnend ist, dass Kaunitz seine hohe Stellung stets hervor streicht und die Aussagen der geschändeten Mädchen als nicht glaubwürdig diffamiert. Sie seien ja „niederer Herkunft“. Kaunitz wird 1823 auf sein Schloss Austerlitz in Mähren verbannt. Doch auch von dort langen bei der Polizei-Hofstelle Berichte über ähnliche Verbrechen ein. Es gab Stimmen unter seinen Bekannten, die seinen pädophilen Zwang als Krankheit angesehen haben.
    Meine Meinung:
    Die Idee, diese Prozessakten, die mehr als hundert Jahre gesperrt waren, nun der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, finde ich sehr gut. Allerdings ist das Buch ziemlich mühsam zu lesen. Das liegt zum einem an der Schriftgröße und den seltenen Absätzen (da wäre das Buch noch umfangreicher geworden), und zum anderen daran, dass nur wenige verbindende Zeilen in moderner Sprache Platz gefunden haben, sondern fast ausschließlich die Sprache der damaligen Zeit zu lesen sind. Da hätte ein wohlmeinendes Lektorat unterstützen können. So liest man sich durch Hunderte Seiten von Protokollen, die akribisch die Aussagen der Befragten und Zeugen wiedergeben, Rechtschreib-, Grammatik-und Hörfehler inklusive. Manchen Namen begegnet der aufmerksame Leser in unterschiedlichen Schreibweisen, so dass hier ganz sorgfältig und genau gelesen werden muss. Jede Silbe, die bei den Befragungen, gesprochen worden ist, ist dokumentiert, auch wenn es sich um mehrfach gestellte Fragen handelt. Da hätte doch ein wenig gekürzt werden sollen. Gegen Ende des Buches häufen sich dann Tipp-Fehler im Text, die wohl einem übermüdeten Korrektorat geschuldet sind.
    Die Rechtfertigungen des Fürsten Kaunitz ähneln jenen aktueller Angeklagten, die ebenso „Niemanden gekannt und keine Erinnerung haben (wollen)“. Zudem hätten sich die Fräuleins ihm an den Hals geworfen, weil sie Geschenke erwarteten.
    Der Prozess um Kaunitz ist so unappetitlich wie spektakulär. Der genaue Wortlaut, den der Autor akribisch aus den Prozessakten übernommen hat, gibt einen Einblick in die Arbeit der Polizei und des Gerichts. Die transkribierten Akten stellen die damals übliche Vorgangsweise authentisch dar und sind daher ein Dokument jener Zeit. Man muss sich also von der als lieblich-geblümt dargestellten Zeit des Biedermeiers, in der Hauskonzerte und literarische Salons gepflegt worden sind, verabschieden. Für der größten Teil der Bevölkerung waren diese Jahrzehnte ein Leben im Elend.
    Fazit:
    Dieses Buch mit seinen 1.064 eng bedruckten Seiten ist wohl nur etwas für Spezialisten. Daran können die zur Auflockerung abgebildeten zahlreichen Faksimiles der Protokolle, des Schriftverkehrs sowie einige Porträts wenig ändern. Sich dieses Themas anzunehmen, die Akten zu sichten und zu transkribieren kann ich mit vier Sternen bewerten, muss aber einen Stern wegen der oben genannten Unzulänglichkeiten wieder abziehen, bleiben 3 Sterne.
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Ausgaben von Eine Biedermeierelegie: Der Prozess gegen der Fürsten Kaunitz

Hardcover

Seitenzahl: 1.064

Besitzer des Buches 1

Update: 16. Mai 2025 um 05:15