Novemberernte

Buch von Josephine W. Johnson

  • Kurzmeinung

    kingofmusic
    Lyrisch-poetische Entschleunigung. Was für eine Entdeckung!

Bewertungen

Novemberernte wurde insgesamt 5 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 4,8 Sternen.

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Meinungen

  • Lyrisch-poetische Entschleunigung. Was für eine Entdeckung!

    kingofmusic

Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Novemberernte

    Mein Lese-Eindruck:
    Josephine Johnson versetzt uns in ihre Zeit und in ihr Land: in das Amerika der 30er Jahre, das durch die Große Depression gebeutelt wird. Ihr erster Satz „Jetzt im November sehe ich unsere Jahre im Ganzen. “ zeigt nicht nur das Erzählen aus dem Rückblick, sondern vor allem schon die elegische Grundstimmung, die über dem ganzen Roman liegt.
    Im Mittelpunkt steht die Familie Haldmarne: Vater, Mutter, drei Töchter, wobei die mittlere die Ich-Erzählerin ist. Der Vater hat seine Arbeitsstelle und sein Geld verloren und versucht nun, als mittelloser Farmer auf einer vernachlässigten Farm über die Runden zu kommen. Er ist glücklos und oft verzweifelt und dem ständigen Kampf gegen die Tücken des Wetters kaum gewachsen. Die Angst vor dem drohenden Bankrott, die Abhängigkeit von den Marktbedingungen und die Aussichtslosigkeit seiner Lage machen ihn zu einem launischen und mürrischen Menschen.
    Darunter leidet vor allem die ältere Tochter Kerrin. Im Unterschied zu ihren Schwestern entzieht sie sich immer wieder der harten Arbeit auf der Farm und auch dem familiären Miteinander. Sie macht ihren glücklosen Vater für die Situation der Familie und vor allem für den Verlust ihrer Zukunftsträume verantwortlich, aber sie findet keine Möglichkeit, ihre Situation zu ändern. Die Anstellung eines Knechts wirkt in dieser gespannten Situation wie ein Katalysator, der unterdrückte Aggressionen freisetzt.
    Der Blick der jungen Autorin auf ihre Zeit und die aktuellen Lebensbedingungen ist erstaunlich scharf, trotz ihrer Jugend. Sie schlägt deutliche sozialkritische Töne an, wenn sie zeigt, wie die wirtschaftlichen Bedingungen die Entfaltungsmöglichkeiten eines jungen Menschen verhindern und was der ständige Kampf ums Überleben mit dem inneren Gefüge einer Familie macht. Dazu kommt, dass die Familie Haldmarne kein Einzelfall ist. Auch ihre Nachbarn befinden sich in einer ähnlichen Situation.
    Die Lage verschärft sich durch Steuerforderungen, für deren Begleichung die Familie den halben Rinderbestand verkaufen muss und damit weiter in eine Armut rutscht, aus der sie sich kaum mehr selber befreien kann. Die Nachbarn versuchen sich gegenseitig zu helfen, aber ihre Mittel sind beschränkt und wirken nur kurzfristig. Eine grundlegende Hilfe ist nicht in Sicht, im Gegenteil: der Kapitalismus blüht, indem die Landbesitzer immer reicher werden und ihre Pächter ums Überleben kämpfen müssen. Mit eindringlichen Bildern vermittelt Johnson ihrem Leser einerseits die Schönheit der Natur, aber andererseits vor allem die Not der Zeit, die Ausweglosigkeit der Lage, das entbehrungsreiche Leben und den Fatalismus ihrer Zeitgenossen.
    Passend zum bäuerlichen Leben organisiert Johnson ihren Roman wie den Kreislauf eines Bauernjahres: ein schöner Kunstgriff!
    Im Unterschied zu ihren eher wortkargen Figuren kann sie erzählen und Emotionen vermitteln, sie kann wortgewaltig dramatische Naturereignisse wie Dürre, Sturm und Feuer beschreiben, und so spricht der Roman über die fast hundert Jahre hinweg seine Leser eindringlich und unvermittelt an.
    Fazit: Absolut lesenswert. Traurig und aufrüttelnd, aber schön.
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  • Rezension zu Novemberernte

    Poetisch-lyrische Entschleunigung
    „November ist für mich das Norwegen des Jahres.“ (Emily Dickinson)
    Allgemein kommt der November ja nicht gut weg, aber allein durch das einleitende Zitat sollte man ins Nachdenken kommen – ganz unrecht hat Frau Dickinson nicht ha ha ha.
    Und auch die Ich-Erzählerin Marget in Josephine W. Johnson´s Roman „Die November-Schwestern“, für den die Autorin 1935 den renommierten Pulitzer-Preis gewann und der 2023 dank des Aufbau-Verlags und der überragenden Übersetzung von Bettina Abarbanell endlich auch in Deutschland erschienen ist, kann dem November etwas „abgewinnen“:
    „Jetzt im November sehe ich unsere Jahre im Ganzen. Dieser Herbst ist zugleich wie ein Ende und ein Anfang für unser Leben […]“ (S. 7)
    Sie blickt zurück – auf ein Jahr im Kreislauf der Natur und auf private Tragödien, die die Geschichte und Geschicke der Familie Haldmarne lenken und nachhaltig beeinflussen. Dabei spielt eins ins andere – ohne die vorherrschende Dürre wäre Grant wahrscheinlich nie in das Leben der Haldmarne´s getreten und hätte die Schwestern Marget, Merle und Kerrin nicht in so ein (Gefühls-)Chaos stürzen können.
    Die Geschichte könnte also vorhersehbar sein (Mann verdreht Frau(en) den Kopf), ist sie aber nicht. Stattdessen ist es der Autorin hervorragend gelungen, mit eindrucksvollen Natur- und Stimmungsbeschreibungen von Anfang an eine poetisch-bedrohliche Spannung zu erzeugen, die es in der (meiner Meinung nach) heutigen Literatur nicht bzw. nur sehr selten und punktuell gibt und die leider in der Masse der Veröffentlichungen untergeht. Aber das ist ein anderes Thema…
    Jetzt, wo ich die Lektüre von „Die November-Schwestern“ Revue passieren lasse, komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass der Roman zu den besten poetisch-lyrischen Entschleunigungen gehört, die ich je gelesen habe – trotz der Schwere des Schicksals, trotz der „Heimtücken“ von Mutter Natur und der großen „Konkurrenz“ ähnlich gelagerter Geschichten. Aber Sätzen wie den folgenden kann ich einfach nicht (mehr) abschwören:
    „Einmal ging mir plötzlich auf, ohne Grund, aber mit einer Gewissheit, die nichts erschüttern oder ändern konnte, dass weder Mutter noch Grant zu irgendjemandem aufschauten, irgendwen beneideten. Das war nicht etwa Hochmut oder das Gefühl, anders zu sein. Überhaupt nicht. Sondern eine Art Glaube an die Würde des menschlichen Geistes. Ich stammle nur bei dem Versuch, es zu erklären. Es ist nichts, was sich in kleinen Buchstaben einfangen und kleinen Kindern vorlesen lässt.“ (S. 138)
    „Wenn ich laut geschrien und gekreischt hätte, dass ich es nicht ertragen könne, hätten sie geglaubt, ich wäre verrückt geworden; dabei ist es das Schweigen, das wirklich verrückt ist, das Stummbleiben, Stillhalten, Weitermachen, als wäre alles wie immer.“ (S. 205)
    „Es gab keine Berührung von ihm, an die ich mich hätte erinnern können – nur seine Worte; und Worte sind etwas Kaltes, Grabähnliches, möglich, dass sie länger halten als selbst die stärkste und leidenschaftlichste Berührung, aber sie sind steinern.“ (S. 207)
    Ich könnte jetzt hier das ganze Buch zitieren…Nein, Spaß. Kauft es euch lieber oder lasst es euch schenken und lasst euch be- bzw. verzaubern von dieser poetischen Sprachgewalt.
    Glasklare Leseempfehlung und 10 von 5*.
    ©kingofmusic
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  • Rezension zu Novemberernte

    Klappentext/Verlagstext
    Die Anstellung eines jungen Mannes auf der elterlichen Farm bringt das Leben der drei Haldmarne-Schwestern durcheinander, das im fragilen Gleichgewicht der Jahreszeiten verläuft. Als dann der Regen ausbleibt und damit die Ernte im Herbst, wird der November zu einem Ende und zugleich zu einem Anfang. Nicht nur Margets Blick auf die älteste Schwester Kerrin verändert sich grundlegend, nachhaltig verändert ist ihr Blick auf das eigene Leben und die Chancen, die es zu ergreifen gilt.
    Mit gerade einmal 24 Jahren erhielt Josephine Johnson für ihren Debütroman »Die November-Schwestern« den Pulitzer-Preis. Aktuell wird sie international neu entdeckt – dank ihres einzigartigen Sounds und der Themen, mit denen sie ihrer Zeit weit voraus war.
    Die Autorin
    Josephine W. Johnson (1910–1990) erhielt für ihren Debütroman »Die November-Schwestern« mit 24 Jahren den Pulitzer-Preis und war die bis dahin jüngste Preisträgerin der prestigereichen Auszeichnung. Sie studierte an der Washington University und schrieb insgesamt elf Bücher, darunter den Bestseller „The Inland Island“ (1969). Aus heutiger Sicht kann sie als Feministin und Umweltschützerin gelten, die geprägt war durch eine Welt der Ungleichheit und Ausbeutung, auf die sie uns mit ihren Werken aufmerksam macht.
    Die Übersetzerin
    Bettina Abarbanell, geboren in Hamburg, lebt als Übersetzerin in Potsdam. Sie übertrug moderne Klassiker, darunter die Werke von F. Scott Fitzgerald und Elizabeth Taylor, aber auch zeitgenössische Bestseller wie die von Jonathan Franzen und Rachel Kushner. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis.
    Die Ausgabe
    1994 bei Bastei Lübbe bereits als Novemberernte erschienen
    Great Depression
    Inhalt
    Marget Haldmarne erzählt vom 11. Jahr, dem besonderen, das ihre Familie wegen der US-Wirtschaftskrise als eher ungeschickte Landwirte verbrachte und in dem ihr Leben auf den Kopf gestellt werden würde. Die mittlere von drei Schwestern schreibt mit Empathie, selbst für die Generation ihrer Eltern, und zeigt einen besonderen Blick für die karge Landschaft. Arnold Haldmarne stammt zwar vom Land, hat die Landwirtschaft jedoch nicht von der Pieke auf gelernt. Seine Stelle als Fabrikarbeiter hat er verloren und wirkt mit fast 60 Jahren verbraucht, misstrauisch und gekränkt durch sein Scheitern. Für den Kauf der verlassenen ehemaligen Obstfarm von 40 ha hat er eine Hypothek aufgenommen, deren Rückzahlung er zusätzlich zum Lebensunterhalt erst erarbeiten muss. Vermutlich aus finanziellen Gründen ist die Familie der Kirchengemeinde nicht beigetreten und integriert sich nur schwer in die Gemeinschaft weniger Bauern. Ebenso wie die Haldermarnes muss ihr Schwarzer Nachbar Ramsey jeden Cent umdrehen, um die Pacht aufbringen zu können. Nur die Rathmans scheinen besser dran zu sein, auf ihrem gepflegten Hof und eigenem Grund.
    Als nach zwei Dürrejahren ein weiteres folgt und wegen der Wirtschaftskrise die Viehpreise im Keller sind, blicken alle drei Landwirte in eine komplett leere Geldbörse. Vater Haldmarne steht dazu vor dem Problem, dass sein einziger Landarbeiter gekündigt hat und er (mit seinem konservativen Frauenbild) den Hof längst nicht mehr allein führen kann. Neben der Wirtschaftskrise (und seiner mangelnden Erfahrung) möchte er jedoch die Probleme mit seiner unangepassten Ältesten als Katalysator seiner Existenzkrise sehen.
    Vater Haldmarne wird als konservativer Knochen eingeführt, der Frauen am liebsten in der Küche und beim Melken sieht, da sie für andere Arbeiten ungeeignet wären und „nur alles verhunzen“. Da seine älteste Tochter ein Händchen für Tiere hat und vorbildlich u. a. für das einzige Pferd sorgt, ein angreifbarer Standpunkt. Während die jüngste, Merle, ihre Pflichten in Haus und Hof klaglos erledigt und ihr Glas immer voll zu sein scheint, hadert die anfangs 14jährige Erzählerin damit, dass sie ihrer jüngeren Schwester nicht stärker ähnelt.
    Fasziniert hat mich die Weisheit, mit der Marget ihre Mitmenschen beurteilt. Auch wenn Kerrin findet, die Mutter Willa würde den Vater „wie Gott persönlich“ behandeln, kann Maget erkennen, dass die Mutter wie der neue Helfer Grant niemand beneidet und zu niemandem aufblickt.
    Die älteste Schwester Kerrin, die bisher unermüdlich Interesse an der Hofarbeit zeigte, vertritt mit 19 Jahren gerade die Dorfschullehrerein während deren Krankheit. Als Qualifikation genügt, dass Kerrin die Highschool abgeschlossen hat. Mit der Chance, als Lehrerin einmal finanziell unabhängig zu sein, scheint sie alles andere als glücklich zu sein und bereitet ihrem Vater mit ihrem zügellosen Herumstreunen manch schlaflose Nacht.
    Fazit
    „Die Novemberschwestern“ hat mich zunächst mit den Persönlichkeiten der drei Schwestern gefesselt und der Empathie, mit der die Icherzählerin ihre Familienmitglieder beurteilt. Von einer so jungen Autorin eine herausragende Leistung. Bemerkenswert finde ich u. a. den eng begrenzten Focus auf die Familie mit nur einem Landarbeiter und wenigen Nachbarn. Neben der Farm mit fälligem Nachfolgekonflikt, der ungewohnten Landarbeit und der Wirtschaftskrise, geht es in Johnsons preisgekröntem Erstling um das Heranwachsen, den Platz in der Geschwisterreihe, Rollenbilder im ländlichen Amerika und den Graben, der die Welt von Männern und Frauen trennt. Talente und Stärken von Frauen interessieren hier niemanden, solange das Essen pünktlich auf den Tisch gebracht wird.
    Ein großartiger Roman
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Ausgaben von Novemberernte

Hardcover

Seitenzahl: 222

E-Book

Seitenzahl: 194

Taschenbuch

 

Novemberernte in anderen Sprachen

  • Deutsch: Novemberernte (Details)
  • Englisch: Now in November (Details)

Besitzer des Buches 12

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