Gott der Barbaren

Buch von Stephan Thome

  • Kurzmeinung

    Mojoh
    Toller historischer Roman mit einer seltenen Objektivität. Interessante Geschichte.
  • Kurzmeinung

    Squirrel
    Absolute Leseempfehlung, ein gelungenes Buch, dass ohne Vorurteile diese grausame Zeit von allen Seiten beleuchtet

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Zusammenfassung

Inhaltsangabe zu Gott der Barbaren

China, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung überzieht das Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der bei der Modernisierung des riesigen Reiches helfen will, reist voller Idealismus nach Nanking, um sich ein Bild von der Rebellion zu machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Krieges, in dem er am Ende alles zu verlieren droht, was ihm wichtig ist. An den Brennpunkten des Konflikts – in Hongkong, Shanghai, Peking – begegnen wir einem Ensemble so zerrissener wie faszinierender Persönlichkeiten: darunter der britische Sonderbotschafter, der seine inneren Abgründe erst erkennt, als er ihnen nicht mehr entgehen kann, und ein zum Kriegsherrn berufener chinesischer Gelehrter, der so mächtig wird, dass selbst der Kaiser ihn fürchten muss. In seinem packenden neuen Buch erzählt Stephan Thome eine Vorgeschichte unserer krisengeschüttelten Gegenwart. Angeführt von einem christlichen Konvertiten, der sich für Gottes zweiten Sohn hält, errichten Rebellen in China einen Gottesstaat, der in verstörender Weise auf die Terrorbewegungen unserer Zeit vorausdeutet. Ein großer und weitblickender Roman über religiösen Fanatismus, über unsere Verführbarkeit und den Verlust an Orientierung in einer sich radikal verändernden Welt.
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Bewertungen

Gott der Barbaren wurde insgesamt 21 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 4,5 Sternen.

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Meinungen

  • Toller historischer Roman mit einer seltenen Objektivität. Interessante Geschichte.

    Mojoh

  • Absolute Leseempfehlung, ein gelungenes Buch, dass ohne Vorurteile diese grausame Zeit von allen Seiten beleuchtet

    Squirrel

  • gelungene, feinfühlige Beleuchtung der unterschiedlichen Mentalität der Beteiligten im 2. Opiumkrieg / Taiping-Aufstand

    Hypocritia

Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Gott der Barbaren

    Eigenzitat aus amazon.de:
    So, nun habe ich das Buch auch gelesen und ich möchte gar nicht irgendetwas zum Inhalt ergänzen, denn dazu wurde bereits eine Menge geschrieben.
    Die verschiedenen Stimmen in diesem Buch sind ein gelungener Kniff und dies insbesondere durch ihre Auswahl. Thome hat mit Neukamp, Elgin und den verschiedenen direkten und indirekten Kommentatoren von europäischer Seite und dem ausgedehnten chinesischen "Cast" vorwiegend Menschen ausgewählt, die sich selbst und das, was um sie herum geschieht immer wieder in Frage stellen - und das aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Die meisten von ihnen sind ziemlich intelligent und in der Regel auch voller guter Absichten. Aber die unterschiedlichen Sprachen - und man vergisst gerne, dass das auch heutzutage in China noch ein Problem darstellt, die philosophischen und religiösen Ansichten und die Variationen im Geschichtsverständnis machen eine konstruktive Kommunikation nahezu unmöglich. Dazu kommen noch die Beziehungsgeflechte, in denen sie jeweils eingebunden sind.
    Die Taiping-Rebellion - die durchaus nicht die erste religiös motivierte Rebellion in Chinas Geschichte gewesen ist - ist - auch wegen ihrer Zeitgleichheit mit dem Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs, der indischen Revolte und natürlich den Opiumkriegen - den meisten Menschen nicht im Bewusstsein und auch nicht, was dies für die Sicht auf Europa udn das Christentum bedeuten kann. Der letzte Abschnitt der Buchs aus der CHINA POST von 2012 ist da nach der Lektüre dieses Buchs sehr verknüpfend.
    Ein hervorragendes Buch um einige der Hintergründe der heutigen chinesischen Innen- und Außenpolitik besser einordnen zu können - und noch einige andere Dinge.
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  • Rezension zu Gott der Barbaren

    Klappentext:
    China, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung überzieht das Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der bei der Modernisierung des riesigen Reiches helfen will, reist voller Idealismus nach Nanking, um sich ein Bild von der Rebellion zu machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Krieges, in dem er am Ende alles zu verlieren droht, was ihm wichtig ist. An den Brennpunkten des Konflikts – in Hongkong, Shanghai, Peking – begegnen wir einem Ensemble so zerrissener wie faszinierender Persönlichkeiten: darunter der britische Sonderbotschafter, der seine inneren Abgründe erst erkennt, als er ihnen nicht mehr entgehen kann, und ein zum Kriegsherrn berufener chinesischer Gelehrter, der so mächtig wird, dass selbst der Kaiser ihn fürchten muss.
    Autor:
    Stephan Thome wurde am 23. Juli 1972 in Biedenkopf, Hessen geboren. Nach dem Zivildienst in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung in Marburg studierte er Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie in Berlin, Nanking, Taipeh und Tokio. 2005 erschien unter dem Titel »Die Herausforderung des Fremden: Interkulturelle Hermeneutik und konfuzianisches Denken« seine Dissertationsschrift. Zur selben Zeit begann er als DFG-Stipendiat am Institut für Chinesische Literatur und Philosophie der Academia Sinica zu arbeiten, wo er über konfuzianische Philosophie des 20. Jahrhunderts forschte. Bis 2011 betätigte er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Forschungseinrichtungen in Taipeh und übersetzte unter anderem Chun-chieh Huangs Werk »Konfuzianismus: Kontinuität und Entwicklung« ins Deutsche. Sein Roman »Grenzgang« gewann 2009 den aspekte-Literaturpreis für das beste Debüt des Jahres und stand – wie auch sein zweiter Roman »Fliehkräfte« – auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. 2014 wurde Thome von der Akademie der Künste Berlin mit dem Kunstpreis Literatur ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erhielt die Verfilmung des Romans »Grenzgang« den Grimme-Preis. Seit 2011 lebt und arbeitet Stephan Thome als freier Schriftsteller; derzeit lebt er in Taipeh.
    Allgemeines:
    Erscheinungsdatum: 10. September 2018
    Seitenanzahl: 719
    Verlag: Suhrkamp
    Eigene Meinung:
    Dass Stephan Thome sich ausgiebig mit den verschiedenen Formen der Philosophie beschäftigt hat, das merkt man diesem Buch an. Denn nicht nur geschichtlich versucht er dem Leser einen eher unbekannten historischen Kontext näherzubringen, auch philosophisch wird das Geschehen durch seine Charaktere aufgearbeitet.
    Die Charaktere sind grundverschieden, was sehr hilfreich für die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Geschehen ist. So schüttelt man mit dem Kopf, wenn sich einfach alle als Barbaren betiteln, einfach, weil der Hintergrund der Intention oder Religion der anderen nicht bekannt ist. Zwischenzeitlich habe ich aufgrund der doch häufigen philosophischen Exkurse den Überblick verloren, doch das aktive Geschehen holt einen wieder zurück, denn es passiere einfach unfassbar schreckliche Gräuel während dieser Zeit, die Thome auch nicht beschönigt. Historische Persönlichkeiten, wie Lord Elgin finden ebenso ihren Platz wie gut ausgearbeitete Nebencharaktere, denen man das Fiktive nicht abkauft.
    Erzählerisch versteht Thomes es zu fesseln, aber auch zu fordern, so dass dieses Buch keine Lektüre für nebenbei ist. Wenn man sich auf das Buch richtig einlässt, entdeckt man viele verschiedene Ebenen und Schichten, auf denen immer noch etwas mehr Tiefe wartet.
    Was ich allerdings erwähnen muss und ich hoffe wirklich, dass es nur an meiner Vorab-Ausgabe gelegen hat. Ich hatte ab der Hälfte des Buches wirklich fast auf jeder Seite Rechtschreibfehler, fehlende Worte, ungenauen Satzbau usw. Das hat mir leider leider gegen Ende das Lesen arg verleidet, so dass ich das Ende tatsächlich fast nur noch überflogen habe, was sehr schade war, denn genau dieses Buch sollte man nicht überfliegen. Ich hatte eine Ebookausgabe von netgalley, daher weiß ich nicht, wie das bei der normal käuflichen Variante aussieht. Im Printbuch sollen diese Fehler zum Glück nicht vorhanden sein. Dennoch muss ich das in meiner Bewertung berücksichtigen.
    Fazit: Ein großes Buch, bei dem ich mich manchmal auch ein wenig dumm fühlte, wenn man sich allerdings die Zeit nimmt, selbst noch zu recherchieren oder sich mit anderen austauscht und sich wirklich mit dem Buch beschäftigt, hat hier sehr lange etwas von und taucht ein in ein eher unbekanntes China.
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  • Rezension zu Gott der Barbaren

    @Squirrel hat die schwierige Aufgabe übernommen, dieses komplexe Buch vorzustellen - ich habe es mit kleineren Ergänzungen erheblich leichter!
    Der Taiping-Aufstand ist nach dem II. Weltkrieg der verlustreichste kriegerische Konflikt der Menschheitsgeschichte. Zeitgleich finden die sog. Opiumkriege statt, und die expansiven Kolonialmächte Frankreich, England und auch Russland - das einen Zugang zum Meer und damit zum Welthandel suchte - dringen in das Land ein. Dazu kommt, dass sich die verelendeten bäuerlichen Massen zum Aufstand zusammenschließen und sich zum Christentum bekennen. Damit entsteht eine komplexe Gemengelage, die das chinesische Kaiserreich ernsthaft bedrohte.
    Wie gießt man diese Gemengelage in einen Roman?
    Hier zeigt sich die außerordentliche Erzählkunst Thomes.
    Er entwirft einen großen Bilderbogen. Einzelne Episoden mit unterschiedlichen Protagonisten reihen sich aneinander, und die Lücken zwischen den Einzelbildern des Bilderbogens muss der Leser selber füllen. Damit ist ein Leser gefordert, der aufmerksam liest und der bei den Rückblenden, den Zeitsprüngen und den unterschiedlichen Perspektiven nicht die Übersicht verliert. Hier helfen Karten und eine Liste der Personen.
    Thome verzichtet auf einen allwissenden Erzähler, der den Leser durch die Geschichte führt. Konsequent wahrt er die Perspektive des jeweiligen Protagonisten. Damit erreicht er meiner Beobachtung nach zweierlei:
    Zum Einen nimmt der Leser unterschiedliche Positionen ein. Der Leser sieht, dass es die eine, gültige historische Wahrheit nicht gibt und entwickelt Verständnis für die Relativität der Lage und für andere Sicht- und Denkweisen - ein Prozess, den auch die Hauptfiguren des Buchs durchlaufen. Thome verzichtet auf jeden moralischen Zeigefinger, vor allem im Hinblick auf die ungute Rolle der Missionare, sondern überlässt die Bewertung seinem Leser.
    Und zum Anderen gelingt Thome damit eine Charakterisierung seiner Gestalten, die in ihrer Dichte und Komplexität einfach nur bewundernswert ist. Die Figuren charakterisieren sich selbst. Der Leser dringt tief in ihre Gedankenwelt ein (und damit auch in historisch bedingte Denkweisen) und nimmt sie als Menschen wahr mit Stärken und Schwächen, die nicht immer ausbalanciert sind, als Menschen, die die Sinnhaftigkeit ihrer Handlungen anzweifeln - und damit überbrückt der Autor die zeitliche und räumliche Distanz und rückt die Figuren in ihrer Skepsis, ihrer Wertorientierung etc. nahe an uns heran.
    Und hier gelingen Thome eindrucksvolle, plakative Bilder, die man nicht so leicht aus dem Kopf verliert. Eines davon ist sicher das Bild des elegischen Lord Elgins, der auf einer Brücke steht und auf die roten Mauern des fernen Peking blickt - und der über seine Rolle beim Untergang einer tausendjährigen Hochkultur nachdenkt, dabei an den Hegelschen Weltgeist denkt und schließlich erkennt, dass auch er vom Weltgeist hinweggefegt werden wird.
    Einer Figur nähert sich der Autor über Umwege an, und es dauert, bis sie tatsächlich in Erscheinung tritt: der Himmlische König, der geistige Kopf des Aufstands. Ein charismatischer Bauer, der durch seinen Lehrer, einen Missionar, nicht nur Lesen und Schreiben gelernt hat, sondern auch mit einer kruden, eklektizistischen Form des Christentums bekannt gemacht wird - und offenbar das sozialrevolutionäre Potential dieses Glaubens erkannt hat. Sein Christentum orientiert sich am alttestamentarischen Rächergott, die wesentliche Botschaft des Neuen Testaments hat sich ihm nicht erschlossen. Hier tritt er als skurriler Popanz auf, die Führung ist ihm längst entglitten - während sein Gegner, der General der Hunan-Armee, von seinen Leuten Mitleid einfordert; ihm zufolge ist es die Unfähigkeit zum Mitleiden, was die anderen zu Barbaren macht.
    Diese und andere Gedankenführungen beflügeln einfach die Diskussion in einer Leserunde!
    Und davon wünsche ich mir noch mehr.
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  • Rezension zu Gott der Barbaren

    Über den Autor:
    Stephan Thome wurde am 23. Juli 1972 in Biedenkopf, Hessen geboren. Nach dem Zivildienst in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung in Marburg studierte er Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie in Berlin, Nanking, Taipeh und Tokio. 2005 erschien unter dem Titel »Die Herausforderung des Fremden: Interkulturelle Hermeneutik und konfuzianisches Denken« seine Dissertationsschrift. Zur selben Zeit begann er als DFG-Stipendiat am Institut für Chinesische Literatur und Philosophie der Academia Sinica zu arbeiten, wo er über konfuzianische Philosophie des 20. Jahrhunderts forschte. Bis 2011 betätigte er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Forschungseinrichtungen in Taipeh und übersetzte unter anderem Chun-chieh Huangs Werk »Konfuzianismus: Kontinuität und Entwicklung« ins Deutsche. Sein Roman »Grenzgang« gewann 2009 den aspekte-Literaturpreis für das beste Debüt des Jahres und stand – wie auch sein zweiter Roman »Fliehkräfte« sowie das hier rezensierte Buch – auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. 2014 wurde Thome von der Akademie der Künste Berlin mit dem Kunstpreis Literatur ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erhielt die Verfilmung des Romans »Grenzgang« den Grimme-Preis. Seit 2011 lebt und arbeitet Stephan Thome als freier Schriftsteller; derzeit lebt er in Taipeh. (Quelle: Amazon)
    Buchinhalt:
    China, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung überzieht das Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der bei der Modernisierung des riesigen Reiches helfen will, reist voller Idealismus nach Nanking, um sich ein Bild von der Rebellion zu machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Krieges, in dem er am Ende alles zu verlieren droht, was ihm wichtig ist. An den Brennpunkten des Konflikts – in Hongkong, Shanghai, Peking – begegnen wir einem Ensemble so zerrissener wie faszinierender Persönlichkeiten: darunter der britische Sonderbotschafter, der seine inneren Abgründe erst erkennt, als er ihnen nicht mehr entgehen kann, und ein zum Kriegsherrn berufener chinesischer Gelehrter, der so mächtig wird, dass selbst der Kaiser ihn fürchten muss.
    (Quelle: Amazon)
    Das Buch umfasst 710 Seiten unterteilt in 25 Kapitel mit sprechenden Titeln. Einigen Kapiteln sind noch kurze episodische Teile angehängt, im Inhaltsverzeichnis sind diese kursiv gedruckt. Diese Einschübe geben Einblicke in beschriebene oder noch kommende Ereignisse von unterschiedlichsten Blickwinkeln aus. Alle Kapitel sind datiert, so dass man stets weiß, in welchem Zeitabschnitt man sich bewegt. Am Ende findet sich ein hilfreiches Personenregister, in dem leider nicht gekennzeichnet wurde, welche der Protagonisten fiktiv oder real sind. Die meisten im Roman vorkommenden Protagonisten waren reale Personen der Zeit. In beiden Klappen findet sich eine Karte, die die Gegend der Handlungen zeigen.
    Meine Meinung:
    Zu Beginn unserer Minileserunde fürchtete ich mich ein wenig vor dem Umfang der erzählten Geschichte und davor, evtl. zu wenig über die damalige Zeit zu wissen. Die Geschichte beginnt im Rückblick des fiktiven Protagonisten Johann Philipp Neukamp (später Fei Lipu genannt), der nach den niedergeschlagenen März-Revolutionen 1848 flieht und dadurch zufällig zum Missionar in Hongkong wird – eine Aufgabe, die er nicht gesucht hat und auch nicht erfüllen kann. Ausgesandt von der Basler Mission, bekommt er in Hongkong Kontakt zur London Missionary Society und damit zufällig zum Bruder des Himmlischen Königs des Taiping-Reiches, Hong Xiuquan – einem christlichen Konvertiten der Hakka, der einen fulminanten Aufstand begann und am Ende von Nanking aus ein riesiges Reich regiert. Anhand Fei Lipus fiktiver Geschichte, die über Umwege bis zum Himmlischen König in Nanking führt, führt der Autor den Leser durch die Zeit des zweiten Opiumkrieges und des Taiping-Aufstands, erzählt aus mehreren Perspektiven. Die beiden vorherrschenden Blickwinkel sind die des britischen Sonderbotschafters Lord Elgin sowie des chinesischen Generals Zeng Guofan - beides Männer mit Weitblick und tiefen philosophischen Gedanken, die gezwungen sind, ihre „Mission“ zu erfüllen ohne Rücksicht auf Verluste oder eigene Zweifel. Der eine ist ein verarmter Diplomat aus sehr altem Adel, der aus Geldnot heraus die ihm auferlegten Aufgaben nicht ablehnen kann, der andere ein chinesischer Gelehrter im Mandschu-regierten China, der eher zufällig zum General aufsteigt und stetig an Macht gewinnt, bis sein Aufstieg für ihn selbst zur Gefahr zu werden droht. Dem Engländer zur Seite steht sein (fiktiver) Sekretär Maddox, der stets versucht, die chinesische Seite zu erklären und das Verständnis seines Herren für deren Lage zu vertiefen. Dem das alte System verkörpernden General steht sein Schüler Li Hongzhang zur Seite, der die europäische Handlungsweise schnell durchschaut und sie sich zu Nutzen macht. Am Ende scheitern der Taiping-Aufstand sowie der fiktive Missionar an ihren eigenen Ansprüchen und der Realität und das chinesische Reich sieht sich zum Wandel und zur Öffnung gezwungen, geführt von Prinz Gong und der Kaiserinwitwe Ci Xi.
    Diese immense Geschichte erzählt Stephan Thome auf unnachahmliche Weise. Als studierter Sinologe hat er tiefe Einblicke in die Geschichte, die er dem Leser spannend und fesselnd näher bringt obwohl er durchaus die Grausamkeiten des Aufstands und der Kriege nicht verschweigt. Ganz im Gegenteil gerät man beim Lesen einige Male an Grenzen und muss die Bilder im Kopf beherrschen lernen. Seine fiktiven Personen gestaltet er lebendig und facettenreich und die realen Personen macht er zu Persönlichkeiten mit einer Tiefe, mit feinen Charakterzeichnungen und widerstreitenden Gedanken, die sie wieder zum Leben erwecken und ihnen fast ein Denkmal setzt. Besonders Lord Elgin und General Zeng Guofan werden so fein ausgearbeitet, ihnen gibt er Sprache, widerstreitende Gedanken, Einblicke und Gefühle, Kanten und Ecken, Stärken und Schwächen, so dass sie die Geschichte mitreissend und faszinierend zum Leben erwecken. Das Wort „Mission“ bekommt in Thomes Roman viele Bedeutungen und Facetten, doch am Ende ist keine davon wirklich positiv und besonders die Verantwortung der christlichen Missionare an den damaligen Ereignissen wird beleuchtet und ganz am Ende auch beantwortet.
    Die Aufmerksamkeit des Lesers fordert Thome allerdings aufs höchste. Fein eingestreut in die Geschichte sind viele kleine Puzzleteilchen, die am Anfang Fragen aufwerfen, die man teils noch nicht versteht, leicht überliest und die sich am Ende zu einem fertigen Bild zusammensetzen. Auch die unterschiedlichen Einschübe darf man nicht einfach lesen und abhaken, sie runden das Bild fein ab und geben diverse Stichpunkte aus ganz anderen Blickwinkeln. Hier war ich mehr als einmal froh, das Buch gemeinsam mit @drawe in unserer MLR zu lesen, denn so konnten wir im direkten Austausch immer weiter das Puzzle zusammensetzen. Was die eine übersah, fiel der anderen auf und der Austausch hat sehr geholfen, alle Facetten der Geschichte zu verstehen. Was ich hier in meiner Rezension evtl. vergessen habe, wird sie hoffentlich noch ergänzen.
    Fazit:
    Wer sich auch nur im geringsten für hervorragend recherchierte und geschriebene historische Romane interessiert, für den ist dieses Buch eigentlich ein Muss. Auch ohne jedes Vorwissen über die Zeit gibt es zu keinem Zeitpunkt Schwierigkeiten, den reellen Handlungen und Ereignissen zu folgen. Aber danach hat man tiefe Einblicke in eine Zeit der chinesischen Geschichte, die das Land unumkehrbar veränderte und versteht manche Handlungsweisen des heutigen Chinas auf einer anderen Ebene (was nicht bedeutet, dass man sie für gut befindet). LESEN!
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Rezensionen zum Hörbuch

  • Rezension zu Gott der Barbaren

    Überblick
    Taiping-Aufstand (1851–1864)
    Opium-Kriege (1839–1842), (1856–1860)
    James Bruce, 8. Earl of Elgin und 12. Earl of Kincardine (* 20. Juli 1811, London; † 20. November 1863, Indien), britischer Kolonialbeamter und Diplomat
    Zeng Guofan (Pinyin Zēng Guófān, * 21. November 1811, Hunan,† 12. März 1872, Nanjing), hoher chinesischer Beamter der Qing-Dynastie
    Hong Xiuquan (1814–64), Anführer des Taiping-Aufstands
    Philipp Johann Neukamp/Fei Lipu, fiktive Figur, Teilnehmer der Revolution von 1848
    Inhalt
    Philipp Johann Neukamp will dort leben, wo keine Fürsten herrschen. Als robuster Kerl mit einem Talent für fremde Sprachen wird er in Deutschland von Karl Gützlaff als Missionar angeworben. Die Missionsgesellschaft hat nur 15 Mitglieder, so dass sich ein vorsichtiger Zeitgenosse fragen würde, ob man Gützlaff Spendengelder anvertrauen sollte. 1850 bricht Philipp per Schiff nach China auf. Englisch lernt er durch Zuhören an Bord, Chinesisch-Unterricht erhält er in Singapur, zumindest glaubt er das, bis er auf seinen sonderbaren Dialekt angesprochen wird. Als Philipp in Hongkong ankommt, ist Gützlaff tot und der junge Deutsche braucht einen neuen Job. Aus Philipp wird Fei Lipu, die fiktive Figur eines durchtriebenen Abenteurers, neben den historischen Figuren Lord Elgin (James Bruce) und General Zeng Guofan. Anpassungsfähig wie er ist, weiß Fei zwar noch nicht, wie er zwischen den verschiedenen chinesischen Dialekten Menschen zum Christentum missionieren soll, ihm ist allerdings klar, dass sie bereits Götter und eine Religion haben und es besser ist, nichts zu kritisieren, was sie wertschätzen.
    1837 nimmt der junger Chinese Hong Xiuquan an der landesweiten Beamtenprüfung teil, dem einzigen Weg, auf dem er durch Bildung und Fleiß Karriere machen könnte. Hong scheitert, erleidet einen Zusammenbruch und anschließend eine Vision, er wäre ein Bruder Jesu. Unter Einfluss eines Missionars und von christlichen Traktaten soll er eine Sekte mit über 20 000 Mitgliedern gegründet haben. Ursache des Taiping-Aufstands (1851–1864) und sein Antrieb waren u. a. ethnische Konflikte um die Yao und die Hakka.
    Lord Elgin wurde nach mehreren anderen Stationen 1857 zum Sonderkommissar in China ernannt, kurz nach Beginn des Zweiten Opiumkrieges. Als Vergeltung für die Hinrichtung englischer und französischer Gesandter befiehlt Elgin eine Strafexpedition, bei der der Sommerpalast des Chinesischen Kaisers ausgeraubt und niedergebrannt wird. Als Sohn des wegen seiner Kunstraubzüge schon zu Lebzeiten umstrittenen 7. Lords Elgin (1766-1841) muss der 8. Lord Elgin sich von seinen Landsleuten Hohn und Spott wegen seiner barbarischen Aktion gefallen lassen. Elgins Vorfahr ist als Kunsträuber bis heute so verrufen, dass es mir schwer fiel, seinen Sohn nicht ebenfalls als gierigen Ignoranten zu sehen. Wie historische Ereignisse die Einstellung späterer Generationen prägen, lässt sich hier wunderbar studieren.
    Im Umfeld von General Zeng Guofan entwickelte sich aus meiner Sicht das interessante Thema, wie Zeng strategisches Denken lernte und wie er selbst seine Fähigkeiten weitergeben wird.
    Die Begegnung dieser Männer führt immer wieder zur Frage, ob eine Kultur einer anderen überlegen sein kann und welcher Weg moralisch akzeptabel wäre, für die eigene Kultur oder Religion zu werben. Auch wenn ich mich anfangs gefragt habe, wie ich im 21. Jahrhundert von einem historischen Roman (mit fiktivem Anteil) über den Taiping-Aufstand profitieren könnte, fand ich die Begegnung der Figuren von Beginn an faszinierend. Eine wichtige Rolle spielen die Dolmetscher, die beide Sprachen beherrschen und deren Aufgabe die Vermittlung zwischen den Kulturen wäre. Niemand erkannte, dass Kulturen einen Weg finden müssen, um über Dinge zu sprechen, die im jeweils anderen Land nicht existieren. Die Europäer jedenfalls konnten bei aller Gier auf Chinas Reichtümer nicht erkennen, dass sie selbst – wie sie aussehen, wie sie sprechen, wie sie riechen - von den Chinesen für rothaarige Teufel und Barbaren gehalten werden. Wie eine Missionierung funktionieren soll, wenn einer anderen Kultur das Konzept eines einzigen Gottes unbekannt ist, konnte Philipp/Fei Lipu sich wegen dieser Spachlosigkeit vermutlich kaum überlegen. Während die Figuren sich kluge Gedanken darüber machen, was einen Barbaren ausmacht, kann man als Leser dabei seinen eigenen Gedanken nachhängen. „Die schlimmsten Barbaren sind die, die sich irrtümlich für Chinesen halten“ stellt jemand im Roman weise fest. Vielleicht macht es einen ja zum Barbaren, wenn man nicht bemerkt, dass man man allgemein menschlich betrachtet oder aus der Perspektive einer anderen Kultur barbarisch handelt.
    Fazit
    Mit der Nüchternheit eines Europäers wirft Stefan Thome zeitlose Fragen auf nach Wertschätzung fremder Kulturen, kultureller Überheblichkeit, Assimilierungsdruck oder Religion als Antrieb internationaler Konflikte. Ein Icherzähler spricht den Zuhörer direkt an, zahlreiche Briefe und Dokumente geben zusätzlich Einblick in die Denkweise jener Zeit.
    Zum Hörbuch (18 CDs), 1330 MInuten
    Das Booklet mit historischen Fotos, Karten, Zeittafel, Personenliste in Chinesisch und Umschrift und Inhaltsverzeichnis des Buches hat mir den Zugang zum Hörbuch erheblich erleichtert. Mit sonorer Stimme zeigt Johannes Steck sich hier als klug gewählte Besetzung für einen anspruchsvollen historischen Text mit zahlreichen chinesischen Orts- und Personennamen.
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Ausgaben von Gott der Barbaren

Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 719

E-Book

Seitenzahl: 699

Taschenbuch

Seitenzahl: 709

Hörbuch

Seitenzahl: 19

Besitzer des Buches 34

Update:

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