Pest über Paris

Buch von Bruno Jasieński

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Zusammenfassung

Inhaltsangabe zu Pest über Paris

Der Einstieg ist ein einziges Stakkato an futuristischen Allegorien und unglaublichen Adjektiven über den Hunger und den Zorn eines Pariser Arbeiters, der sich an den selbstzufriedenen und lethargischen Bürgern rächt; indem er die Pest verbreitet. Dem folgt ein fesselndes Porträt verschiedenster Gesellschaftsgruppen, ihrer Konflikte und ihrer Methoden die Seuche zu ihrem Vorteil zu nutzen. Verdrängung und Verrat, Ausgrenzung der Infizierten, bis man selbst betroffen ist, Diebstahl, Ausbruch aus der Quarantäne; Rücksichtslosigkeit und Verzweifung treffen auf Empathie, Heldenmut und Hilfe und kulminieren in ein optimistisches und hoffnungsvolles Tremolo. Auch ein beiläufiges Porträt der frühen kommunistischen Bewegung in China macht diesen Roman zum Buch der Stunde von erstaunlicher Relevanz für die Gegenwart. Der Inhalt dieses Epos, das sich aus den realen Erfahrungen der Spanischen Grippe und der revolutionären Strömungen nach dem Ersten Weltkrieg speist, wird an Dramatik nur vom Leben des Autors selbst übertroffen. Jasieński flüchtet 1924 aus Polen nach Frankreich, tritt dort der KPF bei, wird aufgrund der Veröffentlichung von Pest über Paris als Fortsetzungsroman in L ́Humanité 1928 des Landes verwiesen und muss ins Exil in die Sowjetunion, wo er 1938 dem stalinistischen Terror zum Opfer fällt.
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Bewertungen

Pest über Paris wurde bisher einmal bewertet.

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Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Pest über Paris

    Der Autor (Quelle: Wikipedia): Bruno Jasieński (eigentlich Wiktor Zysman; * 17. Juli 1901 in Klimontów bei Sandomierz; † 17. Dezember 1938 in Moskau) war ein polnischer Dichter der futuristischen Bewegung. 1938 wurde er Opfer des Großen Terrors in der Sowjetunion, dessen Notwendigkeit er anfangs selbst gerechtfertigt hatte.
    Klappentext (Quelle: Bahoe Books): Der Einstieg ist ein einziges Stakkato an futuristischen Allegorien und unglaublichen Adjektiven über den Hunger und den Zorn eines Pariser Arbeiters, der sich an den selbstzufriedenen und lethargischen Bürgern rächt, indem er die Pest verbreitet. Dem folgt ein fesselndes Porträt verschiedenster Gesellschaftsgruppen, ihrer Konflikte und ihrer Methoden die Seuche zu ihrem Vorteil zu nutzen. Verdrängung und Verrat, Ausgrenzung der Infizierten, bis man selbst betroffen ist, Diebstahl, Ausbruch aus der Quarantäne, Rücksichtslosigkeit und Verzweiflung treffen auf Empathie, Heldenmut und Hilfe und kulminieren in ein optimistisches und hoffnungsvolles Tremolo. Auch ein beiläufiges Porträt der frühen kommunistischen Bewegung in China macht diesen Roman zum Buch der Stunde von erstaunlicher Relevanz für die Gegenwart.
    Polnische, französische, jiddische, russische, deutsche, englische und italenische Ausgaben:
    Die polnische Originalausgabe erschien 1929 unter dem Titel „Palę Paryż“ mit einem Vorwort von Julius Kaden-Bandrowski im Verlag Rój in Warschau, wiederaufgelegt u.a. 1974 im Verlag Czytelnik in Warschau und 2005 in der Reihe „KLON“ bei Jirafa Roja in Warschau (300 Seiten).Der Roman erschien zuerst in französischer Sprache in Fortsetzungen in der Zeitschrift L´Humanité vom 14. September bis 13. November 1928. Die französische Ausgabe stellt anscheinend keine wirkliche Übersetzung dar, sondern wurde wohl von Bruno Jasieński selbst erstellt, ggf. mit sprachlicher Hilfe des Schriftstellers Henri Barbusse. In Buchform erschien die französische Fassung Ende 1929 unter dem Titel „Je brûle Paris“ im Verlag Ernest Flammarion in Paris (284 Seiten), wiederaufgelegt u.a. 2003 in der Reihe „Le Félin Poche" mit einem Vorwort von Benoît Rayski im Verlag Le Felin-Kiron in Paris (316 Seiten).In Warschau erschien 1929 auch eine jiddische Übersetzung von Samuel L. Shneiderman unter dem Titel „Kh'farben Pariz“ im Farlag Naye Kultur.Eine erste russische Übersetzung von T. Ordon erschien im April 1928 als „Я жгу Париж" („Ja žgu Pariž“) in Moskau. 1934 übersetzte Bruno Jasieński, inzwischen in der Sowjetunion lebend und dort zu Ehren gekommen, seinen Roman erneut ins Russische, wobei er einige starke Eingriffe in den Roman vornahm. Bei den späteren russisch-sowjetischen Ausgaben handelt es sich vermutlich um die Neufassung von 1934, die nicht die Grundlage der deutschen Fassung ist!1930 gab es eine tschechische Übersetzung von Karel Teige. Es folgten Übersetzungen ins Niederländische und Finnische.Eine erste deutsche Übersetzung stammt von Georg Zivier. Sie erschien 1929 in Fortsetzungen in der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, in den Ausgaben 27 bis 44, möglicherweise unter dem Titel „Ich stecke Paris in Brand!“Die zweite deutsche Übersetzung aus dem Polnischen stammt von Klaus Staemmler, basierend auf der Ausgabe von 1974 im Warschauer Verlag Czytelnik. Sie erschien 1984 unter dem Titel „Pest über Paris“ mit einem Nachwort von Marian Stepień im Neuen Malik-Verlag in Kiel (329 Seiten). Im November 2020 wurde die Staemmler-Übersetzung zusammen mit einem 35-seitigen Nachwort von Alexander Emanuely bei Bahoe Books in Wien wiederaufgelegt (334 Seiten).Eine englische Übersetzung aus dem Polnischen von Soren A. Gauger und Marcin Piekoszewski erschien 2012 unter dem Titel „I Burn Paris“ im Verlag Twisted Spoon Press in Prag (309 Seiten), wiederaufgelegt 2017 ebenda.Eine italienische Übersetzung von Alessandro Ajres erschien im Oktober 2019 unter dem Titel „Brucio Parigi“ im Verlag Miraggi Edizion (348 Seiten). Inhalt:
    Erster Teil (8 Kapitel, 44 Seiten)
    Zweiter Teil (9 Kapitel, 206 Seiten)
    Dritter Teil (5 Kapitel, 31 Seiten)Nachwort von Alexander Emanuely („Die letzte Pariser Kommune“, 2020, 35 Seiten)
    Meine Einschätzung:
    Anhand des privaten, wenn auch symptomatischen Schicksals des Pariser Arbeiters Pierre, in dem Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und das politische Bewusstwerden der grundlegenden Ungerechtigkeit der kapitalistischen Klassengesellschaft zu einem apokalyptischen Racheakt an der satten, zufriedenen Gesellschaft führt, der sich in letzter Instanz an der enttäuschten Liebschaft zu der jungen Frau Jeannette entzündet, die vor allem dadurch in Erscheinung tritt, dass sie ihn um Geld für Zierrat bittet. Mag der eifersüchtige Zorn des Arbeiters auch über das klassenkämpferische Ziel hinausschießen, macht es der Roman dennoch offenbar, dass das private Glück nicht unabhängig von den Umständen betrachtet oder erreicht werden kann. Das zwischenmenschliche Unglück Pierres hängt ohne Frage mit der finanziellen und sozialen Misere und überhaupt dem ohnmächtigen Platz zusammen, den ihm die Gesellschaft einräumt. Diese Hinführung zur Katastrophe, in der Pierre, mit Hängen und Würgen an einen Nachtwärterposten gekommen, eine Pest-Probe aus einer bakteriologischen Versuchsanstalt entwendet und im Wasserwerk der Trinkwasserzufuhr der französischen Hauptstadt zuführt, ist ein schwindlig machender Strudel aus düsteren und einschnürenden Eindrücken des Niedergang und Verfalls, von Hunger und Auszehrung geschwächt und im Wahn ziellos dahinstolpernd, überall die verlorene Geliebte an dem Arm eines anderen feisten Galans witternd, fast vertiert, aus Mülltonnen lebend, verkehrt sich die Metropole Paris rund um Pierre in eine monströse Hölle aus unmenschlicher Urbanität ohne jede Sicherheit: Schlünde, Abgründe, harte Kanten, Unrat und Schmutz wie in einem expressionistischem Großstadtgemälde oder apokalyptischen Landschaftsbild vom Schlage eines George Grosz oder Ludwig Meidner.
    Der zweite Teil des Romans muss ohne Pierre und Jeannette auskommen, die bald der Pest erliegen. Jetzt folgt „Pest über Paris“ unterschiedlichen Handlungsorten, während im Hintergrund in Ansätzen das Leben in einer von der Pest heimgesuchten Großstadt des 20. Jahrhunderts angedeutet wird: Leichen in den Straßen, leerstehende, verseuchte Wohnung, Verbrennungen, zehntausende Tote am Tag. Vor dem Hintergrund der Krise wittern überall politische Partikularinteressen ihre Chancen, auf einen grünen Zweig zu kommen. Zuerst haben sich zwei Stadtteile, Quartier Latin und Hôtel de Ville, nach separatistischen Staatsstreichen zu selbstständigen Kleinstaaten erklärt, einem chinesischen und einem jüdischen, um sich zum Schutz besser abschotten zu können. Später kommen in anderen Viertel andere Bezirks-Staaten hinzu: Unter der Führung früherer russischer Offiziere vereinen sich russische Emigranten, die Bolschewiken jagen, woanders französische Monarchisten, in den Arbeitervierteln Proletarier aus aller Welt, im Zentrum der Stadt reiche Amerikaner und Engländer, die vor allem Lebensmittel horten. Und auf der Île de la Cité entwickelt sich quasi ein Polizeistaat, der nur mehr von Polizisten bewohnt wird. Es werden Allianzen zwischen den unterschiedlichen Kräften angebahnt und torpediert, mögliche Fluchtversuche durchdacht, Wege gesucht, um sich Lebensmittel zu beschaffen, immer auf Kosten anderer. Als nach zehn Wochen der letzte Einwohner der Stadt sein Leben ausgehaucht hat, verschwindet die Pest aus Paris.
    Doch jetzt – im dritten Teil des Romans – schlägt die Stunde der Gefängnisinsassen, die völlig isoliert und an ein eigenes Wasserreservoir angeschlossen, die Seuche unbeschadet überstanden haben. Sie verlassen die Gefängnisse und stromern durch eine menschenleere Stadt. Dort gründen die 32.000 Ex-Sträflinge eine sozialistische, menschenwürdige Gesellschaft, ihre „Commune de Paris“, in der, wenn alle an einem Strang ziehen, keine nennenswerte Strafverfolgung mehr nötig ist: Wer in alte Sitten zurückfällt und lange Finger macht, wird einfach vor Ort erschossen.
    Um sich Zeit fern jeder Einflussnahme durch Rest-Frankreich für das Werden und die Erprobung ihrer sozialistischen Utopie im Herzen des bürgerlichen Europas zu verschaffen, bauen die Kommunarden auf das Mittel der Falschinformation, dass in Paris die Pest weiterwütet, weswegen der Quarantäne-Kordon in keinem Fall von außen durchbrochen werden dürfe.
    Der Roman zeigt das Szenario einer Pestepidemie erstaunlich lebensnah, was dank der Vielstimmigkeit an Protagonisten erreicht wird, die der Geschichte allerdings auch ein etwas episodisches Gepräge verpasst: Viele Splitter und Stimmen eines Gesamtbildes. Jasieński will die Literatur als proletarisches Kampfmittel im Klassenkampf verstanden wissen: Mit Texten und Romanen gegen die herrschende Ungerechtigkeit und Ungleichheit anschreiben, in diesem Fall als Kampfansage gegen Borniertheit und Unmenschlichkeit des französischen Staates, der 1871 die Pariser Kommune blutig niedergeschlagen hat. Wie als literarische Genugtuung lässt er sozialistische Reformkräfte in seinem Roman in einer zweiten Pariser Kommune aus dem Chaos wiederauferstehen. Überhaupt legt er die politischen Schliche derer bloß, die sich an der Krise gesundstoßen wollen, und die Erschütterung der Normalität dazu nutzen, den eigenen Lebensstil anderen überzustülpen. Alte Rechnungen werden beglichen. „Pest über Paris“ ist ein eindrückliches, mit analytischem Blick geschriebenes Prosa-Ungetüm über die Wirkmechanismen extremistischer Kräfte im Staat, der sich hier als wenig solidarisch erweist: Sobald alles in Aufruhr gerät, bricht die Chose auseinander. Keine schmissige Lektüre, aber eine unbequeme und messerscharfe.
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