Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Buch von Maxim Leo

Zusammenfassung

Inhaltsangabe zu Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Michael Hartung bekommt überraschend Besuch von einem Journalisten, der über eine Massenflucht aus der DDR recherchiert, bei der 127 Menschen vom Bahnhof Friedrichstraße in den Westen gelangten. Der Journalist hat Stasi-Akten entdeckt, aus denen hervorgeht, dass Hartung, der früher als Stellwerksmeister gearbeitet hatte, die Flucht eingefädelt haben soll . Hartung dementiert zunächst, ist aber nach Zahlung eines ordentlichen Honorars und ein paar Bieren bereit, die Geschichte zu bestätigen. Schließlich war er noch nie ein Held, und wenn es nun mal so in den Akten steht … Nur wenig später reißen sich die Medien um ihn, Hartung wird in Talkshows eingeladen, vom Bundespräsidenten empfangen, seine Geschichte soll Vorlage für ein Buch und einen Kinofilm werden. Doch dann trifft er Paula, sie war als Kind in jenem S-Bahn-Zug, der in den Westen umgeleitet wurde. Die beiden verlieben sich ineinander – und Hartung spürt, dass er einen Ausweg aus dem Dickicht der Lügen finden muss. Obwohl es dafür eigentlich schon zu spät ist.
Weiterlesen

Bewertungen

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße wurde insgesamt 13 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 4,3 Sternen.

(8)
(4)
(1)
(0)
(0)

Meinungen

Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

    Die Zeiten ändern sich und Videotheken sind nicht mehr so gefragt. Auch die von Michael Hartung lief nie gut, aber die Streaming-Dienste machen es ihm noch schwerer. Als dann ein Journalist bei ihm auftaucht und ihn als den Verantwortlichen für eine Massenflucht erkannt haben will, bestätigt Hartung nach einigem Zögern diese spektakuläre Geschichte, die nichts anderes ist als eine Lüge. So wird er unverhofft in allen Medien zum Helden. Doch dann trifft er Paula, die damals dabei war. Er verliebt sich und er muss aus diesem Lügengespinst wieder herausfinden.
    Maxim Leo hat einen angenehmen Erzählstil. Die Geschichte wird aus der Erzähler-Sicht beschrieben, so dass man ganz nah an dem Protagonisten dran ist. Es ist auch gut dargestellt, wie es den Medien immer nur darum geht, die reißerischste Schlagzeile zu haben und damit den Umsatz zu erhöhen.
    Michael Hartungs Leben ist noch nie besonders erfolgreich verlaufen. Angefangen hatte er einmal bei der Bahn und danach die unterschiedlichsten Jobs gemacht, doch nichts lief gut und war von Dauer. Er weiß genau, dass die Geschichte des Journalisten nicht stimmt, doch dann lässt er sich darauf ein. Für ihn ist es so etwas wie ein Spiel und er ahnt nicht, welche Kreise die Geschichte ziehen wird. Es lohnt sich für Hartung, doch als er aus der Sache aussteigen will, begreift er, dass das nicht so einfach ist.
    Es ist eine satirische Geschichte über einen ungewollten Helden. Sie hat mich gut unterhalten.
    Weiterlesen
  • Rezension zu Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

    Alexander Landmann ist DDR Experte des Magazins „Fakt“ und braucht eine wirklich gute Story für die Sonderausgabe zum 9. November. Da gräbt er die Geschichte vom S-Bahn-Zug aus, der am 12. Juli 1983 vom Bahnhof Friedrichstraße Ostberlin mit 127 Passagieren an Bord um 6 Uhr morgens über die streng gesicherte Staatsgrenze Richtung Westberlin schaukelte. Michael Hartung war damals Bahnbeamter und für die Weichenstellung zuständig. Es war seiner Tollpatschigkeit zuzuschreiben, dass die Weiche offen blieb, die die unbeabsichtigte Zugfluchtfahrt ermöglichte.
    Die Reportage über die Rekonstruktion der größten Massenflucht aus der DDR wird ein Hit und Hartung ein Held. Und was dann folgt ist eine beispiellose Karriere beider Protagonisten, wenn auch auf unterschiedliche Weise.
    All das machte Hartung überraschend viel Spaß. Es war wie ein Spiel. Ja, das war es. Ein Spiel, in dem er selbst die Regeln bestimmte, bei dem er jede Menge Geld und Lob einsteckte.
    Dass es dann aus dem Ruder läuft, verwundert wohl niemanden. Der Journalist promoted seinen Helden und hebt, nachdem er den begehrten Reporterpreis erhalten hat, vollends ab. Es kommt wie es kommen muss. Als der Bundespräsident möchte, dass Hartung beim offiziellen Festakt zum 30. Mauerfall-Jubiläum im Deutschen Bundestag eine Rede halten, kippt die Stimmung. Die grandios missverstandene Heldentat kommt ins Straucheln.
    Nur wahre Größe macht sich selber klein. Genau das gefällt mir so an Ihnen, Herr Hartung. Ihre Ehrlichkeit.
    Meine persönlichen Leseeindrücke
    Das Buch gefällt mir schon ab den ersten Seiten. Es ist eine durchaus erfrischende, unterhaltsame Lektüre über eine gänzlich ungewöhnliche und ungewollte Heldentat. Die ganze Handlung ist angenehm humorvoll umgesetzt und ich kann nicht anders, als ab und an zu schmunzeln.
    Es ist eine wirklich amüsante Geschichte mit durchwegs sympathischen Romanfiguren und der Erkenntnis von gewollten Missverständnissen, die eigentlich niemand aufklären will.
    Das Buch könnte als Vorlage für einen unterhaltsamen Film dienen.
    Fazit
    „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“ ist ein unterhaltsames Stück deutscher Gegenwartsliteratur, das sich in eine Reihe von Romanen, die sich dem Thema der deutschen Einigung literarisch widmen. Schwungvoll in der Umsetzung ist es niveauvolle deutsche Unterhaltungsliteratur. Zur Zeit ist das Buch auf den Bestsellerlisten zu finden; zurecht wie ich finde.
    „Letztlich, Herr Hartung, wird die Geschichte immer von den Siegern geschrieben.“
    Weiterlesen
  • Rezension zu Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

    Michael Hartung - ein Held wider Willen
    Der ehrgeizige Journalist Alexander Landmann stößt kurz vor den Jubiläumsfeiern zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in alten Stasi-Akten auf einen Bericht über eine der spektakulärsten Massenfluchten aus der DDR: In der Nacht von 12. Juli 1983, konnten 127 Menschen durch das Freischalten einer Weiche mit einer S-Bahn-Garnitur in den Westen gelangen.
    Landmann, eine große Story witternd, macht sich von Hamburg nach Berlin auf, um den damaligen Stellwerksmitarbeiter Michael Hartung zu suchen.
    Hartung, inzwischen Besitzer einer mehr als schlecht gehenden Videothek, lebt in Ostberlin. Er ist eine verkrachte Existenz, denn sein Leben plätschert vor sich hin. Er hat seit der Scheidung keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter und deren Kinder. Hin und wieder erreicht ihn eine Postkarte. Die Kunden bleiben aus, nur Beate hält ihm die Treue.
    Als dann Landmann in sein tristes Leben platzt, nimmt er dessen Geld (um die Schulden zu begleichen)zwar zögerlich an, versucht aber, die Fakten richtigzustellen. Denn, eigentlich war alles ganz anders.
    Weder Hartung noch Landmann können abschätzen, welche Lawine sie mit dieser Geschichte lostreten ...
    Meine Meinung:
    Obwohl dieser Roman vom Maxim Leo, der selbst in der DDR aufgewachsen ist, der Unterhaltung dient, schleichen sich leise nachdenkliche Untertöne ein.
    „Vielleicht sollten wir damit aufhören, von den Ostdeutschen und von den Westdeutschen zu sprechen. Ich meine, was hat ein Hamburger mit einem Oberbayern zu tun? Und ein Mecklenburger mit einem Sachsen? Wir sollten aufhören, uns gegenseitig zu beschuldigen und zu belehren."
    Als Österreicherin kann ich diese Herabwürdigung der ehemaligen DDR-Bürger nur schwer nachvollziehen. Aber obiges Zitat gefällt mir sehr gut, denn es trifft den Kern.
    Mit spitzer Feder beschreibt Maxim Leo die gegenseitigen Vorurteile, die Befindlichkeiten und die diversen Vertuschungsaktionen der ehemaligen Stasi-Mitarbeiter. Mehrmals musste ich herzlich lachen.
    Maxim Leo ist mit diesem humorvollen und satirischen Roman ein ganz wunderbares Buch über die deutsche Wiedervereinigung gelungen.
    Die Charaktere sind gut gelungen. Michael Hartung ist ein Antiheld, der eigentlich nur sein Auskommen ohne Höhenflüge haben will. Er ist ein verletzlicher Mensch, der sich nach menschlicher Wärme sehnt.
    Fazit:
    Diesem Buch, das mich sehr gut unterhalten hat, gebe ich gerne 5 Sterne.
    Weiterlesen
  • Rezension zu Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

    REZENSION – Was ist Wahrheit? Wo beginnt Lüge? Oder gibt es alternative Wahrheiten? Darum geht es im satirischen Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ des in Ost-Berlin geborenen Schriftstellers Maxim Leo (52), im Februar beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Auch die deutsche Wiedervereinigung, Vorurteile und vermeintliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen und nicht zuletzt die Frage, wie historische Fakten interpretiert oder manipuliert werden können, werden angesprochen.
    Maxim Leo erzählt vom erfolglosen Berliner Videotheken-Besitzer Michael Hartung, der gegen seinen Willen zum Helden gemacht und bald unverdient als Held deutscher Geschichte gefeiert wird. Im September 2019 besucht ihn der Hamburger Journalist Alexander Landmann in der Ost-Berliner Videothek. Bei Recherchen über eine spektakuläre Massenflucht aus der DDR im Sommer 1983 war Landmann in einer Stasi-Akte auf Hartung gestoßen. Dieser soll damals als Stellwerkmeister der DDR-Reichsbahn am Bahnhof Friedrichstraße eine Weiche so gestellt haben, dass ein S-Bahn-Zug mit 127 Fahrgästen über das Ferngleis nach West-Berlin fahren konnte. Hartung soll laut Akte zudem Kopf einer Fluchthelfer-Organisation gewesen sein, weshalb er ins Gefängnis kam, aber trotz dortiger „Sonderbehandlung“ seine Mittäter nicht verraten hat.
    Hartung gibt zwar zu, dass er für die Fehlstellung der Weiche und die daraus folgende Umleitung des Zuges verantwortlich war. Doch allen anderen in der Stasi-Akte erwähnten „Fakten“ widerspricht er. Als Landmann ihm allerdings ein stattliches Honorar für seine Geschichte bietet, wird der finanziell klamme Hartung schwach und bestätigt alles, was der Journalist ihm vorhält oder von ihm hören will. Mit einigen schmückenden „Abweichungen“ macht Landmann in seiner Aufsehen erregenden Titelstory den bislang unbekannten Videotheken-Besitzer zum Helden, was nicht nur diesem, sondern auch ihm selbst als Journalisten Ruhm und Ehre einbringt. Anfangs nur widerwillig beginnt Hartung seinen unerwarteten Ruhm und das leicht verdiente Geld aus Interviews, Werbeverträgen und öffentlichen Auftritten zu genießen. Erst als er sich in Paula ernsthaft verliebt, die damals als Kind in jenem S-Bahnzug saß, will er aus seinem Lügengebilde ausbrechen.
    Wie in alten Fabeln stehen sich auch in Leos Roman Gut und Böse gegenüber: Auf der guten Seite lernen wir Menschen wie Bernd, den Ladenbesitzer von gegenüber, und Nachbarin Bertha kennen sowie natürlich Hartung selbst, einen unbeholfenen, lebensuntüchtigen und von der Familie verlassenen Mann. Auf Seite der Bösen stehen Landmann und seine Kollegen der Sensationsmedien, die der Autor – früher selbst viele Jahre in Berlin als Journalist tätig – als „eine Jugendbande, die einem die Brieftasche klauen will“, beschreibt. Ebenfalls zu den Bösen rechnet Leo die Akteure des politischen Systems, die den willkommenen „Fluchthelfer“ ebenfalls für eigene Zwecke nutzen, wissentlich die von Landmann erfundenen „Abweichungen“ übersehen und sich die Wahrheit so zurechtbiegen, wie sie ihnen ins politisch-notwendige Bild passt: „Es gibt die kleine Wahrheit. Und es gibt die große Wahrheit. Die kleine Wahrheit mag … nicht ganz stimmen. Aber die große Wahrheit, die stimmt.“
    Leo zitiert den französischen Philosophen Voltaire: „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.“ Demnach gibt es keine objektive Geschichtsschreibung, sondern nur die von einer Mehrheit aktuell für richtig befundene. Erst spät erkennt Hartung: „Wenn alle ein bisschen mehr zweifeln würden, dann hätten wir viele Probleme gar nicht mehr.“ Mit dieser Erkenntnis wird der unfreiwillige Held erst in einem befreienden Auftritt als Festredner anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls tatsächlich zum Helden, der endlich zur Wahrheit und persönlicher Wahrhaftigkeit zurückfindet.
    „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ ist eine kurzweilige, amüsante und im doppelten Wortsinn fabel-hafte Geschichte, die bei allem Humor mit ihren Kernaussagen dennoch nachdenklich macht. Es ist die leichte Art, über eine ernste und komplexe Thematik zu schreiben, die Maxim Leos Roman vor allem auszeichnet. Nur einen Fehler hat dieser Roman: Mit nur 300 Seiten ist er leider viel zu kurz. Man wünscht sich, Leos Helden noch ein weiteres Stück seines Lebens zu begleiten.
    Weiterlesen
  • Rezension zu Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

    Michael Hartung ist ein Held wider Willen. Eigentlich ist er ein Mann der immer wenn er auf der Erfolgsspur ist, von der Zukunft überholt wird. Jetzt hat er einen kleinen Videoladen und lebt mehr schlecht als recht davon. Eines Tages steht der Journalist Landmann vor ihm und nennt ihn einen Helden. Er hat alte Berichte ausgegraben in dem von einer Massenflucht aus der DDR geschrieben wird, mit Hartung als Helden. Der streitet erst alles ab, es sei nicht so gewesen, wird aber von der Überzeugung des Journalisten und dem vielen Geld korrumpiert, auch einmal jemand zu sein zu dem aufgeschaut wird, eben ein Held sein. Alle Welt will den Helden erleben, dreißig Jahre nach der Wende braucht es etwas Neues zum Feiern. Ein neues Gesicht, ein Ostdeutsches mit Bedeutung.
    Der Autor beschreibt die Umstände so detailliert, das man das Gefühl hat in der besagten Nacht dabei gewesen zu sein. Dann wieder erzählt er die Lebensumstände der Figuren ganz nebenbei. Die Aktionen des Journalisten bekommen einen noch anderen Touch. Es ist das Spiel mit den Erzählstilen das die Menschen lebendig macht. Niemand beklagt sich über sein Schicksal, es ist eben so, fertig. Aber Träumen ist erlaubt, von einem anderen Leben, von was wäre wenn. Dazu ein feiner Humor der sich vor allem zwischen den Zeilen zeigt, oder wenn man sich die Situation bildlich vorstellt.
    Diese Art ein Lachen einzustellen habe ich auch in anderen Büchern des Autors gefunden, es ist besonders, nicht laut sondern verschwörerisch, geheimnisvoll, ein Lächeln wie, wir beide verstehen und wissen mehr als die Protagonisten.
    Gleichzeitig fordert der Autor mich und andere Leser auf, seht über euren Tellerrand, geht auf den anderen zu, versucht mal es mit seinen Augen zu sehen, probiert mal seine/ihre Meinung aus. Sagt nicht, die aus dem Osten oder auch, die aus dem Westen. So verschieden sind wir nicht. Die im Osten sind ja nicht aus Papua Neuguinea wir sprechen eine Sprache haben über lange Zeit die gleiche Kultur gehabt. Wir sind ein Volk von Helden und solchen die es gern wären.
    Weiterlesen

Rezensionen zum Hörbuch

  • Rezension zu Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

    Held wider Willen?
    "Glücklich das Land, das Helden hat!", ruft Andrea, Schüler von Galileo Galilei, in dem gleichnamigen Schauspiel von Bertolt Brecht aus.
    "Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat!", erwidert Galilei.
    Damit ist das Thema von Maxim Leos neuem Roman "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße" umrissen: Braucht das Land Helden, und wenn ja, welche?
    Die Geschichte beginnt im Jahr 1983. Michael Hartung arbeitet bei der Reichsbahn in Ostberlin. Bei der Wartung einer Weiche bricht er versehentlich einen Sicherheitsbolzen ab, verschiebt die Reparatur aber zunächst einmal und geht nach Hause. Die Weiche ist damit blockiert und lässt sich nicht mehr verstellen. Es ist allerdings eine ganz besondere Weiche: Sie öffnet den Weg für die Fahrt nach West-Berlin (in der Tat gehörte das S-Bahn-System von ganz Berlin zur Ostberliner Reichsbahn - Zügen in West-Berlin, die repariert werden mussten, wurden über den Bahnhof Friedrichstraße nach Ost-Berlin geleitet und wieder zurück). Und tatsächlich fährt - so die Fiktion - am Abend eine S-Bahn mit 127 Passagieren nach West-Berlin. 127 Passagieren begehen also unfreiwillig Republikflucht. Die Mehrheit kehrt wieder freiwillig nach Ost-Berlin zurück, einige aber bleiben im Westen.
    Michael Hartung wird von der Stasi verhaftet und mehrere Tage verhört, dann aber wieder freigelassen weil deutlich wurde, dass er sich nicht als Fluchthelfer betätigt hat. Seinen Job verliert er, weil ein neues Weichensystem eingeführt und er somit überflüssig wird. Wegrationalisiert wird er dann auch in den folgenden Jahren in verschiedenen anderen Berufen, bis er sich im Jahr 2017 eine Videothek aufschwätzen lässt, die zunächst gut läuft, jetzt aber auch vor dem Aus statt, da Streaming-Dienste sie überflüssig machen.
    Michael Hartung ist also der geborene Looser.
    Dieses Schicksal droht auch dem Journalisten Axel Landmann. Das Magazin mit dem sprechenden Namen "Fakt", für das er arbeitet, verliert ständig Leser, Arbeitsplätze sind massiv bedroht, wenn nicht ein Sensationscoup gelingt. Da stößt Landmann auf die Stasi-Akte von Michael Hartung und wittert die Chance für eine Story: Einfacher Arbeiter ermöglicht selbstlos 127 Menschen die Flucht aus der Diktatur der DDR.
    Landmann besucht Hartung, der zunächst abstreitet, willentlich als Fluchthelfer agiert zu haben. Dann aber lässt er sich von Landmann mittels eines für ihn hohen Geldbetrages überreden, die Ereignisse so darzustellen, dass er die Weiche absichtlich blockiert hat, um die S-Bahn in den Westen zu leiten.
    Ab hier nimmt die Geschichte Fahrt auf: Landmann baut systematisch Hartung zu einem Medien- und Politik-Star auf: Alle Zeitungen berichten über ihn, er wird in Talkshows eingeladen, der Bundespräsident empfängt ihn und schlägt ihn vor, die Gedenkrede im Bundestag zum 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls zu halten. Und mit jeder Frage, die ihm gestellt wird, verstrickt sich Michael Hartung in das Netz seiner Lügen.
    Es wird deutlich: Der Roman ist eine Satire. Er nimmt den Medienbetrieb, den politischen Betrieb, die Jubiläumsfeier zum Gedenken an den Mauerfall, in die Jahre gekommene Bürgerrechtler und selbst die Stasi aufs Korn. Maxim Leo tut das sachkundig und gekonnt, immerhin ist er selbst Journalist. Und er tut das auf sehr amüsante Weise, sodass seine Satire zwar nicht sehr bissig ist, aber äußerst unterhaltsam.
    Köstlich die Parodie der Talk-Show, in der neben Hartung auch Katharina Witt auftritt mit ihrer "Prinzessinnen-Frisur", eine subtile Anspielung auf ihr unrühmliches Verhalten während der DDR-Diktatur. Amüsant auch die Selbstironie: Landmann schreibt ein Buch über das Leben von Michael Hartung und hofft, mit seinem Buch in die Bestsellerlisten zu kommen. Und auch Los schreibt ein Buch über Hartung....
    Anrührend gestaltet ist die Begegnung von Hartung mit Michail Gorbatschow. Dieser legt seine riesigen Hände auf die Unterarme von Hartung und begrüßt ihn mit den Worten "Dobryy den',Gospodin Hartung".
    Allerdings gibt es einen zweiten Handlungsstrang, der sich der Satire entzieht: Hartung lernt eine Frau kennen und lieben, die als 14-Jährige mit ihren Eltern in der S-Bahn gesessen hat und deren Eltern entschieden haben, im Westen zu bleiben. Auf sehr ernsthafte Weise geht es hier um traumatische Erlebnisse der Vergangenheit, um Vertrauensverlust und den Versuch, Vertrauen wiederzugewinnen.
    Maxim Los gelingt es, die Figuren lebensnah und für die Leserin/den Leser völlig nachvollziehbar zu gestalten. Der Erzähler kann in das Innere der Personen blicken, gibt aber nicht zu viel vor, sodass genügend Spielraum für die Leserin/den Leser bleibt, sich selbst in die Figuren einzuführen. Die Sprache des Romans ist frei von Pathos und präzise in den Beschreibungen von Figuren und Örtlichkeiten.
    Und der Roman bietet Stoff, sich über eine Reihe von Problemen Gedanken zu machen: Wie funktioniert unsere Medienlandschaft? Wie gehen wir mit dem Gedenken an den Fall der Diktatur in der DDR um, wie mit den "Helden" der Bürgerrechtsbewegung? Wie hoch ist der Stellenwert der Wahrheit? Kann man verspieltes Vertrauen wiedergewinnen?
    Das alles macht den Roman sehr lesenswert bzw. auch hörenswert: Eingesprochen von dem großartigen Schauspieler Peter Kurth bietet er sieben Stunden wahren Hörgenuss. Kurth liest mit viel Understatement und erweckt doch die Figuren zum Leben.
    Weiterlesen

Ausgaben von Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Hardcover

Seitenzahl: 304

Taschenbuch

Seitenzahl: 304

E-Book

Seitenzahl: 292

Besitzer des Buches 13

Update: