Der St. Galler Klosterplan
Buch von Konrad Hecht
Titel: Der St. Galler Klosterplan
Konrad Hecht (Autor)
Verlag: Vma
Format: Gebundene Ausgabe
Seitenzahl: 362
ISBN: 9783928127486
Termin: Mai 2005
Aktion
Bewertungen
Der St. Galler Klosterplan wurde bisher einmal bewertet.
Rezensionen zum Buch
-
Rezension zu Der St. Galler Klosterplan
- Historix
-
23. Februar 2022 um 22:48
Einer der berühmtesten Baupläne in der Geschichte, das ist der karolingische Klosterplan von St. Gallen. Dabei ist es unwahrscheinlich, daß er je ausgeführt wurde, ja es ist strittig, ob er überhaupt verwirklicht werden sollte.Weiterlesen
Fest steht, dieser Plan beinhaltet das Modell, den Prototyp aller christlichen Klöster diesseits der Alpen seit dem frühen Mittelalter. Kein Kloster, weder Melrose in England, noch Fontfroide in Burgund, noch Maulbronn in Deutschland, sah genau so aus, aber alle waren nach diesem Entwurf gebaut.
Konrad Hecht, Bauhistoriker und Architekt, hat sich auf die Spuren dieses einflußreichen Dokuments geheftet, die es in der Geschichte hinterlassen hat.
Abt Haito, Klostervorstand der Reichenau und Berater Karls des Großen, schickte den Plan um 817 an Abt Gozbert in St. Gallen.
(Vgl. Annales Sagallenses maiores, Repetorium Fontium)
Es zeigt das Bild einer benediktinischen Utopie, einer idealen Klosterstadt, wie sie aus der Lehre von "ora et labora et lege" hervorging. Auch Kaiser Karl unterstützte die Anordnung, die vom Stammkloster Monte Cassino erging, das nämlich alle Lebensgemeinschaften von Mönchen im Reich danach leben und wohnen sollen.
Die eigentliche Innovation kam dabei nicht von dem kirchlichen Bereich der Klosterbauten, der "Klausur", sondern von dem strukturierten Plan eines agrarischen und handwerklichen Großbetriebes für diese Zeit.
Die Werkstätten im geschlossenen Ensemble mit den Stallungen und Scheunen, waren das Vorbild nicht nur für die bauliche Geschlossenheit der Adelsburgen, die ab dem Hochmittelalter immer zahlreicher wurden, sondern für alle Gutshöfe und Fronhöfe des Reiches. Eine Landwirtschaftsreform mit enormem Zuwachspotential war die Folge, am Ende der Kette selbst die Gründung und Planung der mittelalterlichen Stadt.
Die Bewertung des Planes in der historischen Forschung ist ambivalent, teils entspricht sie einer Maximalforderung an die mönchische Gemeinschaft, teils einer Utopie des perfekten Klosters ohne Realitätsforderung.
[…]
Der Plan entstand um 820 in St. Gallen, dessen berühmtesten Äbte der legendäre Gallus und der verbürgte Heilige Otmar waren. Diese führten die benediktinische Maxime ein: una regula - una consuetudo, erweiterten diese aber noch um das: et una architectura.
Das hochgesteckte Ziel war die Vereinheitlichung der christlichen Klöster.
Wo immer ein Mönch ein Kloster betrat, sollte er sich in den Strukturen zurechtfinden, in der Gemeinschaft, im Lebensrhytmus und in den Gebäuden und Wegen.
Der Plan besteht aus fünf zusammengenähten Pergamenten, von insgesamt 112 × 78 cm Größe und wurde mit roter und schwarzer Tinte gefertigt. Dabei sind alle Gebäude zueinander massstabgerecht, ausser der Abteikirche, die größer erscheint.
Die Abteikirche als steingewordene Liturgie bildet das Zentrum des Komplexes, im Süden schließt sich das Klausurgeviert mit Kreuzgang an, im Osten der Kapitelsaal.( Versammlungsraum) , Skriptorium mit Bibliothek, Wärmeräume, Dormitorium, Waschbrunnen, Latrinen, und Sommer- und Winterrefektorium.
Das davon abgerückte Abtshaus diente gleichzeitig zur Wohnung des Oberhauptes und für Repräsentationspflichten. Der Abt eines Reichsklosters hatte Bischofsrang und weltliche Gewalt, die Gastung von Adligen und Fürsten war Standespflicht des Abtes.
Daran schloss sich das Schulgebäude an mit der Novizenschule und den Schlafräumen und Speisesaal der Schüler. Die Klöster waren die einzigen Schulen des frühen Mittelalters, weltliche Schulen kamen erst mit den großen Städten auf.
Die Gastung war integrierende Pflicht eines Klosters, die Gästehäuser und das Pilgerspital nahmen großen Raum ein bei der Planung.
Um diese Gebäude herum gruppieren sich dann die ausgedehnten Stallungen, Magazine, Scheunen, Handwerksbetriebe und Mühlen, Wasserwerke und Schuppen.
Das benediktinische Kloster war ein autarker Versorgungsbetrieb, ein beinahe geschlossenes System der landwirtschaftlichen Ökonomie.
Seit 747, als der Hausmeier Pipin die Einführung der benediktinischen Regel für St. Gallen anordnet, entwickelte sich so ein prosperierendes, einflussreiches Reichskloster, wenn auch wie gesagt, der St. Galler Klosterplan nie Verwirklichung fand.
Dafür reicht die tiefgreifende Innovation, die von ihm ausging, bis in unsere heutige Zeit.
Eine lange kulturelle und wirtschaftliche Blüte begleitete die Entstehung des St. Galler Klosters, nicht nur in Wissenschaft, Kunst und Kultur.
Die Weichen in den Bereichen Handwerk, Technik, Wirtschaft und Politik wurden von den Klöstern der Karolingerzeit gestellt.
Es ist für dieses Buch nicht von Nachteil, das der Autor kein Mönch war ,sondern Laie und Hochschullehrer. Von außen betrachtet, trübt sich nicht so leicht der Blick für die Schwächen des Plans. Die Frage etwa, inwieweit dieses scheinbar perfekte System auf die Dauer wirklich funktioniert hätte, oder nach den Regeln der Spieltheorie wie alle komplexen Systeme auch dem Kollaps zustrebte?
Inwiefern der Konservativismus des Systems schon in der Bauweise sichtbar wurde, und so über Jahrhunderte Bewahrer des Herrschaftssystems wurde?
Der Autor vergisst aber auch nicht, die ästhetische Sichtweise zu berücksichtigen.
Die Planung und Bauart benediktinischer Klöster förderte die Kontemplation und Konzentration, konnte den Betrachter zur Ruhe bringen, spiritualisieren und seelisch gesunden lassen. Das wissen viele Besucher noch in unserer heutigen Zeit zu schätzen, die in diesen Mauern und klaren Strukturen Einkehrtage und Seminare verbringen.
Insgesamt eine sehr solide Leistung und ein sprachlich ansprechendes, gut lesbares und so gar nicht trockenes Stück Baugeschichte, das mich begeistern konnte. Es ist ein Buch für diejenigen Leser, die bei der Geschichte auch gerne einmal die verschlungenen Nebenwege zu gehen bereit sind, es lohnt sich hier.
Allerdings gebe ich eine gewisse Befangenheit zu, es war nicht schwer, mich hier bei diesem Thema zu überzeugen.
Trotz aller Kürze des Buches und der gestrafften Führung aber klare viereinhalb Sterne.
Konrad Josef Hecht ( 1918 - 1980) war Bauhistoriker und Architekturhistoriker und arbeitete vor allem über das gotische Masswerk, Maß und Zahl in der Baukunst und in der Denkmalpflege. Er war Professor für Baugeschichte in Konstanz.
Ausgaben von Der St. Galler Klosterplan
Update: 23. Februar 2022 um 22:48
