Ein ungetreuer Prokurist und andere Erzählungen

Buch von Adolf Muschg

Cover zum Buch Ein ungetreuer Prokurist und andere E...

Titel: Ein ungetreuer Prokurist und andere E...

3,5 von 5 Sternen bei 1 Bewertung

Verlag: Frankfurt am Main , Leipzig : Insel-Verl.,

Format: Taschenbuch

ISBN: 9783458340263

Termin: 1991

Aktion

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Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Ein ungetreuer Prokurist und andere Erzählungen

    • 20. Juli 2021 um 14:59
    Autor: Adolf Muschg
    Titel: Ein ungetreuer Prokurist und andere Erzählungen
    Seiten: 160 Seiten im Grossdruck, 5 Erzählungen
    Verlag: insel Taschenbuch
    ISBN: 9783458340263
    Der Autor:
    Adolf Muschg, 1934 in Zollikon bei Zürich geboren, ist ein Schweizer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Seine zahlreichen Erzählungen und Romane werden seit Jahrzehnten ausgezeichnet, u.a. Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis 1968, Hermann-Hesse-Preis 1974, Carl-Zuckmayer-Medaille 1990, Ricarda-Huch-Preis 1993, Georg-Büchner-Preis 1994, Grimmelshausen-Preis 2001, Gottfried-Keller-Preis 2014
    Er war zudem Professor für deutsche Sprache an der ETH Zürich, hat mehrere Jahre in den USA und in Japan verbracht und er war Präsident der Akademie der Künste in Berlin.
    Inhalt und Meinung:
    Der Band enthält fünf Erzählungen, die bereits zuvor in Sammlungen mit Kurzgeschichten erschienen sind:
    Besuch in der Schweiz, erschien erstmals 1968 in Adolf Muschgs «Fremdkörper. Erzählungen», 30 Seiten
    Der Schweizer Medizinstudent Heinz hat auf einem Klinikfest in Giessen die deutsche Krankenschwester Franziska kennengelernt. Nach ein paar Briefen kommt die junge Frau nun zu einem Besuch in der Schweiz, um ihren neuen Freund besser kennen zu lernen und die junge Liebschaft zu vertiefen. Allerdings wohnt der junge Schweizer noch bei seiner Mutter, steht unter ihrer Obhut und lässt die unter Trennungsängsten motivierte Mutter mal machen. Eine unterhaltsame Geschichte, auch über kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Schweizern, Erwartungshaltung und Vorurteilen, aber vordergründig auch über Muttersöhnchen, die unselbständig sind.
    Ein ungetreuer Prokurist, erschien erstmals 1972 in Adolf Muschgs «Liebesgeschichten», 17 Seiten
    Ein erfolgreicher Manager legt sich eine Geliebte zu, quasi weil es doch dazu gehört. Mehr aus Zufall entwickelt sich eine Beziehung, man geht zusammen ins Kino, erlebt schöne Momente, aber wo soll das hinführen, was will der Mensch eigentlich?
    Für mich keine allzu starke Erzählung,
    Der Zusenn oder das Heimat, erschien erstmals 1972 in Adolf Muschgs «Liebesgeschichten», 26 Seiten
    Diese Erzählung hat mir außerordentlich gut gefallen: die Form, der Stil und das Unterfangen einen Inzest als "notwendige Erleichterung" zu rechtfertigen. Darauf muss man als Autor erst mal kommen, wobei die Erzählung offenbar auf wahren Begebenheiten beruht...
    Wir haben hier also ein Geständnisschreiben, in einfacher Sprache gehalten, in der der verwitwete und zu Unrecht verarmte Bauer die familiäre Notlage beschreibt. Aus Sicht des Schuldigen wird die Härte der Gesellschaft geschildert, die Notlage und das tägliche Leid, und der Inzest, welcher als Ausweg und Frieden in der Familie geschildert wird. Dieses "Verdrehte" im "Protokolldeutsch" fand ich spannend zu lesen.
    Hinzu kommt ein biblischer Bezug (Adolf Muschg war Sohn eines sehr bibelfesten, pietistischen Pfarrers) auf 1. Mose 19 - Lot und seine Töchter: Lot flüchtet mit seinen Töchtern aus Sodom, rettet sich in eine entlegene Höhle, wo er seine Töchter schwängert. Hier allerdings dann Sünde und kein Segen...
    In weiterer Sekundärliteratur las ich zudem einen zeitlichen Bezug (1970 entstanden) zu damaligen gesellschaftlichen Diskussionen um Herbert Marcuses Triebstruktur und Gesellschaft. Diese Erzählung wurde auch als Beitrag verstanden, um Freuds Triebtheorie mit marxistischen Gesellschaftskonzepten zu kombinieren. Das Lustprinzip wird hier durch die Verhältnisse gerechtfertigt, sodass es produktiv (zum Segen) wird.
    Nur um richtig verstanden zu werden: ich bin natürlich kein Befürworter des Inzest, aber der Aufbau und diese verdrehte Geschichte, gemeinsam mit diversem Hintergrundmaterial, dass ich zusätzlich las, machten diese Geschichte zum Highlight des untenstehenden Erzählbandes
    Brämis Aussicht, erschien erstmals 1976 in Adolf Muschgs «Entfernte Bekannte. Erzählungen», 32 Seiten
    Das Bild von Onkel Brämi hängt noch an der Wand. Ein starker Mann, den Blick aus dem Rahmen, rechts am Betrachter vorbei. Nach Jahren macht sich ein Nachkomme auf, um das Rätsel von Onkel Abrahams frühen Tod zu erforschen. Was war damals passiert, weshalb sprach die eigene Mutter nicht gerne davon und behielt doch das Gemälde jahrzehntelang an der Wand?
    Leider eine arg kurzweilige Geschichte, ohne bemerkenswerte Höhepunkte; ebenso schnell vergessen wie gelesen.
    Ein Glockenspiel, erschien erstmals 1982 in Adolf Muschgs «Leib und Leben. Erzählungen», 43 Seiten
    1792 erhält ein Kaplan aus dem linksrheinischen Bodenheim einen Brief, dessen Verfasserin behauptet vom Teufel besessen zu sein. Es kommt zu einem Treffen, zu weiteren Briefwechseln, die von anderen Ordensmitgliedern nicht unbemerkt bleiben. Eine für Muschg ungewöhnliche Geschichte, die ich gerne öfter lesen möchte.
    P.S. Falls sich jemand für das Cover interessiert: es zeigt einen Ausschnitt des Gemäldes Gilles von Jean-Antoine Watteau, Öl auf Leinwand, ca 1719 entstanden, und es befindet sich heute im Pariser Louvre
    Zunächst hatte ich mich etwas über die Auswahl des Covers gewundert, aber so wie der Clown Pierrot hier mit einem melancholisch traurigen Gesichtsausdruck zu sehen ist, so ähnlich melancholisch und schwierig, mehrdeutig sind auch die Protagonisten in den Erzählungen. Der Anblick des Bildes lässt mich ähnlich rätselnd zurück wie die gelesenen Geschichten - insofern passt es dann doch...
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Update: 20. Juli 2021 um 14:59